audio interviews
/ Latest album Air
Classic FM Arts Daily (en), September 2009
How do we know that the music we are listening to is being played according to the composers wishes? Fine if the composer is there in person and can direct or correct what he's hearing. But go back to the Baroque and surely it becomes guesswork. Violinist Daniel Hope's latest album Air is a biography of the baroque through the strings of a violin. He outlines the project, and talks also about his parallel writing career.
/ Ein „europäischer" Geiger
www.br-online.de (de), September 2009
Daniel Hope - ein "europäischer" Geiger. Die biographischen Wurzeln des Briten reichen von Deutschland über Irland bis Südafrika. Schon als Kind wurde er von Yehudi Menuhin gefördert. Ihm zu Ehren spielt Hope heute Abend mit dem Chamber Orchestra of Europe bei den Ingolstädter Sommerkonzerten....
/ Soundcheck
WNYC Radio (en), February 2009
Daniel Hope is interviewed by John Schaefer for the WNYC Radio Station in New York city. He discusses his performance at the reopening of Alice Tully Hall with the Austrian actor Klaus Maria Brandauer, and performs Ravel "Kaddish" live in the studio.
interviews
/ Der englische Gentleman vom Kap
Münchener Abendzeitung (de), March 2010
Der Geiger Daniel Hope über Vivaldi, Vibrato und seine Leidenschaft für den Fußball
Er ist der geborene Vermittler und ein exzellenter Geiger dazu. Im Herbst hat Daniel Hope ein Buch für Konzert-Anfänger veröffentlicht. Nun kommt er mit einem Barock-Programm ins Prinzregententheater. Begleitet wird er vom Zürcher Kammerorchester....
/ Barock ist fetzig und revolutionär
Schleswig Holstein am Sonntag (de), February 2010
Barock ist sein Thema, nicht die latente Steifheit des Protestantischen, sondern das Lustvolle und Unterhaltsame, das diese musikalische Ära zu bieten hat "air-A Baroque Journey" nennt der Stargeiger Daniel Hope sein aktuelles Programm mit künstlerischen Höhepunkten von Händel über Telemann bis Pachelbel und Falconieri...
/ In Wahrheit ist Rock reaktionär
Frankfurter Allgemeine Zeitung (de), November 2009
Der Universalmusiker Sting und der Geigenvirtuose Daniel Hope über musikalische Missverständnisse und die Perfektion der Stille

Foto: Holde Schneider
FRAGE: Herr Hope, Sie wollen die Klassik populär machen. Sie, Sting, suchen Inspiration für den Pop in der Klassik - gerade haben Sie ein Album in der Tradition von Schuberts "Winterreise" aufgenommen. Was ist Klassik: etwa die Mutter aller Musik?
Sting:
ANTWORT: Das habe ich auch einmal gedacht. Inzwischen glaube ich aber, dass die Wurzel der Musik im Folk liegt. Folk und Pop gehören zur gleichen Familie, die Klassik hat vielleicht dieselbe DNA - aber sie funktioniert anders.
Hope:
ANTWORT: Na ja, die Klassik hat sich auch aus der Folkmusik heraus entwickelt. Das beste Beispiel ist die Geige: Vor vielen hundert Jahren galt sie noch als Teufelsinstrument und animierte die Menschen zum wilden Tanz. Letztlich hat Sting aber recht: Jede Musik greift auf die Folkmusik zurück. Auf eine Musik, die von Menschen für Menschen gemacht wurde. Ihre Aufgabe war die Direktheit der Emotion.
FRAGE: Direktheit würde man heute allerdings eher der Popmusik zuordnen. Klassik dagegen windet sich in Tiefen, um einer übergeordneten Wahrheit auf den Grund zu kommen, oder?
Sting:
ANTWORT: Sie stellen die Frage nach der Authentizität der Musik. Ich glaube, dass es in unserer postmodernen Welt ein grundsätzliches Problem jeder Kunst ist, authentisch zu sein. Was ist schon wahr? Nichts mehr! Alles hat einen doppelten Boden. Und ich gelange allmählich zu der Überzeugung, dass nichts mehr authentisch ist - auch nicht die Musik.
Hope:
ANTWORT: Da würde ich widersprechen. Ich habe mein ganzes Leben mit der Klassik verbracht - und meine Erfahrung ist, dass sie mich noch immer tief berührt. Für mich ist die Musik in einer Zeit, in der so vieles Schein ist, eine letzte Konstante von Authentizität. Sowohl der Pop als auch die Klassik können uns ein Gefühl von dem geben, was sich jenseits der Dinglichkeit abspielt. Die Wahrhaftigkeit deiner Musik liegt für mich in deinem Umgang mit Rhythmus.
Sting:
ANTWORT: Tatsächlich ist der Rhythmus für mich eine Frage der Ambivalenz. Sie stellt die Wahrheit unserer Gegenwart in Frage. Das Gehirn lässt sich auf eine Komposition ein, und in dem Moment, in dem es sich an einen Rhythmus oder eine Melodie gewöhnt, ist es spannend, in eine ganz andere Richtung zu steuern.
FRAGE: Sie meinen den kalkulierten Bruch der Form? Für die Klassik scheint der Klang immer eine Form zu brauchen, wohingegen der Rock daran arbeitet, bestehende Formen zu sprengen . . .
Sting:
ANTWORT: Der Rock trägt doch nur noch die Kostümierung der Rebellion. In Wahrheit ist er zutiefst konservativ - fast schon reaktionär. Es ist unmöglich, den Rock zu verändern - ich habe das selbst ja immer wieder versucht. Ein klassischer Musiker wie Strawinsky ist sicherlich revolutionärer gewesen als der Rock 'n' Roll oder der ebenfalls festgefahrene Heavy Metal.
FRAGE: Vielleicht ist es ein Problem des Rocks, dass die Revolution in ihm eine Normalität ist.
Sting:
ANTWORT: Die Frage ist, wo geht es hin? Ich weiß es nicht! Unsere Geschichte ist an einem Punkt der unendlichen Erneuerung angekommen. Wir leben in einer Zeit, in der niemand vorhersagen kann, wie wir in fünf Jahren leben. Diese Entwicklung kann nur in der Aufwertung des Einzigartigen münden. Aber ich habe keine Idee, was dieses Einzigartige sein könnte.
Hope:
ANTWORT: Findet die Popmusik darauf keine Antwort? Wohin geht sie?
Sting:
ANTWORT: Sie geht nirgendwohin. In einer bewegten Welt wird sie immer statischer.
FRAGE: Dann müsste die Klassik in dieser Zeit doch eine willkommene Konstante sein.
Hope:
ANTWORT: Das ist sie ja auch. Es ist interessant zu beobachten, dass die Klassik mehr Anhänger gewinnt. In dem Moment, an dem wir gegen eine Wand laufen, schauen wir noch einmal zurück - und das ist großartig.
Sting:
ANTWORT: Ich stimme dir vollkommen zu. In einer chaotischen Zeit brauchen wir Fixpunkte. Und die Klassik kann sie uns geben. Ich glaube, dass die Krise des Pops letztlich auch die Krise des Zuhörers ist. Die meisten jungen Leute, die Pop oder Rock hören, sind wohlfeile Akkorde gewöhnt, Terzen oder Quinten. Das ist aber die Harmonik von Kinderliedern. Diese Musik spricht nur einen Teil des Gehirns an. Der Teil, der Missklänge und musikalische Reibungen verarbeitet, bleibt unterentwickelt. Das Problem ist, dass viele Zuhörer durch die Konvention so lange abgestumpft wurden, dass sie komplexe Musik gar nicht mehr wahrnehmen können. Jazz oder Klassik sind für viele keine Musik mehr, sondern komplizierte akustische Signale, die sie nicht verstehen. Ich sehe es als meine Aufgabe, die Hörfähigkeit meiner Zuhörer und damit die andere Seite ihrer Gehirne zu entwickeln.
FRAGE: Wenn man Ihre Gedanken konsequent zu Ende denkt, wäre die Stille vielleicht die beste Musik in einer lauten Zeit.
Sting:
ANTWORT: Stille ist die perfekte Musik. Und letztlich machen wir Musiker ja nichts anderes, als ein Ornament der Stille zu schaffen. Ich bin sicher, dass wir aus der Stille kommen und der Stille gerade wieder sehr sehnsuchtsvoll entgegenstreben. Da fällt mir ein, wie überrascht ich war, als ich den Anfang der Fünften Sinfonie von Beethoven angeschaut habe: Die Sinfonie beginnt nicht auf Eins, sondern mit - Stille. Das Orchester spielt auf den ersten Schlag nicht! Mich hat das an Miles Davis erinnert, bei dem auch wichtiger ist, was er nicht spielt, als das, was er spielt. Das Gelaber ist der Tod, die Stille muss das Ziel sein.
FRAGE: Herr Hope, ist es ein Irrtum, dass Klassik-Künstler noch immer denken, Pop sei den Menschen näher als Beethoven?
Hope:
ANTWORT: Das ist leider der Fall, denn wir haben unsere eigenen Wurzeln aus dem Auge verloren. Sting hat ja recht: Der Kern der Klassik ist die Revolution. Beethoven ist das beste Beispiel. Es ist absurd, dass wir der Klassik heute einen plüschigen Tempel bauen.
Sting:
ANTWORT: Aber diese Mauer bröckelt. Ich habe festgestellt, dass viele junge Klassik-Musiker vom Pop lernen wollen - und ich genieße es, von ihnen zu lernen. Wenn die Klassik etwas vom Pop lernen kann, dann ist es nicht die glänzende Vermarktung, sondern die Fähigkeit zur Spontaneität. Euer Problem ist, dass ihr im Schatten von Giganten aufwachst. Warum soll man noch komponieren, wenn man Bach, Beethoven und Schostakowitsch spielt? Meine Helden waren die Beatles, die kannten nur vier Akkorde! Da musste ich keine große Angst haben.
Hope:
ANTWORT: Natürlich spielen wir immer im Schatten der Legenden. Das führt dazu, dass wir keine Songwriter sind. Wir spielen nicht unsere eigenen Noten, sondern interpretieren Dinge, die alle großen Geiger schon einmal interpretiert haben. Wir haben leider vergessen, klassische Musik aus unserer Zeit zu spielen.
Sting:
ANTWORT: Dieses Problem existiert auch im Pop. Wer schreibt denn noch eigene Songs? Es gibt sieben Archetypen von Popsongs, und einen von denen sucht man sich aus. Aber wer macht etwas Neues? Niemand!
FRAGE: Klassisch bedeutet ja auch: zeitlos. Was wird in, sagen wir, hundert Jahren klassisch sein? Sting oder Stockhausen?
Hope:
ANTWORT: Ich hoffe, dass einige der klassischen Gegenwartskünstler die Chance haben, klassisch zu werden. Aber Popstars können auch klassisch sein. Sting hat sicherlich eine gute Chance. Warum ein Großteil der Popmusik eher nicht klassisch wird, liegt für mich daran, dass ich bei den meisten Künstlern, die ich höre, nicht einmal ins Zuhören komme - sie laufen nebenbei. Doch das Zuhören ist eines der wichtigsten Kriterien dafür, ob etwas klassisch sein wird.
FRAGE: Sind Sie ein Klassiker, Sting?
Sting:
ANTWORT: Ich frage mich, ob Bach sich je überlegt hat, ob er 2009 klassisch sein würde, oder ob es eher sein Problem war, jeden Sonntag eine Messe fertig zu komponieren.
Hope:
ANTWORT: Aber warum berührt Bach unsere Nerven noch heute?
Sting:
ANTWORT: Ich schaue mir jeden Morgen eines seiner Stücke an, spiele eine Partita und komme mir vor, als würde ich mit dem Meister persönlich dasitzen. Was ist es, das diese Faszination ausübt? Die Vorstellung seines Intellekts? Nein! Er hatte so viele Kinder, hat im Kaffeehaus gespielt . . .
Hope:
ANTWORT: Er wurde sogar angegriffen, weil er in einem Gottesdienst gesoffen hat. Einmal hat er einem Musiker auf die Schnauze gehauen, weil ihm sein Spiel nicht gefiel.
Sting:
ANTWORT: Er war ein Genie der Struktur, seine Musik war eine Kathedrale! Und vielleicht beschäftigt er uns noch immer, weil wir sein Geheimnis nicht lüften können.
Hope:
ANTWORT: Bach bewegt! Aber wie ist das denn nun: Kann Musik die Welt verändern?
Sting:
ANTWORT: Sorry, ich kenne die Antwort auf diese Frage nicht. Aber es wäre schon toll, wenn das so wäre, oder? Musik kreiert auf jeden Fall Emotionen - und das ist ein Anfang der Weltveränderung. Was denkst du?
Hope:
ANTWORT: Ich glaube, dass Musik einen Menschen verändern kann. Und sie übt einen Einfluss auf die Menschen aus.
FRAGE: Haben Sie die Menschen durch Ihre Musik beeinflusst?
Hope:
ANTWORT: Als ich vor 500 AuschwitzÜberlebenden gespielt habe, hat mich das auf jeden Fall verändert. Ich habe die Macht der Musik gespürt. Ob andere durch meine Musik verändert wurden? Ich weiß es nicht.
Sting:
ANTWORT: Ich habe für Amnesty International in Chile und Argentinien gespielt - an Orten mit repressiven Systemen. Auch wenn das größenwahnsinnig klingt: Ja, in diesen Momenten habe ich den Eindruck gehabt, durch Musik die Welt verändern zu können. Allein bei dem Gedanken, dass ich vor jungen Leuten spiele, die morgen zur politischen Klasse gehören. Vielleicht konnte ich die Saat von Freiheit und Schönheit bei ihnen säen. Natürlich kann Musik auch das Gegenteil bewirken, sie kann Hass und Krieg provozieren. Musik ist ja nicht per Definition gut.
Mit Sting und Daniel Hope sprach Axel Brüggemann.
press articles
/ Mit Bach und Schubert im Badezimmer
NZZ am Sonntag (de), February 2010
Der britische Geiger Daniel Hope ist ein Phänomen. Er brilliert als Solist und Kammermusiker, organisiert Festivals und schreibt so vergnügliche wie kluge Bücher. Die Zeit zum Üben stiehlt er sich nachts im Hotel.
Von Manfred Papst
Postkartenwetter in Ober bayern. Still liegt Schloss Elmau im verschneiten Tal. Hoch über der weit läufigen Anlage, die 1916 vom Theologen Johan nes Müller als Begegnungszentrum für seine Künstlerfreunde eröffnet wurde und heute als Hotel dient, glänzt der Wettersteinkamm in der Wintersonne. Es ist eiskalt.
Mit der Geduld und Höflichkeit des grossen Künstlers posiert Daniel Hope für den Fotografen. Mit seiner Geige unterm Arm in den Schnee hinaustreten will er allerdings nicht. Die Kälte könnte dem Instrument schaden. Es ist zwar keine Stradivari oder Guarneri del Gesù, aber immerhin eine Gennaro Gagliano von 1769. «Ich habe sie von meinem Mentor Yehudi Menuhin», erzählt Hope. «Er überliess sie mir, als ich fünfzehn Jahre alt war, und nach fünfzehn weiteren Jahren hatte ich sie schliesslich abbezahlt.»
Ins Schloss Elmau ist Hope gekommen, um im Rahmen der Kammermusiktage mit seinem langjährigen Klavierpartner Sebastian Knauer einen Duoabend zu geben. Anderntags geht es um sechs Uhr morgens schon weiter nach Hamburg, wo Hope einen seiner Wohnsitze hat - die anderen sind in London und Wien -, und von dort weiter rund um die ganze Welt.
Der umtriebige Künstler, der nicht nur seine Karriere als Solist verfolgt, sondern auch Festivals in Deutschland und den USA organisiert, Bücher schreibt und für Radio und Fernsehen arbeitet, ist überall und nirgends zu Hause. Das kann nicht erstaunen, wenn man seine Herkunft betrachtet.
Von Südafrika nach England
Geboren wurde Daniel Hope 1974 im südafrikanischen Durban. Seine Vorfahren waren einerseits irische Katholiken, die während des zweiten Burenkriegs mittellos nach Südafrika kamen und es dort zu Wohlstand brachten, andererseits deutsche Juden, die als Industrielle in der Weimarer Republik zum Grossbürgertum gehörten, während des Dritten Reiches aber unter Zurücklassung ihrer ganzen Habe fliehen mussten und ebenfalls in Südafrika eine neue Existenz aufbauten. Dort fanden die beiden scheinbar so gegensätzlichen Familien zusammen. Als Daniel ein halbes Jahr alt war, kehrten sein Eltern, die sich als Gegner der Apartheid in Südafrika zunehmend fremd fühlten, nach Europa zurück. Sie gingen nach England. Der Vater war ein damals noch erfolgloser Schriftsteller, die Mutter übernahm alle möglichen Arbeiten, um die Familie über Wasser zu halten. Durch einen Glücksfall lernte sie Yehudi Menuhin kennen, der sie als Sekretärin einstellte, aber bald schon ihr Potenzial erkannte und sie zu seiner Managerin machte. Sie organisierte seine Auftritte, reiste mit ihm, war sein Mädchen für alles. Die Kinder nahm sie nach Möglichkeit mit. Eine Geschichte wie im Märchen.
Glücklich in Saanen
Der kleine Daniel und sein Bruder wuchsen also in einem musikfreundlichen Klima auf. Sie krabbelten unter dem Flügel eines Weltstars herum, sahen prominente Besucher aus und ein gehen, sassen ehrfürchtig im Konzertsaal. Die intensivsten Erinnerungen hat Hope an die Mauritius-Kirche in Saanen bei Gstaad, wo jährlich das Menuhin-Festival stattfand. «Wir verbrachten jeden Sommer im Berner Oberland, bis ich 18 oder 19 war», erzählt er, «und die herrliche Landschaft verband sich für mich mit dem sakralen Raum und der göttlichen Musik, die Meister wie Rostropowitsch und Kempff dort spielten.» Als neugieriger, offener Geist lud Menuhin aber auch Leute wie den indischen Sitar-Virtuosen Ravi Shankar und den französischen Swing-Geiger Stéphane Grappelli ein. Und hier hörte Hope zum ersten Mal - damals noch unter der Leitung von Edmond de Stoutz - das Zürcher Kammerorchester, das er überaus schätzt und mit dem er dieses Jahr zusammenarbeitet.
Ein Wunderkind war Daniel Hope nicht. Er liebte die Musik, aber sie flog ihm nicht einfach zu, und nirgends war er so unglücklich wie in der Menuhin School of Music, einem Internat in Surrey. Er starb schier vor Heimweh, hasste die rigiden Erziehungsmethoden und liess keinen Streich aus. «Ich spielte gern und fand mich ganz gut», erzählt er, «aber als ich etwa zwölf Jahre alt war und Gleichaltrige hörte, wurde mir bewusst, dass ich überhaupt nicht viel konnte. Ich sagte mir: Wenn etwas aus dir werden soll, musst du jetzt wirklich arbeiten. Das tat ich dann, und mit dem Üben wuchs die Freude.»
Das tägliche Spielen ist bis heute das A und O für Daniel Hope. «Ich bin nun einmal kein Fritz Kreisler, dem man nachsagt, er habe nie geübt», erklärt er. «Aber mein Glück ist es, dass ich keine speziellen Voraussetzungen zum Spielen brauche. Der kleinste Raum genügt mir. Die meiste Zeit des Jahres bin ich ja unterwegs. Dann gehe ich jeweils ins Bad meines Hotelzimmers, setze den Dämpfer auf die Geige und spiele. Ich störe niemanden und bin selig. Manchmal musiziere ich die ganze Nacht.»
Auch vor jedem Konzert probt Hope mehrere Stunden - egal, wie gut er das Programm schon kennt. Er muss es sich vergegenwärtigen, damit er auf dem Podium die volle Konzentration aufbringen kann. Lampenfieber gehört dazu. «Ich bin nie <cool>», sagt er. «Die letzte Viertelstunde vor dem Auftritt ist die Hölle. Man sitzt in der stickigen Garderobe, und es kribbelt im Bauch.»
Diese Aussage erstaunt bei einem Künstler, der schon früh vom Erfolg verwöhnt wurde, mittlerweile von Triumph zu Triumph eilt und selbst in der globalen Krise der Tonträgerindustrie zu den Happy Few gehört, die einen Exklusivvertrag mit einem renommierten Label haben. Aber Daniel Hope kokettiert nicht, wenn er die Musik als grausame Geliebte bezeichnet. Er gilt als Perfektionist. Um virtuose Selbstdarstellung geht es ihm jedoch nicht. Er sieht sich als Vermittler. Die Musik, wie sie vom Komponisten geschrieben und gemeint war, umzusetzen, ohne sich unnötig zwischen sie und den Zuhörer zu schieben: Das ist sein Anliegen. Seine Begeisterung gilt dem Werk, nicht der artistischen Prachtentfaltung. «Die Technik», sagt er, «ist natürlich die Voraussetzung. Man muss die schwierigen Stellen im Schlaf beherrschen. Der Zuhörer soll keine Anstrengung bemerken. Schnelligkeit per se bedeutet mir aber gar nichts. Die wahren Probleme der Gestaltung fangen erst an, wenn alle technischen Probleme gelöst sind.»
Sobald das Gespräch auf bestimmte Werke kommt, zeigt Hope sich als glühender Enthusiast. Über Schumann, Mendelssohn, Brahms spricht er mit dem gleichen Feuer wie über Schnittke, den er in dessen letzten Lebensjahren immer wieder besucht hat, oder über den weitgehend unbekannten Basler Komponisten Hermann Suter. Der deutschen Klassik ist er seit je verfallen. «Haydn, Mozart, Beethoven und Schubert können wir nur mit Dankbarkeit und Demut bestaunen», sagt er. Doch am Ende geht ihm nichts über Bach: «Er ist der tiefsinnigste und modernste Komponist, den ich kenne. Ich möchte seine Sonaten für Violine und Cembalo gern neu einspielen. Zwar gelten seine Solosonaten als Pièce de Résistance. Aber von ihnen gibt es so viele grossartige Aufnahmen. Henryk Szeryng mit seinem runden, kathedralenhaften Klang. Nathan Milstein mit seiner strengen Eleganz. George Enescu. Adolf Busch. Gidon Kremer. Ich finde aber auch die Aufnahmen mit barocken Instrumenten und Rundbogen interessant. Jeder Geiger sollte sich einmal auf diese Erfahrung einlassen. Rundbogen erlauben einem, Akkorde tatsächlich im Pianissimo zu spielen, wie Bach es vorschreibt. Mit dem modernen Bogen, den man über die Saiten reissen muss, geht das nicht.»
Gibt es auch Musik, die Daniel Hope kalt lässt? Er denkt lange nach. «In jedem Zeitalter gibt es langweilige Komponisten», sagt er schliesslich. «Aber die spiele ich einfach nicht. Und natürlich gibt es im kommerziellen Pop jede Menge ödes Zeug.» Den Pop als solchen möchte er aber keineswegs verteufeln. Prince und Sting, U2 und Depeche Mode findet er grandios.
Zu Daniel Hopes wichtigsten Erfahrungen als Musiker zählen die sechseinhalb Jahre, die er mit dem Beaux Arts Trio verbracht hat. Er war der letzte Geiger dieser legendären Formation, die unter der Ägide des Pianisten Menachem Pressler über ein halbes Jahrhundert lang bestand. «Jedes Ende hat etwas Trauriges», meint er dazu, «aber ich glaube, dass wir im richtigen Moment aufgehört haben. Wir haben vierhundert Konzerte gegeben, auf allen Festivals, in allen grossen Sälen der Welt. Und wir durften die schönste Musik überhaupt spielen. Beethoven. Schubert. Brahms. Für mich war das ein unbeschreibliches Glück.»
Derzeit kann Daniel Hope sich nicht vorstellen, nochmals in einer festen Kammermusikformation zu spielen. Zum einen lässt sich die Arbeit mit dem Beaux Arts Trio kaum toppen. Zum andern hat er zu viele andere Projekte. «Ich liebe Kammermusik», sagt er. «Ich kann ohne sie nicht leben. Ich werde sie zweifellos so oft wie möglich privat mit Freunden spielen. Aber als Ensemble an der Weltspitze mitzuwirken, die Interpretationen immer wieder zu perfektionieren - das geht nur, wenn man nichts anderes tut.»
Und Daniel Hope hat viele andere Pläne. CDs mit der Deutschen Grammophon. Konzerte als Solist - mit grossen Orchestern oder kleinen Ensembles, die er von der Geige aus leitet. Ambitionen als Dirigent hat er jedoch nicht. «Das überlasse ich lieber denen, die es können», sagt er. «Es gibt so viele grossartige Instrumentalisten, die mittelmässige Dirigenten geworden sind. Dirigent wird man nicht einfach so. Man muss es studieren. Die Harmonielehre beherrschen, Partitur lesen können, jedes Instrument in seiner Eigenart von Grund auf kennen.»
Mit diesen Worten verabschiedet Daniel Hope sich so freundlich wie bestimmt. Die Probe für den Abend ruft.
Fotos: Daniel Hope mit seiner Gagliano-Geige aus dem Jahr 1769 in der Bibliothek von Schloss Elmau. (15. Januar 2010)
SIMON KOY
Foto: Im Schnee nur ohne Geige: Daniel Hope.
SIMON KOY
Bücher, CD, Konzerte
Virtuos als Autor wie als Musiker
Daniel Hope hat zwei Bücher geschrieben: «Familienstücke», eine autobiografische Spurensuche (Rowohlt 2007, 320 S., Fr. 35.40) und «Wann darf ich klatschen?», einen heiteren Wegweiser für (vor allem junge) Konzertgänger (Rowohlt 2009, 253 S., Fr. 34.90). Für das renommierte Label Deutsche Grammophon, bei dem er exklusiv unter Vertrag ist, hat er Werke von Vivaldi über Mendelssohn bis zu Pavel Haas und Olivier Messiaen eingespielt. Im März 2010 geht er mit dem Zürcher Kammerorchester, das er von der Violine aus leitet, auf eine Tournee, die ihn am 10. 3. auch in die Tonhalle Zürich führt. Auf dem Programm stehen Werke von Bach, Händel, Telemann, Pachelbel, Biber, Vivaldi und anderen. (pap.)
/ High notes in America's Deep South
Guardian (en), November 2009
Bluegrass, fado, opera and jazz fuse together at Georgia's glorious medley of a festival. Kate Connolly falls in love with the music, history and mint juleps
Saturday, 21 November 2009, by Kate Connolly
The man who drives me from the airport to my hotel sings for much of the way; the receptionist croons Someone to Watch Over Me as I check in, and in one of the city's elegant squares a workman performs spirituals in his lunch break, while another strums on his guitar. That Savannah is a city that lives for and thrives on music is clear to me before I even hit the Savannah Music Festival.
I arrive about a week into the proceedings, expecting a colourful apple-pie, foot-tapping mixture of bluegrass and jazz to country and swing; but the range and virtuosity of world-class music, from boogie to Cajun, fado to zydeco – a form of American folk – which I savour over the next few days, comes as something of a surprise.
Savannah, a coastal city in southwest Georgia, boasts a springtime arts marathon that has become a requisite port of call for a growing number of music lovers and musicians from around the world. For me, escaping a European winter to be spirited into this colourful and beguiling city, enveloped in dreamy Spanish moss, magnolia trees and pink and white azaleas, is an added bonus.
Stepping into the cool body of Wesley Monumental Methodist church I receive my first taste of what's on tap for three weeks every year. With early spring light filtering through the stained-glass, pianist Sebastian Knauer hypnotises a lunchtime audience with Mendelssohn compositions, including Rondo Capriccioso, a quirky sonic portrait of a gondola splashing on the canals of Venice.
On the church steps festival director Rob Gibson, a dapper Georgia native who talks the syrupy southern talk, greets each audience member. Gibson, who founded the now legendary Jazz at the Lincoln Center series in New York in the early 90s before settling in Savannah following 9/11, is credited with rescuing the festival from provincial obscurity and turning it into one of the most talked-about music events in the States.
A former lecturer in American music history at the Juilliard School, he has created something of a musical laboratory where artists from different genres come together to experiment and fuse their sounds in a relaxed and stimulating atmosphere.
Gibson's connections help lure some of the top names, including jazz greats Wynton and Jason Marsalis, Marcus Roberts and Wycliffe Gordon, English opera tenor Ian Bostridge and the Portuguese Fado singer Mariza.
The eclectic range of the programming is reflected in the 2010 schedule – the most artistically diverse line-up to date. There will be appearances by the Chinese piano wizard Lang Lang, celebrated Malian ngoni player Bassekou Kouyate, Wynton Marsalis' Jazz at Lincoln Center Orchestra, and Cherryholmes, a grammy-nominated family band, whose music has been described as "bluegrass on steroids".
"I don't know any other festival in the US that has the breadth of ours," Gibson tells me over a salmon and spinach salad in Zunzi's, a popular lunchtime restaurant. Savannah is the perfect backdrop for the festival, he says, describing it as "funky and elegant", before cycling off to introduce the next concert.
Later, in the Congregation Mikveh Israel synagogue, one of the oldest in America, Cuban guitarist Manuel Barrueco captivates the audience with an exquisite range of renaissance lute works and Spanish dance music, elegantly wiping the perspiration from his brow in between pieces.
The unstuffy and jovial flavour of the festival is captured in that evening's impromptu gathering of musicians, concert-goers and festival staff at the Circa 1875 wine bar on Whitaker Street. Over a cold beer, Daniel Hope, a British violinst who has been an artistic director of the festival since 2004, explains why he returns to perform year after year. "The experience is unique," he says. "You spend a week or two weeks together, eating, drinking, going to salsa parties, exploring music, enjoying music and savouring each other's company in a beautiful setting."
The party later moves onto Pinkie Master's, a grungy, moody jukebox joint, which locals affectionately refer to as Stinky Bastards, where Jimmy Carter is said to have stood on the bar and declared his intention to become US president.
The magic and mystique of Savannah which draws people like Hope, is expanded on by Sue Rendeno of Savannah Walks. During a gap between concerts Sue leads me on a fascinating journey through the city's rich past. She takes me around the Gothic cemetery which, Savannahians boast, is one of the most haunted places in the world; to the old cloth hall that recently lost its trademark golden griffin to a speeding driver who bounced off its outspread wings, smashing it to smithereens; and points out whimsical details in the architecture such as the dolphin-shaped drain spouts.
Further reminders of the city's musical DNA are the homes of the late composers James Pierpont – responsible for Jingle Bells – and Johnny Mercer, whose lengthy repertoire of hits included Moon River.
We stroll through several of the 21 squares shaded with majestic live oaks that are laid out like stepping stones across the city and connect the festival venues – all of which are easily reachable on foot.
These oases of calm – the most popular is Chippewa Square where a scene from Forrest Gump was shot – are a legacy of the city's colonial past and the design of settlers who sailed up the Savannah river in early 1733. But it's thanks to General Sherman, who spared Savannah during his scorched earth march through Georgia during the civil war, that they remain intact (Atlanta, by contrast, was flattened).
If you prefer two wheels to two legs, a good option is to return late at night, when the streets are empty, for a bike tour to experience the city's highlight, Forsythe Park, with its grand, floodlit cast-iron fountain and check which of the well-documented ghosts are on the prowl.
Back at the festival, by the riverside, children's big bands are playing to a huge crowd, as part of the Swing Central section of the fortnight's events. This jazz band competition also lets the youngsters receive lessons from their musical heroes in the hope that they will be inspired to great things in the future.
That evening's supper is black grouper – a deep-sea fish found along the Savannah coast – at the chic but unpretentious downtown restaurant Cha Bella. It sets me up for the 1920's vauderville-style Lucas Theatre, which tonight features the New-York-based group Punch Brothers led by one of the world's most celebrated mandolin players, Chris Thile. When this gaggle of nervously-energetic young string musicians appears I am expecting traditional bluegrass. Instead they dish up a mesmerising series of compositions, at once haunting and playful. A thunder storm rages outside as they sing about everything from a honey-haloed teacher, to sheep dogs, punch bowls and drunken girls combining pithy lyrics ('the night was a chalkboard with a fingernail moon') with witty banter. "You guys are really sweet, can we keep you?" says 28-year-old Thile, to the whoops of the females in the audience.
The following morning I bump into the Punch Brothers – undoubtedly my festival highlight. They're in the B Matthew's Eatery on East Bay Street, tucking into grits, scrambled eggs, wheatberry bread and hashbrowns, washed down with mimosas and mint juleps, before they embark on a four-hour drive to their next concert in Chattanooga, Tennessee.
"Shame we have to bail out, it's just awesome here," says Noam Pikelny, the band's blue-eyed banjo player. "The town is full of a gorgeous line-up of artists, many of them our heroes, who we'd love to hear."
Savannah's eccentric air is perhaps most memorably evoked in John Berendt's best-selling 1994 novel, Midnight in the Garden of Good and Evil. The tale of murder, black and white magic and a bawdy black drag queen named The Lady Chablis, urges visitors not to take Savannah at face value: "You mustn't be taken in by the moonlight and magnolias," Berendt writes. "There's more to Savannah than that."
The elegant home of protagonist Jim Williams (played by Kevin Spacey in the 1997 film version directed by Clint Eastwood) can be found on Monterey Square. And the 51-year old Lady Chablis still occasionally performs at Club One on Jefferson Street.
The close proximity of everything in this city means you're never far from the festival's goings on. In the basement of the Avia hotel I eavesdrop on a laughter-filled rehearsal by Hope's chamber music quintet which is practising Schubert's Death and the Maiden.
Later that evening, in more sombre mood, they perform the Schubert followed by Elgar's piano quintet in A minor at the Telfair Academy of Arts and Sciences, which feels like a posh living room.
Afterwards musicians and festival staff seek some R 'n' R at a "roots 'n' twang" concert by the tiny-waisted, sweet-voiced Lovell Sisters. They charm the audience with their song Paulita Maxwell, a sassy tribute to Billy the Kid's girlfriend and a great way to round off the evening.
When my festival run comes to an end I toy with the idea of extending my stay and foregoing two days in New York, so torn do I feel about leaving behind the charms of the Deep South. Its wide-ranging musical delights mean that Savannah competes with some of the very best music festivals in the world.
Add in, of course, its azaleas brushed by the warm breeze, the succulent Georgia white shrimp, and the steady flow of mint juleps, and as far as I'm concerned, there are plenty of compelling reasons to return.
/ Als gäb's kein Urheberrecht
ZEIT ONLINE (de), November 2009
Die neue CD des Geigers Daniel Hope erklärt, wie schon im 17. Jahrhundert unbekümmert gesampelt wurde. Dazu wirft sein Buch einen Blick hinter die Kulissen der Klassik-Branche.
von Volker Schmidt - 11. November 2009
Daniel Hope ist ein Mann der Bindestriche: ein südafrikanisch-britischer Geiger mit verworrenen irisch-deutsch-kosmopolitischen Wurzeln und ein beliebter Talk-Show-Gast. Er hat viel zu erzählen und tut es sehr amüsant. Von seiner Mutter Eleanor, erst Sekretärin, dann Managerin von Yehudi Menuhin, der dem kleinen Daniel viel beigebracht hat. Von Rabbinern unter den Ahnen, enteigneten Villen in Berlin und vom Südafrika der Apartheid, das Hopes Eltern 1975, gleich nach Daniels Geburt, aus Protest verließen.
Im Buch Familienstücke forschte der Geiger der Familiengeschichte nach; es wurde trotz seines etwas umständlichen Stils zum Bestseller. Jetzt beschäftigt Hope sich in einem Buch mit dem Konzertalltag vor und hinter den Kulissen: Wann darf ich klatschen? will kein Knigge sein, sondern Appetit machen auf Konzerte und die Angst nehmen vor den vielen Regeln, die einst geschaffen wurden, um ein elitäres Publikum vom Plebs abzugrenzen. Ihm zur Seite stand als Koautor Wolfgang Knauer, der langjährige Chef von NDR Kultur und Vater des Pianisten Sebastian Knauer, der Daniel Hope durch mehrere Konzertprogramme begleitete.
Auch Hopes neue CD ist von einiger Leichtigkeit geprägt, will die Eintrittsschwelle zu einer oft als spröde empfundenen Musikepoche senken: zum Barock. Für das Cover von Air. A Baroque Journey ließ sich der Violinist selbstironisch auf einer Klappleiter ablichten, den Geigenkasten in der Hand, vor wolkig gemaltem Hintergrund. Auf dem Buchtitel steht er vor dem gleichen Wölkchenhimmel, nur ohne Leiter.
Air begibt sich auf die Spuren vier wenig bekannter Komponisten des 17. und 18. Jahrhunderts, Andrea Falconieri, Nicola Matteis, Johann Paul von Westhoff und Francesco Geminiani. Dazu kommt Musik, die diese vier beeinflusste, von eher volkstümlichen Werken bis zu Großkomponisten wie Pachelbel, Telemann, Händel und Bach, dessen wundervolle Air das Album beendet.
Wer bei Barockmusik zuerst an Bach denkt, an das Erstrahlen des Erhabenen aus dem Geist der Mathematik, der wird schwer schlucken an diesen Aufnahmen. Mit Schrammelgitarre, Trommel und Tamburin beginnt das Album und verdeutlicht so, dass die höfischen Canones, Gigues und Gagliardes allesamt der Tanzmusik entstammen, dem Humus, auf dem die musikalischen Höhepunkte der Zeit gediehen.
Für das Booklet durfte Roger Willemsen dem Geiger kluge Fragen stellen, und Hope sagt Dinge wie diese: "Viele der reisenden Musiker haben die Musik als tägliches Brot gesehen, als Gelderwerb. Sie wurden nicht angehimmelt wie später Mozart und Beethoven, sondern sie sahen sich als Dienstleister für König und Adel, vor allem mit ihrer Tanzmusik."
Nach der großen europäischen Katastrophe, dem Dreißigjährigen Krieg, seinen Verheerungen und Seuchen, gerät im 17. Jahrhundert vieles in Bewegung. Hope sagt: "Der Umbruch fasziniert mich, man fühlt den Aufbruch aus der Renaissance-Zeit. Plötzlich treten Einzelpersonen hervor, Wandermusiker zum Beispiel, die durch Europa ziehen und ganz andere Musik mitbringen, wie Matteis. Es war eine Zeit der Bewegung. Diese Musik hat Vielfalt, Esprit, Vitalität, und vieles wurde durchaus auf den Effekt zugeschrieben. Man wollte gefallen, wollte wieder beauftragt werden".
Der fast vergessene Westhoff etwa mag kein genialer Komponist gewesen sein, aber ein großer Violinvirtuose. Er perfektionierte Techniken für die gerade erst erfundene Geige, etwa das bariolage, bei dem der Bogen über alle vier Saiten streicht, und faszinierte damit Komponisten wie Antonio Vivaldi. Ohne die Praktiker des Tonsetzens, die von Hof zu Hof reisenden Unterhaltungskomponisten und Gebrauchsmusikanten, gäb's keine Thomaskantoren, keine Messias-Chöre. Das ist die eine Lehre des Albums.
Der fast vergessene Westhoff etwa mag kein genialer Komponist gewesen sein, aber ein großer Violinvirtuose. Er perfektionierte Techniken für die gerade erst erfundene Geige, etwa das bariolage, bei dem der Bogen über alle vier Saiten streicht, und faszinierte damit Komponisten wie Antonio Vivaldi. Ohne die Praktiker des Tonsetzens, die von Hof zu Hof reisenden Unterhaltungskomponisten und Gebrauchsmusikanten, gäb's keine Thomaskantoren, keine Messias-Chöre. Das ist die eine Lehre des Albums.
Diesmal verknüpft der Geiger im Buch und auf CD also nicht persönliche und familiäre Erinnerungen mit Musik wie in Familienstücke oder mit seiner Aufnahme des Mendelssohnschen Violinkonzerts, das er als Achtjähriger heimlich übte und so den Rauswurf aus der Musikschule riskierte. Jetzt erzählt er im Buch Wann darf ich klatschen? über den Musikbetrieb und was er so davon hält, reiht amüsante Anekdoten an programmatische Aussagen und streut ein paar Bratscher-Witze ein. Und auf der CD begibt er sich in die Musikgeschichte – gestaltet die Entdeckungsreise aber aus seinem subjektiven Blick, gibt ihr eine narrative Struktur. Hope ist nicht nur ein hervorragender Geiger – er ist auch ein musikalischer Erzähler. Zuhören lohnt sich.
concert reviews
/ Entwaffnend zart
Süddeutsche Zeitung (de), March 2010
Daniel Hope und das Zürcher Kammerorchester
Ein Solokonzert je von Telemann, Bach, Geminiani, dazu Doppelkonzerte von Bach und Händel und als Abschluss noch den "Sommer" aus den "Vier Jahreszeiten"? Andere Geiger würden damit drei Abende bestreiten. Aber Daniel Hope ist nun mal ein Unermüdlicher, spielt Musik aus allen Epochen, schreibt Bücher, organisiert Festivals und moderiert - wie hier im Prinzregententheater - nebenher noch gerne und charmant.
Wie das alles geht, wird spätestens in Bachs a-moll-Konzert klar: Hope nimmt sich einfach nicht so wichtig. Statt wie üblich die Virtuosität der Ecksätze vorzuzeigen, kaschiert er Passagenwerk geradezu hinter großer Linie; seine Fähigkeit zu blitzschnellem An- und Abschwellen lässt die langsamen Sätze zu den eigentlichen Höhepunkten werden. Hier triumphiert sein zart angestrichener Silberglöckchenklang, der durch Feinstabstufungen in jedem Moment changiert und bewegt bleibt. Kann Hopes höchst eigener Ton in Aufnahmen bisweilen etwas schmal wirken, so schillert er live durchaus aufgeraut und mehrkörnig bis an die Hörbarkeitsgrenze. Dass ihn das Zürcher Kammerorchester am sowieso etwas unruhigen Beginn mit seiner großbesetzten Continuo-Gruppe manchmal verschluckt, scheint da fast Programm.
Als ehemaliger Violinist des Beaux Arts Trio hat Hope das Kammermusikalische verinnerlicht. Auch hier spielt nur ein Primus inter Pares das Bach-Doppelkonzert und kleinere Stücke gemeinsam mit einzelnen Orchestermusikern. Die Zürcher, ohne eigenen Dirigenten, schaffen begeistert Drive und Terrassendynamik, agieren nicht nur in "La Battalia", dem Schlachtengemälde von Heinrich Ignaz Franz von Biber, fast kämpferisch. Daniel Hope aber im Zentrum entwaffnet damit, dass er sich voller Risiko verletzlich zeigt: langer, stürmischer Beifall. MICHAEL STALLKNECHT
/ Daniel Hope and Friends
The Guardian, January 2010 (en), January 2010
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Royal Albert Hall, London
By Guy Dammann, 21st January 2010
Billed as a "ba-rock" concert, this spin-off concert from Daniel Hope's latest Deutsche Grammophon album brought the trappings of an informal gig – standing only in the Royal Albert Hall's Elgar Room, chatting, and texting allowed, if not encouraged – to a period performance exploring the history of baroque virtuoso violin technique........knowing it instead from Handel's D minor keyboard suite didn't prevent my appreciating artistry of breathtaking vitality, the violins of Hope and Daniel Deuter not so much passing the melody between them, as taking turns to savour something circling above them. The performers' faces crumpling under the accumulation of Handel's expertly intertwined sighs, a tenderness of extraordinary richness took hold of the room.
This was a memorable evening's music-making.......
/ Theresienstadt
theartsdesk (en), October 2009
...One amazing aspect of the Theresienstadt saga is that music banned by the National Socialists was cynically given free reign in the camp. Erwin Schulhoff, here enjoying the passionate advocacy of Daniel Hope, was always going to threaten the emotional pygmies with its Bartokian defiance and decadent hothouse lyricism. Hope gave movements from two of his sonatas and his smouldering G-string ascents were gloriously and dangerously uninhibited...
Edward Seckerson for theartsdesk
BBC Television's "Mendelssohn, the Nazis and me", a film by Sheila Hayman.
Daniel Hope is featured in award-winning director Sheila Hayman's 2009 BBC television documentary, "Mendelssohn, the Nazis and me". Interviewing Kurt Masur, Steven Isserlis, Larry Todd and Daniel Hope, the film traces Sheila Hayman's family tree, right back to the famous composer, Felix Mendelssohn.
Read Sheila Hayman's interview in The Guardian
To buy the DVD, please click here:
Daniel Hope live in New York
Listen to Daniel Hope's live performance in New York of Messiaen's "Louange a l'Immortalité de Jésus" for the Chamber Music Society of Lincoln Center. Video artist Tristan Cook has created a visual journey of a painter’s interpretation of Messiaen's Quartet for the End of Time. Daniel Hope, violin and Gilbert Kalish, piano
Daniel Hope hilft Konzertmuffeln (D / german TV)
Daniel Hope on German TV's programme "Foyer", 3sat channel, discussing the rituals of the concert hall.
Klassische Musik mögen viele. Aber gerade dort, wo man sie in ihrer ganzen Schönheit "live" und authentisch erleben kann, im Konzertsaal, fühlen sich manche fremd und unbehaglich. Das liegt nicht zuletzt an überkommenen Traditionen und Ritualen, die sich dem Laien nur schwer erschließen. Das führt dazu, dass viele Menschen dem Konzert fernbleiben und sich die Musik zu Hause auf CD anhören. Daniel Hope plädiert in "Foyer" für das Live-Konzert und einen lockeren Umgang mit Traditionen und Ritualen im Konzertsaal.
Beitrag vom 15.September 2009









