Cicero

2014


Tweet! Klatsch! Post it, Amadeus / 01.09.2014

Wie ich einmal in Bristol dem Kommunikationswahn erlag und so die Musik von übermorgen erlebte

Die gegenwärtige Debatte über die Zukunft der klassischen Musik verfolge ich mit großem Interesse. Auf der einen Seite stehen die eingefleischten Klassikliebhaber, die ihre Musik genauso genießen wollen wie eh und je. Auf der anderen Seite will eine ganze Bewegung klassische Musik „anders“ präsentieren, vom Ort bis zur Dramaturgie des Abends. Dazwischen
stehen wir Interpreten, die sich entscheiden müssen, zu welcher Gruppe wir gehören. Sehr oft erwähnt die neue Bewegung jene Lockerheit, die im 18. Jahrhundert im Konzertsaal herrschte.
Wenn man aber bedenkt, dass sich damals die Leute lautstark unterhielten, rauchten, tranken und Karten spielten, oder dass die Herren gerne mit dem Rücken zum Podium saßen, damit sie
den Damen besser in die Augen schauen konnten, gelangt man zu der Erkenntnis, dass nicht jeder Fortschritt unbedingt negativ ist. Jedoch sorgt das Abo-Publikum auch heute
für genügend Störfaktoren. Die Palette reicht von endlosen Hustenanfällen über herunterfallende Schlüsselbunde bis zum vehementen Türenknallen von Besuchern, die vorzeitig nach
Hause gehen. Hochsensible Musiker lassen sich durch derartige Geräuschentwicklungen aus der Fassung bringen. Von dem Pianisten Alfred Brendel war bekannt, dass er allergisch auf intensives
Husten reagierte, vernichtende Blicke ins Auditorium warf und manchmal rief: „Ich weiß nicht, ob Sie mich hören, ich höre Sie gut!“ Neulich spielte ich bei der Bristol Proms, einem
neuen Festival, gegründet vom britischen Theaterregisseur Tom Morris und Universal Music. Die Konzerte finden im wunderschönen, 1766 erbauten Old Vic Theatre statt. Morris’ Anliegen
ist es, klassische Musik auf höchstem Niveau unprätentiös darzubieten. Im letzten Jahr wurde mein Konzert mit einer Computeranimation ergänzt, Kameras folgten meinen Bewegungen
und produzierten spontan etwas dazu. Ein Teil des Publikums steht direkt vor der Bühne, so wie es bei der Londoner Proms Tradition ist. Vor jedem Konzert wendet sich Morris an
das Publikum: Klatschen ist stets erlaubt, jeder darf fotografieren, sofern das Bild gleich gepostet oder getweetet wird. Der letzte Punkt ist heikel. Unlängst ist der legendäre Pianist Krystian
Zimerman bei einem Rezital explodiert, als er einen Besucher entdeckte, der ihn mit dem Handy filmte. Zimerman habe viele Plattenprojekte verloren,
weil man ihm sagte, das Repertoire sei bereits auf Youtube, erklärte er wenige Minuten später. In Bristol entschloss ich mich, dem Kommunikationswahn, der unsere heutige Gesellschaft
hemmungslos infiltriert, einen Schritt näherzutreten. Für die zweite Hälfte meines Konzerts setzte ich eine Google-Brille auf und filmte die anderen Musiker und das Publikum.
Interessant war die Reaktion eines Mannes, der die ganze erste Hälfte mit seinem Handy gefilmt hatte und sich jetzt lauthals über die Verletzung seiner Rechte beschwerte. Als er sich jedoch
am nächsten Tag auf meiner Facebook-Seite verewigt sah, schrieb er begeisterte Kommentare dazu. So also klingt die Zukunftsmusik.

Von Geigen und anderen Mordinstrumenten / 01.08.2014

Wie ich einmal über den Lüften begriff, dass die Liebe zur Musik immer neue Hindernisse bewältigen muss

Anders als Sänger müssen Instrumentalisten nicht nur für sich selbst, sondern auch für ihr Instrument auf der Hut sein. Wir Geiger wissen davon ein Lied zu singen,
denn gute Violinen sind ebenso empfindlich und zerbrechlich wie wertvoll. Eine Beinahe-Katastrophe erlebte Geigerkollege Philippe Quint, als er seine Stradivari in einem New Yorker Taxi
liegen ließ. Einen halben Tag lang blieb das millionenschwere Instrument unbemerkt auf dem Rücksitz liegen, ehe es Quint unter Freudentränen bei dem Fahrer abholen konnte.
Wie ihm zumute war, kann ich leicht nachfühlen. Auf Reisen bleibt mein Instrument stets in meiner unmittelbaren Nähe. Es ist für mich völlig selbstverständlich, die Geige bei Flügen
mit in die Kabine zu nehmen, statt sie den ruppigen Transportbedingungen von Koffern auszusetzen. Seit einiger Zeit ist das jedoch nicht mehr so einfach. Zum einen wurden Höchstmaße für
Handgepäckstücke festgelegt, denen Geigen kaum gerecht werden können. Welcher Geigenkasten kommt schon mit der zulässigen Maximallänge von 45 Zentimetern aus? Einzelne Fluggesellschaften sind dazu übergegangen, nicht mehr nur für dickleibige Celli, sondern auch für die deutlich schlankeren Violinen eigene Sitzplätze vorzuschreiben.
Die Einreise nach Amerika wird immer wieder zum Erlebnis. Nachdem mich jüngst die Dame am Schalter mit der Frage begrüßt hatte, warum ich denn hier sei, und ich erklärte, Konzerte
spielen zu wollen, antwortete sie: „Ich habe auch Geige gespielt.“ Dann streichelte sie die Pistole an ihrer Hüfte: „Aber ich habe sie gegen diese Waffe eingetauscht.“ Auch die verschärften Sicherheitsbestimmungen im Luftverkehr sind problematisch. Es kam schon vor, dass Ersatzsaiten oder Cellostachel als mögliche Mordinstrumente konfisziert wurden. Seit dem 1. April 2014 gibt es ein neues Problem: Geigenbögen, die häufig an der Spitze mit Elfenbein verstärkt sind, dürfen aufgrund strenger Artenschutzbestimmungen in den USA ab sofort weder ein- noch ausgeführt werden. Es sei denn, man besitzt ein kaum zu beschaffendes Dokument, das bezeugt, dass das Material vor den Handelsverboten verbaut wurde oder aber
aus registrierten Altbeständen stammt. Um es noch komplizierter zu machen, sind neben Elfenbein auch Schildpatt und geschütztes Rio-Palisander verboten, ein Tropenholz, das gelegentlich
im Geigenbau vorkommt. Die Münchner Philharmoniker erlebten es während ihrer US-Tournee im Mai 2014, als sämtliche Bögen am Flughafen beschlagnahmt wurden. Erst nach
Einschalten der deutschen Botschaft wurden die Instrumente freigegeben. Dass gütliches Einvernehmen manchmal dennoch möglich ist, habe ich neulich auf einer Reise nach Toronto erlebt. Nach längerer Diskussion gab ein Pilot von Air Canada endlich das Einverständnis, meine Geige in der Kabine zu behalten. Allerdings unter einer Bedingung: „Ich muss Sie bitten, während des Fluges nicht zu spielen!“

Rede, Künstler, bilde nicht nur! / 01.07.2014

Wie Elvis Presley mich einmal davor bewahrte, ein unpolitischer Musiker zu werden, und warum Kunst eine Gewissensfrage ist

Der Filmausschnitt hat sich meinem Gedächtnis tief eingeprägt: Elvis Presley gibt 1972 eine Pressekonferenz in New York. Eine Reporterin fragt ihn nach seiner Meinung
zu den Gegnern des Vietnamkriegs. Presleys Gesichtsausdruck wird ernst: „Honey, ich möchte lieber meine Meinung für mich behalten. Ich bin nur Entertainer.“ Viele Jahre später droht die
Welt ihr Gleichgewicht zu verlieren. Gerade in Bezug auf Russland und die Krimkrise scheint es mir, als würde sich das „Elvis-Syndrom“ in der Politik breitmachen. Wenn sich die Politiker jetzt
lieber als Entertainer behaupten wollen, welche Ambitionen haben dann die echten Künstler? Klassische Musiker, die eine klare politische Position beziehen, gibt es heute erschreckend
wenige. Keiner setzte sich mehr für die Menschenrechte ein und nutzte gleichzeitig die Musik besser für die Politik als Yehudi Menuhin. Mit mehr als 500 Konzerten während des Zweiten
Weltkriegs half er Kriegsopfern und Flüchtlingskindern, trat 1945 noch vor den Befreiten des Konzentrationslagers Bergen-Belsen auf und spielte im zertrümmerten Berlin demonstrativ
unter Wilhelm Furtwängler, womit er der erste jüdische Künstler von Weltrang war, der wieder in Deutschland Konzerte gab als Zeichen der Versöhnung.
Daniel Barenboim hat in gewisser Weise Menuhin beerbt, mit seinem West-Eastern Divan Orchestra und der Barenboim-Said-Akademie. Gidon Kremer trommelte Musikerfreunde für ein
Konzert in Berlin zusammen, das er „To Russia with Love“ nannte, um mit Musik für die Menschenrechte in Russland zu demonstrieren. Er sagte: „Künstler sollten nicht bequem im breiten
Strom mitschwimmen.“ Ein Staat könne „Künstler, Menschen überhaupt zum Schweigen bringen oder vor die Frage stellen: Kann ich bleiben, ohne mich verleugnen zu müssen?“ Aber hat ein Künstler das Recht, jenseits der Kunst seine Ansichten zu teilen? Wenn er es tut, sagt man ihm oft, wie es bei Goethe heißt: „Bilde, Künstler! Rede nicht!“ Eine solche Reaktion
ist keineswegs selten. Als ich 2008 die Abflughalle des Flughafens Tempelhof in einen Konzertsaal verwandelte, um mein erstes „Tu was!“-Projekt zu starten, fragte mich ein deutscher
Journalist, wieso „ausgerechnet ein englischer Geiger nach Berlin kommt, um der deutschen Reichspogromnacht zu gedenken“. Meine Antwort war kurz. „Einer musste es ja tun.“
Später entschuldigte sich der Mann für seinen Tonfall, nicht für seine Worte. Er habe es satt, von Künstlern zu hören, sie müssten sich politisch einmischen. Der britische Schauspieler
und Gelegenheitskomiker Russell Brand gab neulich in einem Fernsehinterview zu, niemals gewählt zu haben. Brand zufolge sei es ohnehin Betrug, Wahlen brächten nichts. Der Mann hat
knapp acht Millionen Follower auf Twitter. Als die Ergebnisse der Europawahlen mitsamt dem Rechtsruck über den Bildschirm tickerten,musste ich an Russell Brand und seine Follower
denken, die vielleicht ebenfalls nicht gewählt haben. Oh Elvis, am Ende hattest du recht!

Diesen Klang der ganzen Welt / 01.06.2014

Wie ich einmal in Los Angeles erlebte, dass klassische Musik für alle da ist und nicht nur für die Reichen

Vor einiger Zeit flog ich zu einem Gastspiel nach Los Angeles. Als ich am Morgen nach dem Konzert aus dem Hotel kam, war mein Gepäck bereits im Taxi verstaut. Bis
auf die Geige. Dem Taxifahrer fiel sie sofort auf. Nachdem er losgefahren war, rief er nach hinten: „In welcher Band spielen Sie?“ Ich war hundemüde, wollte aber nicht unfreundlich wirken.
„In keiner Band“, klärte ich ihn auf, „ich spiele klassische Musik.“ Er verdrehte die Augen: „Aha. Rich people’s music!“ Wenn ich an die gesalzenen Preise denke, die man für Konzert- und Opernkarten bezahlen muss, konnte ich kaum widersprechen. Trotzdem ärgerte mich die Bemerkung. Also gab ich mir einen Ruck und beugte mich zu ihm. Larry hatte seine festen Ansichten über die Kirche, die Wall Street und Obamacare. Aber auch über Musik, und er vertrat sie wortreich und intelligent. Ursprünglich hatte er Anwalt werden wollen, musste das Studium aber aufgeben,
als sein Vater starb und er als Ältester für die Familie zu sorgen hatte. In Konzerte ging er nie, nicht seine Gehaltsklasse. Larry fand das nicht schlimm. Arm und Reich gab es immer,
in Amerika erst recht. Wenn man Mozart oder Beethoven hören will, meinte er, lege man eine CD auf oder lade sich Aufnahmen aus dem Netz. Man spare nicht nur viel Geld, sondern könne
auch zu Hause bleiben und es sich mit einem Bier auf dem Sofa bei seinem Lieblingsstück bequem machen. Wie bei einer Baseball-Übertragung im Fernsehen. Wozu noch Konzerte?
„Weil das Konzert live ist und die CD nicht!“ Ich erschrak über die Vehemenz, mit der ich ihm widersprach. „Das kann man niemals vergleichen.“ Larry war nicht restlos überzeugt. Aber
wir mussten unsere Unterhaltung beenden, der Flughafen lag schon vor uns. Ich gab ihm meine E-Mail-Adresse, und wir verabredeten ein Wiedersehen bei meinem nächsten Besuch.
Dieser fand nun vor kurzem statt. Ich nahm Larry aber nicht zu meinem Konzert, sondern zu dem Projekt „Education Through Music“ mit, das von den Paramount Studios unterstützt wird.
An Schulen in Problemgegenden in Los Angeles erhalten Kinder auf diese Weise kostenlos Instrumente und Musikunterricht, damit sich ihre allgemeine schulische Leistung ebenso verbessert
wie ihre kreative Entwicklung. Es war berührend zu sehen, mit welcher Begeisterung die etwa 100 Kinder ihr Instrument spielten, mit welch großer Freude sie die Musik erlebten und was es für sie überhaupt bedeutete, Musik selbst zu spielen. „Rich people’s music? Nur etwas für wohlhabende alte Leute?“, fragte ich Larry, der, so schien es mir, Tränen in den Augen hatte.Jetzt, beim Anblick der vielen Kinder, die gar nichts mit einem Zirkel reicher Senioren im Sinn hatten, sondern einen Querschnitt durch alle sozialen Schichten darstellten, gab er mir recht: Klassische Musik ist für alle da, jeder kann seine Wunder mit ihr erleben. Das nächste Mal kommt Larry mit ins Konzert.

Das Schiff des Lebens und seine vielen Häfen / 01.04.2014

Wie ich in Kapstadt einmal daran erinnert wurde, dass die Wahrheit über einen Menschen nicht im Reisepass steht

Die Dame bei der Einreise am Flughafen Kapstadt schaute skeptisch. „Sie haben keinen südafrikanischen Pass?“ Ich verneinte. „Aber Sie sind in Südafrika geboren.“ Ich
nickte, sie lächelte doch: „Welcome home, Sir.“ Du wunderbares Wort „Zuhause“! Die Frage von Nationalität und Zugehörigkeit stelle ich mir, seit ich weiß, dass meine jüdischen Urgroßeltern
mütterlicherseits in Berlin lebten und sich als Deutsche fühlten. Eigentlich müsste ich sagen, ich bin Südafrikaner. Ich könnte auch überzeugend argumentieren, ich bin Engländer, denn
in England verbrachte ich Kindheit und Jugend. Englisch ist meine Muttersprache. Wie wäre es mit Österreicher, in Wien lebe ich seit Jahren. Oder Ire, meine Familie väterlicherseits stammte
aus Irland. Ich habe einen irischen Reisepass. Den Iren habe ich es zu verdanken, dass wir damals in England bleiben konnten. Als unsere Aufenthaltsgenehmigung auszulaufen drohte,
hätte dies eine Rückkehr nach Südafrika bedeutet. Für meine Eltern aber war das Leben im Südafrika der siebziger Jahre mit der abscheulichen Rassentrennung unerträglich geworden. Mein
Vater hatte das kritische Literaturmagazin Bolt gegründet und erregte die Aufmerksamkeit der Behörden, indem er die Gedichte eines Schwarzen, des damaligen Präsidenten von Senegal,
Léopold Senghor, darin veröffentlichte. Eines Sonntags läuteten zwei Telefontechniker. „Wir haben keine Probleme, und außerdem ist Sonntag“, sagte meine Mutter. Dennoch installierte
der Monteur vor den Augen meiner Eltern im Telefonhörer eine Wanze. Von diesem Zeitpunkt an wurden alle Telefonate überwacht. Wenn meine Eltern das Haus verließen, wurden
sie beschattet. Die Beamten der Sicherheitspolizei verheimlichten ihre Anwesenheit nicht, sondern winkten zynisch. Kuverts wurden aufgerissen, Briefe gelesen und wieder in die Umschläge
gesteckt. Mein Vater hatte zu dieser Zeit eine Reihe von schwarzen Freunden, aber unter der Apartheidsregierung war es fast unmöglich, Kontakt zu halten. Wenn Gäste zum Abendessen
in die Wohnung kamen, mussten sie heimlich den Dienstbotenlift nehmen. Die Benutzung des „Weißenlifts“ und der Aufenthalt im Gebäude nach Einbruch der Dunkelheit waren ihnen
verboten. Wir flüchteten nach England, wo uns schnell das Geld ausging. Eines Tages erfuhr meine Mutter, dass man mit einem irischen Pass in England
dauerhaft leben und arbeiten konnte. Sie wühlte sich durch das Taufregister im irischen Waterford, bis sie einen Taufschein meines Urgroßvaters
ausfindig machte. Wir alle wurden Iren. Wenn ich sehe, wie viel Blut vergossen wurde im Namen unzähliger Nationalitäten, bin ich froh, in so vielen Ländern friedlich aufgenommen
worden zu sein. Die eigene Nationalität scheint mir keine Frage des Reisepasses zu sein, sondern dieses Gefühl, Anker schlagen zu dürfen. „Was bist du zum Teufel?“, fragte mich neulich
jemand. Ich bin überzeugter Europäer. Fragen Sie mich nur nicht nach meinem Pass …

Mit Bach wäre das nicht passiert / 01.03.2014

Wie ich einmal im Badezimmer an Mendelssohn scheiterte und mich dennoch in eine Melodie verliebte

Bei meinem letzten Stopp in Berlin besuchte ich Mendelssohn. Der große Komponist liegt auf dem Friedhof am Halleschen Tor in Kreuzberg. Im Gegensatz zu anderen opulenten
Denkstätten ist dieser Ort trist und umkreist von Wohnhäusern, die auf Legenden herunterschauen, ohne es zu ahnen. Felix Mendelssohn Bartholdys himmlische Musik fasziniert mich nicht weniger als sein ungeheures Arbeits- und Reisepensum. In Berlin wuchs er auf, Düsseldorf bot ihm die erste Anstellung, in Frankfurt am Main fand er seine Frau, Leipzig mit dem Gewandhaus wurde neben London die wichtigste Wirkungsstätte. Ende zwanzig – da er schon lange komponierte und als Pianist Aufsehen erregte, da er Goethe in Erstaunen versetzt hatte, von Cherubini in Paris als außergewöhnliche Begabung erkannt worden war – schrieb er sein Violinkonzert. Meine erste Begegnung mit dem Konzert war nicht einfach. Mit acht Jahren vertraute ich
meinem Zimmergenossen Ikki im Musikinternat in England an, dass ich lieber als alles andere dieses Werk spielen würde. Yehudi Menuhin hatte mit sieben Beethovens Violinkonzert gespielt,
ich würde Mendelssohn meistern – dachte ich mir. Ich musste nur einen Ort finden, wo ich unentdeckt üben konnte. Meine Lehrer würden nicht einverstanden sein, wenn ich ein Stück
spielte, das viel zu schwierig für mich war. Das Badezimmer auf dem Gang schien mir ideal. Ich kam kaum über ein paar Takte hinaus. Es muss geklungen haben, als strangulierte
jemand mehrere Katzen gleichzeitig. Aber es war ein Akt der Befreiung, ich fühlte mich wie ein Vollblutmusiker. Ich war durchdrungen von dieser wunderbaren e‑Moll-Melodie am Anfang des Konzerts, als ich plötzlich erstarrte. Es hatte laut geklopft. „Würdest du bitte die Tür öffnen“, hörte ich die Hausmutter mit ihrem strengen irischen Akzent. „Was um alles in der Welt fällt dir ein?“, fuhr siemich an. Sie zerrte mich am Ohr und schnappte sich gleichzeitig meinen Notenständer, den ich in die Badewanne gestellt hatte. Draußen hatten sich schon meine Mitschüler feixend versammelt. Einige Tage später wurde ich zum Musikdirektor gerufen und war erstaunt, meine Eltern dort vorzufinden. „Mr. und Mrs. Hope“, begann der Direktor, „ich habe Sie aus London hierhergeholt, weil ich Ihnen leider mitteilen muss, dass Ihr Sohn ohne Erlaubnis das Mendelssohn-Konzert geübt hat. Er wurde ertappt – im Badezimmer.
Bach soll er üben, nicht Mendelssohn!“ Wie sagte einst Mendelssohn: „Es wird so viel über Musik gesprochen und so wenig gesagt. Ich glaube überhaupt, die Worte reichen nicht hinzu, und
fände ich, dass sie hinreichten, würde ich am Ende keine Musik mehr machen.“ Zwei Wochen später verließ ich das Internat und wechselte meinen Geigenlehrer. Das erste
Stück, das ich mit dem neuen Lehrer erarbeitete, war das Violinkonzert von Mendelssohn. Seitdem ist dieses Meisterwerk mein ständiger Begleiter. Außer im Badezimmer.

La le lu, nur der Mann am Bett schaut zu / 01.02.2014

Wie mich Londoner Wissenschaftler einmal darin bestätigten, dass eine ganz spezielle Musik Kleinkindern guttut

Die ältere Dame beugte sich über den Autogrammtisch: „Na, haben Sie ihm schon vorgespielt? Er soll doch viel Mozart hören!“ Gemeint hat sie unseren Neugeborenen. Obwohl ich erst seit kurzem Vater bin, wurde mir die Frage nach der Wirkung von Musik auf Kleinkinder schon oft gestellt. Bei der Vorstellung seines Budgets von 12,5 Milliarden US-Dollar für 1999 führte der
damalige demokratische Gouverneur von Georgia, Zell Miller, alle Grundlagenkosten auf, die Ausgaben also für Schulen, Straßen, Krankenhäuser. Dann fügte er ein unerwartetes Element
hinzu: einen Antrag auf 105 000 Dollar Steuergelder für eine klassische Musik-CD, die jedes Kind Georgias kostenlos erhalten sollte. Der Gouverneur betätigte daraufhin die Starttaste an
seinem CD-Player, und die Versammlung hörte einen Auszug aus der „Ode an die Freude“ von Beethoven. „Fühlt ihr euch jetzt nicht alle intelligenter?“, fragte Miller in die Runde.
Der Gouverneur spielte auf den „Mozart- Effekt“ an, einen Begriff des Schriftstellers Don Campbell. In seinem gleichnamigen Buch behauptet Campbell, das Hören klassischer Musik –
und vor allem Mozart – könne zu einem Anstieg bestimmter kognitiver Fähigkeiten führen. Die Theorie beruht auf dünn recherchierten Erkenntnissen über kaum messbare Leistungssteigerungen
bei Tests unter Erwachsenen. Wenn man diese „Recherchen“ zusammenwürfelt und auf einen Slogan reduziert wie „Mozart macht Babys clever“, entsteht eine verführerische Schlagzeile,
die sich anscheinend durchsetzt. Der vermeintliche „Mozart-Effekt“ inspirierte Julie Aigner-Clark zu einem billig produzierten Video, das Puppen und Spielzeuge zeigte,
die sich zu klassischer Musik bewegen, und das sie unter dem Namen „Baby Mozart“ veröffentlichte. Damit soll das Baby von Lebensbeginn an vor die Glotze gesetzt werden. Bald erschienen
weitere Reihen mit „Baby Einstein“ oder „Baby Van Gogh“. 2001 kaufte die Walt Disney Company die „Baby Einstein“-Gruppe. Als sie die DVDs unter „Erziehung“ vermarkteten, wurde
Disney mit einer Klage bedroht. Seither haben Forscher wachsende Zweifel am „Mozart-Effekt“. Wissenschaftler an der University of Washington berichten sogar, dass das Betrachten von solchen
Videos zu einer deutlichen Beeinträchtigung der Leistung bei Kleinkindern führen kann. Ist vielleicht ein altes Mittel noch immer das beste? Wir wissen alle, dass es meistens eine beruhigende
Wirkung hat, wenn Eltern ihren Kindern Lieder vorsingen. Im Oktober 2013 hat eine Studie des Great Ormond Street Hospital in London es nachgewiesen. Die Experten untersuchten
bei 37 Babys und Kleinkindern, wie ein zehnminütiges Vorsingen das Schmerzempfinden, die Sauerstoffsättigung im Blut und den Puls beeinflusste. Die Eltern sangen zuerst vor, lasen dann
gleich lange und saßen schließlich stumm am Bett. Das Singen wirkte eindeutig am beruhigendsten auf die Kinder. Und nun weiß ich auch,was ich gleich tun werde.

Julius, alter Julius / 01.01.2014

Wie ich einmal in den Briefen meines Berliner Ururgroßvaters stöberte und dabei lernte, dass Vielfalt vor Krieg schützen kann

Am 10. November nahm ich an einer Gedenkveranstaltung der Stadt Berlin teil, einem Konzert vor dem Brandenburger Tor. Mehr als 1000 Schülerinnen und Schüler setzten sich in der Ausstellung „Zerstörte Vielfalt“ damit auseinander, was die NS-Diktatur für die Gesellschaft der Stadt bedeutete. Meistens wenn ich nach Berlin komme, versuche ich, den Luisenfriedhof aufzusuchen. Dort liegt mein Ururgroßvater, Julius Valentin, begraben. Vor diesem Gedenkkonzert fuhr ich jedoch in die Staatsbibliothek. Ich wollte mir die Briefe Julius Valentins noch einmal ansehen. Ich wollte spüren, wie die Berliner Vielfalt für ihn ausgesehen hatte. Ein Brief vom November 1863 schlug mich sofort in den Bann. Mein Vorfahre traf eines Abends seinen Schulfreund Emil Rathenau wieder. Kurz darauf gründeten die beiden eine Fabrik zum Bau von leicht transportablen Dampfmaschinen. Durch den Deutsch-Französischen Krieg florierte das Geschäft, kurz danach begann auch in Berlin ein rapider industrieller Aufschwung. Bald aber wurde die Stadt den beiden tatendurstigen Herren zu eng. Was konnte verlockender sein als Amerika,
wo 1876 in Philadelphia die erste Weltausstellung stattfand? Valentin und Rathenau bestiegen in Liverpool den Dampfer „Bothnia“. Julius Valentin schreibt: „Die Gesellschaft der Engländer und
Amerikaner ist durchaus keine angenehme. Man kann sich leicht überzeugen, dass es mit der viel gepriesenen Manierlichkeit der Engländer nicht weit her ist.“ Später schreibt Julius an seine Frau,
dass New York alles übertreffe, was er je gesehen habe. Beeindruckt waren die Männer vor allem vom technischen Fortschritt. „Jedes Haus hat einen Fahrstuhl, jedes Warenhaus gleich mehrere.“
Die Eisenbahn, mit der sie nach Philadelphia fuhren, sei der in Deutschland um 100 Jahre voraus,so das vernichtende Urteil.

Sie kamen an einem Sonntag in Philadelphia an. „Offenbach, der eine seiner Operetten dort selber dirigierte, wohnt in unserem Hotel. Ich habe ihn schon mehrfach gesehen“, schwärmte
Julius. Die Briefe bieten einen köstlichen Einblick in diese Zeit – „das Publikum besteht aus den reichsten Amerikanern, die ungeheuren Luxus in Toiletten und Equipagen treiben. Die Damen
kleiden sich mit mehr Schick als die Französinnen und übertreffen diese an Schönheit und schönen Gestalten.“ Und dann fiel der erstaunliche Satz: „Wenn wir unser Berlin nur gesellschaftlich,
kulturell und industriell öffnen würden, um eine solche Vielfalt hineinzulassen, so würde es keine Kriege mehr geben …“ Diese Worte brachten mich zurück in die heutige Zeit – kurz vor meinem Auftritt am Brandenburger Tor. Als die herrliche Musik von Kurt Weill, Werner Richard Heymann und Hanns Eisler über den Platz schallte und ich die Gesichter von Coco Schumann, Walter Jurmann, Alfred Kerr, Elisabeth Bergner und den anderen vertriebenen Berliner Künstlerinnen und Künstlern sah, die auf das Brandenburger Tor projiziert wurden, wusste ich, dass der alte Julius recht hatte.



2013


Danke, du mich auch! / 01.12.2013

Wie ich in Frankreich einmal lernte, dass Musiker vor keinem Kraftwort zurückschrecken, um böse Geister zu bannen

Kommt alles Gute von oben, wie es in der Bibel heißt? Lässt es sich herbeiflehen, durch fromme Wünsche oder Beschwörungsformeln? Niemand weiß es. Trotzdem hat sich die Menschheit nie von dem Versuch abhalten lassen, dem Schicksal in die Karten zu sehen. Lang ist die Kette von vermeintlich sicheren Methoden, den Schleier des großen Geheimnisses zu lüften, angefangen beim Orakel in Delphi bis zum Horoskop in der Tageszeitung. Und immer wieder gab es Wahrsager und Wunderheiler, denen man übersinnliche Fähigkeiten zutraute, ob es die Vogelbeschauer im alten Rom waren oder der unheimliche Rasputin. Dass man Musikern und besonders Komponisten eine besondere Anfälligkeit für alles Übernatürliche zuschreiben muss, will ich nicht behaupten. Aber Beispiele hat es zweifellos gegeben. Es bleibt schwer zu beurteilen, ob es sich dabei um Grenzfälle geistiger Verwirrung handelte. Bei Musikern ist es üblich, dass wir uns Sprüche überlegen, um den bösen Geistern aus dem Weg zu gehen. Neulich, kurz vor meinem Auftritt in Moskau, sagten mir meine russischen Freunde, dass man zum Schulterklopfen „geh zum Teufel!“ antworten müsse und sich niemals bedanken dürfe. Irgendwann in Frankreich hatte mir ein Mitstreiter auf dem Weg zur Bühne „Je vous dis merde“ zugeraunt. Ich glaubte, mich verhört zu haben. Er wünschte mir Scheiße? Nicht viel besser erging es mir in Italien. „In bocca al lupo!“, rief mir jemand vor einem Konzert zu. Als ich ihn völlig verständnislos ansah, sagte er nur, ich müsse mit „Crepi il lupo!“
antworten. Hinterher habe ich im Wörterbuch nachgeschlagen und begriffen, dass er mir das „Maul des Wolfes“ an den Hals gewünscht hatte und ich daraufhin mit der Parole „Tod dem Wolf“ zu reagieren hatte. Angeblich geht der Spruch auf die kapitolinische Wölfin zurück, von der Romulus und Remus gesäugt wurden. Verglichen mit Exkrementen, Raubtieren und Satan, kommt mir das im deutschen Sprachraum übliche „Hals- und Beinbruch“ sehr zivil vor. Am besten, so die abergläubische Theorie, führt man die Dämonen dadurch in die Irre, dass man das Gegenteil von dem sagt, was man meint. Das funktioniert deshalb leicht, weil die unliebsamen Gesellen nicht nur böse, sondern obendrein von sehr begrenzter Intelligenz sind. Wünscht man also einem Musiker vor dem Auftritt nicht Glück und Erfolg, sondern eben Hals- und Beinbruch, halten die Geister eigenes Eingreifen für überflüssig, weil ihnen Schlimmeres als eine Mehrfachfraktur für einen
Geiger nicht einfällt. Wobei die Täuschung durch das Wort „Beinbruch“ zu Shakespeares Theaterzeiten eine Spur subtiler war: Üblicherweise warf das Publikum, wenn es mit der Vorstellung zufrieden war, Trinkgelder auf die Bühne. Wenn sich die Schauspieler danach bückten, brachen sie sich zwar nicht die Beine, verrenkten diese aber, um an das Kleingeld zu kommen. Je häufiger sie es tun konnten, desto höher waren ihre Einnahmen.Zum Glück ist diese Art der Abendgage passé.

Bob weiss Bescheid / 01.11.2013

Wie mich ein Alien einmal daran erinnerte, dass der Mensch ein abgründiges Wesen und seine Musik doch ein Wunder ist

Ich war in Eile. Endlich zu Hause in Wien angekommen, hatte ich nur kurz Zeit, mich vor der Generalprobe auszuruhen. Als ich die Augen schloss, um abzuschalten, bildete ich mir
ein, plötzlich ein Klopfen an der Terrassentür zu hören. Ich sprang auf, eilte zur Terrasse und blickte auf eine silberne Gestalt mit riesigen Augen und einem kegelförmigen Haupt ohne
Ohren. Da stand ein Alien. „Servus, Erdling“, sagte er. „Mein Name ist Bob. Ich komme von Deneb, einem Stern in der Konstellation von Cygnus, 1550 Lichtjahre entfernt. Ich komme
in Frieden. Darf ich reinkommen?“ „Wissen Sie, Bob, ich würde Sie schon gernehereinbitten, aber ich habe gerade keine Zeit.“ Bob grinste. „Ach, weißt du, Erdling, es gibt die Zeit nicht mehr.“ Er schnippte mit seinen langen Fingern, und alles um uns herum erstarrte, die Vögel hingen in der Luft, die Herbstblätter blieben auf dem Weg nach unten stehen. Ich machte uns einen Kaffee, wir setzten uns auf das Sofa, Bob plauderte. Dass er von einer PR-Firma auf Deneb beauftragt worden sei, der negativen Presse ein Ende zu setzen. „Weißt du, Erdling, wir werden inzwischen für alle Katastrophen verantwortlich gemacht. Das ist einfach nicht fair. So haben wir beschlossen, euch zu besuchen, um euch von unseren guten Seiten zu überzeugen.“ „Moment, Bob, wollen Sie mir sagen, Sie machen Hausbesuche, um für die Alien Community zu werben? Dann seid ihr im Grunde nicht besser als die Politiker hier auf der Erde.“ „Na ja“, konterte Bob, „im Gegensatz zu
euren Politikern ist es uns nicht möglich zu lügen. So sind wir nicht gebaut. Wir sind friedliche Wesen und helfen uns. Euer Hass und eure Gewalt haben sich schon in den verschiedensten
Galaxien herumgesprochen. Neulich hat mir ein Cyberborg erzählt, dass euer Konflikt in Syrien bisher 1,6 Millionen Flüchtlinge hervorgerufen hat. Gib’s zu, Erdling, ihr habt es vermasselt.“
Da musste ich Bob recht geben. Trotzdem fühlte ich mich ein wenig verantwortlich, meine Spezies zu verteidigen: „Aber wir sind nicht alle böse, Bob. Schau mal, welch schöne Dinge wir produziert haben, Musik, Kunst, Literatur, Architektur.“ Plötzlich leuchteten Bobs Augen. „Na gut, wenn ich ein Herz hätte, würde es bei Bach und Schubert vermutlich aufgehen. Aber ganz ehrlich: Hat die Musik des 20. Jahrhunderts nach Strawinski Fortschritte gemacht?“ „Aber ja, Bob“, erwiderte ich. „Und was heißt hier Fortschritt? Die Musik ist eben anders, größer, komplexer, aber unheimlich spannend. Clara Schumann sagte einmal: ‚Musik drückt aus, worüber besser geschwiegen worden wäre‘.“ Ich weiß nicht, wie lange wir dasaßen, aber ich überredete Bob irgendwann, die Zeit wiederanzuschalten. Ich lud ihn ein, mit in die Generalprobe zu kommen. Aber er lehnte höflich ab. Mit Birtwistles Musik könne er wenig anfangen. Wir verabschiedeten uns. Ich schloss die
Augen und hörte, wie Bob auf leisen Sohlen davonschlich. Vermutlich zu Sigourney Weaver.

Wer nicht wagt, hat schon verloren / 01.10.2013

Wie mich ein in Singapur gekauftes Buch zu einem Berliner Benefizkonzert animierte und warum jeder „etwas tun“ kann

Als sich der Sommer in diesem Jahr dem Ende zuneigte, habe ich mich dabei ertappt, eine Art Zwischenbilanz ziehen zu wollen. Vielleicht liegt es daran, dass ich kürzlich das fünfte Lebensjahrzent erreichen durfte. „Die ersten vierzig Jahre unseres Lebens liefern den Text, die folgenden dreißig den Kommentar dazu“, meinte Arthur Schopenhauer. In diesem Sommer hat mir vor allem das  hinreißende Buch von Florian Illies, „1913“, viel Stoff zum Nachdenken gegeben.

Vor ziemlich genau fünf Jahren, im Sommer 2008, stand ich in Singapur am Flughafen und war auf dem Weg in den Urlaub. Ich wollte nach Malaysia. Am Kiosk sah ich einen Titel, auf dem
„Kristallnacht“ stand. Das Buch war von Martin Gilbert, einem britischen Historiker. Ich nahm es mit. Natürlich wusste ich, was sich in der Pogromnacht ereignet hatte. Meine Familie war von
den Nazis gezwungen worden, die Villa in Dahlem zu verlassen. Das hat mein Urgroßvater nicht verkraftet. Er nahm sich das Leben, kurz nach dem 9. November, als er merkte, wie sehr er sich
in „seinem“ Deutschland getäuscht hatte. Dann fiel mir auf, dass seit der Pogromnacht 70 Jahre vergangen waren. Ich rief meine Freunde in Deutschland an und fragte sie: Wie wird dieser
Tag begangen? Ich war erstaunt, dass außer einem Staatsakt am Morgen nichts geplant war. Man musste etwas tun! Und so begann eine Idee Realität zu werden.

Die ersten Gespräche mit Politikern verliefen ohne Ergebnisse. Ich rief Freunde und Kollegen an. Zuerst Thomas Quasthoff, dann Klaus Maria Brandauer und Max Raabe. Ich erzählte ihnen
von meiner Idee einer Benefizveranstaltung: An die Vergangenheit erinnern, um für die Zukunft nach vorne zu schauen. Wir hatten keine Lokalität. Alles war ausgebucht. Es wurde September,
und ich hatte immer noch keine finanziellen Mittel. Dauernd hörte ich: Das schaffst du nicht!

Aber wir haben es geschafft. Dank großartiger Künstler, die bereit waren, Risiken einzugehen, und durch visionäre Menschen und Firmen, die bereit waren, großzügig zu spenden. Wir verwandelten die Abfertigungshalle des Flughafens Berlin-Tempelhof in einen Konzertsaal, spielten für über Tausend Menschen und nahmen eine beachtliche Summe für die Freya-von-Moltke-
Stiftung ein. Diese Stiftung wählte ich deshalb aus, weil Freya von Moltke meine Familie nach dem Krieg unterstützte. Es wurde meine erste Veranstaltung mit dem Namen „Tu was“. Sie kam
durch relativ einfache Mittel zustande: das Telefon in die Hand nehmen, Freunde anrufen. Und alles aufgrund eines Buches, das mich zum Nachdenken gebracht hatte.

Als ich in diesem Sommer „1913“ las, wurde mir wieder bewusst, dass am kommenden 9. November der 75. Jahrestag der Pogromnacht naht. Das Prinzip „etwas tun“ ist mir heilig, auch
wenn es nicht immer funktioniert. Ob ich es wieder schaffe, eine Benefizveranstaltung für die Stadt Berlin auf die Beine zu stellen? Ich werde es auf jeden Fall versuchen.

 

Für jedes Kind ein Instrument! / 25.08.2013

Die schönen Künste kommen in unserer Gesellschaft zu kurz – nicht nur im abgespeckten Bildungssystem, sondern auch im Alltag. Violinist Daniel Hope plädiert dafür, die soziale Kraft der Kreativität zu nutzen

Neulich sprach ich bei dem Branchenforum Classical Next. Über 800 internationale Fachbesucher waren nach Wien gekommen, Konzerthausmanager, Musiker, Künstleragenten, Vertreter von Labels und Vertrieben sowie Journalisten aus 40 Ländern. Zufällig fiel dieses Datum exakt auf den 100. Jahrestag der skandalösen Pariser Première von Igor Strawinskis „Le Sacre du Printemps“. Es gibt nicht viele Werke, die in den vergangenen 100 Jahren einen solchen Aufruhr ausgelöst haben.

Die Musikwelt hat sich seitdem radikal verändert. Wenn wir den Kassandrarufen glauben würden, wären wir klassischen Musiker schon am Ende. Schreckensbilder tauchen auf von Künstlern, die wie Mozart von Gläubigern verfolgt werden oder wie Schubert den Winter in ungeheizten Dachkammern verbringen und mit klammen Fingern ihr verstimmtes Fortepiano bedienen. Und was ist aus den Sponsoren-Millionen geworden, mit denen „Lehman Brothers“ und die anderen Pleite-Banken Musik und Theater unterstützen wollten? Darf man noch hoffen, dass die Schecks ausgehändigt werden? Wird es auch überhaupt Leute geben, die das Geld für eine Konzertkarte, eine CD, zumindest einen Download erübrigen?

Wer Musik liebt oder wer sie nur verkauft, beschäftigt sich mit solchen Fragen nicht erst seit der Finanzkrise. Die Musik hatte immer schon heilende Kräfte, und sei es nur, dass sie die Nerven beruhigt – so wie anno 1873, als Johann Strauss gleich nach dem großen Börsenkrach in Wien in seiner „Fledermaus“ schrieb: „Glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist.“ Man sollte aber nicht vergessen, dass Krisen den Anstoß zu neuen Überlegungen geben, dass sie, wie es Max Frisch formuliert hat, in einen „produktiven Zustand“ übergehen können, sofern man ihnen „den Beigeschmack der Katastrophe nimmt“. Das Problem ist nur: Vor allem die jungen Menschen haben immer seltener Gelegenheit, klassische Musik zu entdecken. Der Ursachenkatalog wurde oft genug aufgezählt: Hausmusik ist zur Ausnahme geworden, der Musikunterricht in den Schulen unzureichend; klassische, angeblich antiquierte Konzerte schrecken ab; die Oper ist häufig elitär; die Eintrittspreise sind gesalzen, manche Zeitungskritiken abgehoben; gewisse Radioprogramme verbreiten nur belangloses Gedudel.

Es gibt aber keine Krise der klassischen Musik. Sie ist vital wie eh und je. Die Krise liegt in der Geringschätzung, die der Musik entgegengebracht wird. Was kann man dagegen tun? In Deutschland gibt es Künstler und Institutionen, die unermüdlich kämpfen, um die Musik an die Jugend zu bringen: Von Lars Vogts „Rhapsody in School“ bis zum „Netzwerk Junge Ohren“, von „Live Music Now“ bis zu „Jedem Kind ein Instrument“. Diese großartigen Organisationen machen Deutschland zum Vorreiter. Aber sie brauchen unsere Unterstützung, von Künstlerseite wie auch von der Musikbranche. Ich bin ein großer Befürworter der musischen Erziehung. Der Zweck der Kunsterziehung ist es aber nicht, Künstler zu produzieren. Ihr Zweck ist es, unserer Jugend eine humanistische Ausbildung zu ermöglichen, damit sie ein erfülltes und produktives Leben in einer freien Gesellschaft verwirklichen kann.

Wenn wir uns in einem globalen Markt wirtschaftlich behaupten wollen, brauchen wir Kreativität, Einfallsreichtum und Innovation. Aber echte Innovation kommt nicht nur durch Technologie, sie kommt durch Kunst. Kunst ist ein unverzichtbares Hilfsmittel, die Welt zu verstehen und zu definieren. Das Erwachsenwerden beginnt in der Phantasie eines Kindes. Aber in den vergangenen 20 Jahren blieb die Phantasie zugunsten des Marktes auf der Strecke. Und ein Markt macht nur eins – er legt Preise fest. Die Rolle von Kultur muss jedoch über das Wirtschaftliche hinausgehen. Ihr Fokus sollte der Wert sein und nicht der Preis.

Es gibt nur eine einzige soziale Kraft, die stark genug ist, um der Vermarktung von kulturellen Werten gegenzusteuern: unser Bildungssystem. Doch im Jahr 2013 werden die Kinder in unseren Schulen meistens ausgebildet ohne Musik, ohne bildende Kunst, Tanz oder literarische Künste. Die Ausbildung fördert in erster Linie die analytische Seite des Gehirns, während die andere Hälfte, die ganzheitliche, intuitive und ästhetische, unterentwickelt bleibt.

Musik lohnt sich – und das meine ich nicht materiell, auch wenn ich von der Musik lebe. Musik lohnt sich, weil sie jeden, der sie mit wachen Sinnen in sich aufnimmt, bereichert und mit Sphären vertraut macht, die ohne Musik verschlossen blieben. Lasst uns gemeinsam kämpfen, die Musik zu stärken, damit ihre Strahlkraft noch mehr Menschen erreicht und bereichert.

Mein Geigen-Stopp am russischen Flughafen / 03.08.2013

Musiker geben ihre Instrumente ungern aus der Hand. Auf Reisen ist da Kreativität gefragt. Der Geiger Daniel Hope berichtet von einem kuriosen Erlebnis am russischen Flughafen

Als Reisender Musiker führen mich Tourneen um den ganzen Erdball. Die vielen Hürden, die mir und meinen Kollegen das Reisen erschweren, verlangen eine enorme Kreativität. Wir Streicher geben unsere Instrumente nie aus der Hand. Deshalb brauchen Cellisten, wenn sie per Flugzeug unterwegs sind, nicht nur ein Ticket für sich selber, sondern auch noch ein zweites für „Mrs. Cello“, die für die Gepäckablage zu dick ist und einen eigenen Sitzplatz in der Kabine benötigt. Manche verlangen von der Stewardess sogar eine Extramahlzeit für ihre Begleitung.

Vor kurzem kam es zu einem Eklat beim berühmten amerikanischen Cellisten Lynn Harrell. Harrell hatte seine „Mrs. Cello“ bereits vor Jahren als Person beim Meilenprogramm einer amerikanischen Luftlinie registriert und somit auch Meilen für das Extraticket kassiert. Eine völlig legitime Angelegenheit, schließlich muss der Musiker für sein Instrument den vollen Tarif zahlen, selbst wenn er sein eigenes Ticket reduziert ergattert. Harrell staunte nicht wenig, als die Fluggesellschaft ihn schließlich ganz aus ihrem Meilenprogramm warf, seine Meilen konfiszierte und ihn auf Lebenszeit sperrte.

Bei Geigern ist es in letzter Zeit häufig zu Problemen beim deutschen Zoll gekommen. Kurz hintereinander sind einige Solisten bei der Ankunft am Frankfurter Flughafen festgehalten und ihre Instrumente beschlagnahmt worden, obwohl sie außerhalb Deutschlands leben oder nur umsteigen wollten. Jeder Musiker, der von außerhalb der EU einfliegt, muss nämlich sein Instrument beim Zoll deklarieren, ob es ihm gehört oder nicht. Ansonsten droht ihm eine hohe Geldstrafe. Allerdings scheinen gewisse Beamte an den verschiedenen Flughäfen nicht immer informiert zu sein, wie die Regeln tatsächlich lauten. So werde ich öfters mit fassungslosen Blicken konfrontiert, wenn ich morgens um 5 Uhr, gerade aus Amerika gelandet, den Herrschaften zu erklären versuche, dass das Instrument nicht „Neuware“ ist, die im Drittland günstig eingekauft wurde, sondern ziemlich alt.

Nur in Russland gibt es immer wieder interessante Begegnungen beim roten Zolldurchgang. Die Unterhaltung verläuft etwa so:

„Guten Tag, ich bin Geiger.“

Der Beamte sagt: „Moment.“

Danach kommt der nächste und fragt: „Was wollen Sie?“

„Ja, ich bin Geiger, ich spiele hier ein Konzert.“

„Aha, Konzert! Geiger. Moment.“

Dann kommt wieder ein anderer, und irgendwann wird man an eine Frau weitergereicht, eine ziemlich massive Frau in Uniform. Die sagt: „Skripka, aha. Auspacken. Sofort!“

Man steht am Flughafen, die Leute gehen an einem vorbei, und du musst die Geige herausnehmen. Du bist ganz vorsichtig. Und die Frau in Uniform packt sie mit dicken, tintenbeklecksten Fingern, reißt sie an sich, schüttelt sie und dreht sie. „Stradivari?“

„Nein.“

Sie guckt noch einmal. „Guadagnini?“

„Nein.“ Jetzt guckt sie die Geige fast herablassend an.

Und dann fängt sie an, die ganze Palette von Geigenbauern aufzusagen. „Ruggieri?“

„Nein.“

„Testore?“

„Nein.“

Es ist schon erstaunlich. In anderen Ländern kennt ein Zollbeamter höchstens die „Stradivari“. Aber sie, die russische Dame vom Zoll, kennt fast alle. Gereizt fragt sie: „Ja, was ist es denn?“

„Es ist eine Guarneri.“

Augenrollend fotografiert sie die Geige, notiert und stempelt alles. Das Procedere dauert fast eine halbe Stunde.

Russen besitzen übrigens einen wunderbaren, skurrilen Humor. Eine Musikeranekdote der ehemaligen Leningrader Philharmoniker gefällt mir besonders: Eines Abends, während einer Tournee durch die Vereinigten Staaten, bei einer Feier im Hotelzimmer der Musiker, ließ jemand eine brennende Zigarette auf das Sofa fallen. Anstatt ein Kissen auf den Brandfleck zu legen, um die Beschädigung zu verbergen, beschlossen die Musiker, dass einer von ihnen mitten in der Nacht in einem Baumarkt, der 24 Stunden geöffnet hatte, eine Axt kaufen sollte. Gesagt, getan. Dann wurde das Sofa in Stücke gehackt und in Kleinteilen im Gepäck herausgeschmuggelt. Als der Manager des Hotels irgendwann fragte, wo bitte sehr das schöne Sofa aus Zimmer 413 geblieben sei, zuckten alle die Schultern und sagten nur: „Welches Sofa?“ Reisende Musiker sind eben besonders erfinderisch.

Schlagt ihn tot, er ist ein Rezensent! / 06.06.2013

Musik und Musikkritik sind heute oft geschiedene Leute. Gute Kritiker sind selten geworden und oft sind die Rezensionen auf „Dschungelcamp“-Niveau. Doch es gibt Ausnahmen

Es war anno 2001: In der Lobby des Hotels, wo ich einchecken wollte, stand zufällig eine Kollegin vor mir, eine brillante amerikanische Musikerin, damals am Anfang ihrer Weltkarriere. Kopfschüttelnd gestikulierte sie, während sie in eine Tageszeitung schaute. „Ich fasse es nicht!“, sagte sie zu ihren Eltern, die neben ihr standen: „Ein ganzes Jahr arbeite ich an diesem Programm, und das Einzige, was diesem MANN einfällt, ist, mich ein ‚loliteskes Persönchen‘ zu nennen! Ich möchte ihn einmal auf der Bühne erleben!“

Darf man reagieren, wenn eine Kritik unter die Gürtellinie trifft? Legendär ist Max Regers Antwort: „Ich sitze im kleinsten Raum des Hauses. Ihre Kritik habe ich vor mir. Bald werde ich sie hinter mir haben.“ Als ich mit 15 begann, öffentlich aufzutreten, habe ich mit pochendem Herzen geblättert, um zu erfahren, wie der Rezensent meine Leistung bewertet hatte. Inzwischen kann ich behaupten, dass ich jede Art von Kritik erlebt habe. Neben köstlichen Verwechslungen wie „Donald Hope, der australische Pianist“ sind die Urteile mal so übertrieben positiv, mal so unglaublich schlecht, dass ich sicher bin: Dies kann einfach nicht sein. Trotzdem frage ich mich jeweils nach einer negativen Kritik, ob etwas davon stimmt. Der Dirigent Leopold Stokowski sagte: „Am gefährlichsten sind jene Kritiker, die von der Sache nichts verstehen, aber gut schreiben.“ Ich würde es anders formulieren: Eine schlechte Kritik, wenn sie kenntnisreich und fundiert ist, kann einem Künstler helfen und ihn weiterbringen.

Einer der gefürchtetsten Musikkritiker seiner Zeit war Eduard Hanslick (1825-1904), berühmt für seine von Ironie und Wortwitz sprühenden Rezensionen. Manche Künstler haben sich für die bösen Auslassungen revanchiert. Richard Wagner hat es seinem Widersacher heimgezahlt, indem er ihn in den „Meistersingern von Nürnberg“ in Gestalt des „Merkers“ Sixtus Beckmesser verewigte. Am berühmtesten ist Goethes Gedichtzeile: „Schlagt ihn tot, den Hund! Er ist ein Rezensent.“ Ein Schauspieler im Frankfurter Theater tat 2006 fast genau das: Er sprang von der Bühne runter, entriss dem Kritiker den Notizblock und beschimpfte ihn.

Es gab Zeiten, da die Leute Kritiken fasziniert gelesen haben, weil sie unbedingt etwas über die jeweils aufgeführten Werke und die mitwirkenden Musiker erfahren wollten. Damals waren die Zeilen informativ, kompetent, manchmal mit einer gesunden Dosis Ironie – aber niemals persönlich. Leider beherrschen nur noch wenige diese Kunst. Symptomatisch war eine Begegnung mit einem Studienfreund, der mir nach dem Besuch eines Konzerts erzählte, dass er nun Musik- statt Filmkritiken schreibe. Ich fragte ihn, wie er über das Konzert berichten wolle. Er bat mich, ihm zu raten, er selbst wisse nämlich nicht weiter. Heute kommt noch hinzu, dass viele Zeitungen, bedingt durch die rapide Abnahme von Werbeeinnahmen, bei der Musikredaktion radikal sparen müssen. Und mit dem Internet-Blogging scheint der Sofa-Kritiker endgültig etabliert zu sein. Jetzt muss sich der Rezensent sogar vor der ganzen Welt verteidigen: Es ist nur eine Frage der Zeit, bis er selber im Netz beurteilt wird. Die Spielregeln ändern sich.

Im November 2012 las ich einen bizarren Artikel mit der Überschrift „Unter dem Röckchen der Hure Klassik“. Zielscheibe dieser Tirade waren viele geschätzte Kollegen, die neben ihren Musikkarrieren andere Tätigkeiten wie das Schreiben oder Moderieren mit Erfolg ausüben. Der Artikel richtete sich auch gegen mich, wobei die trashigen Bemerkungen in meinem Fall ausschließlich mein Aussehen betrafen, und erinnerte mich eher an „Dschungelcamp“-Journalismus. Im Übrigen war der Autor derselbe, dem es gelungen war, sein Klassik-Vokabular in den elf Jahren von „lolitesk“ auf „Hure“ zu steigern.

Eine würzige Rezension, die hingegen wirklich saß, war von einem Kritiker, den ich sehr schätze. Sie erschien nach meinem ersten Auftritt mit dem Beaux Arts Trio in Boston. In der Kritik las ich, dass ein Newcomer eingesprungen sei, ein (immerhin!) feinfühliger Musiker, bei dem man es aber leider mit dem lautesten Fußstampfer seit Rudolf Serkin zu tun habe. Er habe bei Schumann so laut gestampft, dass man sich gewünscht habe, im Publikum säße ein Chirurg, der den fraglichen Fuß umgehend amputierte. Ein Jahr später spielte ich wieder in Boston und achtete peinlichst darauf, meine Füße keinesfalls zu bewegen. Anschließend schrieb derselbe Kritiker: „Vor einem Jahr hat Mr. Hope mit seinem lauten Gestampfe beinahe das ganze Schumann-Trio ruiniert. Diesmal hielt er seine Füße exemplarisch ruhig. Halleluja!“ Manchmal bewirken Kritiken doch etwas.

Was heißt denn hier Klassik? / 26.05.2013

Musik sprengt alle Schubladen und kommt doch nicht ohne diese aus, meint Violinist Daniel Hope

Es war eine dieser Veranstaltungen, auf denen Plattenfirmen ihre Neuerscheinungen zu präsentieren pflegen. Kostproben aus der Musik, Künstlerinterview und Gespräch mit dem Publikum. Ins Liverpooler Planetarium waren überwiegend ältere Herrschaften gekommen. Deshalb fielen mir zwei Mädchen auf, die sich nach der Veranstaltung etwas abseits hielten und mich dabei anlächelten. Vielleicht hatten sie sich nur verlaufen, den Eindruck von eingefleischten Klassikliebhabern machten sie jedenfalls nicht. Damit, dass ich auf sie zuging, hatten sie anscheinend nicht gerechnet. Verlegenes Lächeln, sie wussten nicht recht, was sie sagen sollten. Dann machte eine doch den Anfang. Na ja, meinte sie, ich hätte ja ganz schön Dampf gemacht mit meiner Geige, und diese Klassik habe einen ordentlichen Drive, das müsse sie schon zugeben. Aber irgendwie nicht unsere Musik, sagte die andere. Im Grunde tote Hose, Musik von gestern, nicht der Sound von heute. Ich sei doch selber noch kein alter Mann, wieso ich mich trotzdem so viel mit alter Musik abgebe. Ob ich nicht viel lieber Aktuelles anstatt „Klassik“ spielen würde. Ob ich eigene Songs schreibe. Und ob ich vielleicht Lust auf einen Kaffee hätte. So kamen wir auf diesen seltsamen Ausdruck „klassische Musik“ zu sprechen.

Während dieser durchaus charmanten Begegnung musste ich an ein anderes, ungewöhnliches Zusammentreffen denken. In Norddeutschland hatte ich das Violinkonzert von Mendelssohn gespielt. Hinterher stand ich ziemlich verschwitzt an einem Tisch im Foyer, um Autogramme zu schreiben. Da wollte ein junger Mann von mir wissen, ob das, was ich gerade gespielt hatte, überhaupt klassische Musik sei. Ich sah ihn fassungslos an. Etwas umständlich holte er aus. Zum bestandenen Abitur hätten ihm seine Eltern ein Klassikabonnement geschenkt, aber über die Programm­auswahl sei er verwirrt. „Neben Sinfonien von Haydn, Mozart und Beethoven, bei denen es sich ja wohl eindeutig um Klassik handle, sind Stücke von Bach und Strawinski gespielt worden. Und heute Abend Mendelssohn, der doch schon zur Romantik gehört, soweit ich weiß“, sagte er. Jetzt verstand ich.

Zum Zweck der besseren Übersichtlichkeit wird in Musikbüchern die viele Jahrhunderte lange Geschichte der Musik in verschiedene Epochen eingeteilt, vom Mittelalter bis in die Gegenwart. Je nachdem, wann die einzelnen Komponisten gelebt haben, werden sie einem dieser Zeitabschnitte zugeordnet. Bach also wandert in die Schublade mit der Aufschrift „Barock“, Mozart in die „Klassik“ und Mendelssohn in die „Romantik“. So kompetent diese Gliederung zweifellos auch sein mag, hat sie auch ihre Schwächen. Schließlich waren die Komponisten Individuen, jeder hatte neben den Gemeinsamkeiten auch seine persönlichen Eigenarten. War zum Beispiel Franz Schubert, der ein Jahr nach Beethoven gestorben ist, tatsächlich schon ein Romantiker oder doch noch ein Klassiker? Sieht man andererseits bei Beethoven nicht in vieler Hinsicht schon romantische Züge? Hört man dagegen bei Mendelssohn nicht oft eine sehr klassische Struktur?

Zurück zu den jungen Damen in Liverpool, denen ich mühsam versuchte zu erklären, dass man erst die gesamte Musikvielfalt hören und erleben sollte, bevor man sie unter einem Begriff wie „Klassik“ ablehnt. Ich musste jedoch zugeben, dass ich es mir ebenfalls längst angewöhnt habe, einheitlich nur noch von „klassischer Musik“ zu sprechen. Korrekt ist es, streng genommen, nicht. Der Sammelbegriff, „Classical Music“, der anscheinend erstmals 1863 im „Oxford Dictionary“ aufgetaucht ist und der sich längst überall auf der Welt eingebürgert hat, hängt vermutlich eher mit den großen Veränderungen in der Musikwelt Anfang des 20. Jahrhunderts zusammen. Damals begann die Zeit der Unterhaltungsmusik und des Jazz, gegen die sich die Musik, die im Konzertsaal und in der Oper gespielt wurde, behaupten und abgrenzen musste. Der Strom der Musik hatte sich geteilt. Welche Namen sollte man den beiden Flussarmen geben? Wichtig wurde diese Frage vor allem für die gerade geborene Schallplattenindustrie, die ihrer Kundschaft die Orientierung und damit die Kaufentscheidung erleichtern wollte. Dass sie die Kreationen der leichten Muse unter der Rubrik „populäre Musik“ oder kurz „Popmusik“ laufen ließ, verstand sich angesichts des Millionenpublikums, das dafür empfänglich war, von selbst.

Das interessierte die beiden Mädels in Liverpool allerdings herzlich wenig. Also gab ich mich geschlagen und ging mit ihnen doch lieber Kaffee trinken. Klassisch versteht sich …

Der Klang des Weltraums / 30.03.2013

Wie klingt es, wenn Planeten sich begegnen? In der Sphärenmusik sind Mathematik und Kunst auf das Schönste verschwistert

Ist da draußen Irgendetwas? Seit der Mensch den nächtlichen Sternenhimmel ehrfürchtig betrachtet und den Lauf der Planeten verfolgt, wird seine Fantasie durch diese Frage angefacht. Im Altertum sprachen die Menschen von geisterhaften Klängen, die entstünden, wenn Planeten einander begegnen. Die Musik, welche die Planeten erzeugten, sei ätherisch und – in ganz wörtlichem Sinn – nicht von dieser Welt.

Als ich klein war, gab es nur eines, das mich so stark in den Bann ziehen konnte wie die Musik: der Nachthimmel. Im Alter von acht Jahren kaufte ich mir mein erstes Teleskop und betrachtete stundenlang den Mond und die Sterne. Und ich stellte mir vor, wie es wohl gewesen sein mag, als die Menschheit erkannte, wie winzig sie im Angesicht des großen Ganzen ist.

In meiner Jugend stellte mir Yehudi Menuhin, der damals an seinem Projekt „The Music of Man“ arbeitete, den amerikanischen Astronomen Carl Sagan vor. Sagan amüsierte sich über den eifrigen und neugierigen Jungen, der ihn mit tausend Fragen gnadenlos löcherte. Meistens antwortete er mit Gegenfragen. Dadurch öffnete er mir die Augen für die unendlichen Weiten des Universums und erklärte mir eine Theorie, die meine beiden Leidenschaften vereinte: die Sphärenmusik.

Die Vorstellung der Sphärenmusik fasziniert mich seither, ebenso wie die Philosophen, Mathematiker und Musiker, die die Idee einer musica universalis im Laufe der Jahrhunderte untersucht, infrage gestellt und entwickelt haben. Diesen Gedanken vertraten nicht irgendwelche Wahrsager, sondern brillante Wissenschaftler und Mathematiker. Wahrscheinlich war es Pythagoras, der als Erster der Theorie nachging. Die Harmonie des Universums glaubte er mathematisch erklären zu können, nachdem er zufällig entdeckt hatte, dass die Höhe eines Tons von der Länge der Saite und deren Schwingungen abhängt. Dieser Gedanke pflanzte sich fort bis zu herausragenden deutschen Denkern wie Johannes Kepler. Sie waren überzeugt, dass diese Musik oder besser gesagt, diese „Engelsklänge“ – für uns Sterbliche nicht hörbar – messbar sind und dass die Musik dementsprechend eine mathematische Grundlage hat, eine Art astronomische Harmonie. Doch kann man ein so magisches, unerklärliches Phänomen wie die Musik rein durch Formeln erklären?

Die Vorstellung einer Musik, die aus der Bewegung einander passierender Planeten entsteht, ist für einen Musiker wie mich, der ein Saiteninstrument spielt – also ein Instrument, bei dem durch die Reibung der Bogenhaare mit den Saiten Vibrationen und damit Töne erzeugt werden – besonders naheliegend. Man nimmt eine Menge peripherer Klänge wahr, und das ist meiner Meinung nach eine interessante Analogie, denn an diese peripheren Klänge glaubte Pythagoras auch.

Wenn wir an den Weltraum oder die Planeten denken, hören wir dann einen bestimmten Klang, in Dur oder Moll, oder ist da endlose Stille? Goethe selbst spricht in seinem Prolog zum „Faust“ von der tönenden Sonne, die „nach alter Weise in Brudersphären Wettgesang“ erklingt. Auch viele Komponisten haben sich mit der Möglichkeit eines solchen Phänomens beschäftigt. Noch heute bemühen sich Wissenschaftler, die Zahlensymbolik in Bachs Werken zu ergründen, vom klaren B-A-C-H-Motiv bis hin zu versteckteren Elementen, die sich um die Zahl Drei als musikalische Darstellung der Dreieinigkeit drehen.

Wir wissen, dass Haydn, bevor er sein Oratorium „Die Schöpfung“ vollendete, sich mit dem britischen Astronomen Wilhelm Herschel traf und beide gemeinsam den Himmel durch ein Teleskop betrachteten. Josef Strauss’ Walzer-Sphärenklänge brachten dann eine romantische Sicht des Himmels ins Spiel. Die kugelförmige Gestalt einer Sphäre lässt sich aber auch mit dem Einsatz des Stilmittels der Wiederholung in vielen Werken der Moderne oder des Minimalismus in Beziehung setzen. Der amerikanische Komponist Philip Glass, der mit dem Stück „Echorus“ eine sphärische Hommage an Yehudi Menuhin komponierte, beschäftigt sich schon seit langem mit Rätseln wie dem, ob Musik an der Schwelle eines Schwarzen Lochs wohl höher oder tiefer klingt.

So gibt es eine große Anzahl Komponisten aus verschiedenen Jahrhunderten, die vielleicht nicht alle aus der gleichen „Galaxie“ stammen, sich aber seit dem 17. Jahrhundert bis heute große Gedanken zu einer überirdischen Musik gemacht haben. Dabei muss ich feststellen, wie viel und gleichzeitig wie wenig sich im Laufe von 400 Jahren die Musik verändert hat.

Und? Ist da draußen irgendetwas? Ich fände es schön.

 

Stürzt den Mythos Mozart! / 16.03.2013

Wolfgang Amadeus Mozart war ein musikalisches Genie. Cicero-Kolumnist Daniel Hope findet, dieses Bild muss durch seine persönlichen Schwächen vervollständigt werden
„Kommt man sich da nicht wie ein heimlicher Spanner am Schlüsselloch vor?“ Diese Frage aus dem Publikum neulich bei der Einführung vor einem Mozart-Konzert hat mich doch etwas irritiert. Die Moderatorin hatte das Gespräch geschickt auf das Privatleben des Komponisten gelenkt, und gleich mehrere Besucher fühlten sich dabei offensichtlich nicht wohl. Die Intimsphäre eines Menschen müsse doch auch dann noch respektiert werden, wenn er schon lange tot sei, meinten sie. Und was denn überhaupt die Musik damit zu tun habe, dass ihr Schöpfer womöglich zu Jähzorn neigte oder öfter mal Frauen verführte?

Ein heikles Thema. Heldenverehrung verträgt sich in aller Regel nicht mit allzu viel Detailwissen; unangenehme Einzelheiten, die womöglich Kratzer auf dem Idealbild hinterlassen, werden lieber verschwiegen. Als vor Jahren Miloš Forman mit seinem genialen „Amadeus“-Film gegen diese Regel verstieß, lautete der Vorwurf: Wie kann er es wagen, den himmlischen Mozart als albernen Hallodri mit Hang zu zotigen Witzen darzustellen! Genauso könnte man fragen, was es die Nachwelt angeht, dass sich Schubert bei einem leichten Mädchen mit Syphilis infiziert haben soll, Händel angeblich ein haltloser Vielfraß war oder Schumann eheliche Beischlaftermine im Haushaltsbuch notierte? Gar nichts, finden viele.

Dabei nutzte gerade Mozart einige seiner Eskapaden für seine Kreativität. Das Werk, mit dem er sich am meisten identifiziert hat, war zweifellos Don Giovanni. Nicht nur Mozart wurde angefeuert von der Geschichte des Weiberhelden, der die Frauen wie am Fließband verführt, sein Umfeld verflucht, einen Mord begeht und die Fahrt in die Hölle wählt, ohne seine Missetaten nur ansatzweise zu bereuen. Die legendäre Figur des Don Juan, entstanden bereits um das Jahr 1630 in Spanien, fasziniert, schockiert und inspiriert Künstler seit Jahrhunderten.

Ob Molière oder Byron, Camus oder Richard Strauss: Dutzende haben die Geschichte für sich entdeckt und lebendig gemacht. Aber die bekannteste Version des Mythos’ stammt von Mozart, mit Libretti von Lorenzo da Ponte (E. T. A. Hoffmann bezeichnete sie sogar als „die Oper aller Opern“). Dass sich Mozart an einen so brisanten Stoff gewagt hat, sagt viel über ihn aus – zumal schon damals einige Zeitgenossen wie etwa in der Berliner Zeitschrift Chronik bedauerten, dass „der vortreffliche Mozart nicht sorgfältiger bei seiner Wahl war“.

Biografische Neugier kann man sicherlich übertreiben. Ich denke da an jene Phase in der Musikwissenschaft, als mit größter Hingabe auch unscheinbarste Indizien zusammengetragen wurden, um alles Mögliche zu enthüllen – je spektakulärer, desto besser. Man sollte sich in der Tat fragen, welchen Sinn es hat, einen Komponisten als heimlichen Schwulen zu entlarven oder ihm eine verdeckte sado-masochistische Neigung anzuhängen. Aber ich glaube schon, dass Mozart in seinen Don Juan etwas von sich selbst hat einfließen lassen. Oder besser gesagt: Dass er vielleicht ein bisschen so sein wollte wie seine Hauptfigur.

Warum sollte man nicht wissen dürfen, dass Mozart kein Heiliger war? Die Hochachtung vor seiner Musik wird dadurch doch eher noch größer. Man staunt viel mehr über das ungeheure Werk, das er in seinen nur knapp 36 Lebensjahren vollbracht hat, wenn man ihn als vitalen jungen Mann vor sich sieht, der ständig auf Partys ging und nächtelang Karten und Billard spielte.

Natürlich war Mozart ein Genie – eines der größten, das die Menschheit je erlebt hat; so überwältigend, dass ich vor ihm auf die Knie fallen würde, könnte ich ihm begegnen. Aber er war auch ein Mensch mit Stärken und Schwächen, mal bis zum Extrem übermütig und ausgelassen, mal zu Tode betrübt und verzagt. Obendrein war Mozart alles andere als ein angepasster, braver Typ. Er hatte seinen eigenen Kopf und legte sich oft mit seinen Vorgesetzten und der gesellschaftlichen Elite an. Kriecher und Schleimer waren ihm verhasst, und für Kollegen, die sich ihr künstlerisches Selbstbewusstsein abkaufen ließen, um von der Obrigkeit gelitten zu sein, hatte er nur Verachtung übrig.

In gewisser Weise war er ein Spieler, der kein Risiko scheute und alles auf eine Karte setzte. Dass Mozart dabei solche Musik schreiben konnte, macht das Wunder für mich überhaupt erst komplett. Warum erwähne ich das? Weil man von alledem keine Ahnung bekommt, wenn man seine himmlische Musik zum ersten Mal hört. Sie klingt einfach „schön“, aber im Hintergrund schwingen seine Einstellung zum Leben, sein Temperament, seine Charaktereigenschaften und seine Gefühle immer mit. Plötzlich entdeckt man den unverkennbaren mozartschen Charme und Witz, seine Spielfreude, seine Ironie. Und seine Gefährlichkeit. Er ist eben der Don Juan der Musikwelt.

Brittens unfreiwilliges Geschenk / 04.02.2013

Auch unser Kolumnist kennt Geschenkestress. Und erinnert sich an eine Anekdote des Jahrhundert-Cellisten Mstislaw Rostropowitsch
Sobald die Tage kürzer werden, beginnt man sich über eine der großen Menschheitsfragen Gedanken zu machen: Was schenkt man bloß zu Weihnachten? Es gibt natürlich auch noch andere Welträtsel, die dringend gelöst werden müssten – „Wie war das mit dem Urknall?“ zum Beispiel. Aber kaum eine, die einen so beschäftigt. Erledigt man die Einkäufe bereits im Herbst und lässt sie gemütlich im Schrank verstauben? Oder gönnt man sich den Last-Minute-Stress am 24. Dezember? Spätestens Anfang des neuen Jahres, nachdem man die Festivitäten glimpflich überstanden hat, fragt man sich trotzdem, ob das eine oder andere Geschenk tatsächlich das richtige gewesen ist.

Eine der schönsten Geschichten über das beinahe perfekte (Weihnachts-)Geschenk wurde mir vor Jahren vom legendären Cellisten Mstislaw Rostropowitsch gebeichtet. „Slava“, wie ihn fast die halbe Welt liebevoll nannte, gehörte nicht nur dank seines fulminaten Spiels, sondern auch aufgrund seiner ebenso fulminanten Persönlichkeit zu den inspirierendsten Menschen des 20. Jahrhunderts. Bei seinem viel zu frühen Tod im Jahr 2007 hinterließ er eine riesige Lücke in der Musikwelt, die bisher niemand füllen konnte. Er war eng befreundet mit den größten Komponisten seiner Zeit, von Prokofjew und Schostakowitsch bis hin zu Leonard Bernstein und Witold Lutosławski, die allesamt Werke für ihn geschrieben haben. Fast jeder Musiker, mich eingeschlossen, hat ihn bewundert und geliebt. 1971 wurde vom sowjetischen Regime ein Ausreiseverbot über ihn verhängt, weil er den Literaturnobelpreisträger Alexander Solschenizyn bei sich zu Hause aufnahm. 1974 kehrte er der Sowjetunion den Rücken und setzte sich auf bewundenswerte Art und Weise für die Demokratie und die Menschenrechte ein. Seine Gagen ließ sich Rostropowitsch gern in bar auszahlen, und er hat des Öfteren eine Brieftasche dafür verlangt. Wenn er in Italien spielte, wurde er in Lire bezahlt – und eine Brieftasche reichte nicht aus. Ich habe mich oft gefragt, was er wohl mit den ganzen Brieftaschen gemacht hat.

Einmal kam Slava spontan zu uns zu Besuch. Er konnte die tollsten Geschichten erzählen, und ich liebe es, solchen grandiosen Persönlichkeiten Anekdoten zu entlocken. Also öffnete ich eine Flasche Wodka und bat ihn, uns eine Geschichte zu erzählen.

„Mein geliebter Danuschka“, sagte er, „du brauchst nie zu fragen. Slawitschka sagt doch immer Ja!“ „Dann“, sagte ich, „erzähle uns bitte etwas über den Komponisten Benjamin Britten.“

„Oh, mein Freund Ben“, antwortete Slava mit breitem Grinsen. „Ich erzähle dir, wie ich das beste Weihnachtsgeschenk meines Lebens bekam. Wir waren in Aldeburgh, Brittens Festival. Britten kam zu mir und sagte: Slava, wir haben gerade eine Nachricht vom Buckingham Palace bekommen. Lady Mary Frances Bowes-Lyon, die Schwester der Königinmutter, wird übermorgen hier sein. Sie kommt ins Konzert, und danach gibt es einen Empfang.

Ich war ein einfacher russischer Junge, hatte noch nie ein Mitglied eines Königshauses kennengelernt und war sehr aufgeregt. Für mich, da sie die Schwester der Königinmutter war, war sie eine Prinzessin. Eine Prinzessin wie Tschaikowskis Dornröschen! Ich konnte die ganze Nacht nicht schlafen und überlegte, wie ich mich verhalten sollte, wenn ich sie kennenlernen würde. Sollte ich mich verbeugen, wenn ich vor sie trat? Ich kam auf eine fantastische Idee. Ich würde eine Pirouette machen! Ich übte es in meinem Zimmer.

Am nächsten Tag kam ich wieder mit Britten zusammen und sagte: Ben, ich habe mir etwas überlegt. Ich werde der Prinzessin meine Hand geben und einen Ehrentanz machen. Darauf Britten: Was meinst du mit Ehrentanz?
Ich: Ich werde es dir vorführen. Und ich führte es vor. Britten war entsetzt: Bist du wahnsinnig, das geht nicht! Ich: Doch, das mache ich. Ich werde zum ersten Mal eine richtige Prinzessin kennenlernen, und ich werde das machen. Britten: Nein, Slava, das geht nicht. Das wird ein Skandal. Britten sah, dass es mir ernst war und fragte: Was kann ich tun, damit du es nicht machst? Ich: Du kannst mir eine Suite für Solocello komponieren! Britten: Das ist doch lächerlich. Ich bin schließlich nicht Bach. Ich: Eine Suite für Solocello – oder ich mache diese Pirouette. Am nächsten Tag erschien Prinzessin Mary in Aldeburgh. Die Hofdamen stellten mich vor: Your Royal Highness, das ist Mstislaw Rostropowitsch. Ich sank fast auf die Knie, sah noch einmal zu Britten und flüsterte: Ben, eine Suite für Solocello!

Weihnachten 1964 hat Rostropowitsch sie bekommen.

Ob die Geige vom Teufel erfunden wurde? / 01.01.2013

Unser Kolumnist spürt seinem Instrument nach – und gelangt vom Himmel direkt in die Hölle

Geige oder Fidel? Ich weiß nicht mehr, wie oft ich gefragt wurde, was der Unterschied sei. Für mich hat es irgendwie mit Himmel und Hölle zu tun. Dieses uralte Gegensatzpaar menschlicher Träume und Ängste kann sich manchmal auch auf die Musikwelt beziehen. Und natürlich auf die Geige, ein Instrument, um das sich viele Legenden ranken: Die einen sagen, niemand habe sie so gut spielen können wie der Teufel in der Hölle, andere schreiben ihr märchenhafte Zauberkräfte zu, die den Menschen glauben lassen, dass der „Himmel voller Geigen hängt“, wie es in der Operette heißt. Für jede singende Geige gibt es eine tanzende Fidel. Und in der Tat, seit Jahrhunderten haftet der Fidel ein etwas schäbiger oder gar gefährlicher Ruf an: ein Instrument der „unteren Klassen“, das verführt und becirct. In Jonathan Swifts „Gullivers Reisen“ etwa freut sich der Protagonist: „Ich war im Körper vollkommen gesund, und meine Seele genoss größte Heiterkeit … keine Lords, Fiedler, Richter und Tanzmeister.“

Dabei weiß niemand wirklich, wer die Geige erfunden hat. In Europa kann man den Werdegang der Geige bis ins 8. Jahrhundert zurückverfolgen, wo sie tatsächlich Fidel hieß; sehr wahrscheinlich liegt ihr Ursprung jedoch in Asien. Es hat nicht weniger als 450 Jahre gedauert, ehe sie ihre heutige Form angenommen hat. Die Erfindung von Instrumenten wie des Rebab, welches durch das Streichen seiner Saiten gespielt wird, kann man mit dem Auftauchen des Bogens, der von den Arabern oder von nordischen Stämmen aus Asien eingeführt wurde, in Verbindung bringen. Ob die Entwicklung zur Fidel und dann weiter zur Geige allerdings in Europa, dem Nahen Osten, Indien oder Zentralafrika stattfand, bleibt ein Rätsel. Die Fidel wurde vor der Brust, am Knie, im Schoß oder an der Schulter gehalten – im Gegensatz zur Geige, die unters Kinn gehört.

Die frühesten Formen von Saiteninstrumenten sind das Ravanastron (es soll einem indischen Herrscher im Jahre 5000 v. Chr. gehört haben) und die Sarangi, Letztere der Geige am ähnlichsten, gedrungen und kastenförmig, mit einer verwirrenden Anzahl von bis zu 40 Metallsaiten. Dank ihrer Handlichkeit bedeutete dies für den Vorreiter der Geige auch Mobilität. Es wird vermutet, dass die Geige zusammen mit der „Roma“-Wanderung um das Jahr 300 v. Chr. in Nordwestindien ihre Reise begann; von dort ging sie um circa 100 n. Chr. nach Persien und weiter nach Europa. Das Auftauchen der Roma im Europa des 14. Jahrhunderts (vor allem in Ungarn, wo jeder ungarische Edelmann einen Roma als Geiger in seinem Gefolge hatte) scheint ein Grund zu sein, weshalb die Italiener und insbesondere Andrea Amati, der Quasi-Erfinder der Geige, auf das Instrument aufmerksam wurden.

Ob die Geige vom Teufel erfunden wurde? Viele Legenden besagen jedenfalls das Gegenteil, zum Beispiel ein Märchen der Sinti und Roma: Darin wird von einem armen Bauernburschen erzählt, der sich in eine schöne Prinzessin verliebte, sie aber nur haben durfte, wenn er dem König etwas bringen würde, das es noch nie gegeben hatte. Die Feen-Königin Matuya wusste Rat, gab ihm einen Stab und ein hölzernes Kästchen mit einem Loch in der Mitte und bespannte beides mit langen Haaren von ihrem Kopf. Dann ließ sie erst ihr silberhelles Lachen in das Loch fallen und danach ein paar Tränen. Und als der Junge mit dem Stab über das Kästchen fuhr, klang es so schön und lieblich wie ihr Lachen und so wehmütig und traurig wie ihr Weinen. Der König war begeistert und gab dem Burschen seine Tochter zur Frau.

 

Wenn aber von Hölle die Rede ist, darf er natürlich auch nicht fehlen: Niccolò Paganini, der „Teufelsgeiger“, der vor 230 Jahren in Genua geboren wurde. Wir wissen nicht, wie er gespielt hat, doch es muss höllisch aufregend gewesen sein. Die Leute gerieten jedenfalls überall, wo er auftrat, in Ekstase, und viele meinten, dass er beim Teufel höchstpersönlich in die Lehre gegangen sei. Paganini selbst pflegte dieses Image durch sein Outfit: „Wenn er, ganz in Schwarz, auf die Bühne kam“ – so hat es Heinrich Heine beschrieben – „sah er aus, als sei er der Unterwelt entstiegen.“

Umso skurriler ist es, dass Anfang des 19. Jahrhunderts die Geige offiziell in Indien „eingeführt“ wurde, als der Kapellmeister der britischen Armee das Instrument Baluswami Dikshitar in Fort St. George in Madras übergab. Die Folge: Es gibt kein anderes westliches Instrument, das sich in der indischen Musik so gut integriert hat wie die Geige, sodass ein Konzert vokaler Musik ohne Geigenbegleitung in Indien kaum mehr vorstellbar wäre. So hat die Geige – pardon, die Fidel – nach knapp 2000 Jahren zurück zu ihren Wurzeln gefunden.



2012


Violinenklänge am Soldatengrab / 01.12.2012

Violonist Daniel Hope begab sich auf Spurensuche durch sein Stammbuch – und machte dabei erstaunliche Entdeckungen. In diesem Sommer reiste er an das Grab seines Großvaters nach Israel und lies seine Geige sprechen

Als ich vor einigen jahren mein erstes Buch „Familienstücke“ schrieb, begab ich mich auf eine Spurensuche durch meinen Stammbaum. Mütterlicherseits hatte ich eine starke deutsche Komponente in meiner Vorgeschichte entdeckt, überschattet freilich vom unheilvollen Ende, das die meisten Familien jüdischer Abstammung fanden. Die Familie väterlicherseits war für mich aber nicht minder interessant. Kurz vor Ausbruch des Zweiten Burenkriegs 1899 wurde der britische Oberst Robert Baden-Powell zusammen mit einer Handvoll Offiziere in die Kapregion nach Südafrika geschickt, um die Mafeking-Provinz zu schützen. Am 12. Oktober 1899 brachen die Kampfhandlungen aus. Die Buren marschierten in die Kapkolonie und Natal ein und belagerten die britischen Garnisonen Ladysmith, Kimberley und Mafeking. Um seine wenigen Soldaten zu entlasten, stellte Baden-Powell ein Korps von elf- bis 16-jährigen Jungen zusammen, die als Boten, Signalgeber und Sanitäter dienten – einer dieser Jungen war Daniel McKenna, mein irisch-katholischer Urgroßvater, nach dem ich benannt wurde. Gegen eine Übermacht von 9000 Buren gelang es Baden-Powell schließlich, mit nur knapp 1000 Mann und viel List der Belagerung, die 217 Tage dauerte, standzuhalten und Mafeking zu verteidigen.

Als 1944 mein Vater, der Schriftsteller Christopher Hope, in Südafrika auf die Welt kam, wütete ein anderer Krieg. Sein Vater, Dennis Tully, hatte sich im August 1940 freiwillig zur britischen Luftwaffe gemeldet. Bald wurde er nach Kairo versetzt, Rommels Armee rückte auf die Stadt vor. Als Dennis’ Sohn – mein Vater – zu früh geboren wurde, durfte Dennis nach Hause reisen. Das Baby litt unter schweren Blutungen. Mein Großvater hatte dieselbe Blutgruppe, er spendete sein Blut und saß drei Tage vor dem Zimmer seines Sohnes. Als sich die Gesundheit meines Vaters besserte, sagte Dennis: „Gott hat das Leben meines Sohnes gerettet, dafür wird er meines nehmen.“ An einem Sonntag flog er wieder in Richtung Norden. Am Sonnabend darauf war er tot: Abgestürzt im Flugzeug, die Ursache wurde nie bekannt.

Während der Recherche für das Buch besuchte ich meinen Vater in Südfrankreich, wo er heute lebt. Plötzlich fing er an, von seinem Vater zu sprechen. Ich fragte ihn, ob er wisse, wo Dennis begraben sei. Nein, in der Familie heiße es immer nur: „irgendwo in Nordafrika“. Als ich am Abend wieder zu Hause in London war, suchte ich im Internet nach Spuren. Zuerst erfolglos, aber schließlich stieß ich auf eine Webseite der „Commonwealth War Graves Commission“. Ich gab seinen Namen und das Jahr seines Todes in die Suchmaske ein. Einige Sekunden später las ich: „Dennis Hubert Tully Lieutenant, Son of William and Mary Tully; Husband of Kathleen Tully, of Johannesburg, Transvaal, South Africa. Remembered with honour.“ Nur einen Mausklick weiter ein Foto: das Grab meines Großvaters. Dennis Tully starb am 12. August 1944, begraben wurde er in Ramla, einer kleinen Stadt in Palästina, heute Israel. Er war 25 Jahre alt. Ich sah auf die Datumsanzeige meiner Uhr: Es war der 12. August 2004 – auf den Tag genau 60 Jahre danach. Als ich meinem Vater berichten konnte, wann genau sein Vater gestorben sei, war das ein bewegender Moment für uns beide.

Erst in diesem Sommer ist es mir jedoch gelungen, einen gemeinsamen Besuch mit meinem Vater nach Israel zu organisieren. Bis zu den Kreuzzügen im 11. Jahrhundert war Ramla die Hauptstadt Palästinas, berühmt für seine extravaganten Moscheen und Paläste. Heute ist Ramla eine eher nüchterne Industriestadt unweit des Flughafens Tel Aviv. Zwischen einer Autobahn und einem Fabrikgelände liegt ein britischer Friedhof mit grünem, perfekt getrimmtem Rasen.

Das Grab meines Großvaters haben wir sofort gefunden. Es liegt gegenüber einem wunderschönen Baum, umringt von den Kriegsgräbern Tausender anderer Männer, die alle um die 20 Jahre alt waren, als sie fielen. Nachdem mein Vater fast sieben Jahrzehnte nach dessen Tod Abschied von seinem Vater nehmen konnte, saß er schweigsam unter dem Baum, zückte seinen Füller und ein Notizblatt und fing an, seine Gedanken niederzuschreiben. Und ich tat das, was ein Musiker in einem solchen Moment am besten tun kann: Ich spielte ein Stück auf meiner Geige, ein Stück für meinen Großvater Dennis. Musik schien für mich in diesem Moment das einzig Richtige. Schweigen konnte ich nie. Vielleicht bin ich auch deshalb Musiker geworden: „Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber zu schweigen unmöglich ist.“ Das ist ein Satz von Victor Hugo, der mir immer gefallen hat. Und so klingen die Stücke meiner Familie nun nach.

Vom Sandwich zur Scheidung / 01.10.2012

Warum muss man Vivaldi umkomponieren? Ganz einfach: Auch zeitgenössische Musik kann wahre Hörwunder vollbringen

Die Geschichte ist inzwischen Legende: Simon Rattle, damals Chefdirigent des City of Birmingham Symphony Orchestra, dirigierte vor vielen Jahren die Uraufführung des Werkes eines jungen, britischen Komponisten. Am Ende vergaß er, den im Publikum anwesenden Komponisten, wie es die Tradition gebot, aufzurufen, damit man ihm applaudieren konnte. Als er beschämt seinen Fehler bemerkte, ließ er ihn einfach im zweiten Teil des Abends aufstehen, nach einer Sinfonie von Gustav Mahler. Unter begeistertem Beifall rief eine ältere Dame aus der ersten Reihe: „Ich wusste nicht, dass Mahler in Birmingham lebt!“

Sind wir einmal ehrlich: Komponisten haben es heute nicht einfach. Das Publikum und die auf Umsatz bedachte Veranstalter zucken zusammen, sobald das Wort „zeitgenössisch“ fällt. Sein „Kind“ kann ein Komponist nur nach einem langen, harten Kampf auf die Bühne bringen. Dabei gibt es gerade in der zeitgenössischen Musik eine unglaubliche Vielfalt an musikalischen Persönlichkeiten, die etwas zu sagen haben. Trotz des Umstands, dass niemand zuhören zu wollen scheint.

Die neue Musik klingt anders als die von Beethoven, Schubert oder Brahms. Sie alle haben tonal komponiert, ihre Musik versteht man auch ohne eine musikalische Vorbildung. Mit zeitgenössischer Musik funktioniert das oft nicht. Sie kann anstrengend sein und neigt dazu, unser Hörempfinden mit unaufgelösten.

Dissonanzen zu irritieren. Pierre Boulez, der französische Komponist und Dirigent, gibt uns Interpreten die Schuld, wenn ein modernes Werk keinen Erfolg hat. Bei allem Respekt für den genialen Maestro kann ich ihm in dieser Hinsicht nur teilweise Recht geben.

Ich glaube, Musiker sollten moderne Stücke kurz erläutern, bevor sie sie spielen. Einige wenige Sätze würden genügen. Das ist wie beim Audioguide, der einem Museumzuschauer ein zeitgenössisches Bild mit ganz anderen Augen sehen lässt. Stattdessen werden zeitgenössische Stücke leider immer noch ohne Erklärung in die sogenannten „Sandwichprogramme“ eingebaut, zwischen zwei populären Werken, sodass niemand die Chance hat, ihnen zu entrinnen. Damit wird nicht nur eine Riesenchance vertan, sondern auch das Publikum unterschätzt.

In meiner Laufbahn habe ich mehr als 30 Werke in Auftrag gegeben. Manchmal werden neue Kompositionen nur ein einziges Mal aufgeführt und verschwinden dann für immer in der Versenkung. Nur wenige Kompositionen durfte ich mehrmals spielen. Eines Tages kontaktiere mich Max Richter. Der britische, in Berlin lebende Komponist hatte einen ungewöhnlichen Vorschlag: Er wollte ein Werk ‚rekomponieren‘. Der Begriff war mir neu und ich war dementsprechend skeptisch. Zumal er nicht irgendein Werk vor Augen hatten, sondern Vivaldis „Die vier Jahreszeiten“. Was sollte den mit dem Original nicht in Ordnung sein? Richter grinste: „Die Jahreszeiten sind perfekt – ich möchte ihnen nur einen anderen Bilderrahmen verpassen.“ Mein Interesse war geweckt. Wäre das im Sinne Vivaldis gewesen? Wir wissen dass der „Rote Priester“ auch selbst regelmäßig in seine Werken eingriff und sie von Aufführung zu Aufführung teilweise veränderte. Vivaldis atemberaubende Originalität und Brillanz haben mich immer fasziniert – so wie sie schon Bach beeindruckt haben,
der sich die Violinkonzerte seines italienischen Kollegen besorgte und diese für das Cembalo umschrieb. Vielleicht ist Bach ja kein so schlechtes Vorbild, dachte ich.

Als das Stück fertig war, traute ich meinen Ohren nicht. Richters subtiles „Vivaldi Recomposed“ hat sich den „Vier Jahreszeiten“ mit den wachen Ohren des 21. Jahrhunderts genähert. Ich hatte mich stets davor gedrückt, Vivaldis Original aufzunehmen, dafür gibt es einfach zu viele Einspielungen. Richters Neuversion forderte mein Gehör auf eine ganz neue Weise heraus.

Auch zeitgenössische Musik also kann wahre Hörwunder verbringen. Als ich etwa kürzlich in Köln ein Werk von Alfred Schnittke aufführte – einem russischen Komponisten, dessen Musik ich besonders schätze – kam nach dem Konzert eine junge Frau zu mir an den CD-Tisch, offensichtlich den Tränen nahe: „Diese Komposition von Schnittke war das Unglaublichste, was ich je gehört habe“, sagte sie. „Nur fürchte ich, dass ich mich sofort von meinem Mann scheiden lassen muss.“ „Aber warum denn das?“, fragte ich entgeistert. „Er hasst Schnittkes Musik und wir haben uns derart darüber gestritten, dass es jetzt endgültig aus ist!“ Schnittke hat mir einmal erzählt, es sei sein größter Wunsch, das Publikum dazu zu bringen, bei seiner Musik nicht einzuschlafen. An Scheidung hat er dabei bestimmt nie gedacht!

Gladiatorenmusik / 01.09.2012

 

Von einem Auftritt in der Hollywood Bowl, einer der größten Freiluftarenen der Welt, hatte unser Kolumnist schon als Kind geträumt. Vom monsunartigen Regen, der einsetzte, als dieser Traum endlich wahr wurde, nicht

Es gibt Auftritte, von denen ein Musiker schon als Kind träumt: das erste Mal in der Carnegie Hall zu spielen etwa, der Royal Albert Hall oder im Sydney Opera House. Wenn man irgendwann tatsächlich das Glück hat, an diesen Orten aufzutreten, erfüllt es einen mit Stolz und Ehrfurcht. Bis vor kurzem gab es für mich einen Ort, bei dem es nur bei einem Traum geblieben war: die Hollywood Bowl. Mitten in Los Angeles gelegen, ist sie eine der größten Freiluftarenen der Welt, mit Platz für über 18 000 Zuschauer. Eingeweiht wurde sie am 11. Juli 1922 und entwickelte sich schnell zum beliebten Spielort für die größten klassischen Musiker aller Zeiten. Jascha Heifetz, der legendäre Geiger, der 1931 dort sein Debüt gab, verglich einen Auftritt in der Hollywood Bowl mit einem Wettkampf bei den Olympischen Spielen. Man sei dort nicht Musiker, man sei Gladiator, sagte er.  Neben meinen Klassikhelden sind inzwischen auch die Popgrößen der Welt in der Bowl aufgetreten: von den Beatles und Pink Floyd bis zu The Doors und Elton John. Klassik spielt jedoch immer noch eine große Rolle.  Während des Sommers ist der Spielort Sitz des Hollywood Bowl Orchestra und des Los Angeles Philharmonic Orchestra.

Vom Letzteren kam vor ein paar Monaten die Einladung, auf die ich mein Leben lang gewartet hatte: Am 12. Juli dieses Jahres sollte ich mein Debüt geben, zusammen mit dem amerikanischen Dirigenten Leonard Slatkin. Alleine die ersten Schritte auf dem gigantischen Gelände, die ich am Abend zuvor unternahm, um ein wenig Stimmung zu schnuppern, erfüllten mich mit unbändiger Vorfreude. Als ich die Werbung für mein Konzert auf der großen Leinwand vor dem Eingang fotografierte, hastete ein schwer bewaffneter Polizist herbei und sagte: „Weitergehen, Sir, hier dürfen Sie nicht stehen bleiben!“ Dann erklärte ich ihm, warum ich das Plakat  fotografierte, und er grinste. „Echt? Sie spielen in der Bowl? Cool! Dann mache ich doch ein Bild von Ihnen vor dem Plakat!“

Am Vormittag darauf fand die Probe in der Bowl statt. Das Thermometer zeigte 33 Grad, und die kalifornische Luft war ungewöhnlich feucht. Vor der Bühne hatte man eine Sonnengardine aufgehängt, um das Orchester zu schützen. Es hatte sich ein besonderer Gast angemeldet, der mittlerweile 93 Jahre alte Komponist Walter Arlen, der nach seiner Flucht aus Wien 1939 über 30 Jahre lang als Musikkritiker für die Los Angeles Times tätig gewesen war. Nach meiner Probe setzten wir uns in den Zuschauerraum, und er erzählte mir Anekdoten über Musiker wie Arturo Toscanini oder Bruno Walter, die er in der Bowl erlebt hatte. Am Abend meines Konzerts passierte dann etwas, was es in der Bowl seit mehr als 30 Jahren so gut wie nie gegeben hatte: Es regnete! Erst waren es nur ein paar Tropfen, dann öffnete sich der Himmel, und es goss in Strömen. Die Orchestermitglieder der Los Angeles Philharmonic machten tapfer weiter. Zu Beginn des Konzerts spielten sie die amerikanische Nationalhymne, und das Publikum sprang begeistert auf, um patriotisch mitzusingen.  Diejenigen unter ihnen, die heimlich Regenschirme mit ins Stadion geschmuggelt hatten, versuchten, sie aufzuspannen, wurden jedoch gleich von den anwesenden Polizisten verwarnt. Irgendwann prasselte der Regen fast monsunartig nieder, und es fing an, auf die Kontrabässe zu tropfen. Verärgerte Gewerkschaftsmitarbeiter gestikulierten wild herum und bestanden darauf, das Orchester um einige Meter nach hinten zu verlegen. Es platschte sogar auf die riesigen Bildschirme herunter, die das Konzert ins Stadion übertrugen. In der Bowl gibt es allerdings eine goldene Regel: „The show must go on!“ Das hatte mir mein Künstlerbetreuer schon am
Abend zuvor erklärt. Nichts konnte die bombastische Stimmung trüben, weder für mich noch erstaunlicherweise für das Publikum. Nach der Ouvertüre und mehreren Unterbrechungen war es endlich Zeit für meinen Auftritt. Der Regen hatte beinahe aufgehört. Dafür wehte jetzt ein starker Wind, und die Musiker hielten ihre Noten und Pulte fest. Ich schritt auf die Bühne. Das Publikum begrüßte mich mit Ovationen, bevor ich auch nur einen einzigen Ton spielte.  Es wurde ein großartiger Abend, die Kulmination eines Kindheitstraums und eine Hommage an viele meiner musikalischen Helden. Ich habe jede Sekunde genossen und wollte nicht, dass der Auftritt zu Ende geht. Als Frederick, ein guter Freund aus Los Angeles, mich hinterher ziemlich durchnässt in der Garderobe besuchte, umarmte er mich mit den Worten: „Hey, du hast in der Hollywood Bowl gespielt! Es hat geregnet und du hast gewonnen!“

Jascha Heifetz hatte wohl recht mit seinem Gladiatorenvergleich.

Freude empfängt dich! / 01.08.2012

Im August ist es nirgends schöner als in Heiligendamm. Das wusste schon der 15-jährige Felix Mendelssohn. Die Festspiele Mecklenburg-Vorpommern lassen die Tradition der  musikalischen Sommerfrische fortleben

Vor zwei Jahren habe ich die künstlerische Leitung der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern übernommmen, die jeden Sommer im Nordosten Deutschlands stattfinden: 127 Konzerte zwischen Mitte Juni und Mitte September. Diese Festspiele liebe ich besonders, weil sie eine Art musikalische Entdeckungsreise durch einen wunderschönen Landstrich bieten. Konzerte finden in idyllischen Gutshäusern, kleinen Dorfkirchen, Schlössern und Scheunen statt. Manche Spielorte wie das malerische Renaissanceschloss an einem kleinen See im Dorf Ulrichshusen haben – dank der Vision der Schlossherren Alla und Helmuth von Maltzahn sowie durch unvergessliche Auftritte von Künstlern wie Yehudi Menuhin, Anne-Sophie Mutter und Mstislaw Rostropowitsch – längst ihren festen Platz in der deutschen, ja sogar europäischen Musiklandschaft erobert. Auch Heiligendamm hat sich erneut als bemerkenswerte Spielstätte etabliert. „Hier ist der Blick bewunderungswürdig schön, der heilige Damm bezaubert uns gänzlich“, schrieb 1766 der englische Reiseschriftsteller Thomas Nugent. Wer schon einmal auf der magischen Strandpromenade vor dem Grand Hotel gestanden hat, die prunkvollen weißen Villen aus dem 19. Jahrhundert im Rücken mit Blick auf die Ostee mit ihren aufwühlenden Farben, vergisst das nie mehr. Sogar dem 15-jährigen Felix Mendelssohn erging das ähnlich. Aufgeregt schrieb er 1824 seiner Mutter, dass er um halb sechs Uhr morgens aus den Federn in eine kleine Zinkwanne sprang, Kaffee trank und rasch die Treppe abwärtseilte, „damit ich Punkt 7 Uhr den ersten Badewagen, der an den Strand zum Heiligen Damm fährt, bekomme“. Vom ersten deutschen Seebad hatte Familie Mendelssohn von Wilhelm von Humboldt erfahren, dem preußischen Staatsmann, der in höchsten Tönen davon schwärmte. Damals hatte man die luxuriöse Möglichkeit, bei starkem Seegang das neue Badehaus zu besuchen, wo erwärmtes Wasser in Badewannen als Heilmittel angeboten wurde. Entstanden ist Heiligendamm im Jahre 1793 durch den mecklenburgischen Herzog Friedrich Franz I. Im 19. und 20. Jahrhundert war das Bad vom europäischen Hochadel geprägt. Auch einzelne Mitglieder der russischen Zarenfamilie sollen zu den Gästen gezählt haben sowie der Seeheld Lord Nelson, Rainer Maria Rilke und Franz Kafka. Ungewöhnlich sind auch die Ausführungen zu den Aufwendungen, die der Großherzog betrieb, um die Badegesellschaft zu unterhalten. Er war ein moderner Regent, der mit der Zeit ging und dem Musischen viel Raum ließ. Genau das scheint den jungen  Mendelssohn so beeindruckt zu haben. Im malerischen Nachbarort Bad Doberan wurden die teuersten Blasinstrumente aus London importiert und die besten Musiker engagiert, um sie für die Gäste spielen zu lassen. Der Großherzog verstand schon damals die Idee von „Wellness“ und war überzeugt, dass das intensive Hören von „neuartigen Klangnuancen“ den Geist fördern würde. Mendelssohn geriet in Verzückung, als er merkte, dass ihm die Umgebung „so viel Komponierlaune“ entlockte. Als ich zu Beginn meiner Arbeit für die Festspiele von der Verbindung zu Mendelssohn erfuhr, entschied ich mich sofort, Musik auf eine besondere Art wieder mit Heiligendamm zu verbinden, und zwar in Form eines Brückenschlags zwischen Mecklenburg und den Vereinigten Staaten. Zum dritten Mal in Folge werden auch während der diesjährigen Festspiele die besten Nachwuchsmusiker aus der Carnegie Hall und dem Lincoln Center nach Heiligendamm kommen. Sie wohnen, proben öffentlich, konzertieren im Grand Hotel und lassen sich von dieser historischen Umgebung immer wieder aufs Neue inspirieren, genau wie der junge Mendelssohn. Und Nachwuchsmusiker aus Mecklenburg-Vorpommern bekommen die Chance, mit den Amerikanern zu musizieren oder sogar in New York aufzutreten.  Das einzige Problem: Für einige der Amerikaner ist Heiligendamm der erste Eindruck, den sie von Europa bekommen, und damit sind sie für immer reichlich verwöhnt! „Heic te laetitia invitat post balnea sanum – Freude empfängt Dich hier, entsteigst Du gesundet dem Bade“ verheißt die goldene Inschrift am Kurhaus, in dem die Konzerte der Festspiele stattfinden. Ein gutes Omen und der Beweis dafür, dass Musik und das Wohlbefinden eigentlich öfter beieinanderliegen könnten.

Die Musik hinter den Fassaden / 01.07.2012

Auch wenn man eine Vergangenheit nur aus Erzählungen kennt, spürt man sie am eigenen Leib. Vor allem, wenn sie die eigene Familiengeschichte betrifft. So geht es auch unserem Kolumnisten, immer wenn er in Berlin spielt

Anfang Juni spielte ich im Konzerthaus Berlin das „War Concerto“, ein Auftragswerk des Komponisten Bechara el Khoury. Mit dem Violinkonzert will der libanesische Komponist ein Zeichen gegen Gewalt und Zerstörung setzen. Dafür untermalt er seine Erinnerungen aus dem vom Bürgerkrieg erschütterten Libanon der siebziger Jahre mit einer Art Klagelied. El Khoury hat das Konzert mir gewidmet und darin, für mich überraschend, auch das Thema der Vertreibung musikalisch verarbeitet – ein wesentlicher Bestandteil meiner Berliner Familiengeschichte.

Berlin und ich – das ist eine Geschichte voller Geister und nostalgischer Erinnerungen. Es fing schon in London an, als ich ein Kind war und unsere deutsche Oma uns von „ihrem“ Berlin vorschwärmte, dem Berlin der Weimarer Republik. Von ihrer Villa in Dahlem erzählte sie, von Fahrradtouren am Wannsee, von Picknicks mit der kaiserlichen Familie oder von der Einsegnung ihres Bruders. Am liebsten erinnerte sie sich daran, wie die Wagen neben dem Rasenplatz hielten, auf dem ein spanischer Brunnen stand. Wie die Gäste ausstiegen, plaudernd auf dem Kiesweg an der Terrasse entlang gingen und das Haus durch die Verandatür betraten. Die letzten Anweisungen an die Bediensteten, alles so feierlich. Ansprachen zu Beginn, nicht zu förmlich, aber unabdingbar. Und erst danach wurde zu Tisch gebeten: Forelle in Gelee, Kalbsrücken mit Gemüse und als Dessert  Herzogintorte. Dazu ein Zeltinger Schlossberg aus dem Jahre 1917. Eines Tages, lange nach ihrem Tod, stand ich tatsächlich vor ihrer Villa in Dahlem. Noch immer war da die Terrasse, der Garten, der Rasen, genauso wie sie es mir damals erzählt hatte. Ich konnte förmlich sehen, wie mein Urgroßvater Wilhelm Valentin auf der Terrasse saß, eine Zigarre rauchte und in den Garten hinunterschaute. In diesen Fantasiebildern schwelgend, nahm ich meine Kamera, um ein Bild vom Haus zu machen. Da öffnete sich ein Fenster und eine ältere Dame blickte heraus. Bevor ich auch nur freundlich lächeln konnte, schrie sie: „Verschwinden Sie!“ Ich versuchte, sie zu beruhigen, ihr zu erklären, dass ich nichts weiter wolle, als ein Foto von dem Haus zu machen, wo einst meine Familie lebte. „Familie? Sie meinen die Familie Valentin?“, rief die Dame irritiert.

„Ja“, sagte ich hoffnungsfroh. „Kennen Sie die Familie?“, wagte ich zu fragen. Überhaupt war ich überrascht, dass sie sich, nach über 60 Jahren, noch an den Namen erinnerte. Jetzt kreischte sie fast: „NEIN! Aber die Geschichte des Hauses kenne ich.“ Diese Geschichte war der Teil, den unsere Oma bei all unseren Gutenachtgeschichten ausgelassen hatte: die Enteignung des Hauses, durchgeführt von Albert Speer und Joachim von Ribbentrop höchstpersönlich. Nach der Flucht meiner Familie hatte zwischen 1936 und 1939 die jüdische Kaliski-Schule provisorisch ihr Quartier in der Villa bezogen, zu ihren Schülern gehörten der spätere Filmemacher Mike Nichols und Michael Blumenthal, heute Direktor des Jüdischen Museums in Berlin. Nach der Zwangsschließung der Schule installierten die Nazis im Haus meiner Oma eine zentrale Dechiffrierstation, die  kriegswichtige Botschaften entschlüsselte. Das Auswärtige Amt ist heute noch Eigentümer der Villa Im Dol 2-6.

Seit ich von dieser Geschichte durch diesen unschönen Vorfall zufällig erfahren habe, begegne ich meiner Familie an vielen weiteren Ecken Berlins wieder. An der Familiengruft, auf dem Luisenfriedhof, im Grunewald, auf dem Hof der ehemaligen Familienfabrik in der Großbeerenstraße 71 in Kreuzberg, in der St. Annen-Kirche in Dahlem. Aber was mich an der Hauptstadt am meisten fasziniert, ist die unendliche Geschichte, die hinter so vielen ihrer Bauten steckt. Deshalb habe ich mich vor Jahren konsequent entschlossen, viele davon zu bespielen: den Reichstag, das Finanzministerium, die Mendelssohn-Remise, Tempelhof. Denn dort Musik zu machen, umzingelt von all den Geschehnissen und Gespenstern, befreit mich von einer Vergangenheit, die ich nicht erlebt habe, aber trotzdem noch spüre. Und als ich vor dem gesamten Bundestag stand und Maurice Ravels  „Kaddisch“ meinen beiden Berliner Urgroßvätern widmete, spürte ich mehr denn je, dass in Berlin Musik und Geschichte Hand in Hand gehen. So wie neulich in dem „War Concerto“.

Glanz und Elend / 01.06.2012

Robert Schumann war beinahe täglich „katzenjammervoll“, auch Johannes Brahms wusste einen guten Tropfen zu schätzen, und 30 Prozent der Mitglieder  amerikanischer Orchester  nehmen heute Betablocker. Alkohol, Tabletten und Drogen sind in der klassischen Musik ebenso verbreitet wie im Pop. Es redet nur niemand darüber

Katzenjammervoll!“ So kurz und knapp pflegte Robert Schumann den Zustand zu beschreiben, den er in jungen Jahren beinahe täglich erlebte. Abends Kneipe mit reichlich Bier und vielen Zigarren, am nächsten Morgen Katerstimmung. Aber das war noch nicht alles. „Wenn ich betrunken bin oder mich erbrochen habe, so war am andren Tag die Fantasie schwebender und erhobener.“ Heute variiert die Art von Drogen, aber das Problem ist geblieben. Die große Mehrheit der Musiker kommt ohne Drogen aus und spricht auch dem Alkohol nur in unbedenklichen Mengen zu. Aber natürlich waren schon immer Mittel im Umlauf, denen neben der berauschenden Wirkung auch die Steigerung der Kreativität oder hilfreiche Effekte gegen Lampenfieber und Versagensängste zugeschrieben werden. Künstler waren natürlich nie die Einzigen, die sie ausprobiert und in einzelnen Fällen häufiger angewendet haben. Doch zweifellos sind sie mehr als andere in Gefahr, von Aufputschmitteln aller Art abhängig zu werden.

Die Auswahl an Stoffen, denen bewusstseinserweiternde Wirkung nachgesagt wird, ist groß. Sie reicht vom legendären „Künstlergetränk“ Absinth bis zu synthetischen Substanzen. Bedenkt man, wie knallhart und oft sogar brutal es in der Musikbranche zugeht, kann man sich über den dortigen Tabletten- und Drogenkonsum kaum wundern. Ebenso wenig wie über die Flucht in den Alkohol, die so mancher Musiker für den einzigen Ausweg aus Stress und extremem Leistungsdruck hält. In Amerika wurden vor kurzem 2000 Orchestermitglieder zu dem Thema befragt. Fast 30 Prozent von ihnen sagten, dass sie regelmäßig Betablocker nehmen. Jeder fünfte bekannte sich zu einem Alkoholproblem. Von Sängern hat man Ähnliches gehört: Steroide, die angeblich die Stimme verbessern, gehören an einigen Bühnen zum Alltag.

Für die Öffentlichkeit ist das Thema weitgehend tabu. Daran, dass Popmusiker gelegentlich zugedröhnt auf die Bühne kommen, hat sie sich gewöhnt. Millionen nehmen begeistert Anteil daran, wenn Stars auf den Sockel gehoben werden, und genauso intensiv verfolgen sie den Absturz in die private Katastrophe. Ob Amy Winehouse oder Whitney Houston – Glanz und Elend der Idole liegen dicht beieinander. Das Publikum will beides möglichst hautnah miterleben. Bei Mozart und Beethoven möchte die Öffentlichkeit nichts davon wissen. Wahrscheinlich, weil die klassische Musik immer noch von einer Aura des Edlen, Wahren und Reinen umgeben ist, in der es für Suff und Sucht, psychische Probleme und Angstzustände keinen Platz gibt. Von Johannes Brahms etwa weiß man, dass er einen guten Tropfen durchaus zu schätzen wusste. Auch Antonin Dvořák war ein paar Schnäpsen alles andere als abgeneigt – so berichtet jedenfalls der amerikanische Musikkritiker James Huneker, der mit dem tschechischen Meister während dessen New Yorker Jahren freundschaftlich verbunden war. Bei einer gemeinsamen Kneipentour durch die New Yorker Durstmeile brachten es die beiden einmal auf jeweils 19 Cocktails.

Im Gedächtnis geblieben ist mir auch die Geschichte von einem Konzert des BBC Symphony Orchestra in London. Als ein großes Cellosolo nahte, geriet Dirigent Sir Colin Davis in leichte Panik, denn der damalige  Solocellist war offensichtlich eingeschlafen. Der Mann stand in dem Ruf, dem Alkohol häufiger und intensiver zuzusprechen, als ihm guttat, und schien auch jetzt unter der Wirkung hochgeistiger Getränke sanft in Morpheus’ Arme gesunken zu sein. Alle Versuche seines Pultnachbarn, ihn wachzurütteln, blieben erfolglos. Davis gab daraufhin einem anderen Cellisten im Orchester das Zeichen, er solle einspringen. Doch im selben Moment schlug der Solocellist die Augen auf, blickte zum Dirigenten, wartete auf seinen Einsatz und begann souverän, ohne mit der Wimper zu zucken, mit seinem Part. Pierre Boulez, der frühere Chef des  BBC-Orchesters, saß im Publikum und eilte nach dem Konzert zu dem Solocellisten in die Garderobe. „Wie schaffen Sie es bloß, besoffen so schön zu spielen?“, fragte er ihn. Die Antwort: „Ganz einfach, Pierre. Ich übe auch besoffen.“

Wer zum Teufel ist Beethoven?! / 01.05.2012

Noch unberechenbarer als das Musikgeschäft ist das Filmbusiness. Aber genau das führt manchmal zu Momenten wahren Glücks. Warum ein Sturm über Chicago zur rechten Zeit kommen kann und Mia Farrow einfach großartig ist

Während ich diese Zeilen schreibe, ist mein neuntes Musikfestival im amerikanischen Savannah voll im Gange: Über 100 Konzerte in 17 Tagen in allen Musikgenres sowie Bildungsveranstaltungen und Aufführungen für mehr als 20 000 Kinder aus dem gesamten Bundestaat Georgia. Zum Glück hat in den Jahren, seit ich für das Gelingen in Savannah mit verantwortlich bin, kaum einer abgesagt. Außer Klaus Maria Brandauer damals, vor meinem allerersten Konzert. Ich war endlich dazu gekommen, meine Idee umzusetzen, „Beethoven“ in Form eines Text-Musikabends auf die Bühne zu bringen. Drei Tage vor der Aufführung klingelte in Vancouver, wo ich ein Konzert zu spielen hatte, mein Handy: Brandauer sei heftigst erkrankt, er läge mit einer Lungenentzündung im Krankenhaus. Ich rief umgehend Rob Gibson, den Direktor des Festivals, an. Wir entschieden uns dafür, spontan nach einem Ersatz zu suchen. Und während Rob und ich uns die Finger wund wählten, wurde uns schnell klar, was für ein anderes Geschäft die Filmbranche und wie uninteressant man als Musiker für einen großen Schauspieler ist, besonders für einen Hollywood-Star. Und vor allem, wie unhöflich die Agenten im Filmbusiness sein können.

„Hallo, was wollen Sie? Wer zum Teufel ist Beethoven?!“ Die meisten Agenten interessieren sich nur für die nächste große Filmrolle und eine Millionengage. Deshalb lautete die erste Frage, wenn die Agenten nicht sowieso gleich aufgelegt hatten: „Wie viel?“

Doch nach einer Weile kontaktierte uns eine Produzentin aus Los Angeles: „Wir haben es weitergegeben. Was halten Sie von Dennis Hopper oder Aidan Quinn?“ Ich sagte, „es geht um Beethoven, es muss ein Beethoven sein“. „Brian Dennehy.“ Das ging schon mehr in die richtige Richtung. „Und Mia Farrow.“„Ähm … Ich weiß nicht, ob Sie mich verstehen, es geht um Beethoven.“ „Hören Sie, Honey, Sie haben zwei Tage Zeit, wollen Sie sich jetzt etwa beschweren?“ „Nein!“, sagte ich schnell. „Wen wollen Sie haben?“ Ich sagte, ich brauchte Bedenkzeit und würde zurückrufen. Fünf Minuten später rief sie aber wieder an. „Mia Farrow macht es“, sagte die Dame. „Moment, Sie wollten doch warten, bis ich …“ „Nein, ich habe einfach angerufen, und Mia war zuerst dran.“ „Das ist ja toll, aber ich muss es mit dem Festival klären.“ Sie: „Das haben Sie falsch verstanden, wir haben es angeboten, sie hat es angenommen, das ist es.“ „Aber wir haben nichts Schriftliches.“ „Honey, bei uns gibt es nichts Schriftliches. Wenn man einen Hollywood-Star fragt und Sie nennen eine Gage und er sagt zu, dann
ist es endgültig. That’s Showbusiness.“ Wir hatten sie Mittwochnachmittag erreicht, das Konzert war Freitagabend. Aber eines war klar: Mia Farrow konnte nicht Beethoven sein. Das Stück musste umgeschrieben werden. Am nächsten Morgen stieg ich vollkommen unverrichteter Dinge ins Flugzeug Richtung Savannah. Wie konnte ich nur aus Beethovens Stimme eine Frauenstimme machen, ohne dass alles umgeschrieben werden muss? Immer wieder ging ich die Bücher durch, und plötzlich entdeckte ich ein Kapitel über Beethovens Haushälterinnen und dass niemand es je lange ausgehalten hatte, außer einer Frau Streicher, die bis zum Schluss bei ihm blieb. Da wusste ich, Mia Farrow wird Frau Streicher sein! Auf diese Weise konnte ich ganze Textblöcke stehen lassen und musste nur für die veränderte Situation neue Dialoge und Übergänge schreiben. Nach der Zwischenlandung in Chicago fand ich 15 Nachrichten auf meiner Mailbox: „Wo ist der verdammte Text? Wenn wir den Text nicht bald haben, will sie abspringen!“ Ich hastete in die Lounge am Flughafen, dort gab es WLAN, die Dame vom Bodenpersonal sagte mir, ich hätte noch 50 Minuten bis zum Abflug. Ich bat sie: „Hören Sie, es ist ein Notfall, ich muss hier in der Lounge bleiben, bis zum letzten Moment. Tun Sie mir den Gefallen.“ Und dann passierte ein Wunder: ein Sturm über Chicago! Der Abflug verzögerte sich um mindestens zwei Stunden. Ich jubelte, das war der schönste Sturm meines Lebens. Ich konnte den Text fertig schreiben und ihn Mia Farrow mailen. In der Zwischenzeit verbreitete sich die Nachricht, dass Mia Farrow nach Savannah gekommen war, wie ein Lauffeuer. Ganze Fernsehteams fuhren vor, um einen Blick auf den Star zu erhaschen. Als wir anfingen, konnte Mia schon ein paar Seiten auswendig, am Nachmittag die Hälfte und am Abend fast den ganzen Text, über 40 Seiten. Sie war großartig. Nach dem Konzert zog sie sich zurück. Alle anderen gingen essen, und wieder einmal fragte ich mich, ob das wirklich alles wahr gewesen war.

Die Platten des Diktators / 01.04.2012

Sowohl im Dritten Reich als auch in Stalins Sowjetunion lebten jüdische Musiker in ständiger Todesangst. Viele von ihnen arbeiteten trotzdem weiter, und ihre Einspielungen wurden   manchmal sogar von den Massenmördern selbst gehört

Nach einem ewig dauernden Asienflug versuchte ich neulich die Zeit in der Lounge am Münchener Flughafen zu überbrücken, als mein Auge auf die Lektüre meines Sitznachbars fiel. „Völkischer Beobachter, Herausgeber Adolf Hitler“ stand groß geschrieben neben einem Hakenkreuz; die Schlagzeile in altdeutscher Schrift, rot unterstrichen: „Jetzt wird rücksichtslos durchgegriffen“. Offensichtlich wurde es dem jungen Mann unangenehm, dass ich ständig in seine Richtung schaute. Nach einer Weile stand er genervt auf und verließ hastig die Lounge, ohne seine Lektüre. Die Neugier packte mich und ich ging rüber zu seinem Sitzplatz. Dort fand ich eine der Sammeleditionen, die vor ein paar Wochen in Deutschland für Schlagzeilen gesorgt hatten. Zeitungen aus der Nazizeit werden darin als Faksimile nachgedruckt, zusammen mit einem kritischhistorischen Kommentar.

Es ist eine Sache, von dieser Edition in den Medien zu hören. Völlig anders ist das Gefühl, die Zeitungen in den Händen zu halten. Als ich die entsetzlichen Seiten durchblätterte, entdeckte ich jedoch etwas Interessantes darin. Nicht etwa die blutrünstigen Propagandameldungen überraschten mich, sondern eher, wie darin die Normalität des Alltags des damaligen Berlins zelebriert wurde. Bei der Rubrik „Konzerte der Woche“ pochte mein Herz: „1. Februar 1933, 08:30, Philharmonie, Heifetz“. Der legendäre russisch-jüdische Geiger Jascha Heifetz hatte tatsächlich am Tag nach Hitlers Machtergreifung in Berlin auf der Bühne gestanden. Wer das Eisenstaedt-Foto aus jener Zeit kennt, kriegt vielleicht ansatzweise ein Gefühl dafür, wie bedrohlich die Atmosphäre im Saal an jenem Abend gewesen sein muss.

Dass ein Großteil der Künstler in ihrem Schaffen reglementiert, in ihrer künstlerischen Entwicklung drastisch behindert oder gar aus purer Willkür eingesperrt und umgebracht wurden, ist bekannt. Im Rahmen der Reichsmusiktage 1938 in Düsseldorf polemisierte Goebbels nicht nur gegen den Jazz, sondern posaunte auch die Hiobsbotschaft hinaus: „Das deutsche musikalische Leben ist von den letzten Spuren jüdischer Anmaßung und Vorherrschaft endgültig gesäubert.“ Umso überraschender war deshalb der Spiegel-Artikel aus dem Jahr 2007, der über Teile der Plattensammlung aus dem Führerhauptquartier berichtete. Neben den zu erwartenden Stücken von Beethoven und Wagner fand man unter Hitlers Lieblingsmusik eine Tschaikowski-Aufnahme des polnisch-jüdischen Geigers Bronislaw Huberman, der 1935 das Palestine Orchestra gründete, aus dem 1948 das Israel Philharmonic Orchestra hervorging. Oder eine Platte des Pianisten Artur Schnabel, der Deutschland unmittelbar nach der Machtergreifung verließ und dessen Mutter im Konzentrationslager Theresienstadt ermordet wurde.

Das Leben in ständiger Todesangst war auch unter Stalin der quälende Normalfall. Er hielt allerdings große Stücke auf die Pianistin Marija Judina. Um Judina rankt sich eine Geschichte, wie sie nur in Diktaturen möglich ist: Der Tyrann habe sie eines Abends mit einem Mozart-Konzert im Radio gehört und sofort angeordnet, der Sender solle ihm umgehend die Platte schicken. Das Problem war, dass es sich um eine Live-Übertragung handelte und gar keine Aufnahme existierte. Die Verantwortlichen der Radiostation befiel größte Panik. Weil Wünsche Stalins Gesetz waren, wurden in höchster Eile sowohl die Pianistin als auch ein Sinfonieorchester samt Dirigent aus dem Bett geklingelt, in ein Aufnahmestudio beordert und beauftragt, das Mozart-Konzert unverzüglich einzuspielen. Spät in der Nacht begann die Produktion, doch der Dirigent hielt dem enormen Druck nicht stand und brach schon im ersten Satz zusammen, ebenso der herbeigerufene Ersatzmann. Erst der dritte Dirigent schaffte es. Als der Morgen graute, war alles unter Dach und Fach, die Platte konnte gepresst und im Kreml abgeliefert werden. Stalin soll sehr zufrieden gewesen sein. Als er 1953 verstarb, soll auf seinem Nachttisch die Schallplatte mit Mozarts A‑Dur‑Klavierkonzert KV 488 erklungen sein, gespielt von Judina.

Zurück in der Lounge in München, entschied ich mich dafür, die Zeitungen auf meinen Weiterflug der British Airways nach London mitzunehmen und erntete damit ähnliche Blicke. Dabei erklang die Aufnahme Judinas in meinen Ohren.

Andere Länder, anderer Applaus / 13.03.2012

In Japan bricht der Beifall lawinenartig los, in Frankreich klatscht man rhythmisch und lang, der Italiener applaudiert, wenn er Lust hat, und in China kann alles passieren. Warum sind gerade die Deutschen solche Konzertpuristen?

Gerade komme ich aus dem französischen Nantes. Das dortige „La Folle Journée“, konzipiert von René Martin, einem der beeindruckendsten Musikmanager, den ich kenne, ist ein Festival sondergleichen. Jedes Jahr werden in fünf Tagen bis zu 280 Konzerte mit 1800 Musikern präsentiert. Kein Konzert dauert länger als 45 Minuten, und das Publikum kann zwischen zehn Sälen umherwandern. Die Idee dahinter: Menschen soll die Chance gegeben werden, klassische Musik auf höchstem Niveau zu hören, stundenlang, hautnah und unprätentiös. Böse Kritikerzungen sprechen von „Supermarktkunst“, andere glauben darin die Zukunft der klassischen Musik zu erkennen. Für mich sind die Konzerttage in Nantes eine geniale Erfindung. Wie zukunftsträchtig die Idee ist, sieht man daran, dass sie inzwischen auch in Lissabon, Bilbao, Tokio und Rio de Janeiro erfolgreich umgesetzt wird.

Das Thema in diesem Jahr lautete „russische Musik“, und ich spielte das zweite Violinkonzert von Sergei Prokofjew, in einem ausverkauften Saal mit knapp 2000 Zuhörern. Da immer auch viele Klassikeinsteiger in diese Konzerte kommen, war ich auf die Reaktionen besonders gespannt. Zwischen den Sätzen gab es absolute Stille, aber der Applaus am Ende steigerte sich langsam und stetig zu einem langen rhythmischen Klatschen.

Spätestens seit ich ein Buch zum Thema Applaus geschrieben habe, werde ich immer wieder gefragt, wann man eigentlich klatschen soll. Dabei finde ich es hochinteressant, die unterschiedlichen Klatschkulturen der verschiedenen Länder zu beobachten. In Holland steht das Publikum meist sofort auf, nur, um so schnell wie möglich den Saal zu verlassen. Das rhythmische Klatschen scheint besonders in Frankreich und Skandinavien verbreitet zu sein.

In Japan herrscht hingegen bedingungslose Stille bis zum letzten Ton, dann folgt der Applaus lawinenartig, aber im Gleichtakt. In China kann alles passieren – neben einem interessierten bis begeisterten Publikum hat man häufig nicht nur mit klingelnden Handys zu kämpfen, sondern auch mit angenommenen Anrufen. Die Italiener gehen freigebiger mit Applaus um. Wenn ihnen etwas gefallen hat, klatschen sie, egal ob noch ein paar Sätze folgen oder nicht. Ihr Temperament äußert sich aber auch im umgekehrten Fall unmissverständlich: Versager werden gnadenlos ausgebuht.

Was für das Publikum im Süden normal ist, gilt im Norden vielfach als grobe Stillosigkeit, wenn nicht gar als Zeichen von Unwissen. Die deutsche Konzerttradition sieht Beifall nach einzelnen Sätzen nicht vor, und hält sich jemand nicht daran, kann es sein, dass hemmungslos gezischt wird. Woher kommt das?

Man sollte nicht vergessen, dass die Leute im 18. Jahrhundert im Konzert lautstark miteinander sprachen, rauchten, tranken und Karten spielten. In Paris saßen die Herren gerne mit dem Rücken zum Podium, damit sie den Damen besser in die Augen schauen konnten. Noch 1824, bei der Uraufführung von Beethovens „Neunter“, wären die Konzertsaalpuristen von heute vor Schreck erstarrt: Nach jedem Satz gab es tosenden Beifall, und mit den Taschentüchern wurde begeistert gleich nach den Donnerschlägen der Pauken gewunken, mitten im Satz, der zu allem Überfluss auch noch wiederholt wurde.

Angesichts der lockeren Sitten, die damals in der Musikwelt herrschten, waren die Bemühungen um geordnete Verhältnisse vielleicht verständlich. Der Komponist Carl Reinecke war hoch beglückt, als er 1860 das Leipziger Gewandhaus besuchte und dort eine „andächtige Gemeinde“ vorfand. Hatte die „Umerziehung“ in Leipzig funktioniert, war sie anderswo nur bedingt erfolgreich. Offenbar mochten sich viele Konzertgänger nicht so ohne Weiteres mit den neuen, strengen Regeln anfreunden. Noch 1910 wurde bei Quartettabenden in Berlin die „Beifallsenthaltung zwischen den einzelnen Sätzen“ ausdrücklich angemahnt, und 1940 wurde auf Programmzetteln der Berliner Singakademie gebeten, „die Werke nicht durch Beifall zu unterbrechen“.

Heutzutage werden wir Musiker eher von twitternden Zuschauern unterbrochen oder von Leuten, die mit dem Smartphone schon während des Konzerts unsere Interpretationen auf Youtube hochladen. Vielleicht entwickeln wir in 50 Jahren sogar einen Ersatz für das Klatschen. Virtuell, versteht sich, und ohne Zischen …

Schiefe Töne im Weltorchester / 03.02.2012

Die Welt der klassischen Musik ist nicht immer der Hort des Wahren und Guten, für den man sie gemeinhin hält. Was unser Kolumnist zum Beispiel im legendären Teatro Colón in Buenos Aires erlebte, hätte er sich beim besten Willen nicht träumen lassen

Kein Opern- und Konzerthaus auf dem südamerikanischen Kontinent genießt einen so legendären Ruf wie das Teatro Colón in Buenos Aires, ein grandioses Bauwerk mit einer geradezu magischen Atmosphäre. 1908 wurde das prunkvolle Theater mit Verdis „Aida“ eröffnet. Steht man auf der Bühne, wird man überwältigt von dem gewaltigen Zuschauerraum mit seinen sieben Logenrängen und knapp 3500 Plätzen. Unvergesslich ist mir mein dortiges Debüt, bei dem ich zum ersten Mal erlebte, was südamerikanisches Temperament bedeutet. „Im Colón kann alles passieren“, hatte der Dirigent noch gesagt. Der Beifall nach dem ersten kurzen Stück hatte die Stärke des Jubels, der nach einem Tor der eigenen Fußballnationalmannschaft einsetzt.

Weniger erfreulich war dafür mein zweiter Auftritt, einige Jahre später. Ich war auf Tournee und spielte Alban Bergs Violinkonzert. Dieses magische Werk ist eine Art Requiem für die an der Kinderlähmung gestorbene  Manon Gropius, die 18-jährige Tochter von Alma Mahler und Walter Gropius.

Es gab nur eine Generalprobe am Vormittag des Konzerts. Schon als die ersten geheimnisvollen Harfentöne über die Bühne des Colóns wehten, wurde ich aus der genialen Klangwelt Bergs herausgerissen. Mit den Bläsern stimmte etwas nicht. Zunächst tat ich so, als ob ich es nicht merkte: Es war heiß, und jeder macht mal Fehler. Aber als die Streicher einsetzten, folgten die nächsten falschen Töne. Dann setze das Altsaxofon viel zu früh ein, die Tuba spielte Dur statt Moll, und die Pauken spielten leidenschaftlich, wo sie gewiss nichts zu spielen hatten. Ich brach ab und drehte mich voller Verwunderung zum Dirigenten, einem Amerikaner, der genauso perplex war wie ich.

Die Orchestermusiker fingen an zu tuscheln, die Blechbläser gestikulierten, der Konzertmeister sprang auf, schrie etwas vehement auf Spanisch und verließ den Saal. Plötzlich erschien der Manager des Orchesters. Die Musiker beschimpften ihn auf das Übelste, ein Cellist schubste ihn durch den Saal. Der Feueralarm ging los, und ich entschied mich für die Flucht in meine Garderobe. Plötzlich spürte ich eine Hand auf meiner Schulter. Es war der Manager. „Was zum Teufel ist hier los?!“, fragte ich ihn. Er war blass und sprach ganz leise. Anscheinend hatte das Colón seit Jahren seine Schulden an die argentinische Verwertungsgesellschaft nicht mehr gezahlt, woraufhin sich die Musikverlage weigerten, das Notenmaterial von Copyright-pflichtigen Musikstücken bereitzustellen.

„Aber wenn Sie keine Noten bekommen haben“, fragte ich, „woraus spielen Sie dann?!“ Der Manager machte die Tür neben sich auf. Eine Wolke von Zigarettenrauch strömte heraus. In dem Zimmer saß ein kleiner Mann mit roten Augen am Computer, in der linken Hand eine Taschenpartitur von Bergs Violinkonzert, die rechte Hand an einer Maus. Die Argentinier waren auf die brillante Idee gekommen, ihre eigene Edition zu machen. „Pepe hat den zweiten Teil fast fertig korrigiert!“, sagte der Manager stolz. Ich erklärte, dass ich bei allem Respekt nicht mehr an dieser Aufführung teilnehmen könne, verließ das Konzerthaus und ging zurück zu meinem Hotel. Dort wartete schon ein Fax mit einer Klageandrohung des Wiener-Verlags auf mich, der die Rechte zu Bergs Musik vertritt.

Das Orchester drohte ebenfalls mit einer Klage gegen mich. Ich bot an, ein anderes Violinkonzert zu spielen, aber man sagte, man habe nicht genug Zeit, die Noten zu besorgen. Wenig später bot der Dirigent an, mich in einer Brahms-Sonate am Klavier zu begleiten. Ich stimmte unter der Voraussetzung zu, dass der Manager das Publikum am Abend informieren würde, was der wirkliche Grund für die Programmänderung war. Und so geschah es dann auch. Es hagelte Buhrufe und Geschrei. „Aber Señor Hope ist bereit, trotzdem zu spielen!“ Das Geschrei wandelte sich sofort in Bravorufe, und wir spielten Brahms. Vor dem Konzert hatte mich der Manager gewarnt, die Stimmung sei katastrophal; es könne für mich sogar gefährlich werden. Ich hatte meinen Fahrer gebeten, mit laufendem Motor neben der Bühneneingangstür zu warten. Zum ersten Mal in meiner Karriere fuhr ich direkt von der Bühne zum Flughafen. Erst als ich im Flugzeug saß, wurde mir klar, dass im Colón wirklich alles passieren kann.

Kann Musik Lärm sein? / 12.01.2012

Die größten Geheimnisse der Musik findet man oft im Pianissimo. Trotzdem: Selbst eine zarte Flöte hat eine Lautstärke von bis zu 118 Dezibel. Werden deswegen alle Orchestermusiker im Alter an Hörschäden leiden? Und was ist mit ihren Nachbarn?

Es war zehn Tage vor Weihnachten in London, und ich hatte mir damals vorgenommen, meine neuen Hausbewohner ganz sanft an meine Übungsphasen zu gewöhnen. Ich fing deshalb mit einem Stück von Johann Sebastian Bach an, das ich vorsichtig und leise anstrich. Es dauerte nur wenige Minuten, da klingelte es Sturm an der Tür. Draußen stand ein Mann im Unterhemd und brüllte mich an: „Mensch, mach mal leiser! Leiser!!“ Offensichtlich glaubte er, es mit einer Stereoanlage zu tun zu haben. Von Geige oder Bach wollte er nichts wissen. Nicht gerade die feine englische Art oder eine herzerwärmende Adventsbegrüßung. Beim nächsten Mal hat er dann gleich die Polizei gerufen, der die Sache allerdings, wie ich schnell merkte, ziemlich unangenehm war. „Tut uns leid, Sir“, sagten die Beamten, „aber wir müssen nun mal jeder Beschwerde nachgehen, so absurd sie auch sein mag.“ Die Polizisten wurden zu regelmäßigen „Besuchern“ bei mir, und zum Entsetzen des Nachbarn unterhielten wir uns gerne lässig bei einer Tasse Tee über Musik und Kunst.

In Amsterdam, wo ich später wohnte, erlebte ich das genaue Gegenteil: Da fragten mich die Nachbarn, ob ich sie im Voraus informieren würde, wenn ich übe, sie hörten es so gern. Aber das war ein seltener Glücksfall.

Viele Kollegen kennen das Problem, speziell die Sängerinnen und Sänger mit ihren Stimmübungen, die ja auch nicht immer ein Hörgenuss sind. Es wird wütend gegen die Wände geklopft oder von vorneherein die Polizei gerufen. Besonders schwer haben es die Pianisten, weil sie obendrein viel Platz für ihr Instrument benötigen. Manche lassen sich um ihren Flügel herum eine schalldichte Kabine bauen, die zwar kaum Töne nach außen dringen lässt, aber alles andere als ein gemütlicher oder gar inspirierender Aufenthaltsort zum Musizieren ist.

Und in der Tat, Musikinstrumente können laut sein, selbst jene, denen man das zunächst gar nicht zutraut. Ein Flötist, zum Beispiel, muss bis zu 118 Dezibel an seinem rechten Ohr verkraften. Eine Geige ist kaum leiser, und wenn die vereinten Blechbläser im Orchester losdonnern, können sie es, was die Lautstärke angeht, leicht mit einem startenden Jet aufnehmen. Aber kann Musik wirklich Lärm sein? Laut einer Untersuchung des Umweltbundesamts in Berlin aus dem Jahr 2009 haben 11 Prozent der Kinder den Lautstärkepegel ihres mp3-Players immer am oberen Anschlag. Wohl sagen die Experten, dies sei nicht weiter problematisch – doch die meisten Geräte schaffen es weit über die Lärmgrenze von 85 Dezibel, was die Chancen auf Hörschäden im Alter drastisch erhöht.

Es leuchtet mir ein, dass man sich auch um die Musikerohren sorgt, für Arbeitnehmer in lärmbelasteten Industriebetrieben werden ja auch Schutzvorkehrungen getroffen. Deshalb gelten seit 2008 die Richtlinien der Europäischen Union für den Arbeitsschutz in der Musikindustrie. Sie besagen, dass insbesondere das Gehör einem großen Risiko ausgesetzt ist. Weniger das des Publikums, sondern das der Musiker im Orchester, deren Ohren zeitweise mit Lautstärken beschallt werden, wie sie im sonstigen Leben von Presslufthämmern erzeugt werden. Und wenn ich an viele Musikerkollegen aus der Popbranche denke, die im Lauf ihrer Karriere erhebliche Gehörschäden davongetragen haben, muss man zugeben, dass es Musik gibt, die auch schädigend wirken kann.

Andere Wissenschaftler allerdings bezweifeln diese Theorie und behaupten, das menschliche Ohr reagiere auf Musik ganz anders als auf störende Geräusche, und erst recht auf Lärm in Fabrikhallen oder auf Baustellen. Ein tropfender Wasserhahn treibt manchen schon zur Raserei, der bei dezibelstarker Musik von Wagner oder Richard Strauss ins Schwärmen gerät.

Die Komponisten der Gegenwart werden darauf in Zukunft womöglich zu achten haben, dass ihre Werke nicht die höchstzulässigen Dezibelwerte überschreiten, weil Uraufführungen – wie bereits in einem Fall geschehen – sonst von Orchestern verweigert werden. Davon ganz abgesehen findet man oft gerade die größten und schönsten Geheimnisse der Musik im Pianissimo… In diesem Sinne, Ihnen allen einen sanften und ruhigen Start ins neue Jahr!



2011


Kann Musik Lärm sein? / 12.01.2012

Die größten Geheimnisse der Musik findet man oft im Pianissimo. Trotzdem: Selbst eine zarte Flöte hat eine Lautstärke von bis zu 118 Dezibel. Werden deswegen alle Orchestermusiker im Alter an Hörschäden leiden? Und was ist mit ihren Nachbarn?

Es war zehn Tage vor Weihnachten in London, und ich hatte mir damals vorgenommen, meine neuen Hausbewohner ganz sanft an meine Übungsphasen zu gewöhnen. Ich fing deshalb mit einem Stück von Johann Sebastian Bach an, das ich vorsichtig und leise anstrich. Es dauerte nur wenige Minuten, da klingelte es Sturm an der Tür. Draußen stand ein Mann im Unterhemd und brüllte mich an: „Mensch, mach mal leiser! Leiser!!“ Offensichtlich glaubte er, es mit einer Stereoanlage zu tun zu haben. Von Geige oder Bach wollte er nichts wissen. Nicht gerade die feine englische Art oder eine herzerwärmende Adventsbegrüßung. Beim nächsten Mal hat er dann gleich die Polizei gerufen, der die Sache allerdings, wie ich schnell merkte, ziemlich unangenehm war. „Tut uns leid, Sir“, sagten die Beamten, „aber wir müssen nun mal jeder Beschwerde nachgehen, so absurd sie auch sein mag.“ Die Polizisten wurden zu regelmäßigen „Besuchern“ bei mir, und zum Entsetzen des Nachbarn unterhielten wir uns gerne lässig bei einer Tasse Tee über Musik und Kunst.

In Amsterdam, wo ich später wohnte, erlebte ich das genaue Gegenteil: Da fragten mich die Nachbarn, ob ich sie im Voraus informieren würde, wenn ich übe, sie hörten es so gern. Aber das war ein seltener Glücksfall.

Viele Kollegen kennen das Problem, speziell die Sängerinnen und Sänger mit ihren Stimmübungen, die ja auch nicht immer ein Hörgenuss sind. Es wird wütend gegen die Wände geklopft oder von vorneherein die Polizei gerufen. Besonders schwer haben es die Pianisten, weil sie obendrein viel Platz für ihr Instrument benötigen. Manche lassen sich um ihren Flügel herum eine schalldichte Kabine bauen, die zwar kaum Töne nach außen dringen lässt, aber alles andere als ein gemütlicher oder gar inspirierender Aufenthaltsort zum Musizieren ist.

Und in der Tat, Musikinstrumente können laut sein, selbst jene, denen man das zunächst gar nicht zutraut. Ein Flötist, zum Beispiel, muss bis zu 118 Dezibel an seinem rechten Ohr verkraften. Eine Geige ist kaum leiser, und wenn die vereinten Blechbläser im Orchester losdonnern, können sie es, was die Lautstärke angeht, leicht mit einem startenden Jet aufnehmen. Aber kann Musik wirklich Lärm sein? Laut einer Untersuchung des Umweltbundesamts in Berlin aus dem Jahr 2009 haben 11 Prozent der Kinder den Lautstärkepegel ihres mp3-Players immer am oberen Anschlag. Wohl sagen die Experten, dies sei nicht weiter problematisch – doch die meisten Geräte schaffen es weit über die Lärmgrenze von 85 Dezibel, was die Chancen auf Hörschäden im Alter drastisch erhöht.

Es leuchtet mir ein, dass man sich auch um die Musikerohren sorgt, für Arbeitnehmer in lärmbelasteten Industriebetrieben werden ja auch Schutzvorkehrungen getroffen. Deshalb gelten seit 2008 die Richtlinien der Europäischen Union für den Arbeitsschutz in der Musikindustrie. Sie besagen, dass insbesondere das Gehör einem großen Risiko ausgesetzt ist. Weniger das des Publikums, sondern das der Musiker im Orchester, deren Ohren zeitweise mit Lautstärken beschallt werden, wie sie im sonstigen Leben von Presslufthämmern erzeugt werden. Und wenn ich an viele Musikerkollegen aus der Popbranche denke, die im Lauf ihrer Karriere erhebliche Gehörschäden davongetragen haben, muss man zugeben, dass es Musik gibt, die auch schädigend wirken kann.

Andere Wissenschaftler allerdings bezweifeln diese Theorie und behaupten, das menschliche Ohr reagiere auf Musik ganz anders als auf störende Geräusche, und erst recht auf Lärm in Fabrikhallen oder auf Baustellen. Ein tropfender Wasserhahn treibt manchen schon zur Raserei, der bei dezibelstarker Musik von Wagner oder Richard Strauss ins Schwärmen gerät.

Die Komponisten der Gegenwart werden darauf in Zukunft womöglich zu achten haben, dass ihre Werke nicht die höchstzulässigen Dezibelwerte überschreiten, weil Uraufführungen – wie bereits in einem Fall geschehen – sonst von Orchestern verweigert werden. Davon ganz abgesehen findet man oft gerade die größten und schönsten Geheimnisse der Musik im Pianissimo… In diesem Sinne, Ihnen allen einen sanften und ruhigen Start ins neue Jahr!

Kriegsherr und musischer Schöngeist / 10.12.2011

Beim Einspielen einer CD mit Kompositionen von Friedrich dem Großen fällt unserem Kolumnisten auf, dass der so begabte wie zerrissene Preußenkönig alles andere war als ein musikalischer Dilettant

Als ich vor ein paar Jahren Ahnenforschung für mein erstes Buch betrieb, meinte irgendjemand zu mir: „Dann bist du ja ein halber Preuße!“ Die Bemerkung zielte auf meinen Urururgroßvater ab. Er hatte anno 1812 von der königlich-kurmärkischen Regierung zu Potsdam das Bürgerrecht bescheinigt bekommen. Mütterlicherseits hatte ich sowieso eine starke Berliner Komponente in meiner Vorgeschichte entdeckt, überschattet freilich vom unheilvollen Ende, das die meisten Familien jüdischer Abstammung in Deutschland nahmen.

Aber ein „halber Preuße“? Nein, so habe ich mich nie gefühlt. Doch das ändert nichts daran, dass mich der Mann, der als Inbegriff alles Preußischen gilt, der große König Friedrich, schon lange fasziniert. In letzter Zeit sogar noch mehr denn je, da ich gerade eine CD und einen Dokumentarfilm über den „Alten Fritz“ mitproduziert habe, in Vorbereitung auf das Gedenkjahr 2012, in dem er 300 Jahre alt geworden wäre.

Ein Philosoph auf dem Thron, der komponiert, Opernlibretti entwirft und Flöte spielt – so einer muss eigentlich jeden Musiker für sich einnehmen. Wäre es nicht besser um die Welt bestellt, gäbe es mehr von dieser Sorte, säßen überall nur Schöngeister wie er an den Hebeln der Macht? Man stelle sich vor: Nach den profanen Staatsgeschäften greifen Bundeskanzler oder Präsident zum Instrument, tauchen ab ins Reich der Harmonie und kurieren sich bei Sonaten und Quartetten von finsteren Machtgelüsten und feindseligen Intrigen aus.

Natürlich ist das naiv gedacht, bestenfalls ein frommer Wunsch. Schließlich hat sich auch Preußens Friedrich durch die Musik nicht davon abhalten lassen, zur Durchsetzung seiner Interessen blutige Kriege zu führen. Und trotzdem, dieser König mit seinen musischen Talenten und Passionen, der Gedichte und Sinfonien schrieb, Folter und Zensur weitgehend abschaffte, jeden nach seiner Fasson selig werden lassen wollte, die Kartoffel in seinem Land heimisch machte und Pflichterfüllung zur obersten Maxime erklärte – dieser „Alte Fritz“ ist eine singuläre Gestalt in der Geschichte.

In den vielen Biografien über ihn kommt, finde ich, die menschliche Seite manchmal zu kurz, der tragische Zwiespalt, der sein Leben prägte und aus dem er nie ein Geheimnis machte. „Ich fühle mich nicht für das Jahrhundert gemacht, in dem wir leben“, schrieb er als junger Kronprinz seinem langjährigen Briefpartner Voltaire, und mehr als einmal gab er zu erkennen, dass er lieber zeitlebens auf seinem Schloss in Rheinsberg geblieben wäre, um sich mit Musik zu beschäftigen, anstatt König zu werden. Als beinahe fatalistisch empfinde ich seinen Gedanken, dass „wir eben doch nicht Meister unseres Schicksals“ sind.

Über das Heerwesen von Friedrich II schreibt der britische Militärhistoriker Christopher Duffy: „Im Einsatz hatten sich die Bläser hinter den Kompaniefahnen einzuordnen, deren Platz zwischen dem vierten und fünften Zug des Bataillons war … Sobald die Artillerie und die Handfeuerwaffen beider Seiten zu schießen anhoben, wurde bei den Musikanten jedoch das Pflichtbewusstsein durch den Selbsterhaltungstrieb verdrängt … Bei dem Rückzug war einer der ‚Hauboisten‘ so unvorsichtig, sich im Freien von einem Kosak erwischen zu lassen, der ihn über eine Wiese gejagt hatte. Friedrich lenkte die Aufmerksamkeit seines Stabes auf diesen seltenen Vorfall und bemerkte: ‚Mich soll doch wundern, ob Apoll und die Muse der Tonkunst ihren Zögling retten werden.‘ Im letzten Augenblick wendete sich der Musiker und hielt dem Kosak den riesigen Trichter seines Fagotts entgegen, der daraufhin auch prompt die Flucht ergriff.“

Dass sich Friedrich als Komponist nicht mit den ganz Großen der Zunft messen konnte, hätte auch er selbst wohl kaum bestritten. Böse Zungen behaupten sogar, er habe die eine oder andere Melodie von seinem hoch begabten Hofkomponisten gelegentlich „ausgeliehen“. Doch dass er sehr viel mehr als ein bloßer Dilettant war, wurde mir spätestens in dem Moment klar, als ich mich für die CD daranmachte, das Finale seines G-Dur-Flötenkonzerts für Solovioline umzuschreiben. Vor allem seine vorzüglichen Flötensonaten sprühen vor Frische und lassen einen ganz eigenen individuellen Stil erkennen. Die edle Gestaltung und ihr Gedankenreichtum haben mir hohen Respekt abgenötigt und gezeigt, dass der königliche Tonsetzer ein ebenso gelehriger wie eigenständiger Schüler seines Lehrmeisters Quantz gewesen ist.

In diesem Sinne: Happy Birthday, Majestät!

Bloß nicht ans Geld denken / 11.11.2011

Jeden Morgen liest man in der Zeitung von Krisen, Crashs und Katastrophen. Für Musiker sind das besonders heikle Themen. Denn zu ihren Finanzen unterhalten sie meistens eine problematische Beziehung

 

Morgens, wenn man aufwacht, freut man sich nicht als Erstes auf eine Bach-Sonate oder das Mendelssohn-Konzert, sondern man liest in der Zeitung von Krisen, Crash und Katastrophen. Voller Mitgefühl denkt man da an so manchen Klassikmaestro, der sich beim Studium des Börsenteils die Haare rauft und sich beklommen fragt, wie lange er singen, spielen oder dirigieren wird müssen, um seine Investmentverluste wettzumachen und sein Portfolio wieder in Ordnung zu bringen. „Künstler reden ja nur übers Geld“, beklagte sich einst schon der finnische Komponist Jean Sibelius, „über Musik kann man am besten mit Bankdirektoren reden.“

Das Thema ist beileibe nicht neu. Finanzskandale, Kursstürze und Bankzusammenbrüche gab es immer. Schon zu Lebzeiten Vivaldis etwa. 1720 zum Beispiel, während der „rote Priester“ seine Meisterwerke schrieb, war von der großen „Südseeblase“ die Rede. In jenem Jahr kollabierte die Londoner im Überseehandel tätige South Sea Company infolge von Schwindelgeschäften und Fehlspekulationen. Isaac Newton, der selbst 20000 Pfund verlor, kommentierte damals: „Ich kann die Bewegung eines Körpers messen, aber nicht die menschliche Dummheit.“

Oft allerdings sind nicht die Märkte, sondern die Musiker selbst an ihren Geldproblemen schuld. Nehmen wir Mozart. Er bleibt wahrscheinlich der meistgespielte klassische Komponist der Welt. Würde er Tantiemen nach heutigen Regeln beziehen, würde er vermutlich zu den reichsten Männern auf dem ganzen Globus gehören. Zu Lebzeiten schickte er aber zahlreiche Bettelbriefe an Förderer und Logenbrüder. Gestorben ist er als armer Schlucker, der seiner Witwe nur einen Haufen Schulden hinterließ. So jedenfalls ist es immer wieder dargestellt worden. Aber das ist eine Legende. Der frühere Mozarteum-Direktor Günther Bauer hat vor kurzem in einem Buch vorgerechnet, dass Mozart ziemlich gut verdient hat: In seinen elf Wiener Jahren dürften es nach heutigem Geldwert ein bis zwei Millionen Euro gewesen sein.

Problem nur: Der Komponist hatte einen überaus aufwendigen Lebensstil, hatte obendrein eine Menge Geld beim Glücksspiel verloren und nichts auf die hohe Kante gelegt. Das Schicksal seines väterlichen Freundes Joseph Haydn war da ungleich tragischer. Dessen Ersparnisse fielen auf seine alten Tage der Inflation zum Opfer. Aber letztlich muss es nicht immer nur die Bank sein, die gewinnt, manchmal ist es auch die Stadt Wien. Die konnte im Mozart-Jahr 2006 circa 250000 zusätzliche Übernachtungen verbuchen – der Meister mag ja seit ewigen Zeiten von uns gegangen sein, sterben lassen ihn viele noch lange nicht.

Dass Komponisten wie Giuseppe Verdi und Richard Strauss schwerreiche Männer wurden, ist ebenso bekannt wie die Supergagen, die Paganini oder Franz Liszt kassierten. Auch Edvard Grieg wurde ein reicher Mann, aber einer mit Prinzipien. Als John Wanamaker 1903 sein riesiges Kaufhaus in Philadelphia errichten ließ, suchte er nach einem weltberühmten Musiker für die Eröffnungszeremonie. Er bat Grieg ein Honorar von 25000 US-Dollar an, eine damals unerhörte Summe. Grieg konterte, „selbst für eine Million Dollar würde ich den Atlantik nicht überqueren!“ George Gershwin nahm 1935 zwischen 100000 und 200000 Dollar im Jahr ein und machte damit sogar den geschäftstüchtigen Strawinski neidisch.

Wie viel erfrischender und ungleich inspirierender war es da doch, Anfang Oktober José Antonio Abreu, den legendären venezolanischen Pianisten, kennenzulernen. Ich sollte die Laudatio beim Echo Klassik in Berlin auf ihn halten. 1975 lebten in Venezuela 75 Prozent der Menschen unterhalb der Armutsgrenze, darunter viele Kinder. Elf von diesen Kindern lud Abreu damals zu einer Probe seines Orchesters ein. Heute sind über eine Viertelmillion venezolanischer Kinder Teil seines Musikerziehungsprogramms „El Sistema“. Sie erhalten Zuwendung und Bestätigung sowie die Chance, selbstbewusste Jugendliche und erfolgreiche, sozial agierende Erwachsene zu werden. Der weltberühmte Dirigent Gustavo Dudamel ist einer davon. Wir können alle von „El Sistema“ lernen und dafür sorgen, dass in Europa Musikerziehung ebenso selbstverständlich ist wie Lesen und Schreiben.

Nach der Verleihung des Echos fragte ich Abreu, wie er das nur geschafft hat. Der liebenswerte alte Mann schaute mich mit seinen funkelnden Augen an und lächelte gelassen: „Einfach machen. Und bloß nicht ans Geld denken …“

Die Barock-Geige, die mich führte / 15.10.2011

Was ist es für ein Gefühl, auf einem der besten Instrumente der Welt spielen zu dürfen? Als unser Kolumnist die Geige des polnischen Virtuosen Karol Lipiński, einem Zeitgenossen Chopins und Liszts, in die Hände bekam, schien plötzlich alles möglich zu sein

Die folgende Anekdote ist unter Musikern sehr beliebt: Jascha Heifetz, einer der größten Geiger aller Zeiten, berühmt für seine atemberaubende Perfektion, aber auch für seinen bissigen Humor, hat gerade ein Konzert gespielt. Eine junge Dame lauert ihm hinter der Bühne auf und wirft sich ihm mit den Worten an den Hals: „Herr Heifetz, Ihre Geige … sie klingt so schön!“ Heifetz, ohne eine Miene zu verziehen, schüttelt das Instrument, hält es an sein Ohr und erwidert: „Wirklich? Ich höre nichts.“

Auch die besten Instrumente der Welt brauchen einen Musiker, um sie zum Leben zu erwecken. Aber was ist es für ein Gefühl, ein solches Trauminstrument tatsächlich in die Hände zu bekommen? Seit meinem 15. Lebensjahr spiele ich eine Geige von Januarius Gagliano, die einst Yehudi Menuhin gehörte, gebaut 1769 in Neapel. Die Familie Gagliano wurde von Antonio Stradivari höchstpersönlich protegiert, und ihre Instrumente gehören zur oberen Garde, wenn auch nicht zur absoluten Spitze. In mehr als 20 Jahren jedoch sind wir ein Herz und eine Seele geworden. Sie ist mein Trost, meine Zuflucht, meine Inspiration und meine Familie. Wahrlich eine „Sie“ und kein „Es“, eine Dame, mit der man ständig Zeit verbringen will. 20 Alben, unzählige Konzerte, durch dick und dünn.

Umso misstrauischer war ich, als ich Anfang des Jahres einen mysteriösen Anruf erhielt. Halbsätze wie „eine Familie aus Deutschland sucht eine einmalige Investition“ oder „ein Instrument Ihrer Wahl aussuchen“ habe ich noch in den Ohren. Ob ich mir vorstellen könnte, „was Neues zu spielen“. Aber die Neugier packte mich, und bald befand ich mich im Haifischbecken der Geigendealer. Für mich war klar: Nur die beste Geige der Welt könnte mich von meiner Partnerin trennen.

Weil die Violine in der Barockzeit eine so wichtige Rolle spielte, blühte auch der Instrumentenbau. In mehreren italienischen Städten gab es Spezialwerkstätten, in denen Geigen von höchster Qualität angefertigt wurden und deren Klang bis heute unübertroffen ist. Zentrum des Geigenbaus war Cremona, wo die geheimen Anleitungen zur Herstellung von einer Generation zur nächsten weitergegeben wurden. Neben Stradivari waren dort gleich noch zwei berühmte Geigenbauer ansässig: Amati, der als Quasi-Erfinder der Violine gilt, und ein Mann, dessen Instrumente eigentlich am teuersten sind und der mich mehr als alle anderen fasziniert: Bartolomeo Giuseppe Antonio Guarneri, der den Spitznamen „del Gesù” (von Jesus) trug.

Florian Leonhard, ein Londoner Experte, drückte mir eines Tages eine Geige von del Gesù in die Hand. Er erinnerte mich an einen älteren Bruder, der dir die erste Zigarette anbietet: „Probiere es doch, du wirst es nicht bereuen.“ Und nun nahm ich meinen ersten Zug… Ich war wie benommen, als wäre ich in eine völlig andere Welt eingetaucht. Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich das Gefühl, eine Geige nicht beherrschen zu müssen. Im Gegenteil, sie nahm mich einfach an die Hand und führte mich. Plötzlich schien alles möglich zu sein, jede Klangvariante, jede Ausdrucksform.

Solche Instrumente tragen immer den Namen ihres berühmtesten Besitzers. Die Geige von Guarneri del Gesù aus dem Jahr 1742 gehörte einst einem der größten Virtuosen seiner Zeit, dem polnischen Violinisten Karol Lipiński (1790 bis 1861). Obwohl ein Rivale Paganinis, verband ihn eine enge Feundschaft mit dem italienischen Teufelsgeiger, der ihm sogar ein Stück widmete. Beide bestritten Geigenduelle vor dem Publikum. Gefragt, wer der beste Geiger der Welt sei, antwortete Paganini seinerzeit keck, er wisse es nicht, aber der zweitbeste sei Lipiński. Der Pole spielte mit Liszt, Schumann und Chopin, und 1837 wurde er Kapellmeister in Dresden. 1861, am Ende seines Lebens, gründete er eine Geigenkolonie für bedürftige, talentierte Bauernkinder in Galizien, eine philanthropische Idee, die ihrer Zeit weit voraus war.

Ich begann, mich intensiver für Lipiński zu interessieren, und fand heraus, dass auch er mehrere Violinenwerke komponiert hatte. Dann fielen mir alte Bücher in die Hände, die über weitere Besitzer des Instruments Auskunft gaben: Die deutsche Geigenlegende August Wilhelmj war darunter und der Fürst Nikolai Borissowitsch Jussupow, einer der reichsten Bürger Russlands, befreundet mit Puschkin und Liebhaber von Katharina der Großen. Seit zwei Wochen ist die weit gereiste Geige meine neue Begleiterin durch die Konzertsäle dieser Welt, und nun liegt es an mir zu versuchen, die „Ex-Lipiński“ nach längerer Zeit wieder zum Klingen zu bringen. Ich bin gespannt, wo die Reise uns hinführt…

Musische Rätsel unter der Schädeldecke / 10.09.2011

Unser Kolumnist Daniel Hope sieht, wie Sting zum Komponieren in eine Röhre gesteckt wird, und begegnet Vivaldi in einem Parkhaus.

Schlaflos auf dem Flug von San Francisco nach Frankfurt, machte mir auch noch ein Ohrwurm zu schaffen: eine geniale Melodie von Bach, die ich im Konzert am Vorabend gespielt hatte und die mich jetzt terrorisierte. Um mich abzulenken, klickte ich durch die Filmauswahl an Bord. Dort stieß ich auf einen Dokumentarfilm mit dem Titel „The Musical Brain“ (Das musikalische Gehirn), der mich neugierig machte. Denn behandelt wird die spannende Frage, wie Musik in unserem Kopf entsteht. Es wird erzählt, dass das Gehirn unbewusst eine regelrechte Liebesbeziehung zur Musik entwickelt. Und dass bis jetzt kaum jemand wirklich gründlich untersucht hat, warum Musik eine so starke Wirkung auf uns hat.

Neben Wyclef Jean und Michael Bublé ist Sting einer der Hauptakteure; er stattet während einer Konzerttournee dem Forscher Daniel Levitin von der McGill University in Montreal einen Besuch ab. Levitin war Profimusiker und Produzent, bis er auf Neurowissenschaften umsattelte. Sting, der einen pinken Patientenanzug trägt, wird in eine Röhre geschoben, um den Einfluss von Musik auf seine Hirnströme zu untersuchen. Ihm werden verschiedene Musikgenres vorgespielt, einmal muss er in der Röhre sogar in Gedanken komponieren und zu einem Stück von Miles Davis improvisieren. Sein Gehirn reagiert in gleichem Maße aktiv – ob bei Jazz, Rock oder Klassik. Bei „Muzak“ oder „Fahrstuhlmusik“ hingegen konnte kaum eine kreative Aktivität registriert werden. Darüber hatte ich früher schon öfter mit Sting gesprochen, der mir einmal sagte, Musik müsse immer bewusst gewählt sein – wenn nicht, könne sie sogar Schaden anrichten.

Noch interessanter wird der Film, als gezeigt wird, wie Alzheimer-Patienten Lieder aus ihrer Kindheit vorgespielt bekommen und sie jeden Ton sowie den Text exakt wiedergeben können. Wenn Levitin ihnen absichtlich einen falschen Ton vorspielt, erkennt der Patient die Veränderung sofort, obwohl er sich an kaum etwas anderes aus seinem Umfeld erinnern kann.

Die Musik als Heilmittel ist ein viel untersuchtes und ebenfalls spannendes Phänomen. Musiktherapeuten haben bereits beachtliche Erfolge in der Behandlung von Krankheiten wie chronischen Schmerzen, Tumoren oder bei der Pflege von schwer- und mehrfachbehinderten Menschen erzielt. Etwas skeptischer bin ich allerdings, wenn ich im Internet über Aktionen wie „Violins vs. Violence“ (Geigen gegen Gewalt) lese. Dabei geht es um den Einsatz klassischer Musik in öffentlichen Räumen wie an Bahnhöfen und in Einkaufszentren. Lässt man sanfte Klangwolken von Mozart und Beethoven über der Bevölkerung schweben, werden angeblich Kriminelle und Jugendgangs vertrieben oder gar von ihren bösen Plänen so abgelenkt, dass sie vermutlich anfangen, Blockflötenunterricht zu nehmen.

Es ist vielleicht nicht ganz überraschend zu erfahren, dass die Idee sich zuerst in den Vereinigten Staaten verbreitete, inzwischen aber in vielen europäischen Ländern umgesetzt wird – manche sprechen von Erfolg. Kurios war es allerdings schon, als ich neulich in einem Amsterdamer Parkhaus meine Vivaldi-Aufnahme über Lautsprecher zu hören bekam. Und als ich vor kurzem am Hamburger Hauptbahnhof ausstieg, wude ich mit „An der schönen blauen Donau“ beschallt. Ein Clochard war anscheinend so sehr davon angetan, dass er mich beim Vorbeigehen aufforderte, mit ihm Walzer zu tanzen.

Die neueste Erfindung, die Musik und Forschung kombiniert, heißt www.uPlaya.com, ein Internetwebservice der Popsongs darauf hin untersucht, ob sie Hitpotenzial haben. Die Software nennt sich „Hit Song Science“ und basiert auf einer Datenbasis von Millionen erfolgreicher Popsongs der vergangenen 60 Jahre. Sie analysiert bei einem Lied eine Vielzahl von Faktoren, darunter Harmonie, Texte, Stimmung, Sprache oder Beat. Die Idee dahinter ist, dass Künstler und Plattenfirmen mit diesem Programm unveröffentlichte Lieder testen können. Im Erfolgsfall erhält uPlaya die Hälfte der Rechte an dem Song. Ob das funktioniert? Vielleicht schon, allerdings frage ich mich, warum ganz ohne dieses Programm so viele geniale Pophits entstehen konnten? Hierzu zitiere ich gern Bob Dylan: „Ein Mensch ist erfolgreich, wenn er zwischen Aufstehen und Schlafengehen das tut, was ihm gefällt. Ich glaube, dass es Instinkt ist, was das Genie genial macht.“ Rock on, Bob!

 

Mit Musik gegen das Töten / 13.08.2011

Unser Kolumnist weilt in den Rocky Mountains und erinnert sich an den Jahrhundert-Violinisten Yehudi Menuhin, der auch sein Lehrer war – und außerdem ein überragender Humanist und Denker

Während ich diese Zeilen schreibe, befinde ich mich im sommerlichen Aspen, tief in den Rocky Mountains. Hier wurde 1949 das „Aspen Music Festival and School“ gegründet – es zählt heute zu den größten Musikfestivals der Welt. Heute Abend spiele ich ein besonderes Werk: „Unfinished Journey“ (Unvollendete Reise) für Violine und Orchester, vom libanesischen Komponisten Bechara el Khoury. Ich habe es 2009 in Auftrag gegeben, um den großen Geiger Yehudi Menuhin an dessen zehntem Todestag zu würdigen. El Khoury ist es meisterhaft gelungen, die Einflüsse von Ost und West miteinander zu verschmelzen und so den Geist Menuhins in traumhafte Musik zu verwandeln.

„Ich weiß nun, dass es einen Gott im Himmel gibt“, war Albert Einsteins Kommentar zu Yehudi Menuhins Konzertdebüt, das dieser mit sieben Jahren in Berlin gab. Bruno Walter, der Dirigent des Abends, nannte ihn „den kleinen Jungen mit der großen Seele“. Obwohl Menuhin schon lange tot ist, werde ich ständig an ihn erinnert. Wenn ich Aufnahmen von ihm höre, dann denke ich natürlich an sein Spiel und an seinen unverwechselbaren Klang. Die Intensität der Emotionen, die er an den Hörer weitergibt, ist atemberaubend.

Aber hinter dem Geiger Menuhin steckte auch ein großer Humanist und Denker, der einen Großteil seiner Einnahmen durch zahlreiche Kulturstiftungen den Menschen zukommen ließ. Manchmal wird heute vergessen, wie politisch aktiv Menuhin zu seiner Zeit war. So forderte er ein von Staat und Wirtschaft unabhängiges Kultur- und Geistesleben – mit einem eigenen Etat und einem eigenen Kulturparlament. Während des arabisch-israelischen Krieges von 1973 rief Menuhin einen Freund mitten in der Nacht an: „Wir müssen sofort nach Israel fliegen und uns zwischen die Fronten stellen – wenn wir Musik spielen, werden sie schon aufhören, sich gegenseitig umzubringen.“ Menuhin glaubte, durch die Musik Krieg und Hass verhindern zu können, Frieden zu stiften und den jüngeren Generationen einen Weg zu zeigen, um einander mit Achtung zu begegnen.

Sein gesellschaftliches Engagement begann bereits 1937. Robert Schumann hatte 1853 in nur 13 Tagen sein Violinkonzert für den Geiger Joseph Joachim geschrieben, doch es wurde zu dessen Lebzeiten nie aufgeführt. 20 Jahre nach Schumanns Tod entschloss sich seine Frau Clara, das Stück 100 Jahre lang vor der Öffentlichkeit zu verbergen. Unter etwas mysteriösen Umständen wurde es dann doch früher veröffentlicht: Joachims Nichte, die Geigerin Jelly d’Arányi, behauptete 1933, Schumann habe sie aus dem Jenseits aufgefordert, das Konzert herauszubringen.

Die Welt horchte auf. Wilhelm Strecker, der Verleger des Schott-Verlags, schickte im April 1937 eine Kopie des Werkes an den damals 20-jährigen Yehudi Menuhin, mit der Bitte um sein Urteil. Menuhin war sofort begeistert. Aber auch die Nazis wurden auf das Konzert aufmerksam, die einen Gegenpol zu dem verbotenen jüdischen Komponisten Mendelssohn und seinem beliebten e-Moll-Violinkonzert suchten. Eine Uraufführung eines verschollenen Werkes des deutschen „Romantikers“ Schumann kam ihnen zu Propagandazwecken gerade recht. Unter Androhung der Firmenschließung wurde es dem Schott-Verlag verboten, das Werk durch Menuhin in den USA uraufführen zu lassen.

Stattdessen kam es am 26. November 1937 in Berlin in Anwesenheit Hitlers mit dem Geiger Georg Kulenkampff unter dem Dirigenten Karl Böhm zur Uraufführung im Rahmen der Jahrestagung der Reichskulturkammer und der NS-Gemeinschaft „Kraft durch Freude“. Robert Schumann wurde als „Arier“ gefeiert, aber Menuhin ließ sich nicht einschüchtern. Da die offizielle Uraufführung stattgefunden hatte, wurde das Notenmaterial aus Versehen freigegeben. Menuhins Vater ließ es schnell kopieren, und die beiden eilten nach New York. Dort wurde das Werk, zum Entsetzen Goeb­bels, erstmals auf Platte aufgenommen, zusammen mit dem New York Philharmonic unter Leitung von John Barbirolli. Wer Menuhin in seinem Element erleben möchte, sollte diese historische Aufnahme hören – vor allem den zweiten Satz, dessen Magie in jedem Ton Menuhins zu spüren ist.

1947 war Yehudi Menuhin der erste internationale und jüdische Künstler, welcher nach dem Krieg in Berlin auftrat. Zugunsten deutscher Vertriebener und Flüchtlingskinder verzichtete er auf das Honorar. Unter all den Zitaten Menuhins finde ich eines besonders treffend: „Musik ist die einzige Sprache, in der nicht gelogen werden kann.“

Der Duft des Solisten / 30.07.2011

Unser Kolumnist macht neue Erfahrungen mit Gerüchen im Konzertbetrieb: In den Vereinigten Staaten verbieten manche Häuser ihren Gästen, während der Vorstellung Parfum zu tragen.

Musiker sprechen manchmal von „Farben“, um Klänge zu beschreiben. Aber wie sieht es mit Düften aus? Richard Wagner, der geradezu von Aromen und Parfum besessen war, notierte in seinem 1852 erschienenen Buch „Oper und Drama“: „Bei Mozart hatte jener melodische Duft in einer herrlichen, gesunden, ganz mit sich einigen, künstlerischen Menschennatur einen so nährenden Boden gefunden, dass er aus ihr heraus selbst wieder die schöne Blume echter Kunst trieb.“

Kritischer sah Wagner allerdings der Entwicklung der Oper Mitte des 19. Jahrhunderts entgegen: „Mit diesem wohlriechenden Substrate besprengte der Mensch nun auch die öde Langeweile seines Lebens, die Hohlheit und Nichtigkeit seiner Herzensempfindung, und das künstlerische Gewächs, das dieser unnatürlichen Befruchtung entspross, war nichts anderes als die Opernarie.“ Um etwa die gleiche Zeit entwickelte der Parfumeur G. W. Septimus Piesse eine an das System der Musiknoten angelehnte Duftnotenskala mit Basis-, Herz- und Kopfnoten. Ähnlich dem Klangverlauf eines Musikstücks, wie Piesse schreibt, „wo die Gesamtheit des Klangspektrums die Schönheit eines Stückes ausmacht, werden auch beim Mischen von ätherischen Ölen die Aromen aus mehreren Noten verwendet, um das Geruchserlebnis zu intensivieren.“

Eduard Hanslick (1825 bis 1904), einer der gefürchtetsten Musikkritiker seiner Zeit, war berühmt für seine vor Ironie und Wortwitz sprühenden Rezensionen und seine oftmals hemmungslosen Attacken auf Musiker und Komponisten. Über Peter Tschaikowskys Violinkonzert, heute als Meisterwerk anerkannt, schrieb er beispielsweise, das Werk bringe „uns auf die schauerliche Idee, ob es nicht auch Musikstücke geben könnte, die man stinken hört“.

Dass Gerüche auch im heutigen Konzertbetrieb ein Reizthema sind, habe ich kürzlich von einem Kollegen in Amerika erfahren. Nach einer Probe, wo er als Solist auftrat, erhielt er einen Anruf der Orchestermanagerin, die ihm in gewundenen Worten zu verstehen gab, er möge beim nächsten Mal auf sein Rasierwasser verzichten. Begründung: Der Duft des Solisten lenke das Orchester von der Musik ab. Als er süffisant nachfragte, ob es besser wäre, sich gar nicht zu waschen, war er nicht minder überrascht, als die Managerin die Frage bejahte.

Die Geschichte kam mir zunächst auch bizarr vor. So fing ich an, im Internet über das Thema zu recherchieren. Prompt entdeckte ich eine Cyberwelt voller Artikel, Foren und Blogs über Geruchsbelästigung am Arbeitsplatz. Das subtil benannte Forum „Breathe Free or Die“ mit etlichen Verbesserungsvorschlägen für eine duftfreie und damit gesündere Umwelt etwa empfiehlt die Benutzung von Jodsalz, „um Schilddrüsenerkrankungen zu vermeiden“. Was hat das alles mit Musik zu tun? Laut New York Times eine ganze Menge: „Viele Musikinstitutionen, wie das Madison Symphony Orchestra in Wisconsin oder die Orlando  Opera Company, verbieten ihren Abonnenten inzwischen, auch nur einen Tropfen Parfum während der Vorstellung zu tragen.“ Auf der Website des Time Magazine stieß ich auf den verzweifelten Kommentar einer Dame: „Das ist verdammt ernst. Wenn man nicht atmen kann, kann man auch nicht spielen. Im Operngraben gibt es Aufstände, wenn sich jemand zu viel Parfüm übergegossen hat!“

Auf einmal sah ich die Aftershave-Affäre meines Kollegen in neuem Licht. Weitere Recherchen führten mich zu den Experimenten des russischen Komponisten und visionären Pianisten Alexander Skrjabin Anfang des 20. Jahrhunderts, bei denen Musik mit Worten, Farben und auch Gerüchen verschmolzen werden sollte. Skrjabin war Synästhet, er glaubte also beim Hören eines Tons auch eine bestimmte Farbe zu sehen. Seine Musik ist seltsam und eigen, aber gleichzeitig sehr inspirierend, fast magisch. Skrjabins Preluden und Sonaten für Klavier, insbesondere in der Aufnahme von Vladimir Horowitz, geben einen wunderbaren Eindruck dieses außergewöhnlichen Mannes.

Beim Hören der Horowitz-CD versuchte ich auch, Farben zu sehen – leider vergebens. Stattdessen hatte ich in der Zeitung von einer jungen Musikerin gelesen, die behauptete, Töne am Geschmack zu erkennen, und die sogar einige Bach-Werke als „sahnig“ beschrieb. Womöglich sollten sich Klassikfans darauf einrichten, Beethovens Violinkonzert bald nicht nur zu hören und zu sehen. Sondern auch zu riechen und zu schmecken.

Königliche Klänge, protokollarische Pannen / 02.07.2011

Auch unser Kolumnist hat sich die englische Traumhochzeit angesehen – oder besser gesagt: angehört. Und musste daran denken, wie er einmal die Queen grün eingefärbt hat.

Als Brite gebe ich mit patriotischem Understatement zu, die Hochzeit von Prinz William und Catherine Middleton immerhin am Bildschirm verfolgt zu haben – in einem Genfer Hotelzimmer. Am interessantesten fand ich dabei die Rolle der Musik während der Zeremonie. Das Brautpaar hatte hauptsächlich britische Stücke ausgewählt; am häufigsten vertreten war Sir Charles Hubert Hastings Parry (1848–1918), der selbst in England wohl nur als Urheber von „Jerusalem“ bekannt ist – einer Hymne so britisch wie Cricket. Prinz Charles ist übrigens ein derart großer Anhänger von Parrys Musik, dass er über ihn demnächst eine Fernsehdokumentation präsentieren wird.

In den Königshäusern der Welt gibt es etliche Monarchen, die sogar ein Musikinstrument beherrschen: der japanische Kronprinz Naruhito die Bratsche, Prinzessin Irene von Griechenland das Klavier und Thailands König Bhumibol ist begeisterter Jazz-Saxofonist. Allerdings mischten sich die Monarchen früher viel energischer in die Musikwelt ein. In Versailles war Louis XIV. geradezu besessen von Musik und vor allem vom Tanz. Durch die Begegnung mit dem Komponisten Lully entstanden zahlreiche Ballette, in denen der König häufig die Hauptrollen tanzte. Daraus entstand eine neue Tanzform: das „königliche Ballett“ – einmal übernahm Louis die Rolle der Sonne, welche alle anderen Planeten umkreisen, als nicht gerade bescheidenes Zeichen seiner Macht.

Die Oper aber war in ganz Europa fest in italienischer Hand. Wer im Musiktheater etwas werden wollte, musste italienische Libretti schreiben und auf italienische Weise komponieren. Und selbstverständlich kamen die auf Europas Bühnen meistgefeierten Opernsänger allesamt aus Italien. Als man König Friedrich II. eine deutsche Sopranistin für seine Lindenoper in Berlin vorschlug, soll er geantwortet haben: „Ich könnte ebenso leicht erwarten, dass mir das Wiehern meines Pferdes Vergnügen macht.“ Komponisten wurden oft an Königshäuser berufen und schrieben ihre Stücke für bestimmte Anlässe oder Persönlichkeiten. Auch Friedrich II. war mehr als nur Auftraggeber – er spielte Querflöte und komponierte. 1747 arrangierte sein Hofmusiker, Carl Philipp Emanuel Bach, das legendäre Treffen zwischen seinem Vater Johann Sebastian Bach und dem König. Daraufhin schrieb Bach, der Vater, sein berühmtes „Musikalisches Opfer“, basierend auf einem von Friedrich in Auftrag gegebenen „königlichen Thema“.

Anders wurde das Verhältnis zwischen Musik und Monarchie mit einem Querkopf namens Ludwig van Beethoven. Als junger Mann bekam er die Hinrichtung Ludwigs XVI. und die Abschaffung der Monarchie in Frankreich mit, und dieser revolutionäre Geist traf bei ihm einen Nerv. An Fürst Lichnowsky, der Beethoven mit Auftragswerken und Geld unterstützte, ihn aber letztendlich doch gekränkt hatte, schrieb Beethoven wütend: „Fürst! Was Sie sind, sind Sie durch Zufall und Geburt. Was ich bin, bin ich durch mich! Fürsten hat es und wird es noch Tausende geben; Beethoven gibt’s nur einen.“

Protokollnöte zwischen Musiker und Hof sind auch heute keine Seltenheit. Als vor einigen Jahren das spanische Königspaar zu Besuch in Hamburg weilte und sich zu einer Aufführung der „Zauberflöte“ angesagt hatte, verspäteten sich die Majestäten beträchtlich; nach einer guten Viertelstunde entschied der Dirigent Christoph von Dohnányi: „Wir sind Republikaner, wir fangen an!“ Auch ich habe mir gegenüber der Queen von England mal einen Fauxpas geleistet: Mit elf Jahren hatte ich zur Einweihung des neuen Opernhauses am Londoner Royal College of Music den Puck in Brittens Oper „A Midsummer Night’s Dream“ spielen dürfen und war für diese Rolle von Kopf bis Fuß grün angemalt worden. Nach der Aufführung durfte ich der Monarchin die Hand geben – und stellte hinterher mit Entsetzen fest, dass ich ihren weißen Handschuh grün gefärbt hatte.

Als die Hochzeitszeremonie am Bildschirm zu Ende ging, erklang William Waltons Krönungsmarsch, damals zur Inthronisation von König George VI. komponiert. Ob sein Violinkonzert, seine Filmmusik oder „Belshazzar’s Feast“, eines der wichtigsten englischen Chorwerke des 20.Jahrhunderts mit seiner einmaligen Mischung aus romantischem Gesang und Stoizismus: Waltons Werk ist die wirkliche Verkörperung „englischer Musik“. Wie geschaffen für einen König.

Georgia on my mind / 06.06.2011

Unser Kolumnist kehrt zurück von einem Musikfestival in Savannah, das keine Genre-Grenzen kennt – dort lernte er zu später Stunde bei einer Flasche Whisky die Expertise von Wynton Marsalis kennen.

Bevor ich in Deutschland regelmäßig Konzerte gab, war mir die Unterteilung in „E“- und „U“Musik unbekannt. Seit ich mit dieser Kategorisierung und den ständigen Diskussionen darüber vertraut bin, vertrete ich allerdings immer mehr den Standpunkt des großen Dirigenten Leonard Bernstein, der nichts von Grenzen und Barrieren in der Musik wissen wollte. Schablonen wie „ernst“ und „Unterhaltung“ waren ihm egal. „Für mich ist jede gute Musik ernste Musik“, lautete sein Credo. Aber stimmt das wirklich?

Am 9. April ging mein Festival in Savannah im US-Staat Georgia wieder einmal zu Ende. Über 17 Tage hinweg stellten wir 100 Musikevents mit mehr als 400 Künstlern für 60000 Besucher auf die Beine. Das Besondere ist die Vielfalt der Klänge, die man dort hört: Klassik, indische und brasilianische Musik, Jazz, Blues, Bluegrass, Cajun, Country, Pop und Rock. Ein typischer Tag in Savannah sieht so aus: morgens eine Violinsonate von Beethoven, mittags ein Gospelchor, am Nachmittag ein Fado-Ensemble, abends Jazz und später noch eine Bluegrass-Dance-Party. Erst, wenn man so viele Stilrichtungen nebeneinander hört, begreift man, was Musik wirklich bewirken kann.

Meine Begeisterung für Savannah erwachte vor acht Jahren, als mich Rob Gibson, der langjährige Manager des legendären Trompeters Wynton Marsalis, mitten in der Nacht anrief. Er erzählte mir von seinem Plan, ein Multigenre-Musikfestival in den Südstaaten aufzubauen. Beim Namen Savannah dachte ich damals an ein koloniales Relikt im Süden Amerikas, an Männer in weißen Anzügen, an Baumwollplantagen und Schaukelstühle. Was ich aber entdeckte, als ich 2004 zum ersten Mal dorthin reiste, war sehr viel mehr. Angefangen bei den „uralten Eichen, von denen das Spanische Moos herabhängt wie Trauerflor“, wie es ein Journalist einst beschrieb, bis zu einem Publikum mit unersättlichem Hunger nach ernster Musik, entdeckte ich ein magisches Städtchen mit einer turbulenten Geschichte. So wie heute beim „Savannah Music Festival“ jede Musikrichtung vertreten ist, finden sich in dieser Region die Spuren von etlichen Nationalitäten und Religionen. Gegründet von den Engländern 1733, besteht Savannah aus sagenhaft schön begrünten Plätzen und vielen bis ins kleinste Detail restaurierten Häusern. Kurz nach der Gründung der neuen Kolonie galten übrigens folgende vier Regeln: keine Sklaverei, keine Katholiken, kein Alkohol und keine Anwälte.

Von den vielen musikalischen Begegnungen, die ich dort in diesem Frühling hatte, waren zwei ganz besonders spannend: jene mit dem Tablaspieler Zakir Hussain, der in seinem Heimatland Indien fast wie ein Gott verehrt wird. Wer ihn mit seiner Tabla erlebt (einer Handtrommel, die man nur mit den Fingerspitzen und Handballen spielt), wird das nie vergessen. Aus einem einfachen Instrument zaubert er wie ein Hexenmeister die schönsten Töne. In den siebziger Jahren war Zakir Mitglied der großartigen Fusion-Band „Shakti“ mit dem Gitarristen John Mc Laughlin und dem Geiger L.Shankar. Seither experimentiert er in jeder Musikform, zuletzt in Savannah mit den beiden nicht minder grandiosen amerikanischen Musikern Edgar Meyer (Bass) und Béla Fleck am Banjo. Als indische Musik auf Klassik, Blues und Bluegrass traf, war ich völlig gebannt davon, wie diese Musikwelten miteinander verschmolzen. Wer das nachempfinden will, dem empfehle ich wärmstens die CD „The Melody of Rhythm“.

Eine andere Begegnung hatte ich um 2 Uhr nachts mit Wynton Marsalis. Nach seinem umjubelten Konzert verschanzten wir uns mit einer Flasche Whisky in einem irischen Pub und diskutierten über Musik. Überrascht war ich von Marsalis’ messerscharfen Kommentaren über klassische Musik: „Beethoven was one bad motherf…“, raunte er mit glänzenden Augen, „aber findest du nicht, dass er in seinem Opus 70 Nr.2 fast zu weit ging, zumindest für seine Zeit?“ Es sollte eine lange Nacht werden, und während die Flasche leerer wurde und die Mädels an der Bar immer gelangweilter aussahen, dozierte Marsalis über die Ähnlichkeit zwischen dem Generalbass in der Barockmusik und den Basslinien im Jazz. Da war also ein Meister des Jazz, der sich unglaublich kenntnisreich mit klassischer Musik auseinandersetzte. Spätestens als die Flasche leer war, wusste ich: Bernstein hatte mal wieder recht!

Swing im Nazibau – Musik wider das Vergessen / 24.03.2011

Das ehemaligen Reichsluftfahrtministerium, früher Zentrum von Görings Machtwahn, wird zum Swingclub: Unser Kolumnist spielt im Detlev-Rohwedder-Haus ein Stück des von den Nazis ermordeten Komponisten Erwin Schulhoff – und lernt einen außergewöhnlichen Gitarristen kennen.

Anfang März nahm ich an einem ungewöhnlichen Konzert in Berlin teil: einer Kulturveranstaltung im Finanzministerium, initiiert von Wolfgang Schäuble. Unter dem Titel „Zwischen Verbot, Vorsicht und Vergnügen“ erlebten 400 Gäste im Detlev-Rohwedder-Haus (einst Sitz des Reichsluftfahrtministeriums) Musik und Kunst, die von den Nationalsozialisten verboten wurde. Ich spielte Mendelssohn, aber auch Erwin Schulhoff, ein großartiger Komponist, dessen Stimme 1942 im Konzentrationslager Wülzburg ausgelöscht wurde. Seit 15 Jahren beschäftige ich mich intensiv mit Musik und Komponisten aus jener Zeit. An diesem Abend in Berlin war es die Begegnung mit einem außergewöhnlichen Musiker, die mich faszinierte und sehr berührte.

Der fast 87 Jahre alte Heinz Jakob Schumann, bekannt als „Coco“, ist ein Phänomen. Aufgewachsen in Berlin, verliebte sich Schumann bereits in den dreißiger Jahren in Jazz- und Swingmusik und wechselte mühelos zwischen Gitarre und Schlagzeug. Bis 1943 riskierte er, als halbjüdischer Musiker, Kopf und Kragen mit seinen Auftritten in Berliner Swingclubs. Schumann wurde verraten, verhaftet und in das Konzentrationslager Theresienstadt gebracht. Die ersten Insassen hatten unglaublichen Einfallsreichtum gezeigt, ihre Mithäftlinge zum heimlichen Musizieren auf eingeschmuggelten Instrumenten zu animieren – trotz drohender Todesstrafe. Bald erkannten die Nazis, dass diese Form der Unterhaltung sich positiv auf die „Lagermoral“ auswirkte. Überdies konnten sie sich selbst dadurch in ein besseres Licht setzen – also erlaubten sie einige sogenannte „Kameradschaftsabende“. Schumann wirkte in Theresienstadt als Schlagzeuger der „Ghetto Swingers“ mit und bot vielen Menschen durch seine Konzerte die Chance einer zumindest mentalen Flucht: „Wir wussten alles und vergaßen alles im gleichen Moment – für ein paar Takte Musik!“

Als wir jetzt zusammen in einem der geschichtsträchtigsten Gebäude Deutschlands standen, dem Zentrum von Görings Machtwahn (und gleichzeitig einem Symbol des Widerstands durch die Rote Kapelle), begannen Schumanns Augen zu funkeln. Später, als er mit seiner Band spielte, konnte man erleben, wie er und seine Gitarre zu einer Einheit wurden. Die Musik beflügelte ihn genau wie damals. Sein einzigartiger Klang, die Ruhe, mit der er jede Phrase zauberte, war erstaunlich, und man fühlte sich in die Zeit des Swings zurückversetzt – in einem Gebäude, dessen einstiger Hausherr diese Musik so verabscheute.

Haben wir die schlimmen Zeiten, in denen Künstler drangsaliert wurden, ein für alle Mal überwunden? Leider nicht. Man denke nur an die fünfziger Jahre in den USA, als Radiosender einzelne Titel sperrten, als Fats Domino, Billie Holiday oder Frank Sinatra Liedtexte umschreiben mussten oder Konzerte und Tanzveranstaltungen in einzelnen Bundesstaaten verboten wurden. Ich denke auch an meinen Vater in Südafrika, der als Schriftsteller in den siebziger Jahren vom Apartheidregime gemaßregelt wurde, dessen Texte aber sogar später noch mit Verboten belegt wurden, als längst Demokratie herrschte.

Es wird auch heute immer noch mehr verboten, als man vermuten möchte. Kurz nach den Terroranschlägen vom 11. September stellten amerikanische Radiosender eine Liste von Popsongs zusammen, die aus dem Programm gestrichen wurden, weil sie als „unpassend“ galten. Und im Januar 2011 entschied der „Canadian Broadcast Standards Council“, dass der Dire-Straits-Klassiker „Money For Nothing“ zu anstößig für das kanadische Radio sei – aufgrund eines Wortes im Liedtext, das als „sehr verletzend“ eingestuft wurde.

Man kann solche Maßnahmen niemals mit den Verhältnissen in der Nazizeit gleichsetzen; aber dass Kunst und Politik in einem latenten Konflikt stehen, ist nicht zu verkennen. „Rechts – geht gar nicht“ heißt eine sehr starke neue CD von jungen Bands aus Kiel und Umgebung (myspace.com/rechtsgehtgarnicht), deren Musik eine starke Botschaft gegen Rechtsradikalismus enthält. Anfang März verteilten Mitarbeiter der städtischen Mädchen- und Jugendtreffs rund 300 Exemplare auf dem Schulhof der Timm-Kröger-Schule in Kiel, um gegen Ausländerfeindlichkeit zu sensibilisieren. Solche mutigen Aktionen machen uns allen Hoffnung. Es kommt darauf an, den Anfängen zu wehren und die Freiheit der Kunst immer wieder zu verteidigen. Und denen, die wie Erwin Schulhoff Opfer von Terror und Gewalt wurden, ist die Nachwelt schuldig, die Erinnerung an sie wachzuhalten.

Der Urvater der Harmonie / 07.03.2011

Unser Kolumnist spielt bei der Trauerfeier für Bernd Eichinger eine Sarabande von Johann Sebastian Bach – und erlebt einmal mehr, dass dessen Musik wie keine andere auf die Menschen wirkt

Anfang Februar erhielt ich einen Anruf: Ob ich die Trauerfeier für Bernd Eichinger in München musikalisch eröffnen könne. Gewünscht wurde, vonseiten der Familie sowie anscheinend von Eichinger selbst, die Sarabande aus der d-Moll-Partita von Johann Sebastian Bach. Als die Trauernden an mir vorbeizogen (und unter den strahlenden Augen des viel zu früh verstorbenen Filmtitans, der auf fast lebensgroßen Plakaten in der St.-Michael-Kirche zu sehen war), sollte ich die Zeremonie allein mit Musik beginnen. Es ist keine leichte Aufgabe, der nötigen Würde und dem Respekt, die ein solcher Anlass verdient, mit einem Einzelinstrument gerecht zu werden. Aber ich hatte Hilfe: in Form von Bach. Es gibt keinen Komponisten, dessen Musik eine so magische Wirkung auf die Menschen ausübt wie Bach. Oder wie Yehudi Menuhin einmal sagte: „Bach spricht für das Menschliche und Zeitlose.“ Ob jene Sarabande, die Matthäuspassion, die Brandenburgischen Konzerte oder das berühmte und zugleich wunderschöne „Air“, das ich sehr liebe, das aber mittlerweile in kaum einem Fahrstuhl der Welt fehlt – Bachs Musik inspiriert, tröstet und gibt dem Hörer das Gefühl, man sei nicht allein. Aus diesem Grund darf ich manchmal die gleichen Stücke auf Hochzeiten sowie auf Beerdigungen spielen …

Schon Beethoven nannte Bach den „Urvater der Harmonie“. Wir klassischen Musiker werden von früh an ermahnt, dass es sich bei Bach um so etwas wie einen Gott handelt: erhaben, edel, unantastbar. Dies glaubte ich auch jahrelang, bis mit irgendwann klar wurde, wie radikal und revolutionär die „alten“ Meister wie Bach und Händel damals gewesen sind, wie viel Leidenschaft, Sinnlichkeit und provokante Dramatik in ihrer Art zu komponieren steckten. Es ging so weit, dass ich ihre Perücken manchmal für reine Tarnung hielt, so als ob wir nicht gleich merken sollten, was sich in Wahrheit in ihrer Musik abspielt. Inzwischen finde ich es interessant, zwischen Bachs Musik und seiner Person zu unterscheiden. Dabei entdeckt man einiges Überraschende: Der göttliche Bach war geldbesessen, teils selbstgefällig und eifersüchtig. Einmal ging er auf der Straße mit einem Messer auf einen Fagottisten los, den er wild beschimpfte. Ein anderes Mal saß er im Gefängnis. Oder er schwänzte die Predigt, um sich in einer Taverne bacchialischen Genüssen hinzugeben.

Als ich vor einiger Zeit in einer Berliner Schule einer Schar von rund 50 Sechs- bis Neunjährigen gegenüberstand, merkte ich, was für ein unbekanntes Land die Klassik für die allermeisten Kinder ist und wie wenig sie darüber in ihrem Musikunterricht erfahren. Den Rapper „50 Cent“ kannten fast alle, aber mit dem Namen Bach konnten sie nichts anfangen. Und wenn ich sie bat, eine Melodie zu summen, kamen nur Popsongs. Aber am Ende, als ich ihnen spontan eine Gigue von Bach vorspielte, hörten sie nicht nur bereitwillig zu, sondern meinten sogar: „Hey, das groovt, klingt ja cool.“ Und als ich das „Flying Bach“-Projekt in der Neuen Nationalgalerie in Berlin sah, eine Breakdance-Performance zur Musik des „Wohltemperierten Klaviers“, wusste ich, was sie meinen.

Es ist schon bemerkenswert, dass man mit Bachs Musik fast alles anstellen kann. Von herausragenden musikwissenschaftlichen Transkriptionen bis zu den grauenvollsten modernen Arrangements – eine Platte namens „Bach meets Naked Fusion Salsa“ (oder so ähnlich) bleibt mir schmerzhaft in Erinnerung. Aber selbst da war der alte Meister nicht totzukriegen.

Auch bei den Interpreten führt Bach zu extremen Unterschieden, von Glenn Gould über Wanda Landowska, von Pablo Casals bis Keith Jarrett oder Wynton Marsalis. Neulich im Flugzeug zappte ich durch den Musikkanal und entdeckte etwas Kurioses: Bach auf dem Akkordeon, gespielt von der französischen Jazzgröße Richard Galliano. Das kann doch nicht funktionieren, dachte ich. Aber nach ein paar Takten wurde ich eines Besseren belehrt. Durch Gallianos kongeniale Phrasierung und eine verführende Farbpalette, aber auch dank seiner absoluten Treue zum musikalischen Text, hört man Stücke und Transkriptionen wie das Violinkonzert oder die Partita für Flöte a-Moll tatsächlich wie zum ersten Mal, und beim bereits erwähnten „Air“ wagt Galliano es, dem Evergreen einen Hauch Tango zu verleihen, indem er auf dem Bandoneon spielt – es gelingt. Begleitet von einem Streichquintett renommierter Klassikkünstler, trägt Galliano Bachs zeitlose Musik mit Sinnlichkeit und Frische in unsere Zeit. Da fielen mir die Worte Albert Einsteins ein: „Was ich zu Bachs Lebenswerk zu sagen habe: Hören, spielen, lieben, verehren und – das Maul halten.“

Der Klang der Sehnsucht / 27.01.2011

Passend zur grauen Jahreszeit hat Cicero-Musik-Kolumnist Daniel Hope den Klang der Sehnsucht entdeckt – Ausgerechnet neben einer lauten japanischen Spielhalle hörte er die sanft-melancholische Stimme von Eva Cassidy und in Norwegen schmeichelten ihm die Popgruppe Kings of Convenience.

Vor kurzem schlenderte ich am Ende einer Asien-Tournee nachts durch die grell beleuchteten Straßen Tokios. Nach gut drei Wochen, fern von Europa, überkam mich langsam ein ähnliches Gefühl wie Bob Harris in „Lost in Translation“: Ich sehnte mich nach der Heimat. „Sehnsucht macht die Dinge und die Menschen unwirklich. Darum ist alles Erreichte so anders als das Ersehnte“, soll einst Arthur Schnitzler gesagt haben.

Sehnsucht ist eine Regung, mit der man auch in der klassischen Musik bestens vertraut ist, weil sie so häufig durch die Emotionen der Komponisten zu spüren ist. Man denke nur an Wagners Sehnsuchtsmotiv in Tristan und Isolde oder Brahms’ geheime Zuneigung zu Clara Schumann. Aber wie klingt Sehnsucht im 21.Jahrhundert?

Als ich an den furchterregenden Pachinko-Spielhallen mit ihren zugequalmten Salons und Hunderten von Maschinen vorbeieilte, musste ich mir fast die Ohren zuhalten. Direkt daneben stieß ich auf einen Elektronikmarkt, wo westliche Touristen die neusten Gadgets zum halben Preis ergattern, und inmitten dieser Kakofonie hörte ich eine Frauenstimme, die „Autumn Leaves“ so sanft und voller Sehnsucht sang, dass ich stehen bleiben musste; die Musik löste alle grauenvollen Nebengeräusche sofort in nichts auf. Ich fragte den Verkäufer, welche CD das sei. Trotz seiner unverblümten Enttäuschung darüber, dass ich mich nicht für eines seiner Geräte interessierte, öffnete er etwas widerwillig eine der unzähligen Maschinen und wies auf einen Namen, den ich nicht kannte: Eva Cassidy. Zurück im Hotel googelte ich diesen Namen und erfuhr, dass Cassidy, die ursprünglich als Gärtnerin in Washington gearbeitet hatte, mit 34 Jahren an Hautkrebs gestorben war. Gerade als sie anfing, richtig bekannt zu werden, wurde sie todkrank. Nachdem ich alles, was ich finden konnte, auf iTunes heruntergeladen hatte, hörte ich mir mit gebannter Faszination jedes Lied aus dem einzigen Album an, das während ihres viel zu kurzen Lebens erschienen war: „Live at Blues Alley“. Es enthält die bekanntesten Evergreens, und unter normalen Umständen würde sich kaum ein Künstler je auf ein solches Mainstreamgelände wagen. Aber durch Cassidys melancholisch-faszinierende Stimme kommt es einem vor, als würde man die Lieder zum ersten Mal hören: ob „Bridge over Troubled Water“, „What a wonderful world“ oder eine wirklich grandiose Coverversion von Stings „Fields of Gold“ – sparsam begleitet von einem kleinen Ensemble aus Gitarre, Schlagzeug und Bass. Wenn Sehnsucht heute einen Klang hat, dann muss es wohl die Stimme von Eva Cassidy sein.

Von Japan reiste ich weiter nach Norwegen, wo Musik und Sehnsucht ebenfalls eine große Rolle spielen. Ich hatte ein Konzert mit dem Schlagzeuger Hans-Kristian Kjos Sørensen. Er gilt als das Multitalent des Nordens, beherrscht Hunderte Instrumente, trommelt, singt, pfeift, tanzt und forscht immer weiter nach neuen Klangformen. Neben der beeindruckenden Solo-CD „Open Percussion“ erschienen von ihm auch schon einige Jazz-Platten bei ECM, dem Label des genialen Produzenten Manfred Eicher. In ECMs enorm umfangreichem Katalog finden sich auch viele neue norwegische Bands. Ganz speziell zu erwähnen ist das Christian Wallumrød Trio, dessen Album „No Birch“ eine ähnliche Art der musikalischen Sehnsucht entfaltet, wie ich sie bei Cassidy entdeckte – nur hört man sie mit völlig anderen Ohren.

Als ich mit Sørensen durch die Fjordlandschaft fuhr, kamen im Radio auf einmal zwei Männerstimmen mit dem Lied „Winning a battle – Losing the war“. Ich dachte zuerst an Simon und Garfunkel, aber Hans-Kristian korrigierte mich: „Hörst du nicht diese Melancholie, das kann doch nur aus Norwegen sein!“ Es handelte sich um die „Live acoustic sessions“ der Kings of Convenience, einem norwegischen Duo, das fast ausschließlich akustische Instrumente verwendet. Durch die sanfte Stimmung der Lieder in Verbindung mit teilweise spitzen Texten und skandinavischem Understatement wird der Zuhörer tatsächlich in eine Welt der Sehnsucht befördert, die einen stets beruhigt und tröstet – eine Welt, die eben anders ist. Vielleicht hatte Schnitzler doch recht…



2010


Meisterschaftsverdächtig! – Englands Popmusik läuft sich warm / 21.12.2010

Der englische Fußball mag sich in der Krise befinden, aber der Popmusik auf der Insel geht es besser als je zuvor. Der Violinist Daniel Hope ist begeistert von den neuen Alben der jungen Musikerinnen Misty Miller und Adele . Mit einer der beiden verbindet ihn eine besondere Geschichte.

Anfang 2009 befand ich mich zum ersten Mal in Il Palagio, Stings toskanischem Sommerdomizil, einer herrschaftlichen Villa aus dem 16. Jahrhundert unweit von Florenz, einer Mischung aus Biohof, Weingut und Yoga-Retreat. Ich wurde eingeladen, bei den Proben für Stings Platte „If on a winter’s night“ mitzumachen und durfte seine großzügige Gastfreundschaft hautnah miterleben. Die Musiker fühlten sich zwischen makrobiotischer Schokoladenmousse und atemberaubender Natur sichtlich wohl, und ich nahm den Unterschied zwischen Pop und Klassik wieder einmal leicht schmunzelnd wahr, da bei „uns“ klassischen Musikern schon eine Flasche Mineralwasser als Luxus gilt, wenn wir in einem meist kargen, fensterlosen Raum proben.

Jeden Abend nach dem Essen lud uns Sting zu einer Jamsession auf dem Hof des Palagio ein, wo alle Musiker sich nach Lust und Laune beteiligen konnten. Einmal tauchte ein blasses, 14-jähriges englisches Mädchen auf, stellte sich kurz mit „Hi, I’m Misty“ vor, zückte eine Ukulele und fing an, eine hinreißende Ballade nach der anderen zu spielen. Aus einem Schulheft voller Kritzeleien sang sie, zum Erstaunen aller Anwesenden, selbstbewusst und selbstverständlich über Liebe, Angst, Betrug, kurzum über das Leben an sich. Als sich Sting schließlich dazusetzte und mit ihr im Duett „Fragile“ und „Shape of my heart“ zu singen begann, fragte ich den Gitarristen Dominic Miller, wer zum Teufel die Kleine sei. Dominic strahlte mich an: „Meine Tochter!“

Seitdem ist Misty Miller immerhin 16 geworden. Inzwischen wird sie vom britischen Modedesigner Burberry gefördert und veröffentlichte vor kurzem ihr erstes Album „Remember – EP“ beim trendigen englischen Independent Label AWAL (Artists without a label). Wenn man den Titelsong „Remember“ hört, strahlt er, genauso wie Misty an jenem Abend, vor jugendlicher Frische und Charme. Das Lied „Vampire“ hingegen zeigt, dass Millers Stimme bereits eine Wärme enthält, die sicherlich über die Jahre noch weiter aufblühen wird. Und in „Home“, für mich das Highlight, hat sich das Folkelement auf eine Art und Weise eingeschlichen, die ich bemerkenswert finde. Die Texte lassen einen aufhorchen. Die Lieder sind teilweise einfach, aber ehrlich. Misty Miller ist zweifellos auf dem Weg, ein Star zu werden.

In der klassischen Musik gehen die Zeiten des Männerprivilegs ihrem Ende entgegen. Man muss nur einen Blick in die Hochschulen werfen, wo die weiblichen Studenten inzwischen klar in der Mehrzahl sind. Ebenso stelle ich bei Meisterkursen in Konservatorien fest, dass acht von zehn Teilnehmern Geigerinnen sind. Es ist also absehbar, dass in den Orchestern bald mehr Frauen als Männer sitzen werden. Wenn ich mir den Popmarkt anschaue, sehe ich nicht weniger weibliche Stars, die eine riesige Anhängerschaft genießen, aber trotzdem einen sehr eigenen Sound entwickelt haben.

Neulich, in London, sah ich zufällig Jools Hollands „Later“ im Fernsehen, eine geniale Live-Popshow, die in England Kultstatus hat. Etwa fünf Bands treten da pro Folge vor einem kleinen Studiopublikum auf. Pianist Jools Holland führt durch die Sendung und interviewt einen oder mehrere Künstler und begleitet am Flügel eine kurze Jamsession aller Gäste am Anfang jeder Sendung. Inzwischen überträgt der ZDF-Theaterkanal auch in Deutschland einige Folgen, und jeder, der erstklassige Live-Popmusik schätzt, sollte sie sich unbedingt anschauen. In der Sendung tauchte eine junge, englische Dame auf namens Adele. Sie sang „Someone like you“, begleitet nur von einem Klavier. Auch wenn am Anfang des Auftritts die Anspannung in ihrer Stimme leicht zu merken war, hatte sie eine vokale Spannbreite und einen Ausdruck, der mich fesselte. Eine ungewöhnliche Erscheinung, mehr Antistar als Star, eine Frau, die hemmungslos ihre Meinung sagt und Wut und Leidenschaft gerne in ihren Liedern zeigt. Das ist deutlich bei ihrem neuen Album „21“ zu hören, auf dem sich auch „Someone like you“ findet. Für den Song „Rolling in the deep“ mischt sie Soul, Gospel und Funk zu einem dunklen Groove, der einen unheimlich packt. Sie selber sagt, dass sie das Lied innerhalb einer Stunde niedergeschrieben habe, weil sie damals so wütend war. Das glaubt man ihr aufs Wort.

Auch wenn der englische Fußball sich deutlich in der Krise befindet – der weibliche Musikimpuls auf der Insel ist meisterschaftsverdächtig.





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Cicero

2014


Tweet! Klatsch! Post it, Amadeus
01.09.2014

Wie ich einmal in Bristol dem Kommunikationswahn erlag und so die Musik von übermorgen erlebte

Die gegenwärtige Debatte über die Zukunft der klassischen Musik verfolge ich mit großem Interesse. Auf der einen Seite stehen die eingefleischten Klassikliebhaber, die ihre Musik genauso genießen wollen wie eh und je. Auf der anderen Seite will eine ganze Bewegung klassische Musik „anders“ präsentieren, vom Ort bis zur Dramaturgie des Abends. Dazwischen
stehen wir Interpreten, die sich entscheiden müssen, zu welcher Gruppe wir gehören. Sehr oft erwähnt die neue Bewegung jene Lockerheit, die im 18. Jahrhundert im Konzertsaal herrschte.
Wenn man aber bedenkt, dass sich damals die Leute lautstark unterhielten, rauchten, tranken und Karten spielten, oder dass die Herren gerne mit dem Rücken zum Podium saßen, damit sie
den Damen besser in die Augen schauen konnten, gelangt man zu der Erkenntnis, dass nicht jeder Fortschritt unbedingt negativ ist. Jedoch sorgt das Abo-Publikum auch heute
für genügend Störfaktoren. Die Palette reicht von endlosen Hustenanfällen über herunterfallende Schlüsselbunde bis zum vehementen Türenknallen von Besuchern, die vorzeitig nach
Hause gehen. Hochsensible Musiker lassen sich durch derartige Geräuschentwicklungen aus der Fassung bringen. Von dem Pianisten Alfred Brendel war bekannt, dass er allergisch auf intensives
Husten reagierte, vernichtende Blicke ins Auditorium warf und manchmal rief: „Ich weiß nicht, ob Sie mich hören, ich höre Sie gut!“ Neulich spielte ich bei der Bristol Proms, einem
neuen Festival, gegründet vom britischen Theaterregisseur Tom Morris und Universal Music. Die Konzerte finden im wunderschönen, 1766 erbauten Old Vic Theatre statt. Morris’ Anliegen
ist es, klassische Musik auf höchstem Niveau unprätentiös darzubieten. Im letzten Jahr wurde mein Konzert mit einer Computeranimation ergänzt, Kameras folgten meinen Bewegungen
und produzierten spontan etwas dazu. Ein Teil des Publikums steht direkt vor der Bühne, so wie es bei der Londoner Proms Tradition ist. Vor jedem Konzert wendet sich Morris an
das Publikum: Klatschen ist stets erlaubt, jeder darf fotografieren, sofern das Bild gleich gepostet oder getweetet wird. Der letzte Punkt ist heikel. Unlängst ist der legendäre Pianist Krystian
Zimerman bei einem Rezital explodiert, als er einen Besucher entdeckte, der ihn mit dem Handy filmte. Zimerman habe viele Plattenprojekte verloren,
weil man ihm sagte, das Repertoire sei bereits auf Youtube, erklärte er wenige Minuten später. In Bristol entschloss ich mich, dem Kommunikationswahn, der unsere heutige Gesellschaft
hemmungslos infiltriert, einen Schritt näherzutreten. Für die zweite Hälfte meines Konzerts setzte ich eine Google-Brille auf und filmte die anderen Musiker und das Publikum.
Interessant war die Reaktion eines Mannes, der die ganze erste Hälfte mit seinem Handy gefilmt hatte und sich jetzt lauthals über die Verletzung seiner Rechte beschwerte. Als er sich jedoch
am nächsten Tag auf meiner Facebook-Seite verewigt sah, schrieb er begeisterte Kommentare dazu. So also klingt die Zukunftsmusik.

Von Geigen und anderen Mordinstrumenten
01.08.2014

Wie ich einmal über den Lüften begriff, dass die Liebe zur Musik immer neue Hindernisse bewältigen muss

Anders als Sänger müssen Instrumentalisten nicht nur für sich selbst, sondern auch für ihr Instrument auf der Hut sein. Wir Geiger wissen davon ein Lied zu singen,
denn gute Violinen sind ebenso empfindlich und zerbrechlich wie wertvoll. Eine Beinahe-Katastrophe erlebte Geigerkollege Philippe Quint, als er seine Stradivari in einem New Yorker Taxi
liegen ließ. Einen halben Tag lang blieb das millionenschwere Instrument unbemerkt auf dem Rücksitz liegen, ehe es Quint unter Freudentränen bei dem Fahrer abholen konnte.
Wie ihm zumute war, kann ich leicht nachfühlen. Auf Reisen bleibt mein Instrument stets in meiner unmittelbaren Nähe. Es ist für mich völlig selbstverständlich, die Geige bei Flügen
mit in die Kabine zu nehmen, statt sie den ruppigen Transportbedingungen von Koffern auszusetzen. Seit einiger Zeit ist das jedoch nicht mehr so einfach. Zum einen wurden Höchstmaße für
Handgepäckstücke festgelegt, denen Geigen kaum gerecht werden können. Welcher Geigenkasten kommt schon mit der zulässigen Maximallänge von 45 Zentimetern aus? Einzelne Fluggesellschaften sind dazu übergegangen, nicht mehr nur für dickleibige Celli, sondern auch für die deutlich schlankeren Violinen eigene Sitzplätze vorzuschreiben.
Die Einreise nach Amerika wird immer wieder zum Erlebnis. Nachdem mich jüngst die Dame am Schalter mit der Frage begrüßt hatte, warum ich denn hier sei, und ich erklärte, Konzerte
spielen zu wollen, antwortete sie: „Ich habe auch Geige gespielt.“ Dann streichelte sie die Pistole an ihrer Hüfte: „Aber ich habe sie gegen diese Waffe eingetauscht.“ Auch die verschärften Sicherheitsbestimmungen im Luftverkehr sind problematisch. Es kam schon vor, dass Ersatzsaiten oder Cellostachel als mögliche Mordinstrumente konfisziert wurden. Seit dem 1. April 2014 gibt es ein neues Problem: Geigenbögen, die häufig an der Spitze mit Elfenbein verstärkt sind, dürfen aufgrund strenger Artenschutzbestimmungen in den USA ab sofort weder ein- noch ausgeführt werden. Es sei denn, man besitzt ein kaum zu beschaffendes Dokument, das bezeugt, dass das Material vor den Handelsverboten verbaut wurde oder aber
aus registrierten Altbeständen stammt. Um es noch komplizierter zu machen, sind neben Elfenbein auch Schildpatt und geschütztes Rio-Palisander verboten, ein Tropenholz, das gelegentlich
im Geigenbau vorkommt. Die Münchner Philharmoniker erlebten es während ihrer US-Tournee im Mai 2014, als sämtliche Bögen am Flughafen beschlagnahmt wurden. Erst nach
Einschalten der deutschen Botschaft wurden die Instrumente freigegeben. Dass gütliches Einvernehmen manchmal dennoch möglich ist, habe ich neulich auf einer Reise nach Toronto erlebt. Nach längerer Diskussion gab ein Pilot von Air Canada endlich das Einverständnis, meine Geige in der Kabine zu behalten. Allerdings unter einer Bedingung: „Ich muss Sie bitten, während des Fluges nicht zu spielen!“

Rede, Künstler, bilde nicht nur!
01.07.2014

Wie Elvis Presley mich einmal davor bewahrte, ein unpolitischer Musiker zu werden, und warum Kunst eine Gewissensfrage ist

Der Filmausschnitt hat sich meinem Gedächtnis tief eingeprägt: Elvis Presley gibt 1972 eine Pressekonferenz in New York. Eine Reporterin fragt ihn nach seiner Meinung
zu den Gegnern des Vietnamkriegs. Presleys Gesichtsausdruck wird ernst: „Honey, ich möchte lieber meine Meinung für mich behalten. Ich bin nur Entertainer.“ Viele Jahre später droht die
Welt ihr Gleichgewicht zu verlieren. Gerade in Bezug auf Russland und die Krimkrise scheint es mir, als würde sich das „Elvis-Syndrom“ in der Politik breitmachen. Wenn sich die Politiker jetzt
lieber als Entertainer behaupten wollen, welche Ambitionen haben dann die echten Künstler? Klassische Musiker, die eine klare politische Position beziehen, gibt es heute erschreckend
wenige. Keiner setzte sich mehr für die Menschenrechte ein und nutzte gleichzeitig die Musik besser für die Politik als Yehudi Menuhin. Mit mehr als 500 Konzerten während des Zweiten
Weltkriegs half er Kriegsopfern und Flüchtlingskindern, trat 1945 noch vor den Befreiten des Konzentrationslagers Bergen-Belsen auf und spielte im zertrümmerten Berlin demonstrativ
unter Wilhelm Furtwängler, womit er der erste jüdische Künstler von Weltrang war, der wieder in Deutschland Konzerte gab als Zeichen der Versöhnung.
Daniel Barenboim hat in gewisser Weise Menuhin beerbt, mit seinem West-Eastern Divan Orchestra und der Barenboim-Said-Akademie. Gidon Kremer trommelte Musikerfreunde für ein
Konzert in Berlin zusammen, das er „To Russia with Love“ nannte, um mit Musik für die Menschenrechte in Russland zu demonstrieren. Er sagte: „Künstler sollten nicht bequem im breiten
Strom mitschwimmen.“ Ein Staat könne „Künstler, Menschen überhaupt zum Schweigen bringen oder vor die Frage stellen: Kann ich bleiben, ohne mich verleugnen zu müssen?“ Aber hat ein Künstler das Recht, jenseits der Kunst seine Ansichten zu teilen? Wenn er es tut, sagt man ihm oft, wie es bei Goethe heißt: „Bilde, Künstler! Rede nicht!“ Eine solche Reaktion
ist keineswegs selten. Als ich 2008 die Abflughalle des Flughafens Tempelhof in einen Konzertsaal verwandelte, um mein erstes „Tu was!“-Projekt zu starten, fragte mich ein deutscher
Journalist, wieso „ausgerechnet ein englischer Geiger nach Berlin kommt, um der deutschen Reichspogromnacht zu gedenken“. Meine Antwort war kurz. „Einer musste es ja tun.“
Später entschuldigte sich der Mann für seinen Tonfall, nicht für seine Worte. Er habe es satt, von Künstlern zu hören, sie müssten sich politisch einmischen. Der britische Schauspieler
und Gelegenheitskomiker Russell Brand gab neulich in einem Fernsehinterview zu, niemals gewählt zu haben. Brand zufolge sei es ohnehin Betrug, Wahlen brächten nichts. Der Mann hat
knapp acht Millionen Follower auf Twitter. Als die Ergebnisse der Europawahlen mitsamt dem Rechtsruck über den Bildschirm tickerten,musste ich an Russell Brand und seine Follower
denken, die vielleicht ebenfalls nicht gewählt haben. Oh Elvis, am Ende hattest du recht!

Diesen Klang der ganzen Welt
01.06.2014

Wie ich einmal in Los Angeles erlebte, dass klassische Musik für alle da ist und nicht nur für die Reichen

Vor einiger Zeit flog ich zu einem Gastspiel nach Los Angeles. Als ich am Morgen nach dem Konzert aus dem Hotel kam, war mein Gepäck bereits im Taxi verstaut. Bis
auf die Geige. Dem Taxifahrer fiel sie sofort auf. Nachdem er losgefahren war, rief er nach hinten: „In welcher Band spielen Sie?“ Ich war hundemüde, wollte aber nicht unfreundlich wirken.
„In keiner Band“, klärte ich ihn auf, „ich spiele klassische Musik.“ Er verdrehte die Augen: „Aha. Rich people’s music!“ Wenn ich an die gesalzenen Preise denke, die man für Konzert- und Opernkarten bezahlen muss, konnte ich kaum widersprechen. Trotzdem ärgerte mich die Bemerkung. Also gab ich mir einen Ruck und beugte mich zu ihm. Larry hatte seine festen Ansichten über die Kirche, die Wall Street und Obamacare. Aber auch über Musik, und er vertrat sie wortreich und intelligent. Ursprünglich hatte er Anwalt werden wollen, musste das Studium aber aufgeben,
als sein Vater starb und er als Ältester für die Familie zu sorgen hatte. In Konzerte ging er nie, nicht seine Gehaltsklasse. Larry fand das nicht schlimm. Arm und Reich gab es immer,
in Amerika erst recht. Wenn man Mozart oder Beethoven hören will, meinte er, lege man eine CD auf oder lade sich Aufnahmen aus dem Netz. Man spare nicht nur viel Geld, sondern könne
auch zu Hause bleiben und es sich mit einem Bier auf dem Sofa bei seinem Lieblingsstück bequem machen. Wie bei einer Baseball-Übertragung im Fernsehen. Wozu noch Konzerte?
„Weil das Konzert live ist und die CD nicht!“ Ich erschrak über die Vehemenz, mit der ich ihm widersprach. „Das kann man niemals vergleichen.“ Larry war nicht restlos überzeugt. Aber
wir mussten unsere Unterhaltung beenden, der Flughafen lag schon vor uns. Ich gab ihm meine E-Mail-Adresse, und wir verabredeten ein Wiedersehen bei meinem nächsten Besuch.
Dieser fand nun vor kurzem statt. Ich nahm Larry aber nicht zu meinem Konzert, sondern zu dem Projekt „Education Through Music“ mit, das von den Paramount Studios unterstützt wird.
An Schulen in Problemgegenden in Los Angeles erhalten Kinder auf diese Weise kostenlos Instrumente und Musikunterricht, damit sich ihre allgemeine schulische Leistung ebenso verbessert
wie ihre kreative Entwicklung. Es war berührend zu sehen, mit welcher Begeisterung die etwa 100 Kinder ihr Instrument spielten, mit welch großer Freude sie die Musik erlebten und was es für sie überhaupt bedeutete, Musik selbst zu spielen. „Rich people’s music? Nur etwas für wohlhabende alte Leute?“, fragte ich Larry, der, so schien es mir, Tränen in den Augen hatte.Jetzt, beim Anblick der vielen Kinder, die gar nichts mit einem Zirkel reicher Senioren im Sinn hatten, sondern einen Querschnitt durch alle sozialen Schichten darstellten, gab er mir recht: Klassische Musik ist für alle da, jeder kann seine Wunder mit ihr erleben. Das nächste Mal kommt Larry mit ins Konzert.

Das Schiff des Lebens und seine vielen Häfen
01.04.2014

Wie ich in Kapstadt einmal daran erinnert wurde, dass die Wahrheit über einen Menschen nicht im Reisepass steht

Die Dame bei der Einreise am Flughafen Kapstadt schaute skeptisch. „Sie haben keinen südafrikanischen Pass?“ Ich verneinte. „Aber Sie sind in Südafrika geboren.“ Ich
nickte, sie lächelte doch: „Welcome home, Sir.“ Du wunderbares Wort „Zuhause“! Die Frage von Nationalität und Zugehörigkeit stelle ich mir, seit ich weiß, dass meine jüdischen Urgroßeltern
mütterlicherseits in Berlin lebten und sich als Deutsche fühlten. Eigentlich müsste ich sagen, ich bin Südafrikaner. Ich könnte auch überzeugend argumentieren, ich bin Engländer, denn
in England verbrachte ich Kindheit und Jugend. Englisch ist meine Muttersprache. Wie wäre es mit Österreicher, in Wien lebe ich seit Jahren. Oder Ire, meine Familie väterlicherseits stammte
aus Irland. Ich habe einen irischen Reisepass. Den Iren habe ich es zu verdanken, dass wir damals in England bleiben konnten. Als unsere Aufenthaltsgenehmigung auszulaufen drohte,
hätte dies eine Rückkehr nach Südafrika bedeutet. Für meine Eltern aber war das Leben im Südafrika der siebziger Jahre mit der abscheulichen Rassentrennung unerträglich geworden. Mein
Vater hatte das kritische Literaturmagazin Bolt gegründet und erregte die Aufmerksamkeit der Behörden, indem er die Gedichte eines Schwarzen, des damaligen Präsidenten von Senegal,
Léopold Senghor, darin veröffentlichte. Eines Sonntags läuteten zwei Telefontechniker. „Wir haben keine Probleme, und außerdem ist Sonntag“, sagte meine Mutter. Dennoch installierte
der Monteur vor den Augen meiner Eltern im Telefonhörer eine Wanze. Von diesem Zeitpunkt an wurden alle Telefonate überwacht. Wenn meine Eltern das Haus verließen, wurden
sie beschattet. Die Beamten der Sicherheitspolizei verheimlichten ihre Anwesenheit nicht, sondern winkten zynisch. Kuverts wurden aufgerissen, Briefe gelesen und wieder in die Umschläge
gesteckt. Mein Vater hatte zu dieser Zeit eine Reihe von schwarzen Freunden, aber unter der Apartheidsregierung war es fast unmöglich, Kontakt zu halten. Wenn Gäste zum Abendessen
in die Wohnung kamen, mussten sie heimlich den Dienstbotenlift nehmen. Die Benutzung des „Weißenlifts“ und der Aufenthalt im Gebäude nach Einbruch der Dunkelheit waren ihnen
verboten. Wir flüchteten nach England, wo uns schnell das Geld ausging. Eines Tages erfuhr meine Mutter, dass man mit einem irischen Pass in England
dauerhaft leben und arbeiten konnte. Sie wühlte sich durch das Taufregister im irischen Waterford, bis sie einen Taufschein meines Urgroßvaters
ausfindig machte. Wir alle wurden Iren. Wenn ich sehe, wie viel Blut vergossen wurde im Namen unzähliger Nationalitäten, bin ich froh, in so vielen Ländern friedlich aufgenommen
worden zu sein. Die eigene Nationalität scheint mir keine Frage des Reisepasses zu sein, sondern dieses Gefühl, Anker schlagen zu dürfen. „Was bist du zum Teufel?“, fragte mich neulich
jemand. Ich bin überzeugter Europäer. Fragen Sie mich nur nicht nach meinem Pass …

Mit Bach wäre das nicht passiert
01.03.2014

Wie ich einmal im Badezimmer an Mendelssohn scheiterte und mich dennoch in eine Melodie verliebte

Bei meinem letzten Stopp in Berlin besuchte ich Mendelssohn. Der große Komponist liegt auf dem Friedhof am Halleschen Tor in Kreuzberg. Im Gegensatz zu anderen opulenten
Denkstätten ist dieser Ort trist und umkreist von Wohnhäusern, die auf Legenden herunterschauen, ohne es zu ahnen. Felix Mendelssohn Bartholdys himmlische Musik fasziniert mich nicht weniger als sein ungeheures Arbeits- und Reisepensum. In Berlin wuchs er auf, Düsseldorf bot ihm die erste Anstellung, in Frankfurt am Main fand er seine Frau, Leipzig mit dem Gewandhaus wurde neben London die wichtigste Wirkungsstätte. Ende zwanzig – da er schon lange komponierte und als Pianist Aufsehen erregte, da er Goethe in Erstaunen versetzt hatte, von Cherubini in Paris als außergewöhnliche Begabung erkannt worden war – schrieb er sein Violinkonzert. Meine erste Begegnung mit dem Konzert war nicht einfach. Mit acht Jahren vertraute ich
meinem Zimmergenossen Ikki im Musikinternat in England an, dass ich lieber als alles andere dieses Werk spielen würde. Yehudi Menuhin hatte mit sieben Beethovens Violinkonzert gespielt,
ich würde Mendelssohn meistern – dachte ich mir. Ich musste nur einen Ort finden, wo ich unentdeckt üben konnte. Meine Lehrer würden nicht einverstanden sein, wenn ich ein Stück
spielte, das viel zu schwierig für mich war. Das Badezimmer auf dem Gang schien mir ideal. Ich kam kaum über ein paar Takte hinaus. Es muss geklungen haben, als strangulierte
jemand mehrere Katzen gleichzeitig. Aber es war ein Akt der Befreiung, ich fühlte mich wie ein Vollblutmusiker. Ich war durchdrungen von dieser wunderbaren e‑Moll-Melodie am Anfang des Konzerts, als ich plötzlich erstarrte. Es hatte laut geklopft. „Würdest du bitte die Tür öffnen“, hörte ich die Hausmutter mit ihrem strengen irischen Akzent. „Was um alles in der Welt fällt dir ein?“, fuhr siemich an. Sie zerrte mich am Ohr und schnappte sich gleichzeitig meinen Notenständer, den ich in die Badewanne gestellt hatte. Draußen hatten sich schon meine Mitschüler feixend versammelt. Einige Tage später wurde ich zum Musikdirektor gerufen und war erstaunt, meine Eltern dort vorzufinden. „Mr. und Mrs. Hope“, begann der Direktor, „ich habe Sie aus London hierhergeholt, weil ich Ihnen leider mitteilen muss, dass Ihr Sohn ohne Erlaubnis das Mendelssohn-Konzert geübt hat. Er wurde ertappt – im Badezimmer.
Bach soll er üben, nicht Mendelssohn!“ Wie sagte einst Mendelssohn: „Es wird so viel über Musik gesprochen und so wenig gesagt. Ich glaube überhaupt, die Worte reichen nicht hinzu, und
fände ich, dass sie hinreichten, würde ich am Ende keine Musik mehr machen.“ Zwei Wochen später verließ ich das Internat und wechselte meinen Geigenlehrer. Das erste
Stück, das ich mit dem neuen Lehrer erarbeitete, war das Violinkonzert von Mendelssohn. Seitdem ist dieses Meisterwerk mein ständiger Begleiter. Außer im Badezimmer.

La le lu, nur der Mann am Bett schaut zu
01.02.2014

Wie mich Londoner Wissenschaftler einmal darin bestätigten, dass eine ganz spezielle Musik Kleinkindern guttut

Die ältere Dame beugte sich über den Autogrammtisch: „Na, haben Sie ihm schon vorgespielt? Er soll doch viel Mozart hören!“ Gemeint hat sie unseren Neugeborenen. Obwohl ich erst seit kurzem Vater bin, wurde mir die Frage nach der Wirkung von Musik auf Kleinkinder schon oft gestellt. Bei der Vorstellung seines Budgets von 12,5 Milliarden US-Dollar für 1999 führte der
damalige demokratische Gouverneur von Georgia, Zell Miller, alle Grundlagenkosten auf, die Ausgaben also für Schulen, Straßen, Krankenhäuser. Dann fügte er ein unerwartetes Element
hinzu: einen Antrag auf 105 000 Dollar Steuergelder für eine klassische Musik-CD, die jedes Kind Georgias kostenlos erhalten sollte. Der Gouverneur betätigte daraufhin die Starttaste an
seinem CD-Player, und die Versammlung hörte einen Auszug aus der „Ode an die Freude“ von Beethoven. „Fühlt ihr euch jetzt nicht alle intelligenter?“, fragte Miller in die Runde.
Der Gouverneur spielte auf den „Mozart- Effekt“ an, einen Begriff des Schriftstellers Don Campbell. In seinem gleichnamigen Buch behauptet Campbell, das Hören klassischer Musik –
und vor allem Mozart – könne zu einem Anstieg bestimmter kognitiver Fähigkeiten führen. Die Theorie beruht auf dünn recherchierten Erkenntnissen über kaum messbare Leistungssteigerungen
bei Tests unter Erwachsenen. Wenn man diese „Recherchen“ zusammenwürfelt und auf einen Slogan reduziert wie „Mozart macht Babys clever“, entsteht eine verführerische Schlagzeile,
die sich anscheinend durchsetzt. Der vermeintliche „Mozart-Effekt“ inspirierte Julie Aigner-Clark zu einem billig produzierten Video, das Puppen und Spielzeuge zeigte,
die sich zu klassischer Musik bewegen, und das sie unter dem Namen „Baby Mozart“ veröffentlichte. Damit soll das Baby von Lebensbeginn an vor die Glotze gesetzt werden. Bald erschienen
weitere Reihen mit „Baby Einstein“ oder „Baby Van Gogh“. 2001 kaufte die Walt Disney Company die „Baby Einstein“-Gruppe. Als sie die DVDs unter „Erziehung“ vermarkteten, wurde
Disney mit einer Klage bedroht. Seither haben Forscher wachsende Zweifel am „Mozart-Effekt“. Wissenschaftler an der University of Washington berichten sogar, dass das Betrachten von solchen
Videos zu einer deutlichen Beeinträchtigung der Leistung bei Kleinkindern führen kann. Ist vielleicht ein altes Mittel noch immer das beste? Wir wissen alle, dass es meistens eine beruhigende
Wirkung hat, wenn Eltern ihren Kindern Lieder vorsingen. Im Oktober 2013 hat eine Studie des Great Ormond Street Hospital in London es nachgewiesen. Die Experten untersuchten
bei 37 Babys und Kleinkindern, wie ein zehnminütiges Vorsingen das Schmerzempfinden, die Sauerstoffsättigung im Blut und den Puls beeinflusste. Die Eltern sangen zuerst vor, lasen dann
gleich lange und saßen schließlich stumm am Bett. Das Singen wirkte eindeutig am beruhigendsten auf die Kinder. Und nun weiß ich auch,was ich gleich tun werde.

Julius, alter Julius
01.01.2014

Wie ich einmal in den Briefen meines Berliner Ururgroßvaters stöberte und dabei lernte, dass Vielfalt vor Krieg schützen kann

Am 10. November nahm ich an einer Gedenkveranstaltung der Stadt Berlin teil, einem Konzert vor dem Brandenburger Tor. Mehr als 1000 Schülerinnen und Schüler setzten sich in der Ausstellung „Zerstörte Vielfalt“ damit auseinander, was die NS-Diktatur für die Gesellschaft der Stadt bedeutete. Meistens wenn ich nach Berlin komme, versuche ich, den Luisenfriedhof aufzusuchen. Dort liegt mein Ururgroßvater, Julius Valentin, begraben. Vor diesem Gedenkkonzert fuhr ich jedoch in die Staatsbibliothek. Ich wollte mir die Briefe Julius Valentins noch einmal ansehen. Ich wollte spüren, wie die Berliner Vielfalt für ihn ausgesehen hatte. Ein Brief vom November 1863 schlug mich sofort in den Bann. Mein Vorfahre traf eines Abends seinen Schulfreund Emil Rathenau wieder. Kurz darauf gründeten die beiden eine Fabrik zum Bau von leicht transportablen Dampfmaschinen. Durch den Deutsch-Französischen Krieg florierte das Geschäft, kurz danach begann auch in Berlin ein rapider industrieller Aufschwung. Bald aber wurde die Stadt den beiden tatendurstigen Herren zu eng. Was konnte verlockender sein als Amerika,
wo 1876 in Philadelphia die erste Weltausstellung stattfand? Valentin und Rathenau bestiegen in Liverpool den Dampfer „Bothnia“. Julius Valentin schreibt: „Die Gesellschaft der Engländer und
Amerikaner ist durchaus keine angenehme. Man kann sich leicht überzeugen, dass es mit der viel gepriesenen Manierlichkeit der Engländer nicht weit her ist.“ Später schreibt Julius an seine Frau,
dass New York alles übertreffe, was er je gesehen habe. Beeindruckt waren die Männer vor allem vom technischen Fortschritt. „Jedes Haus hat einen Fahrstuhl, jedes Warenhaus gleich mehrere.“
Die Eisenbahn, mit der sie nach Philadelphia fuhren, sei der in Deutschland um 100 Jahre voraus,so das vernichtende Urteil.

Sie kamen an einem Sonntag in Philadelphia an. „Offenbach, der eine seiner Operetten dort selber dirigierte, wohnt in unserem Hotel. Ich habe ihn schon mehrfach gesehen“, schwärmte
Julius. Die Briefe bieten einen köstlichen Einblick in diese Zeit – „das Publikum besteht aus den reichsten Amerikanern, die ungeheuren Luxus in Toiletten und Equipagen treiben. Die Damen
kleiden sich mit mehr Schick als die Französinnen und übertreffen diese an Schönheit und schönen Gestalten.“ Und dann fiel der erstaunliche Satz: „Wenn wir unser Berlin nur gesellschaftlich,
kulturell und industriell öffnen würden, um eine solche Vielfalt hineinzulassen, so würde es keine Kriege mehr geben …“ Diese Worte brachten mich zurück in die heutige Zeit – kurz vor meinem Auftritt am Brandenburger Tor. Als die herrliche Musik von Kurt Weill, Werner Richard Heymann und Hanns Eisler über den Platz schallte und ich die Gesichter von Coco Schumann, Walter Jurmann, Alfred Kerr, Elisabeth Bergner und den anderen vertriebenen Berliner Künstlerinnen und Künstlern sah, die auf das Brandenburger Tor projiziert wurden, wusste ich, dass der alte Julius recht hatte.



2013


Danke, du mich auch!
01.12.2013

Wie ich in Frankreich einmal lernte, dass Musiker vor keinem Kraftwort zurückschrecken, um böse Geister zu bannen

Kommt alles Gute von oben, wie es in der Bibel heißt? Lässt es sich herbeiflehen, durch fromme Wünsche oder Beschwörungsformeln? Niemand weiß es. Trotzdem hat sich die Menschheit nie von dem Versuch abhalten lassen, dem Schicksal in die Karten zu sehen. Lang ist die Kette von vermeintlich sicheren Methoden, den Schleier des großen Geheimnisses zu lüften, angefangen beim Orakel in Delphi bis zum Horoskop in der Tageszeitung. Und immer wieder gab es Wahrsager und Wunderheiler, denen man übersinnliche Fähigkeiten zutraute, ob es die Vogelbeschauer im alten Rom waren oder der unheimliche Rasputin. Dass man Musikern und besonders Komponisten eine besondere Anfälligkeit für alles Übernatürliche zuschreiben muss, will ich nicht behaupten. Aber Beispiele hat es zweifellos gegeben. Es bleibt schwer zu beurteilen, ob es sich dabei um Grenzfälle geistiger Verwirrung handelte. Bei Musikern ist es üblich, dass wir uns Sprüche überlegen, um den bösen Geistern aus dem Weg zu gehen. Neulich, kurz vor meinem Auftritt in Moskau, sagten mir meine russischen Freunde, dass man zum Schulterklopfen „geh zum Teufel!“ antworten müsse und sich niemals bedanken dürfe. Irgendwann in Frankreich hatte mir ein Mitstreiter auf dem Weg zur Bühne „Je vous dis merde“ zugeraunt. Ich glaubte, mich verhört zu haben. Er wünschte mir Scheiße? Nicht viel besser erging es mir in Italien. „In bocca al lupo!“, rief mir jemand vor einem Konzert zu. Als ich ihn völlig verständnislos ansah, sagte er nur, ich müsse mit „Crepi il lupo!“
antworten. Hinterher habe ich im Wörterbuch nachgeschlagen und begriffen, dass er mir das „Maul des Wolfes“ an den Hals gewünscht hatte und ich daraufhin mit der Parole „Tod dem Wolf“ zu reagieren hatte. Angeblich geht der Spruch auf die kapitolinische Wölfin zurück, von der Romulus und Remus gesäugt wurden. Verglichen mit Exkrementen, Raubtieren und Satan, kommt mir das im deutschen Sprachraum übliche „Hals- und Beinbruch“ sehr zivil vor. Am besten, so die abergläubische Theorie, führt man die Dämonen dadurch in die Irre, dass man das Gegenteil von dem sagt, was man meint. Das funktioniert deshalb leicht, weil die unliebsamen Gesellen nicht nur böse, sondern obendrein von sehr begrenzter Intelligenz sind. Wünscht man also einem Musiker vor dem Auftritt nicht Glück und Erfolg, sondern eben Hals- und Beinbruch, halten die Geister eigenes Eingreifen für überflüssig, weil ihnen Schlimmeres als eine Mehrfachfraktur für einen
Geiger nicht einfällt. Wobei die Täuschung durch das Wort „Beinbruch“ zu Shakespeares Theaterzeiten eine Spur subtiler war: Üblicherweise warf das Publikum, wenn es mit der Vorstellung zufrieden war, Trinkgelder auf die Bühne. Wenn sich die Schauspieler danach bückten, brachen sie sich zwar nicht die Beine, verrenkten diese aber, um an das Kleingeld zu kommen. Je häufiger sie es tun konnten, desto höher waren ihre Einnahmen.Zum Glück ist diese Art der Abendgage passé.

Bob weiss Bescheid
01.11.2013

Wie mich ein Alien einmal daran erinnerte, dass der Mensch ein abgründiges Wesen und seine Musik doch ein Wunder ist

Ich war in Eile. Endlich zu Hause in Wien angekommen, hatte ich nur kurz Zeit, mich vor der Generalprobe auszuruhen. Als ich die Augen schloss, um abzuschalten, bildete ich mir
ein, plötzlich ein Klopfen an der Terrassentür zu hören. Ich sprang auf, eilte zur Terrasse und blickte auf eine silberne Gestalt mit riesigen Augen und einem kegelförmigen Haupt ohne
Ohren. Da stand ein Alien. „Servus, Erdling“, sagte er. „Mein Name ist Bob. Ich komme von Deneb, einem Stern in der Konstellation von Cygnus, 1550 Lichtjahre entfernt. Ich komme
in Frieden. Darf ich reinkommen?“ „Wissen Sie, Bob, ich würde Sie schon gernehereinbitten, aber ich habe gerade keine Zeit.“ Bob grinste. „Ach, weißt du, Erdling, es gibt die Zeit nicht mehr.“ Er schnippte mit seinen langen Fingern, und alles um uns herum erstarrte, die Vögel hingen in der Luft, die Herbstblätter blieben auf dem Weg nach unten stehen. Ich machte uns einen Kaffee, wir setzten uns auf das Sofa, Bob plauderte. Dass er von einer PR-Firma auf Deneb beauftragt worden sei, der negativen Presse ein Ende zu setzen. „Weißt du, Erdling, wir werden inzwischen für alle Katastrophen verantwortlich gemacht. Das ist einfach nicht fair. So haben wir beschlossen, euch zu besuchen, um euch von unseren guten Seiten zu überzeugen.“ „Moment, Bob, wollen Sie mir sagen, Sie machen Hausbesuche, um für die Alien Community zu werben? Dann seid ihr im Grunde nicht besser als die Politiker hier auf der Erde.“ „Na ja“, konterte Bob, „im Gegensatz zu
euren Politikern ist es uns nicht möglich zu lügen. So sind wir nicht gebaut. Wir sind friedliche Wesen und helfen uns. Euer Hass und eure Gewalt haben sich schon in den verschiedensten
Galaxien herumgesprochen. Neulich hat mir ein Cyberborg erzählt, dass euer Konflikt in Syrien bisher 1,6 Millionen Flüchtlinge hervorgerufen hat. Gib’s zu, Erdling, ihr habt es vermasselt.“
Da musste ich Bob recht geben. Trotzdem fühlte ich mich ein wenig verantwortlich, meine Spezies zu verteidigen: „Aber wir sind nicht alle böse, Bob. Schau mal, welch schöne Dinge wir produziert haben, Musik, Kunst, Literatur, Architektur.“ Plötzlich leuchteten Bobs Augen. „Na gut, wenn ich ein Herz hätte, würde es bei Bach und Schubert vermutlich aufgehen. Aber ganz ehrlich: Hat die Musik des 20. Jahrhunderts nach Strawinski Fortschritte gemacht?“ „Aber ja, Bob“, erwiderte ich. „Und was heißt hier Fortschritt? Die Musik ist eben anders, größer, komplexer, aber unheimlich spannend. Clara Schumann sagte einmal: ‚Musik drückt aus, worüber besser geschwiegen worden wäre‘.“ Ich weiß nicht, wie lange wir dasaßen, aber ich überredete Bob irgendwann, die Zeit wiederanzuschalten. Ich lud ihn ein, mit in die Generalprobe zu kommen. Aber er lehnte höflich ab. Mit Birtwistles Musik könne er wenig anfangen. Wir verabschiedeten uns. Ich schloss die
Augen und hörte, wie Bob auf leisen Sohlen davonschlich. Vermutlich zu Sigourney Weaver.

Wer nicht wagt, hat schon verloren
01.10.2013

Wie mich ein in Singapur gekauftes Buch zu einem Berliner Benefizkonzert animierte und warum jeder „etwas tun“ kann

Als sich der Sommer in diesem Jahr dem Ende zuneigte, habe ich mich dabei ertappt, eine Art Zwischenbilanz ziehen zu wollen. Vielleicht liegt es daran, dass ich kürzlich das fünfte Lebensjahrzent erreichen durfte. „Die ersten vierzig Jahre unseres Lebens liefern den Text, die folgenden dreißig den Kommentar dazu“, meinte Arthur Schopenhauer. In diesem Sommer hat mir vor allem das  hinreißende Buch von Florian Illies, „1913“, viel Stoff zum Nachdenken gegeben.

Vor ziemlich genau fünf Jahren, im Sommer 2008, stand ich in Singapur am Flughafen und war auf dem Weg in den Urlaub. Ich wollte nach Malaysia. Am Kiosk sah ich einen Titel, auf dem
„Kristallnacht“ stand. Das Buch war von Martin Gilbert, einem britischen Historiker. Ich nahm es mit. Natürlich wusste ich, was sich in der Pogromnacht ereignet hatte. Meine Familie war von
den Nazis gezwungen worden, die Villa in Dahlem zu verlassen. Das hat mein Urgroßvater nicht verkraftet. Er nahm sich das Leben, kurz nach dem 9. November, als er merkte, wie sehr er sich
in „seinem“ Deutschland getäuscht hatte. Dann fiel mir auf, dass seit der Pogromnacht 70 Jahre vergangen waren. Ich rief meine Freunde in Deutschland an und fragte sie: Wie wird dieser
Tag begangen? Ich war erstaunt, dass außer einem Staatsakt am Morgen nichts geplant war. Man musste etwas tun! Und so begann eine Idee Realität zu werden.

Die ersten Gespräche mit Politikern verliefen ohne Ergebnisse. Ich rief Freunde und Kollegen an. Zuerst Thomas Quasthoff, dann Klaus Maria Brandauer und Max Raabe. Ich erzählte ihnen
von meiner Idee einer Benefizveranstaltung: An die Vergangenheit erinnern, um für die Zukunft nach vorne zu schauen. Wir hatten keine Lokalität. Alles war ausgebucht. Es wurde September,
und ich hatte immer noch keine finanziellen Mittel. Dauernd hörte ich: Das schaffst du nicht!

Aber wir haben es geschafft. Dank großartiger Künstler, die bereit waren, Risiken einzugehen, und durch visionäre Menschen und Firmen, die bereit waren, großzügig zu spenden. Wir verwandelten die Abfertigungshalle des Flughafens Berlin-Tempelhof in einen Konzertsaal, spielten für über Tausend Menschen und nahmen eine beachtliche Summe für die Freya-von-Moltke-
Stiftung ein. Diese Stiftung wählte ich deshalb aus, weil Freya von Moltke meine Familie nach dem Krieg unterstützte. Es wurde meine erste Veranstaltung mit dem Namen „Tu was“. Sie kam
durch relativ einfache Mittel zustande: das Telefon in die Hand nehmen, Freunde anrufen. Und alles aufgrund eines Buches, das mich zum Nachdenken gebracht hatte.

Als ich in diesem Sommer „1913“ las, wurde mir wieder bewusst, dass am kommenden 9. November der 75. Jahrestag der Pogromnacht naht. Das Prinzip „etwas tun“ ist mir heilig, auch
wenn es nicht immer funktioniert. Ob ich es wieder schaffe, eine Benefizveranstaltung für die Stadt Berlin auf die Beine zu stellen? Ich werde es auf jeden Fall versuchen.

 

Für jedes Kind ein Instrument!
25.08.2013

Die schönen Künste kommen in unserer Gesellschaft zu kurz – nicht nur im abgespeckten Bildungssystem, sondern auch im Alltag. Violinist Daniel Hope plädiert dafür, die soziale Kraft der Kreativität zu nutzen

Neulich sprach ich bei dem Branchenforum Classical Next. Über 800 internationale Fachbesucher waren nach Wien gekommen, Konzerthausmanager, Musiker, Künstleragenten, Vertreter von Labels und Vertrieben sowie Journalisten aus 40 Ländern. Zufällig fiel dieses Datum exakt auf den 100. Jahrestag der skandalösen Pariser Première von Igor Strawinskis „Le Sacre du Printemps“. Es gibt nicht viele Werke, die in den vergangenen 100 Jahren einen solchen Aufruhr ausgelöst haben.

Die Musikwelt hat sich seitdem radikal verändert. Wenn wir den Kassandrarufen glauben würden, wären wir klassischen Musiker schon am Ende. Schreckensbilder tauchen auf von Künstlern, die wie Mozart von Gläubigern verfolgt werden oder wie Schubert den Winter in ungeheizten Dachkammern verbringen und mit klammen Fingern ihr verstimmtes Fortepiano bedienen. Und was ist aus den Sponsoren-Millionen geworden, mit denen „Lehman Brothers“ und die anderen Pleite-Banken Musik und Theater unterstützen wollten? Darf man noch hoffen, dass die Schecks ausgehändigt werden? Wird es auch überhaupt Leute geben, die das Geld für eine Konzertkarte, eine CD, zumindest einen Download erübrigen?

Wer Musik liebt oder wer sie nur verkauft, beschäftigt sich mit solchen Fragen nicht erst seit der Finanzkrise. Die Musik hatte immer schon heilende Kräfte, und sei es nur, dass sie die Nerven beruhigt – so wie anno 1873, als Johann Strauss gleich nach dem großen Börsenkrach in Wien in seiner „Fledermaus“ schrieb: „Glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist.“ Man sollte aber nicht vergessen, dass Krisen den Anstoß zu neuen Überlegungen geben, dass sie, wie es Max Frisch formuliert hat, in einen „produktiven Zustand“ übergehen können, sofern man ihnen „den Beigeschmack der Katastrophe nimmt“. Das Problem ist nur: Vor allem die jungen Menschen haben immer seltener Gelegenheit, klassische Musik zu entdecken. Der Ursachenkatalog wurde oft genug aufgezählt: Hausmusik ist zur Ausnahme geworden, der Musikunterricht in den Schulen unzureichend; klassische, angeblich antiquierte Konzerte schrecken ab; die Oper ist häufig elitär; die Eintrittspreise sind gesalzen, manche Zeitungskritiken abgehoben; gewisse Radioprogramme verbreiten nur belangloses Gedudel.

Es gibt aber keine Krise der klassischen Musik. Sie ist vital wie eh und je. Die Krise liegt in der Geringschätzung, die der Musik entgegengebracht wird. Was kann man dagegen tun? In Deutschland gibt es Künstler und Institutionen, die unermüdlich kämpfen, um die Musik an die Jugend zu bringen: Von Lars Vogts „Rhapsody in School“ bis zum „Netzwerk Junge Ohren“, von „Live Music Now“ bis zu „Jedem Kind ein Instrument“. Diese großartigen Organisationen machen Deutschland zum Vorreiter. Aber sie brauchen unsere Unterstützung, von Künstlerseite wie auch von der Musikbranche. Ich bin ein großer Befürworter der musischen Erziehung. Der Zweck der Kunsterziehung ist es aber nicht, Künstler zu produzieren. Ihr Zweck ist es, unserer Jugend eine humanistische Ausbildung zu ermöglichen, damit sie ein erfülltes und produktives Leben in einer freien Gesellschaft verwirklichen kann.

Wenn wir uns in einem globalen Markt wirtschaftlich behaupten wollen, brauchen wir Kreativität, Einfallsreichtum und Innovation. Aber echte Innovation kommt nicht nur durch Technologie, sie kommt durch Kunst. Kunst ist ein unverzichtbares Hilfsmittel, die Welt zu verstehen und zu definieren. Das Erwachsenwerden beginnt in der Phantasie eines Kindes. Aber in den vergangenen 20 Jahren blieb die Phantasie zugunsten des Marktes auf der Strecke. Und ein Markt macht nur eins – er legt Preise fest. Die Rolle von Kultur muss jedoch über das Wirtschaftliche hinausgehen. Ihr Fokus sollte der Wert sein und nicht der Preis.

Es gibt nur eine einzige soziale Kraft, die stark genug ist, um der Vermarktung von kulturellen Werten gegenzusteuern: unser Bildungssystem. Doch im Jahr 2013 werden die Kinder in unseren Schulen meistens ausgebildet ohne Musik, ohne bildende Kunst, Tanz oder literarische Künste. Die Ausbildung fördert in erster Linie die analytische Seite des Gehirns, während die andere Hälfte, die ganzheitliche, intuitive und ästhetische, unterentwickelt bleibt.

Musik lohnt sich – und das meine ich nicht materiell, auch wenn ich von der Musik lebe. Musik lohnt sich, weil sie jeden, der sie mit wachen Sinnen in sich aufnimmt, bereichert und mit Sphären vertraut macht, die ohne Musik verschlossen blieben. Lasst uns gemeinsam kämpfen, die Musik zu stärken, damit ihre Strahlkraft noch mehr Menschen erreicht und bereichert.

Mein Geigen-Stopp am russischen Flughafen
03.08.2013

Musiker geben ihre Instrumente ungern aus der Hand. Auf Reisen ist da Kreativität gefragt. Der Geiger Daniel Hope berichtet von einem kuriosen Erlebnis am russischen Flughafen

Als Reisender Musiker führen mich Tourneen um den ganzen Erdball. Die vielen Hürden, die mir und meinen Kollegen das Reisen erschweren, verlangen eine enorme Kreativität. Wir Streicher geben unsere Instrumente nie aus der Hand. Deshalb brauchen Cellisten, wenn sie per Flugzeug unterwegs sind, nicht nur ein Ticket für sich selber, sondern auch noch ein zweites für „Mrs. Cello“, die für die Gepäckablage zu dick ist und einen eigenen Sitzplatz in der Kabine benötigt. Manche verlangen von der Stewardess sogar eine Extramahlzeit für ihre Begleitung.

Vor kurzem kam es zu einem Eklat beim berühmten amerikanischen Cellisten Lynn Harrell. Harrell hatte seine „Mrs. Cello“ bereits vor Jahren als Person beim Meilenprogramm einer amerikanischen Luftlinie registriert und somit auch Meilen für das Extraticket kassiert. Eine völlig legitime Angelegenheit, schließlich muss der Musiker für sein Instrument den vollen Tarif zahlen, selbst wenn er sein eigenes Ticket reduziert ergattert. Harrell staunte nicht wenig, als die Fluggesellschaft ihn schließlich ganz aus ihrem Meilenprogramm warf, seine Meilen konfiszierte und ihn auf Lebenszeit sperrte.

Bei Geigern ist es in letzter Zeit häufig zu Problemen beim deutschen Zoll gekommen. Kurz hintereinander sind einige Solisten bei der Ankunft am Frankfurter Flughafen festgehalten und ihre Instrumente beschlagnahmt worden, obwohl sie außerhalb Deutschlands leben oder nur umsteigen wollten. Jeder Musiker, der von außerhalb der EU einfliegt, muss nämlich sein Instrument beim Zoll deklarieren, ob es ihm gehört oder nicht. Ansonsten droht ihm eine hohe Geldstrafe. Allerdings scheinen gewisse Beamte an den verschiedenen Flughäfen nicht immer informiert zu sein, wie die Regeln tatsächlich lauten. So werde ich öfters mit fassungslosen Blicken konfrontiert, wenn ich morgens um 5 Uhr, gerade aus Amerika gelandet, den Herrschaften zu erklären versuche, dass das Instrument nicht „Neuware“ ist, die im Drittland günstig eingekauft wurde, sondern ziemlich alt.

Nur in Russland gibt es immer wieder interessante Begegnungen beim roten Zolldurchgang. Die Unterhaltung verläuft etwa so:

„Guten Tag, ich bin Geiger.“

Der Beamte sagt: „Moment.“

Danach kommt der nächste und fragt: „Was wollen Sie?“

„Ja, ich bin Geiger, ich spiele hier ein Konzert.“

„Aha, Konzert! Geiger. Moment.“

Dann kommt wieder ein anderer, und irgendwann wird man an eine Frau weitergereicht, eine ziemlich massive Frau in Uniform. Die sagt: „Skripka, aha. Auspacken. Sofort!“

Man steht am Flughafen, die Leute gehen an einem vorbei, und du musst die Geige herausnehmen. Du bist ganz vorsichtig. Und die Frau in Uniform packt sie mit dicken, tintenbeklecksten Fingern, reißt sie an sich, schüttelt sie und dreht sie. „Stradivari?“

„Nein.“

Sie guckt noch einmal. „Guadagnini?“

„Nein.“ Jetzt guckt sie die Geige fast herablassend an.

Und dann fängt sie an, die ganze Palette von Geigenbauern aufzusagen. „Ruggieri?“

„Nein.“

„Testore?“

„Nein.“

Es ist schon erstaunlich. In anderen Ländern kennt ein Zollbeamter höchstens die „Stradivari“. Aber sie, die russische Dame vom Zoll, kennt fast alle. Gereizt fragt sie: „Ja, was ist es denn?“

„Es ist eine Guarneri.“

Augenrollend fotografiert sie die Geige, notiert und stempelt alles. Das Procedere dauert fast eine halbe Stunde.

Russen besitzen übrigens einen wunderbaren, skurrilen Humor. Eine Musikeranekdote der ehemaligen Leningrader Philharmoniker gefällt mir besonders: Eines Abends, während einer Tournee durch die Vereinigten Staaten, bei einer Feier im Hotelzimmer der Musiker, ließ jemand eine brennende Zigarette auf das Sofa fallen. Anstatt ein Kissen auf den Brandfleck zu legen, um die Beschädigung zu verbergen, beschlossen die Musiker, dass einer von ihnen mitten in der Nacht in einem Baumarkt, der 24 Stunden geöffnet hatte, eine Axt kaufen sollte. Gesagt, getan. Dann wurde das Sofa in Stücke gehackt und in Kleinteilen im Gepäck herausgeschmuggelt. Als der Manager des Hotels irgendwann fragte, wo bitte sehr das schöne Sofa aus Zimmer 413 geblieben sei, zuckten alle die Schultern und sagten nur: „Welches Sofa?“ Reisende Musiker sind eben besonders erfinderisch.

Schlagt ihn tot, er ist ein Rezensent!
06.06.2013

Musik und Musikkritik sind heute oft geschiedene Leute. Gute Kritiker sind selten geworden und oft sind die Rezensionen auf „Dschungelcamp“-Niveau. Doch es gibt Ausnahmen

Es war anno 2001: In der Lobby des Hotels, wo ich einchecken wollte, stand zufällig eine Kollegin vor mir, eine brillante amerikanische Musikerin, damals am Anfang ihrer Weltkarriere. Kopfschüttelnd gestikulierte sie, während sie in eine Tageszeitung schaute. „Ich fasse es nicht!“, sagte sie zu ihren Eltern, die neben ihr standen: „Ein ganzes Jahr arbeite ich an diesem Programm, und das Einzige, was diesem MANN einfällt, ist, mich ein ‚loliteskes Persönchen‘ zu nennen! Ich möchte ihn einmal auf der Bühne erleben!“

Darf man reagieren, wenn eine Kritik unter die Gürtellinie trifft? Legendär ist Max Regers Antwort: „Ich sitze im kleinsten Raum des Hauses. Ihre Kritik habe ich vor mir. Bald werde ich sie hinter mir haben.“ Als ich mit 15 begann, öffentlich aufzutreten, habe ich mit pochendem Herzen geblättert, um zu erfahren, wie der Rezensent meine Leistung bewertet hatte. Inzwischen kann ich behaupten, dass ich jede Art von Kritik erlebt habe. Neben köstlichen Verwechslungen wie „Donald Hope, der australische Pianist“ sind die Urteile mal so übertrieben positiv, mal so unglaublich schlecht, dass ich sicher bin: Dies kann einfach nicht sein. Trotzdem frage ich mich jeweils nach einer negativen Kritik, ob etwas davon stimmt. Der Dirigent Leopold Stokowski sagte: „Am gefährlichsten sind jene Kritiker, die von der Sache nichts verstehen, aber gut schreiben.“ Ich würde es anders formulieren: Eine schlechte Kritik, wenn sie kenntnisreich und fundiert ist, kann einem Künstler helfen und ihn weiterbringen.

Einer der gefürchtetsten Musikkritiker seiner Zeit war Eduard Hanslick (1825-1904), berühmt für seine von Ironie und Wortwitz sprühenden Rezensionen. Manche Künstler haben sich für die bösen Auslassungen revanchiert. Richard Wagner hat es seinem Widersacher heimgezahlt, indem er ihn in den „Meistersingern von Nürnberg“ in Gestalt des „Merkers“ Sixtus Beckmesser verewigte. Am berühmtesten ist Goethes Gedichtzeile: „Schlagt ihn tot, den Hund! Er ist ein Rezensent.“ Ein Schauspieler im Frankfurter Theater tat 2006 fast genau das: Er sprang von der Bühne runter, entriss dem Kritiker den Notizblock und beschimpfte ihn.

Es gab Zeiten, da die Leute Kritiken fasziniert gelesen haben, weil sie unbedingt etwas über die jeweils aufgeführten Werke und die mitwirkenden Musiker erfahren wollten. Damals waren die Zeilen informativ, kompetent, manchmal mit einer gesunden Dosis Ironie – aber niemals persönlich. Leider beherrschen nur noch wenige diese Kunst. Symptomatisch war eine Begegnung mit einem Studienfreund, der mir nach dem Besuch eines Konzerts erzählte, dass er nun Musik- statt Filmkritiken schreibe. Ich fragte ihn, wie er über das Konzert berichten wolle. Er bat mich, ihm zu raten, er selbst wisse nämlich nicht weiter. Heute kommt noch hinzu, dass viele Zeitungen, bedingt durch die rapide Abnahme von Werbeeinnahmen, bei der Musikredaktion radikal sparen müssen. Und mit dem Internet-Blogging scheint der Sofa-Kritiker endgültig etabliert zu sein. Jetzt muss sich der Rezensent sogar vor der ganzen Welt verteidigen: Es ist nur eine Frage der Zeit, bis er selber im Netz beurteilt wird. Die Spielregeln ändern sich.

Im November 2012 las ich einen bizarren Artikel mit der Überschrift „Unter dem Röckchen der Hure Klassik“. Zielscheibe dieser Tirade waren viele geschätzte Kollegen, die neben ihren Musikkarrieren andere Tätigkeiten wie das Schreiben oder Moderieren mit Erfolg ausüben. Der Artikel richtete sich auch gegen mich, wobei die trashigen Bemerkungen in meinem Fall ausschließlich mein Aussehen betrafen, und erinnerte mich eher an „Dschungelcamp“-Journalismus. Im Übrigen war der Autor derselbe, dem es gelungen war, sein Klassik-Vokabular in den elf Jahren von „lolitesk“ auf „Hure“ zu steigern.

Eine würzige Rezension, die hingegen wirklich saß, war von einem Kritiker, den ich sehr schätze. Sie erschien nach meinem ersten Auftritt mit dem Beaux Arts Trio in Boston. In der Kritik las ich, dass ein Newcomer eingesprungen sei, ein (immerhin!) feinfühliger Musiker, bei dem man es aber leider mit dem lautesten Fußstampfer seit Rudolf Serkin zu tun habe. Er habe bei Schumann so laut gestampft, dass man sich gewünscht habe, im Publikum säße ein Chirurg, der den fraglichen Fuß umgehend amputierte. Ein Jahr später spielte ich wieder in Boston und achtete peinlichst darauf, meine Füße keinesfalls zu bewegen. Anschließend schrieb derselbe Kritiker: „Vor einem Jahr hat Mr. Hope mit seinem lauten Gestampfe beinahe das ganze Schumann-Trio ruiniert. Diesmal hielt er seine Füße exemplarisch ruhig. Halleluja!“ Manchmal bewirken Kritiken doch etwas.

Was heißt denn hier Klassik?
26.05.2013

Musik sprengt alle Schubladen und kommt doch nicht ohne diese aus, meint Violinist Daniel Hope

Es war eine dieser Veranstaltungen, auf denen Plattenfirmen ihre Neuerscheinungen zu präsentieren pflegen. Kostproben aus der Musik, Künstlerinterview und Gespräch mit dem Publikum. Ins Liverpooler Planetarium waren überwiegend ältere Herrschaften gekommen. Deshalb fielen mir zwei Mädchen auf, die sich nach der Veranstaltung etwas abseits hielten und mich dabei anlächelten. Vielleicht hatten sie sich nur verlaufen, den Eindruck von eingefleischten Klassikliebhabern machten sie jedenfalls nicht. Damit, dass ich auf sie zuging, hatten sie anscheinend nicht gerechnet. Verlegenes Lächeln, sie wussten nicht recht, was sie sagen sollten. Dann machte eine doch den Anfang. Na ja, meinte sie, ich hätte ja ganz schön Dampf gemacht mit meiner Geige, und diese Klassik habe einen ordentlichen Drive, das müsse sie schon zugeben. Aber irgendwie nicht unsere Musik, sagte die andere. Im Grunde tote Hose, Musik von gestern, nicht der Sound von heute. Ich sei doch selber noch kein alter Mann, wieso ich mich trotzdem so viel mit alter Musik abgebe. Ob ich nicht viel lieber Aktuelles anstatt „Klassik“ spielen würde. Ob ich eigene Songs schreibe. Und ob ich vielleicht Lust auf einen Kaffee hätte. So kamen wir auf diesen seltsamen Ausdruck „klassische Musik“ zu sprechen.

Während dieser durchaus charmanten Begegnung musste ich an ein anderes, ungewöhnliches Zusammentreffen denken. In Norddeutschland hatte ich das Violinkonzert von Mendelssohn gespielt. Hinterher stand ich ziemlich verschwitzt an einem Tisch im Foyer, um Autogramme zu schreiben. Da wollte ein junger Mann von mir wissen, ob das, was ich gerade gespielt hatte, überhaupt klassische Musik sei. Ich sah ihn fassungslos an. Etwas umständlich holte er aus. Zum bestandenen Abitur hätten ihm seine Eltern ein Klassikabonnement geschenkt, aber über die Programm­auswahl sei er verwirrt. „Neben Sinfonien von Haydn, Mozart und Beethoven, bei denen es sich ja wohl eindeutig um Klassik handle, sind Stücke von Bach und Strawinski gespielt worden. Und heute Abend Mendelssohn, der doch schon zur Romantik gehört, soweit ich weiß“, sagte er. Jetzt verstand ich.

Zum Zweck der besseren Übersichtlichkeit wird in Musikbüchern die viele Jahrhunderte lange Geschichte der Musik in verschiedene Epochen eingeteilt, vom Mittelalter bis in die Gegenwart. Je nachdem, wann die einzelnen Komponisten gelebt haben, werden sie einem dieser Zeitabschnitte zugeordnet. Bach also wandert in die Schublade mit der Aufschrift „Barock“, Mozart in die „Klassik“ und Mendelssohn in die „Romantik“. So kompetent diese Gliederung zweifellos auch sein mag, hat sie auch ihre Schwächen. Schließlich waren die Komponisten Individuen, jeder hatte neben den Gemeinsamkeiten auch seine persönlichen Eigenarten. War zum Beispiel Franz Schubert, der ein Jahr nach Beethoven gestorben ist, tatsächlich schon ein Romantiker oder doch noch ein Klassiker? Sieht man andererseits bei Beethoven nicht in vieler Hinsicht schon romantische Züge? Hört man dagegen bei Mendelssohn nicht oft eine sehr klassische Struktur?

Zurück zu den jungen Damen in Liverpool, denen ich mühsam versuchte zu erklären, dass man erst die gesamte Musikvielfalt hören und erleben sollte, bevor man sie unter einem Begriff wie „Klassik“ ablehnt. Ich musste jedoch zugeben, dass ich es mir ebenfalls längst angewöhnt habe, einheitlich nur noch von „klassischer Musik“ zu sprechen. Korrekt ist es, streng genommen, nicht. Der Sammelbegriff, „Classical Music“, der anscheinend erstmals 1863 im „Oxford Dictionary“ aufgetaucht ist und der sich längst überall auf der Welt eingebürgert hat, hängt vermutlich eher mit den großen Veränderungen in der Musikwelt Anfang des 20. Jahrhunderts zusammen. Damals begann die Zeit der Unterhaltungsmusik und des Jazz, gegen die sich die Musik, die im Konzertsaal und in der Oper gespielt wurde, behaupten und abgrenzen musste. Der Strom der Musik hatte sich geteilt. Welche Namen sollte man den beiden Flussarmen geben? Wichtig wurde diese Frage vor allem für die gerade geborene Schallplattenindustrie, die ihrer Kundschaft die Orientierung und damit die Kaufentscheidung erleichtern wollte. Dass sie die Kreationen der leichten Muse unter der Rubrik „populäre Musik“ oder kurz „Popmusik“ laufen ließ, verstand sich angesichts des Millionenpublikums, das dafür empfänglich war, von selbst.

Das interessierte die beiden Mädels in Liverpool allerdings herzlich wenig. Also gab ich mich geschlagen und ging mit ihnen doch lieber Kaffee trinken. Klassisch versteht sich …

Der Klang des Weltraums
30.03.2013

Wie klingt es, wenn Planeten sich begegnen? In der Sphärenmusik sind Mathematik und Kunst auf das Schönste verschwistert

Ist da draußen Irgendetwas? Seit der Mensch den nächtlichen Sternenhimmel ehrfürchtig betrachtet und den Lauf der Planeten verfolgt, wird seine Fantasie durch diese Frage angefacht. Im Altertum sprachen die Menschen von geisterhaften Klängen, die entstünden, wenn Planeten einander begegnen. Die Musik, welche die Planeten erzeugten, sei ätherisch und – in ganz wörtlichem Sinn – nicht von dieser Welt.

Als ich klein war, gab es nur eines, das mich so stark in den Bann ziehen konnte wie die Musik: der Nachthimmel. Im Alter von acht Jahren kaufte ich mir mein erstes Teleskop und betrachtete stundenlang den Mond und die Sterne. Und ich stellte mir vor, wie es wohl gewesen sein mag, als die Menschheit erkannte, wie winzig sie im Angesicht des großen Ganzen ist.

In meiner Jugend stellte mir Yehudi Menuhin, der damals an seinem Projekt „The Music of Man“ arbeitete, den amerikanischen Astronomen Carl Sagan vor. Sagan amüsierte sich über den eifrigen und neugierigen Jungen, der ihn mit tausend Fragen gnadenlos löcherte. Meistens antwortete er mit Gegenfragen. Dadurch öffnete er mir die Augen für die unendlichen Weiten des Universums und erklärte mir eine Theorie, die meine beiden Leidenschaften vereinte: die Sphärenmusik.

Die Vorstellung der Sphärenmusik fasziniert mich seither, ebenso wie die Philosophen, Mathematiker und Musiker, die die Idee einer musica universalis im Laufe der Jahrhunderte untersucht, infrage gestellt und entwickelt haben. Diesen Gedanken vertraten nicht irgendwelche Wahrsager, sondern brillante Wissenschaftler und Mathematiker. Wahrscheinlich war es Pythagoras, der als Erster der Theorie nachging. Die Harmonie des Universums glaubte er mathematisch erklären zu können, nachdem er zufällig entdeckt hatte, dass die Höhe eines Tons von der Länge der Saite und deren Schwingungen abhängt. Dieser Gedanke pflanzte sich fort bis zu herausragenden deutschen Denkern wie Johannes Kepler. Sie waren überzeugt, dass diese Musik oder besser gesagt, diese „Engelsklänge“ – für uns Sterbliche nicht hörbar – messbar sind und dass die Musik dementsprechend eine mathematische Grundlage hat, eine Art astronomische Harmonie. Doch kann man ein so magisches, unerklärliches Phänomen wie die Musik rein durch Formeln erklären?

Die Vorstellung einer Musik, die aus der Bewegung einander passierender Planeten entsteht, ist für einen Musiker wie mich, der ein Saiteninstrument spielt – also ein Instrument, bei dem durch die Reibung der Bogenhaare mit den Saiten Vibrationen und damit Töne erzeugt werden – besonders naheliegend. Man nimmt eine Menge peripherer Klänge wahr, und das ist meiner Meinung nach eine interessante Analogie, denn an diese peripheren Klänge glaubte Pythagoras auch.

Wenn wir an den Weltraum oder die Planeten denken, hören wir dann einen bestimmten Klang, in Dur oder Moll, oder ist da endlose Stille? Goethe selbst spricht in seinem Prolog zum „Faust“ von der tönenden Sonne, die „nach alter Weise in Brudersphären Wettgesang“ erklingt. Auch viele Komponisten haben sich mit der Möglichkeit eines solchen Phänomens beschäftigt. Noch heute bemühen sich Wissenschaftler, die Zahlensymbolik in Bachs Werken zu ergründen, vom klaren B-A-C-H-Motiv bis hin zu versteckteren Elementen, die sich um die Zahl Drei als musikalische Darstellung der Dreieinigkeit drehen.

Wir wissen, dass Haydn, bevor er sein Oratorium „Die Schöpfung“ vollendete, sich mit dem britischen Astronomen Wilhelm Herschel traf und beide gemeinsam den Himmel durch ein Teleskop betrachteten. Josef Strauss’ Walzer-Sphärenklänge brachten dann eine romantische Sicht des Himmels ins Spiel. Die kugelförmige Gestalt einer Sphäre lässt sich aber auch mit dem Einsatz des Stilmittels der Wiederholung in vielen Werken der Moderne oder des Minimalismus in Beziehung setzen. Der amerikanische Komponist Philip Glass, der mit dem Stück „Echorus“ eine sphärische Hommage an Yehudi Menuhin komponierte, beschäftigt sich schon seit langem mit Rätseln wie dem, ob Musik an der Schwelle eines Schwarzen Lochs wohl höher oder tiefer klingt.

So gibt es eine große Anzahl Komponisten aus verschiedenen Jahrhunderten, die vielleicht nicht alle aus der gleichen „Galaxie“ stammen, sich aber seit dem 17. Jahrhundert bis heute große Gedanken zu einer überirdischen Musik gemacht haben. Dabei muss ich feststellen, wie viel und gleichzeitig wie wenig sich im Laufe von 400 Jahren die Musik verändert hat.

Und? Ist da draußen irgendetwas? Ich fände es schön.

 

Stürzt den Mythos Mozart!
16.03.2013

Wolfgang Amadeus Mozart war ein musikalisches Genie. Cicero-Kolumnist Daniel Hope findet, dieses Bild muss durch seine persönlichen Schwächen vervollständigt werden
„Kommt man sich da nicht wie ein heimlicher Spanner am Schlüsselloch vor?“ Diese Frage aus dem Publikum neulich bei der Einführung vor einem Mozart-Konzert hat mich doch etwas irritiert. Die Moderatorin hatte das Gespräch geschickt auf das Privatleben des Komponisten gelenkt, und gleich mehrere Besucher fühlten sich dabei offensichtlich nicht wohl. Die Intimsphäre eines Menschen müsse doch auch dann noch respektiert werden, wenn er schon lange tot sei, meinten sie. Und was denn überhaupt die Musik damit zu tun habe, dass ihr Schöpfer womöglich zu Jähzorn neigte oder öfter mal Frauen verführte?

Ein heikles Thema. Heldenverehrung verträgt sich in aller Regel nicht mit allzu viel Detailwissen; unangenehme Einzelheiten, die womöglich Kratzer auf dem Idealbild hinterlassen, werden lieber verschwiegen. Als vor Jahren Miloš Forman mit seinem genialen „Amadeus“-Film gegen diese Regel verstieß, lautete der Vorwurf: Wie kann er es wagen, den himmlischen Mozart als albernen Hallodri mit Hang zu zotigen Witzen darzustellen! Genauso könnte man fragen, was es die Nachwelt angeht, dass sich Schubert bei einem leichten Mädchen mit Syphilis infiziert haben soll, Händel angeblich ein haltloser Vielfraß war oder Schumann eheliche Beischlaftermine im Haushaltsbuch notierte? Gar nichts, finden viele.

Dabei nutzte gerade Mozart einige seiner Eskapaden für seine Kreativität. Das Werk, mit dem er sich am meisten identifiziert hat, war zweifellos Don Giovanni. Nicht nur Mozart wurde angefeuert von der Geschichte des Weiberhelden, der die Frauen wie am Fließband verführt, sein Umfeld verflucht, einen Mord begeht und die Fahrt in die Hölle wählt, ohne seine Missetaten nur ansatzweise zu bereuen. Die legendäre Figur des Don Juan, entstanden bereits um das Jahr 1630 in Spanien, fasziniert, schockiert und inspiriert Künstler seit Jahrhunderten.

Ob Molière oder Byron, Camus oder Richard Strauss: Dutzende haben die Geschichte für sich entdeckt und lebendig gemacht. Aber die bekannteste Version des Mythos’ stammt von Mozart, mit Libretti von Lorenzo da Ponte (E. T. A. Hoffmann bezeichnete sie sogar als „die Oper aller Opern“). Dass sich Mozart an einen so brisanten Stoff gewagt hat, sagt viel über ihn aus – zumal schon damals einige Zeitgenossen wie etwa in der Berliner Zeitschrift Chronik bedauerten, dass „der vortreffliche Mozart nicht sorgfältiger bei seiner Wahl war“.

Biografische Neugier kann man sicherlich übertreiben. Ich denke da an jene Phase in der Musikwissenschaft, als mit größter Hingabe auch unscheinbarste Indizien zusammengetragen wurden, um alles Mögliche zu enthüllen – je spektakulärer, desto besser. Man sollte sich in der Tat fragen, welchen Sinn es hat, einen Komponisten als heimlichen Schwulen zu entlarven oder ihm eine verdeckte sado-masochistische Neigung anzuhängen. Aber ich glaube schon, dass Mozart in seinen Don Juan etwas von sich selbst hat einfließen lassen. Oder besser gesagt: Dass er vielleicht ein bisschen so sein wollte wie seine Hauptfigur.

Warum sollte man nicht wissen dürfen, dass Mozart kein Heiliger war? Die Hochachtung vor seiner Musik wird dadurch doch eher noch größer. Man staunt viel mehr über das ungeheure Werk, das er in seinen nur knapp 36 Lebensjahren vollbracht hat, wenn man ihn als vitalen jungen Mann vor sich sieht, der ständig auf Partys ging und nächtelang Karten und Billard spielte.

Natürlich war Mozart ein Genie – eines der größten, das die Menschheit je erlebt hat; so überwältigend, dass ich vor ihm auf die Knie fallen würde, könnte ich ihm begegnen. Aber er war auch ein Mensch mit Stärken und Schwächen, mal bis zum Extrem übermütig und ausgelassen, mal zu Tode betrübt und verzagt. Obendrein war Mozart alles andere als ein angepasster, braver Typ. Er hatte seinen eigenen Kopf und legte sich oft mit seinen Vorgesetzten und der gesellschaftlichen Elite an. Kriecher und Schleimer waren ihm verhasst, und für Kollegen, die sich ihr künstlerisches Selbstbewusstsein abkaufen ließen, um von der Obrigkeit gelitten zu sein, hatte er nur Verachtung übrig.

In gewisser Weise war er ein Spieler, der kein Risiko scheute und alles auf eine Karte setzte. Dass Mozart dabei solche Musik schreiben konnte, macht das Wunder für mich überhaupt erst komplett. Warum erwähne ich das? Weil man von alledem keine Ahnung bekommt, wenn man seine himmlische Musik zum ersten Mal hört. Sie klingt einfach „schön“, aber im Hintergrund schwingen seine Einstellung zum Leben, sein Temperament, seine Charaktereigenschaften und seine Gefühle immer mit. Plötzlich entdeckt man den unverkennbaren mozartschen Charme und Witz, seine Spielfreude, seine Ironie. Und seine Gefährlichkeit. Er ist eben der Don Juan der Musikwelt.

Brittens unfreiwilliges Geschenk
04.02.2013

Auch unser Kolumnist kennt Geschenkestress. Und erinnert sich an eine Anekdote des Jahrhundert-Cellisten Mstislaw Rostropowitsch
Sobald die Tage kürzer werden, beginnt man sich über eine der großen Menschheitsfragen Gedanken zu machen: Was schenkt man bloß zu Weihnachten? Es gibt natürlich auch noch andere Welträtsel, die dringend gelöst werden müssten – „Wie war das mit dem Urknall?“ zum Beispiel. Aber kaum eine, die einen so beschäftigt. Erledigt man die Einkäufe bereits im Herbst und lässt sie gemütlich im Schrank verstauben? Oder gönnt man sich den Last-Minute-Stress am 24. Dezember? Spätestens Anfang des neuen Jahres, nachdem man die Festivitäten glimpflich überstanden hat, fragt man sich trotzdem, ob das eine oder andere Geschenk tatsächlich das richtige gewesen ist.

Eine der schönsten Geschichten über das beinahe perfekte (Weihnachts-)Geschenk wurde mir vor Jahren vom legendären Cellisten Mstislaw Rostropowitsch gebeichtet. „Slava“, wie ihn fast die halbe Welt liebevoll nannte, gehörte nicht nur dank seines fulminaten Spiels, sondern auch aufgrund seiner ebenso fulminanten Persönlichkeit zu den inspirierendsten Menschen des 20. Jahrhunderts. Bei seinem viel zu frühen Tod im Jahr 2007 hinterließ er eine riesige Lücke in der Musikwelt, die bisher niemand füllen konnte. Er war eng befreundet mit den größten Komponisten seiner Zeit, von Prokofjew und Schostakowitsch bis hin zu Leonard Bernstein und Witold Lutosławski, die allesamt Werke für ihn geschrieben haben. Fast jeder Musiker, mich eingeschlossen, hat ihn bewundert und geliebt. 1971 wurde vom sowjetischen Regime ein Ausreiseverbot über ihn verhängt, weil er den Literaturnobelpreisträger Alexander Solschenizyn bei sich zu Hause aufnahm. 1974 kehrte er der Sowjetunion den Rücken und setzte sich auf bewundenswerte Art und Weise für die Demokratie und die Menschenrechte ein. Seine Gagen ließ sich Rostropowitsch gern in bar auszahlen, und er hat des Öfteren eine Brieftasche dafür verlangt. Wenn er in Italien spielte, wurde er in Lire bezahlt – und eine Brieftasche reichte nicht aus. Ich habe mich oft gefragt, was er wohl mit den ganzen Brieftaschen gemacht hat.

Einmal kam Slava spontan zu uns zu Besuch. Er konnte die tollsten Geschichten erzählen, und ich liebe es, solchen grandiosen Persönlichkeiten Anekdoten zu entlocken. Also öffnete ich eine Flasche Wodka und bat ihn, uns eine Geschichte zu erzählen.

„Mein geliebter Danuschka“, sagte er, „du brauchst nie zu fragen. Slawitschka sagt doch immer Ja!“ „Dann“, sagte ich, „erzähle uns bitte etwas über den Komponisten Benjamin Britten.“

„Oh, mein Freund Ben“, antwortete Slava mit breitem Grinsen. „Ich erzähle dir, wie ich das beste Weihnachtsgeschenk meines Lebens bekam. Wir waren in Aldeburgh, Brittens Festival. Britten kam zu mir und sagte: Slava, wir haben gerade eine Nachricht vom Buckingham Palace bekommen. Lady Mary Frances Bowes-Lyon, die Schwester der Königinmutter, wird übermorgen hier sein. Sie kommt ins Konzert, und danach gibt es einen Empfang.

Ich war ein einfacher russischer Junge, hatte noch nie ein Mitglied eines Königshauses kennengelernt und war sehr aufgeregt. Für mich, da sie die Schwester der Königinmutter war, war sie eine Prinzessin. Eine Prinzessin wie Tschaikowskis Dornröschen! Ich konnte die ganze Nacht nicht schlafen und überlegte, wie ich mich verhalten sollte, wenn ich sie kennenlernen würde. Sollte ich mich verbeugen, wenn ich vor sie trat? Ich kam auf eine fantastische Idee. Ich würde eine Pirouette machen! Ich übte es in meinem Zimmer.

Am nächsten Tag kam ich wieder mit Britten zusammen und sagte: Ben, ich habe mir etwas überlegt. Ich werde der Prinzessin meine Hand geben und einen Ehrentanz machen. Darauf Britten: Was meinst du mit Ehrentanz?
Ich: Ich werde es dir vorführen. Und ich führte es vor. Britten war entsetzt: Bist du wahnsinnig, das geht nicht! Ich: Doch, das mache ich. Ich werde zum ersten Mal eine richtige Prinzessin kennenlernen, und ich werde das machen. Britten: Nein, Slava, das geht nicht. Das wird ein Skandal. Britten sah, dass es mir ernst war und fragte: Was kann ich tun, damit du es nicht machst? Ich: Du kannst mir eine Suite für Solocello komponieren! Britten: Das ist doch lächerlich. Ich bin schließlich nicht Bach. Ich: Eine Suite für Solocello – oder ich mache diese Pirouette. Am nächsten Tag erschien Prinzessin Mary in Aldeburgh. Die Hofdamen stellten mich vor: Your Royal Highness, das ist Mstislaw Rostropowitsch. Ich sank fast auf die Knie, sah noch einmal zu Britten und flüsterte: Ben, eine Suite für Solocello!

Weihnachten 1964 hat Rostropowitsch sie bekommen.

Ob die Geige vom Teufel erfunden wurde?
01.01.2013

Unser Kolumnist spürt seinem Instrument nach – und gelangt vom Himmel direkt in die Hölle

Geige oder Fidel? Ich weiß nicht mehr, wie oft ich gefragt wurde, was der Unterschied sei. Für mich hat es irgendwie mit Himmel und Hölle zu tun. Dieses uralte Gegensatzpaar menschlicher Träume und Ängste kann sich manchmal auch auf die Musikwelt beziehen. Und natürlich auf die Geige, ein Instrument, um das sich viele Legenden ranken: Die einen sagen, niemand habe sie so gut spielen können wie der Teufel in der Hölle, andere schreiben ihr märchenhafte Zauberkräfte zu, die den Menschen glauben lassen, dass der „Himmel voller Geigen hängt“, wie es in der Operette heißt. Für jede singende Geige gibt es eine tanzende Fidel. Und in der Tat, seit Jahrhunderten haftet der Fidel ein etwas schäbiger oder gar gefährlicher Ruf an: ein Instrument der „unteren Klassen“, das verführt und becirct. In Jonathan Swifts „Gullivers Reisen“ etwa freut sich der Protagonist: „Ich war im Körper vollkommen gesund, und meine Seele genoss größte Heiterkeit … keine Lords, Fiedler, Richter und Tanzmeister.“

Dabei weiß niemand wirklich, wer die Geige erfunden hat. In Europa kann man den Werdegang der Geige bis ins 8. Jahrhundert zurückverfolgen, wo sie tatsächlich Fidel hieß; sehr wahrscheinlich liegt ihr Ursprung jedoch in Asien. Es hat nicht weniger als 450 Jahre gedauert, ehe sie ihre heutige Form angenommen hat. Die Erfindung von Instrumenten wie des Rebab, welches durch das Streichen seiner Saiten gespielt wird, kann man mit dem Auftauchen des Bogens, der von den Arabern oder von nordischen Stämmen aus Asien eingeführt wurde, in Verbindung bringen. Ob die Entwicklung zur Fidel und dann weiter zur Geige allerdings in Europa, dem Nahen Osten, Indien oder Zentralafrika stattfand, bleibt ein Rätsel. Die Fidel wurde vor der Brust, am Knie, im Schoß oder an der Schulter gehalten – im Gegensatz zur Geige, die unters Kinn gehört.

Die frühesten Formen von Saiteninstrumenten sind das Ravanastron (es soll einem indischen Herrscher im Jahre 5000 v. Chr. gehört haben) und die Sarangi, Letztere der Geige am ähnlichsten, gedrungen und kastenförmig, mit einer verwirrenden Anzahl von bis zu 40 Metallsaiten. Dank ihrer Handlichkeit bedeutete dies für den Vorreiter der Geige auch Mobilität. Es wird vermutet, dass die Geige zusammen mit der „Roma“-Wanderung um das Jahr 300 v. Chr. in Nordwestindien ihre Reise begann; von dort ging sie um circa 100 n. Chr. nach Persien und weiter nach Europa. Das Auftauchen der Roma im Europa des 14. Jahrhunderts (vor allem in Ungarn, wo jeder ungarische Edelmann einen Roma als Geiger in seinem Gefolge hatte) scheint ein Grund zu sein, weshalb die Italiener und insbesondere Andrea Amati, der Quasi-Erfinder der Geige, auf das Instrument aufmerksam wurden.

Ob die Geige vom Teufel erfunden wurde? Viele Legenden besagen jedenfalls das Gegenteil, zum Beispiel ein Märchen der Sinti und Roma: Darin wird von einem armen Bauernburschen erzählt, der sich in eine schöne Prinzessin verliebte, sie aber nur haben durfte, wenn er dem König etwas bringen würde, das es noch nie gegeben hatte. Die Feen-Königin Matuya wusste Rat, gab ihm einen Stab und ein hölzernes Kästchen mit einem Loch in der Mitte und bespannte beides mit langen Haaren von ihrem Kopf. Dann ließ sie erst ihr silberhelles Lachen in das Loch fallen und danach ein paar Tränen. Und als der Junge mit dem Stab über das Kästchen fuhr, klang es so schön und lieblich wie ihr Lachen und so wehmütig und traurig wie ihr Weinen. Der König war begeistert und gab dem Burschen seine Tochter zur Frau.

 

Wenn aber von Hölle die Rede ist, darf er natürlich auch nicht fehlen: Niccolò Paganini, der „Teufelsgeiger“, der vor 230 Jahren in Genua geboren wurde. Wir wissen nicht, wie er gespielt hat, doch es muss höllisch aufregend gewesen sein. Die Leute gerieten jedenfalls überall, wo er auftrat, in Ekstase, und viele meinten, dass er beim Teufel höchstpersönlich in die Lehre gegangen sei. Paganini selbst pflegte dieses Image durch sein Outfit: „Wenn er, ganz in Schwarz, auf die Bühne kam“ – so hat es Heinrich Heine beschrieben – „sah er aus, als sei er der Unterwelt entstiegen.“

Umso skurriler ist es, dass Anfang des 19. Jahrhunderts die Geige offiziell in Indien „eingeführt“ wurde, als der Kapellmeister der britischen Armee das Instrument Baluswami Dikshitar in Fort St. George in Madras übergab. Die Folge: Es gibt kein anderes westliches Instrument, das sich in der indischen Musik so gut integriert hat wie die Geige, sodass ein Konzert vokaler Musik ohne Geigenbegleitung in Indien kaum mehr vorstellbar wäre. So hat die Geige – pardon, die Fidel – nach knapp 2000 Jahren zurück zu ihren Wurzeln gefunden.



2012


Violinenklänge am Soldatengrab
01.12.2012

Violonist Daniel Hope begab sich auf Spurensuche durch sein Stammbuch – und machte dabei erstaunliche Entdeckungen. In diesem Sommer reiste er an das Grab seines Großvaters nach Israel und lies seine Geige sprechen

Als ich vor einigen jahren mein erstes Buch „Familienstücke“ schrieb, begab ich mich auf eine Spurensuche durch meinen Stammbaum. Mütterlicherseits hatte ich eine starke deutsche Komponente in meiner Vorgeschichte entdeckt, überschattet freilich vom unheilvollen Ende, das die meisten Familien jüdischer Abstammung fanden. Die Familie väterlicherseits war für mich aber nicht minder interessant. Kurz vor Ausbruch des Zweiten Burenkriegs 1899 wurde der britische Oberst Robert Baden-Powell zusammen mit einer Handvoll Offiziere in die Kapregion nach Südafrika geschickt, um die Mafeking-Provinz zu schützen. Am 12. Oktober 1899 brachen die Kampfhandlungen aus. Die Buren marschierten in die Kapkolonie und Natal ein und belagerten die britischen Garnisonen Ladysmith, Kimberley und Mafeking. Um seine wenigen Soldaten zu entlasten, stellte Baden-Powell ein Korps von elf- bis 16-jährigen Jungen zusammen, die als Boten, Signalgeber und Sanitäter dienten – einer dieser Jungen war Daniel McKenna, mein irisch-katholischer Urgroßvater, nach dem ich benannt wurde. Gegen eine Übermacht von 9000 Buren gelang es Baden-Powell schließlich, mit nur knapp 1000 Mann und viel List der Belagerung, die 217 Tage dauerte, standzuhalten und Mafeking zu verteidigen.

Als 1944 mein Vater, der Schriftsteller Christopher Hope, in Südafrika auf die Welt kam, wütete ein anderer Krieg. Sein Vater, Dennis Tully, hatte sich im August 1940 freiwillig zur britischen Luftwaffe gemeldet. Bald wurde er nach Kairo versetzt, Rommels Armee rückte auf die Stadt vor. Als Dennis’ Sohn – mein Vater – zu früh geboren wurde, durfte Dennis nach Hause reisen. Das Baby litt unter schweren Blutungen. Mein Großvater hatte dieselbe Blutgruppe, er spendete sein Blut und saß drei Tage vor dem Zimmer seines Sohnes. Als sich die Gesundheit meines Vaters besserte, sagte Dennis: „Gott hat das Leben meines Sohnes gerettet, dafür wird er meines nehmen.“ An einem Sonntag flog er wieder in Richtung Norden. Am Sonnabend darauf war er tot: Abgestürzt im Flugzeug, die Ursache wurde nie bekannt.

Während der Recherche für das Buch besuchte ich meinen Vater in Südfrankreich, wo er heute lebt. Plötzlich fing er an, von seinem Vater zu sprechen. Ich fragte ihn, ob er wisse, wo Dennis begraben sei. Nein, in der Familie heiße es immer nur: „irgendwo in Nordafrika“. Als ich am Abend wieder zu Hause in London war, suchte ich im Internet nach Spuren. Zuerst erfolglos, aber schließlich stieß ich auf eine Webseite der „Commonwealth War Graves Commission“. Ich gab seinen Namen und das Jahr seines Todes in die Suchmaske ein. Einige Sekunden später las ich: „Dennis Hubert Tully Lieutenant, Son of William and Mary Tully; Husband of Kathleen Tully, of Johannesburg, Transvaal, South Africa. Remembered with honour.“ Nur einen Mausklick weiter ein Foto: das Grab meines Großvaters. Dennis Tully starb am 12. August 1944, begraben wurde er in Ramla, einer kleinen Stadt in Palästina, heute Israel. Er war 25 Jahre alt. Ich sah auf die Datumsanzeige meiner Uhr: Es war der 12. August 2004 – auf den Tag genau 60 Jahre danach. Als ich meinem Vater berichten konnte, wann genau sein Vater gestorben sei, war das ein bewegender Moment für uns beide.

Erst in diesem Sommer ist es mir jedoch gelungen, einen gemeinsamen Besuch mit meinem Vater nach Israel zu organisieren. Bis zu den Kreuzzügen im 11. Jahrhundert war Ramla die Hauptstadt Palästinas, berühmt für seine extravaganten Moscheen und Paläste. Heute ist Ramla eine eher nüchterne Industriestadt unweit des Flughafens Tel Aviv. Zwischen einer Autobahn und einem Fabrikgelände liegt ein britischer Friedhof mit grünem, perfekt getrimmtem Rasen.

Das Grab meines Großvaters haben wir sofort gefunden. Es liegt gegenüber einem wunderschönen Baum, umringt von den Kriegsgräbern Tausender anderer Männer, die alle um die 20 Jahre alt waren, als sie fielen. Nachdem mein Vater fast sieben Jahrzehnte nach dessen Tod Abschied von seinem Vater nehmen konnte, saß er schweigsam unter dem Baum, zückte seinen Füller und ein Notizblatt und fing an, seine Gedanken niederzuschreiben. Und ich tat das, was ein Musiker in einem solchen Moment am besten tun kann: Ich spielte ein Stück auf meiner Geige, ein Stück für meinen Großvater Dennis. Musik schien für mich in diesem Moment das einzig Richtige. Schweigen konnte ich nie. Vielleicht bin ich auch deshalb Musiker geworden: „Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber zu schweigen unmöglich ist.“ Das ist ein Satz von Victor Hugo, der mir immer gefallen hat. Und so klingen die Stücke meiner Familie nun nach.

Vom Sandwich zur Scheidung
01.10.2012

Warum muss man Vivaldi umkomponieren? Ganz einfach: Auch zeitgenössische Musik kann wahre Hörwunder vollbringen

Die Geschichte ist inzwischen Legende: Simon Rattle, damals Chefdirigent des City of Birmingham Symphony Orchestra, dirigierte vor vielen Jahren die Uraufführung des Werkes eines jungen, britischen Komponisten. Am Ende vergaß er, den im Publikum anwesenden Komponisten, wie es die Tradition gebot, aufzurufen, damit man ihm applaudieren konnte. Als er beschämt seinen Fehler bemerkte, ließ er ihn einfach im zweiten Teil des Abends aufstehen, nach einer Sinfonie von Gustav Mahler. Unter begeistertem Beifall rief eine ältere Dame aus der ersten Reihe: „Ich wusste nicht, dass Mahler in Birmingham lebt!“

Sind wir einmal ehrlich: Komponisten haben es heute nicht einfach. Das Publikum und die auf Umsatz bedachte Veranstalter zucken zusammen, sobald das Wort „zeitgenössisch“ fällt. Sein „Kind“ kann ein Komponist nur nach einem langen, harten Kampf auf die Bühne bringen. Dabei gibt es gerade in der zeitgenössischen Musik eine unglaubliche Vielfalt an musikalischen Persönlichkeiten, die etwas zu sagen haben. Trotz des Umstands, dass niemand zuhören zu wollen scheint.

Die neue Musik klingt anders als die von Beethoven, Schubert oder Brahms. Sie alle haben tonal komponiert, ihre Musik versteht man auch ohne eine musikalische Vorbildung. Mit zeitgenössischer Musik funktioniert das oft nicht. Sie kann anstrengend sein und neigt dazu, unser Hörempfinden mit unaufgelösten.

Dissonanzen zu irritieren. Pierre Boulez, der französische Komponist und Dirigent, gibt uns Interpreten die Schuld, wenn ein modernes Werk keinen Erfolg hat. Bei allem Respekt für den genialen Maestro kann ich ihm in dieser Hinsicht nur teilweise Recht geben.

Ich glaube, Musiker sollten moderne Stücke kurz erläutern, bevor sie sie spielen. Einige wenige Sätze würden genügen. Das ist wie beim Audioguide, der einem Museumzuschauer ein zeitgenössisches Bild mit ganz anderen Augen sehen lässt. Stattdessen werden zeitgenössische Stücke leider immer noch ohne Erklärung in die sogenannten „Sandwichprogramme“ eingebaut, zwischen zwei populären Werken, sodass niemand die Chance hat, ihnen zu entrinnen. Damit wird nicht nur eine Riesenchance vertan, sondern auch das Publikum unterschätzt.

In meiner Laufbahn habe ich mehr als 30 Werke in Auftrag gegeben. Manchmal werden neue Kompositionen nur ein einziges Mal aufgeführt und verschwinden dann für immer in der Versenkung. Nur wenige Kompositionen durfte ich mehrmals spielen. Eines Tages kontaktiere mich Max Richter. Der britische, in Berlin lebende Komponist hatte einen ungewöhnlichen Vorschlag: Er wollte ein Werk ‚rekomponieren‘. Der Begriff war mir neu und ich war dementsprechend skeptisch. Zumal er nicht irgendein Werk vor Augen hatten, sondern Vivaldis „Die vier Jahreszeiten“. Was sollte den mit dem Original nicht in Ordnung sein? Richter grinste: „Die Jahreszeiten sind perfekt – ich möchte ihnen nur einen anderen Bilderrahmen verpassen.“ Mein Interesse war geweckt. Wäre das im Sinne Vivaldis gewesen? Wir wissen dass der „Rote Priester“ auch selbst regelmäßig in seine Werken eingriff und sie von Aufführung zu Aufführung teilweise veränderte. Vivaldis atemberaubende Originalität und Brillanz haben mich immer fasziniert – so wie sie schon Bach beeindruckt haben,
der sich die Violinkonzerte seines italienischen Kollegen besorgte und diese für das Cembalo umschrieb. Vielleicht ist Bach ja kein so schlechtes Vorbild, dachte ich.

Als das Stück fertig war, traute ich meinen Ohren nicht. Richters subtiles „Vivaldi Recomposed“ hat sich den „Vier Jahreszeiten“ mit den wachen Ohren des 21. Jahrhunderts genähert. Ich hatte mich stets davor gedrückt, Vivaldis Original aufzunehmen, dafür gibt es einfach zu viele Einspielungen. Richters Neuversion forderte mein Gehör auf eine ganz neue Weise heraus.

Auch zeitgenössische Musik also kann wahre Hörwunder verbringen. Als ich etwa kürzlich in Köln ein Werk von Alfred Schnittke aufführte – einem russischen Komponisten, dessen Musik ich besonders schätze – kam nach dem Konzert eine junge Frau zu mir an den CD-Tisch, offensichtlich den Tränen nahe: „Diese Komposition von Schnittke war das Unglaublichste, was ich je gehört habe“, sagte sie. „Nur fürchte ich, dass ich mich sofort von meinem Mann scheiden lassen muss.“ „Aber warum denn das?“, fragte ich entgeistert. „Er hasst Schnittkes Musik und wir haben uns derart darüber gestritten, dass es jetzt endgültig aus ist!“ Schnittke hat mir einmal erzählt, es sei sein größter Wunsch, das Publikum dazu zu bringen, bei seiner Musik nicht einzuschlafen. An Scheidung hat er dabei bestimmt nie gedacht!

Gladiatorenmusik
01.09.2012

 

Von einem Auftritt in der Hollywood Bowl, einer der größten Freiluftarenen der Welt, hatte unser Kolumnist schon als Kind geträumt. Vom monsunartigen Regen, der einsetzte, als dieser Traum endlich wahr wurde, nicht

Es gibt Auftritte, von denen ein Musiker schon als Kind träumt: das erste Mal in der Carnegie Hall zu spielen etwa, der Royal Albert Hall oder im Sydney Opera House. Wenn man irgendwann tatsächlich das Glück hat, an diesen Orten aufzutreten, erfüllt es einen mit Stolz und Ehrfurcht. Bis vor kurzem gab es für mich einen Ort, bei dem es nur bei einem Traum geblieben war: die Hollywood Bowl. Mitten in Los Angeles gelegen, ist sie eine der größten Freiluftarenen der Welt, mit Platz für über 18 000 Zuschauer. Eingeweiht wurde sie am 11. Juli 1922 und entwickelte sich schnell zum beliebten Spielort für die größten klassischen Musiker aller Zeiten. Jascha Heifetz, der legendäre Geiger, der 1931 dort sein Debüt gab, verglich einen Auftritt in der Hollywood Bowl mit einem Wettkampf bei den Olympischen Spielen. Man sei dort nicht Musiker, man sei Gladiator, sagte er.  Neben meinen Klassikhelden sind inzwischen auch die Popgrößen der Welt in der Bowl aufgetreten: von den Beatles und Pink Floyd bis zu The Doors und Elton John. Klassik spielt jedoch immer noch eine große Rolle.  Während des Sommers ist der Spielort Sitz des Hollywood Bowl Orchestra und des Los Angeles Philharmonic Orchestra.

Vom Letzteren kam vor ein paar Monaten die Einladung, auf die ich mein Leben lang gewartet hatte: Am 12. Juli dieses Jahres sollte ich mein Debüt geben, zusammen mit dem amerikanischen Dirigenten Leonard Slatkin. Alleine die ersten Schritte auf dem gigantischen Gelände, die ich am Abend zuvor unternahm, um ein wenig Stimmung zu schnuppern, erfüllten mich mit unbändiger Vorfreude. Als ich die Werbung für mein Konzert auf der großen Leinwand vor dem Eingang fotografierte, hastete ein schwer bewaffneter Polizist herbei und sagte: „Weitergehen, Sir, hier dürfen Sie nicht stehen bleiben!“ Dann erklärte ich ihm, warum ich das Plakat  fotografierte, und er grinste. „Echt? Sie spielen in der Bowl? Cool! Dann mache ich doch ein Bild von Ihnen vor dem Plakat!“

Am Vormittag darauf fand die Probe in der Bowl statt. Das Thermometer zeigte 33 Grad, und die kalifornische Luft war ungewöhnlich feucht. Vor der Bühne hatte man eine Sonnengardine aufgehängt, um das Orchester zu schützen. Es hatte sich ein besonderer Gast angemeldet, der mittlerweile 93 Jahre alte Komponist Walter Arlen, der nach seiner Flucht aus Wien 1939 über 30 Jahre lang als Musikkritiker für die Los Angeles Times tätig gewesen war. Nach meiner Probe setzten wir uns in den Zuschauerraum, und er erzählte mir Anekdoten über Musiker wie Arturo Toscanini oder Bruno Walter, die er in der Bowl erlebt hatte. Am Abend meines Konzerts passierte dann etwas, was es in der Bowl seit mehr als 30 Jahren so gut wie nie gegeben hatte: Es regnete! Erst waren es nur ein paar Tropfen, dann öffnete sich der Himmel, und es goss in Strömen. Die Orchestermitglieder der Los Angeles Philharmonic machten tapfer weiter. Zu Beginn des Konzerts spielten sie die amerikanische Nationalhymne, und das Publikum sprang begeistert auf, um patriotisch mitzusingen.  Diejenigen unter ihnen, die heimlich Regenschirme mit ins Stadion geschmuggelt hatten, versuchten, sie aufzuspannen, wurden jedoch gleich von den anwesenden Polizisten verwarnt. Irgendwann prasselte der Regen fast monsunartig nieder, und es fing an, auf die Kontrabässe zu tropfen. Verärgerte Gewerkschaftsmitarbeiter gestikulierten wild herum und bestanden darauf, das Orchester um einige Meter nach hinten zu verlegen. Es platschte sogar auf die riesigen Bildschirme herunter, die das Konzert ins Stadion übertrugen. In der Bowl gibt es allerdings eine goldene Regel: „The show must go on!“ Das hatte mir mein Künstlerbetreuer schon am
Abend zuvor erklärt. Nichts konnte die bombastische Stimmung trüben, weder für mich noch erstaunlicherweise für das Publikum. Nach der Ouvertüre und mehreren Unterbrechungen war es endlich Zeit für meinen Auftritt. Der Regen hatte beinahe aufgehört. Dafür wehte jetzt ein starker Wind, und die Musiker hielten ihre Noten und Pulte fest. Ich schritt auf die Bühne. Das Publikum begrüßte mich mit Ovationen, bevor ich auch nur einen einzigen Ton spielte.  Es wurde ein großartiger Abend, die Kulmination eines Kindheitstraums und eine Hommage an viele meiner musikalischen Helden. Ich habe jede Sekunde genossen und wollte nicht, dass der Auftritt zu Ende geht. Als Frederick, ein guter Freund aus Los Angeles, mich hinterher ziemlich durchnässt in der Garderobe besuchte, umarmte er mich mit den Worten: „Hey, du hast in der Hollywood Bowl gespielt! Es hat geregnet und du hast gewonnen!“

Jascha Heifetz hatte wohl recht mit seinem Gladiatorenvergleich.

Freude empfängt dich!
01.08.2012

Im August ist es nirgends schöner als in Heiligendamm. Das wusste schon der 15-jährige Felix Mendelssohn. Die Festspiele Mecklenburg-Vorpommern lassen die Tradition der  musikalischen Sommerfrische fortleben

Vor zwei Jahren habe ich die künstlerische Leitung der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern übernommmen, die jeden Sommer im Nordosten Deutschlands stattfinden: 127 Konzerte zwischen Mitte Juni und Mitte September. Diese Festspiele liebe ich besonders, weil sie eine Art musikalische Entdeckungsreise durch einen wunderschönen Landstrich bieten. Konzerte finden in idyllischen Gutshäusern, kleinen Dorfkirchen, Schlössern und Scheunen statt. Manche Spielorte wie das malerische Renaissanceschloss an einem kleinen See im Dorf Ulrichshusen haben – dank der Vision der Schlossherren Alla und Helmuth von Maltzahn sowie durch unvergessliche Auftritte von Künstlern wie Yehudi Menuhin, Anne-Sophie Mutter und Mstislaw Rostropowitsch – längst ihren festen Platz in der deutschen, ja sogar europäischen Musiklandschaft erobert. Auch Heiligendamm hat sich erneut als bemerkenswerte Spielstätte etabliert. „Hier ist der Blick bewunderungswürdig schön, der heilige Damm bezaubert uns gänzlich“, schrieb 1766 der englische Reiseschriftsteller Thomas Nugent. Wer schon einmal auf der magischen Strandpromenade vor dem Grand Hotel gestanden hat, die prunkvollen weißen Villen aus dem 19. Jahrhundert im Rücken mit Blick auf die Ostee mit ihren aufwühlenden Farben, vergisst das nie mehr. Sogar dem 15-jährigen Felix Mendelssohn erging das ähnlich. Aufgeregt schrieb er 1824 seiner Mutter, dass er um halb sechs Uhr morgens aus den Federn in eine kleine Zinkwanne sprang, Kaffee trank und rasch die Treppe abwärtseilte, „damit ich Punkt 7 Uhr den ersten Badewagen, der an den Strand zum Heiligen Damm fährt, bekomme“. Vom ersten deutschen Seebad hatte Familie Mendelssohn von Wilhelm von Humboldt erfahren, dem preußischen Staatsmann, der in höchsten Tönen davon schwärmte. Damals hatte man die luxuriöse Möglichkeit, bei starkem Seegang das neue Badehaus zu besuchen, wo erwärmtes Wasser in Badewannen als Heilmittel angeboten wurde. Entstanden ist Heiligendamm im Jahre 1793 durch den mecklenburgischen Herzog Friedrich Franz I. Im 19. und 20. Jahrhundert war das Bad vom europäischen Hochadel geprägt. Auch einzelne Mitglieder der russischen Zarenfamilie sollen zu den Gästen gezählt haben sowie der Seeheld Lord Nelson, Rainer Maria Rilke und Franz Kafka. Ungewöhnlich sind auch die Ausführungen zu den Aufwendungen, die der Großherzog betrieb, um die Badegesellschaft zu unterhalten. Er war ein moderner Regent, der mit der Zeit ging und dem Musischen viel Raum ließ. Genau das scheint den jungen  Mendelssohn so beeindruckt zu haben. Im malerischen Nachbarort Bad Doberan wurden die teuersten Blasinstrumente aus London importiert und die besten Musiker engagiert, um sie für die Gäste spielen zu lassen. Der Großherzog verstand schon damals die Idee von „Wellness“ und war überzeugt, dass das intensive Hören von „neuartigen Klangnuancen“ den Geist fördern würde. Mendelssohn geriet in Verzückung, als er merkte, dass ihm die Umgebung „so viel Komponierlaune“ entlockte. Als ich zu Beginn meiner Arbeit für die Festspiele von der Verbindung zu Mendelssohn erfuhr, entschied ich mich sofort, Musik auf eine besondere Art wieder mit Heiligendamm zu verbinden, und zwar in Form eines Brückenschlags zwischen Mecklenburg und den Vereinigten Staaten. Zum dritten Mal in Folge werden auch während der diesjährigen Festspiele die besten Nachwuchsmusiker aus der Carnegie Hall und dem Lincoln Center nach Heiligendamm kommen. Sie wohnen, proben öffentlich, konzertieren im Grand Hotel und lassen sich von dieser historischen Umgebung immer wieder aufs Neue inspirieren, genau wie der junge Mendelssohn. Und Nachwuchsmusiker aus Mecklenburg-Vorpommern bekommen die Chance, mit den Amerikanern zu musizieren oder sogar in New York aufzutreten.  Das einzige Problem: Für einige der Amerikaner ist Heiligendamm der erste Eindruck, den sie von Europa bekommen, und damit sind sie für immer reichlich verwöhnt! „Heic te laetitia invitat post balnea sanum – Freude empfängt Dich hier, entsteigst Du gesundet dem Bade“ verheißt die goldene Inschrift am Kurhaus, in dem die Konzerte der Festspiele stattfinden. Ein gutes Omen und der Beweis dafür, dass Musik und das Wohlbefinden eigentlich öfter beieinanderliegen könnten.

Die Musik hinter den Fassaden
01.07.2012

Auch wenn man eine Vergangenheit nur aus Erzählungen kennt, spürt man sie am eigenen Leib. Vor allem, wenn sie die eigene Familiengeschichte betrifft. So geht es auch unserem Kolumnisten, immer wenn er in Berlin spielt

Anfang Juni spielte ich im Konzerthaus Berlin das „War Concerto“, ein Auftragswerk des Komponisten Bechara el Khoury. Mit dem Violinkonzert will der libanesische Komponist ein Zeichen gegen Gewalt und Zerstörung setzen. Dafür untermalt er seine Erinnerungen aus dem vom Bürgerkrieg erschütterten Libanon der siebziger Jahre mit einer Art Klagelied. El Khoury hat das Konzert mir gewidmet und darin, für mich überraschend, auch das Thema der Vertreibung musikalisch verarbeitet – ein wesentlicher Bestandteil meiner Berliner Familiengeschichte.

Berlin und ich – das ist eine Geschichte voller Geister und nostalgischer Erinnerungen. Es fing schon in London an, als ich ein Kind war und unsere deutsche Oma uns von „ihrem“ Berlin vorschwärmte, dem Berlin der Weimarer Republik. Von ihrer Villa in Dahlem erzählte sie, von Fahrradtouren am Wannsee, von Picknicks mit der kaiserlichen Familie oder von der Einsegnung ihres Bruders. Am liebsten erinnerte sie sich daran, wie die Wagen neben dem Rasenplatz hielten, auf dem ein spanischer Brunnen stand. Wie die Gäste ausstiegen, plaudernd auf dem Kiesweg an der Terrasse entlang gingen und das Haus durch die Verandatür betraten. Die letzten Anweisungen an die Bediensteten, alles so feierlich. Ansprachen zu Beginn, nicht zu förmlich, aber unabdingbar. Und erst danach wurde zu Tisch gebeten: Forelle in Gelee, Kalbsrücken mit Gemüse und als Dessert  Herzogintorte. Dazu ein Zeltinger Schlossberg aus dem Jahre 1917. Eines Tages, lange nach ihrem Tod, stand ich tatsächlich vor ihrer Villa in Dahlem. Noch immer war da die Terrasse, der Garten, der Rasen, genauso wie sie es mir damals erzählt hatte. Ich konnte förmlich sehen, wie mein Urgroßvater Wilhelm Valentin auf der Terrasse saß, eine Zigarre rauchte und in den Garten hinunterschaute. In diesen Fantasiebildern schwelgend, nahm ich meine Kamera, um ein Bild vom Haus zu machen. Da öffnete sich ein Fenster und eine ältere Dame blickte heraus. Bevor ich auch nur freundlich lächeln konnte, schrie sie: „Verschwinden Sie!“ Ich versuchte, sie zu beruhigen, ihr zu erklären, dass ich nichts weiter wolle, als ein Foto von dem Haus zu machen, wo einst meine Familie lebte. „Familie? Sie meinen die Familie Valentin?“, rief die Dame irritiert.

„Ja“, sagte ich hoffnungsfroh. „Kennen Sie die Familie?“, wagte ich zu fragen. Überhaupt war ich überrascht, dass sie sich, nach über 60 Jahren, noch an den Namen erinnerte. Jetzt kreischte sie fast: „NEIN! Aber die Geschichte des Hauses kenne ich.“ Diese Geschichte war der Teil, den unsere Oma bei all unseren Gutenachtgeschichten ausgelassen hatte: die Enteignung des Hauses, durchgeführt von Albert Speer und Joachim von Ribbentrop höchstpersönlich. Nach der Flucht meiner Familie hatte zwischen 1936 und 1939 die jüdische Kaliski-Schule provisorisch ihr Quartier in der Villa bezogen, zu ihren Schülern gehörten der spätere Filmemacher Mike Nichols und Michael Blumenthal, heute Direktor des Jüdischen Museums in Berlin. Nach der Zwangsschließung der Schule installierten die Nazis im Haus meiner Oma eine zentrale Dechiffrierstation, die  kriegswichtige Botschaften entschlüsselte. Das Auswärtige Amt ist heute noch Eigentümer der Villa Im Dol 2-6.

Seit ich von dieser Geschichte durch diesen unschönen Vorfall zufällig erfahren habe, begegne ich meiner Familie an vielen weiteren Ecken Berlins wieder. An der Familiengruft, auf dem Luisenfriedhof, im Grunewald, auf dem Hof der ehemaligen Familienfabrik in der Großbeerenstraße 71 in Kreuzberg, in der St. Annen-Kirche in Dahlem. Aber was mich an der Hauptstadt am meisten fasziniert, ist die unendliche Geschichte, die hinter so vielen ihrer Bauten steckt. Deshalb habe ich mich vor Jahren konsequent entschlossen, viele davon zu bespielen: den Reichstag, das Finanzministerium, die Mendelssohn-Remise, Tempelhof. Denn dort Musik zu machen, umzingelt von all den Geschehnissen und Gespenstern, befreit mich von einer Vergangenheit, die ich nicht erlebt habe, aber trotzdem noch spüre. Und als ich vor dem gesamten Bundestag stand und Maurice Ravels  „Kaddisch“ meinen beiden Berliner Urgroßvätern widmete, spürte ich mehr denn je, dass in Berlin Musik und Geschichte Hand in Hand gehen. So wie neulich in dem „War Concerto“.

Glanz und Elend
01.06.2012

Robert Schumann war beinahe täglich „katzenjammervoll“, auch Johannes Brahms wusste einen guten Tropfen zu schätzen, und 30 Prozent der Mitglieder  amerikanischer Orchester  nehmen heute Betablocker. Alkohol, Tabletten und Drogen sind in der klassischen Musik ebenso verbreitet wie im Pop. Es redet nur niemand darüber

Katzenjammervoll!“ So kurz und knapp pflegte Robert Schumann den Zustand zu beschreiben, den er in jungen Jahren beinahe täglich erlebte. Abends Kneipe mit reichlich Bier und vielen Zigarren, am nächsten Morgen Katerstimmung. Aber das war noch nicht alles. „Wenn ich betrunken bin oder mich erbrochen habe, so war am andren Tag die Fantasie schwebender und erhobener.“ Heute variiert die Art von Drogen, aber das Problem ist geblieben. Die große Mehrheit der Musiker kommt ohne Drogen aus und spricht auch dem Alkohol nur in unbedenklichen Mengen zu. Aber natürlich waren schon immer Mittel im Umlauf, denen neben der berauschenden Wirkung auch die Steigerung der Kreativität oder hilfreiche Effekte gegen Lampenfieber und Versagensängste zugeschrieben werden. Künstler waren natürlich nie die Einzigen, die sie ausprobiert und in einzelnen Fällen häufiger angewendet haben. Doch zweifellos sind sie mehr als andere in Gefahr, von Aufputschmitteln aller Art abhängig zu werden.

Die Auswahl an Stoffen, denen bewusstseinserweiternde Wirkung nachgesagt wird, ist groß. Sie reicht vom legendären „Künstlergetränk“ Absinth bis zu synthetischen Substanzen. Bedenkt man, wie knallhart und oft sogar brutal es in der Musikbranche zugeht, kann man sich über den dortigen Tabletten- und Drogenkonsum kaum wundern. Ebenso wenig wie über die Flucht in den Alkohol, die so mancher Musiker für den einzigen Ausweg aus Stress und extremem Leistungsdruck hält. In Amerika wurden vor kurzem 2000 Orchestermitglieder zu dem Thema befragt. Fast 30 Prozent von ihnen sagten, dass sie regelmäßig Betablocker nehmen. Jeder fünfte bekannte sich zu einem Alkoholproblem. Von Sängern hat man Ähnliches gehört: Steroide, die angeblich die Stimme verbessern, gehören an einigen Bühnen zum Alltag.

Für die Öffentlichkeit ist das Thema weitgehend tabu. Daran, dass Popmusiker gelegentlich zugedröhnt auf die Bühne kommen, hat sie sich gewöhnt. Millionen nehmen begeistert Anteil daran, wenn Stars auf den Sockel gehoben werden, und genauso intensiv verfolgen sie den Absturz in die private Katastrophe. Ob Amy Winehouse oder Whitney Houston – Glanz und Elend der Idole liegen dicht beieinander. Das Publikum will beides möglichst hautnah miterleben. Bei Mozart und Beethoven möchte die Öffentlichkeit nichts davon wissen. Wahrscheinlich, weil die klassische Musik immer noch von einer Aura des Edlen, Wahren und Reinen umgeben ist, in der es für Suff und Sucht, psychische Probleme und Angstzustände keinen Platz gibt. Von Johannes Brahms etwa weiß man, dass er einen guten Tropfen durchaus zu schätzen wusste. Auch Antonin Dvořák war ein paar Schnäpsen alles andere als abgeneigt – so berichtet jedenfalls der amerikanische Musikkritiker James Huneker, der mit dem tschechischen Meister während dessen New Yorker Jahren freundschaftlich verbunden war. Bei einer gemeinsamen Kneipentour durch die New Yorker Durstmeile brachten es die beiden einmal auf jeweils 19 Cocktails.

Im Gedächtnis geblieben ist mir auch die Geschichte von einem Konzert des BBC Symphony Orchestra in London. Als ein großes Cellosolo nahte, geriet Dirigent Sir Colin Davis in leichte Panik, denn der damalige  Solocellist war offensichtlich eingeschlafen. Der Mann stand in dem Ruf, dem Alkohol häufiger und intensiver zuzusprechen, als ihm guttat, und schien auch jetzt unter der Wirkung hochgeistiger Getränke sanft in Morpheus’ Arme gesunken zu sein. Alle Versuche seines Pultnachbarn, ihn wachzurütteln, blieben erfolglos. Davis gab daraufhin einem anderen Cellisten im Orchester das Zeichen, er solle einspringen. Doch im selben Moment schlug der Solocellist die Augen auf, blickte zum Dirigenten, wartete auf seinen Einsatz und begann souverän, ohne mit der Wimper zu zucken, mit seinem Part. Pierre Boulez, der frühere Chef des  BBC-Orchesters, saß im Publikum und eilte nach dem Konzert zu dem Solocellisten in die Garderobe. „Wie schaffen Sie es bloß, besoffen so schön zu spielen?“, fragte er ihn. Die Antwort: „Ganz einfach, Pierre. Ich übe auch besoffen.“

Wer zum Teufel ist Beethoven?!
01.05.2012

Noch unberechenbarer als das Musikgeschäft ist das Filmbusiness. Aber genau das führt manchmal zu Momenten wahren Glücks. Warum ein Sturm über Chicago zur rechten Zeit kommen kann und Mia Farrow einfach großartig ist

Während ich diese Zeilen schreibe, ist mein neuntes Musikfestival im amerikanischen Savannah voll im Gange: Über 100 Konzerte in 17 Tagen in allen Musikgenres sowie Bildungsveranstaltungen und Aufführungen für mehr als 20 000 Kinder aus dem gesamten Bundestaat Georgia. Zum Glück hat in den Jahren, seit ich für das Gelingen in Savannah mit verantwortlich bin, kaum einer abgesagt. Außer Klaus Maria Brandauer damals, vor meinem allerersten Konzert. Ich war endlich dazu gekommen, meine Idee umzusetzen, „Beethoven“ in Form eines Text-Musikabends auf die Bühne zu bringen. Drei Tage vor der Aufführung klingelte in Vancouver, wo ich ein Konzert zu spielen hatte, mein Handy: Brandauer sei heftigst erkrankt, er läge mit einer Lungenentzündung im Krankenhaus. Ich rief umgehend Rob Gibson, den Direktor des Festivals, an. Wir entschieden uns dafür, spontan nach einem Ersatz zu suchen. Und während Rob und ich uns die Finger wund wählten, wurde uns schnell klar, was für ein anderes Geschäft die Filmbranche und wie uninteressant man als Musiker für einen großen Schauspieler ist, besonders für einen Hollywood-Star. Und vor allem, wie unhöflich die Agenten im Filmbusiness sein können.

„Hallo, was wollen Sie? Wer zum Teufel ist Beethoven?!“ Die meisten Agenten interessieren sich nur für die nächste große Filmrolle und eine Millionengage. Deshalb lautete die erste Frage, wenn die Agenten nicht sowieso gleich aufgelegt hatten: „Wie viel?“

Doch nach einer Weile kontaktierte uns eine Produzentin aus Los Angeles: „Wir haben es weitergegeben. Was halten Sie von Dennis Hopper oder Aidan Quinn?“ Ich sagte, „es geht um Beethoven, es muss ein Beethoven sein“. „Brian Dennehy.“ Das ging schon mehr in die richtige Richtung. „Und Mia Farrow.“„Ähm … Ich weiß nicht, ob Sie mich verstehen, es geht um Beethoven.“ „Hören Sie, Honey, Sie haben zwei Tage Zeit, wollen Sie sich jetzt etwa beschweren?“ „Nein!“, sagte ich schnell. „Wen wollen Sie haben?“ Ich sagte, ich brauchte Bedenkzeit und würde zurückrufen. Fünf Minuten später rief sie aber wieder an. „Mia Farrow macht es“, sagte die Dame. „Moment, Sie wollten doch warten, bis ich …“ „Nein, ich habe einfach angerufen, und Mia war zuerst dran.“ „Das ist ja toll, aber ich muss es mit dem Festival klären.“ Sie: „Das haben Sie falsch verstanden, wir haben es angeboten, sie hat es angenommen, das ist es.“ „Aber wir haben nichts Schriftliches.“ „Honey, bei uns gibt es nichts Schriftliches. Wenn man einen Hollywood-Star fragt und Sie nennen eine Gage und er sagt zu, dann
ist es endgültig. That’s Showbusiness.“ Wir hatten sie Mittwochnachmittag erreicht, das Konzert war Freitagabend. Aber eines war klar: Mia Farrow konnte nicht Beethoven sein. Das Stück musste umgeschrieben werden. Am nächsten Morgen stieg ich vollkommen unverrichteter Dinge ins Flugzeug Richtung Savannah. Wie konnte ich nur aus Beethovens Stimme eine Frauenstimme machen, ohne dass alles umgeschrieben werden muss? Immer wieder ging ich die Bücher durch, und plötzlich entdeckte ich ein Kapitel über Beethovens Haushälterinnen und dass niemand es je lange ausgehalten hatte, außer einer Frau Streicher, die bis zum Schluss bei ihm blieb. Da wusste ich, Mia Farrow wird Frau Streicher sein! Auf diese Weise konnte ich ganze Textblöcke stehen lassen und musste nur für die veränderte Situation neue Dialoge und Übergänge schreiben. Nach der Zwischenlandung in Chicago fand ich 15 Nachrichten auf meiner Mailbox: „Wo ist der verdammte Text? Wenn wir den Text nicht bald haben, will sie abspringen!“ Ich hastete in die Lounge am Flughafen, dort gab es WLAN, die Dame vom Bodenpersonal sagte mir, ich hätte noch 50 Minuten bis zum Abflug. Ich bat sie: „Hören Sie, es ist ein Notfall, ich muss hier in der Lounge bleiben, bis zum letzten Moment. Tun Sie mir den Gefallen.“ Und dann passierte ein Wunder: ein Sturm über Chicago! Der Abflug verzögerte sich um mindestens zwei Stunden. Ich jubelte, das war der schönste Sturm meines Lebens. Ich konnte den Text fertig schreiben und ihn Mia Farrow mailen. In der Zwischenzeit verbreitete sich die Nachricht, dass Mia Farrow nach Savannah gekommen war, wie ein Lauffeuer. Ganze Fernsehteams fuhren vor, um einen Blick auf den Star zu erhaschen. Als wir anfingen, konnte Mia schon ein paar Seiten auswendig, am Nachmittag die Hälfte und am Abend fast den ganzen Text, über 40 Seiten. Sie war großartig. Nach dem Konzert zog sie sich zurück. Alle anderen gingen essen, und wieder einmal fragte ich mich, ob das wirklich alles wahr gewesen war.

Die Platten des Diktators
01.04.2012

Sowohl im Dritten Reich als auch in Stalins Sowjetunion lebten jüdische Musiker in ständiger Todesangst. Viele von ihnen arbeiteten trotzdem weiter, und ihre Einspielungen wurden   manchmal sogar von den Massenmördern selbst gehört

Nach einem ewig dauernden Asienflug versuchte ich neulich die Zeit in der Lounge am Münchener Flughafen zu überbrücken, als mein Auge auf die Lektüre meines Sitznachbars fiel. „Völkischer Beobachter, Herausgeber Adolf Hitler“ stand groß geschrieben neben einem Hakenkreuz; die Schlagzeile in altdeutscher Schrift, rot unterstrichen: „Jetzt wird rücksichtslos durchgegriffen“. Offensichtlich wurde es dem jungen Mann unangenehm, dass ich ständig in seine Richtung schaute. Nach einer Weile stand er genervt auf und verließ hastig die Lounge, ohne seine Lektüre. Die Neugier packte mich und ich ging rüber zu seinem Sitzplatz. Dort fand ich eine der Sammeleditionen, die vor ein paar Wochen in Deutschland für Schlagzeilen gesorgt hatten. Zeitungen aus der Nazizeit werden darin als Faksimile nachgedruckt, zusammen mit einem kritischhistorischen Kommentar.

Es ist eine Sache, von dieser Edition in den Medien zu hören. Völlig anders ist das Gefühl, die Zeitungen in den Händen zu halten. Als ich die entsetzlichen Seiten durchblätterte, entdeckte ich jedoch etwas Interessantes darin. Nicht etwa die blutrünstigen Propagandameldungen überraschten mich, sondern eher, wie darin die Normalität des Alltags des damaligen Berlins zelebriert wurde. Bei der Rubrik „Konzerte der Woche“ pochte mein Herz: „1. Februar 1933, 08:30, Philharmonie, Heifetz“. Der legendäre russisch-jüdische Geiger Jascha Heifetz hatte tatsächlich am Tag nach Hitlers Machtergreifung in Berlin auf der Bühne gestanden. Wer das Eisenstaedt-Foto aus jener Zeit kennt, kriegt vielleicht ansatzweise ein Gefühl dafür, wie bedrohlich die Atmosphäre im Saal an jenem Abend gewesen sein muss.

Dass ein Großteil der Künstler in ihrem Schaffen reglementiert, in ihrer künstlerischen Entwicklung drastisch behindert oder gar aus purer Willkür eingesperrt und umgebracht wurden, ist bekannt. Im Rahmen der Reichsmusiktage 1938 in Düsseldorf polemisierte Goebbels nicht nur gegen den Jazz, sondern posaunte auch die Hiobsbotschaft hinaus: „Das deutsche musikalische Leben ist von den letzten Spuren jüdischer Anmaßung und Vorherrschaft endgültig gesäubert.“ Umso überraschender war deshalb der Spiegel-Artikel aus dem Jahr 2007, der über Teile der Plattensammlung aus dem Führerhauptquartier berichtete. Neben den zu erwartenden Stücken von Beethoven und Wagner fand man unter Hitlers Lieblingsmusik eine Tschaikowski-Aufnahme des polnisch-jüdischen Geigers Bronislaw Huberman, der 1935 das Palestine Orchestra gründete, aus dem 1948 das Israel Philharmonic Orchestra hervorging. Oder eine Platte des Pianisten Artur Schnabel, der Deutschland unmittelbar nach der Machtergreifung verließ und dessen Mutter im Konzentrationslager Theresienstadt ermordet wurde.

Das Leben in ständiger Todesangst war auch unter Stalin der quälende Normalfall. Er hielt allerdings große Stücke auf die Pianistin Marija Judina. Um Judina rankt sich eine Geschichte, wie sie nur in Diktaturen möglich ist: Der Tyrann habe sie eines Abends mit einem Mozart-Konzert im Radio gehört und sofort angeordnet, der Sender solle ihm umgehend die Platte schicken. Das Problem war, dass es sich um eine Live-Übertragung handelte und gar keine Aufnahme existierte. Die Verantwortlichen der Radiostation befiel größte Panik. Weil Wünsche Stalins Gesetz waren, wurden in höchster Eile sowohl die Pianistin als auch ein Sinfonieorchester samt Dirigent aus dem Bett geklingelt, in ein Aufnahmestudio beordert und beauftragt, das Mozart-Konzert unverzüglich einzuspielen. Spät in der Nacht begann die Produktion, doch der Dirigent hielt dem enormen Druck nicht stand und brach schon im ersten Satz zusammen, ebenso der herbeigerufene Ersatzmann. Erst der dritte Dirigent schaffte es. Als der Morgen graute, war alles unter Dach und Fach, die Platte konnte gepresst und im Kreml abgeliefert werden. Stalin soll sehr zufrieden gewesen sein. Als er 1953 verstarb, soll auf seinem Nachttisch die Schallplatte mit Mozarts A‑Dur‑Klavierkonzert KV 488 erklungen sein, gespielt von Judina.

Zurück in der Lounge in München, entschied ich mich dafür, die Zeitungen auf meinen Weiterflug der British Airways nach London mitzunehmen und erntete damit ähnliche Blicke. Dabei erklang die Aufnahme Judinas in meinen Ohren.

Andere Länder, anderer Applaus
13.03.2012

In Japan bricht der Beifall lawinenartig los, in Frankreich klatscht man rhythmisch und lang, der Italiener applaudiert, wenn er Lust hat, und in China kann alles passieren. Warum sind gerade die Deutschen solche Konzertpuristen?

Gerade komme ich aus dem französischen Nantes. Das dortige „La Folle Journée“, konzipiert von René Martin, einem der beeindruckendsten Musikmanager, den ich kenne, ist ein Festival sondergleichen. Jedes Jahr werden in fünf Tagen bis zu 280 Konzerte mit 1800 Musikern präsentiert. Kein Konzert dauert länger als 45 Minuten, und das Publikum kann zwischen zehn Sälen umherwandern. Die Idee dahinter: Menschen soll die Chance gegeben werden, klassische Musik auf höchstem Niveau zu hören, stundenlang, hautnah und unprätentiös. Böse Kritikerzungen sprechen von „Supermarktkunst“, andere glauben darin die Zukunft der klassischen Musik zu erkennen. Für mich sind die Konzerttage in Nantes eine geniale Erfindung. Wie zukunftsträchtig die Idee ist, sieht man daran, dass sie inzwischen auch in Lissabon, Bilbao, Tokio und Rio de Janeiro erfolgreich umgesetzt wird.

Das Thema in diesem Jahr lautete „russische Musik“, und ich spielte das zweite Violinkonzert von Sergei Prokofjew, in einem ausverkauften Saal mit knapp 2000 Zuhörern. Da immer auch viele Klassikeinsteiger in diese Konzerte kommen, war ich auf die Reaktionen besonders gespannt. Zwischen den Sätzen gab es absolute Stille, aber der Applaus am Ende steigerte sich langsam und stetig zu einem langen rhythmischen Klatschen.

Spätestens seit ich ein Buch zum Thema Applaus geschrieben habe, werde ich immer wieder gefragt, wann man eigentlich klatschen soll. Dabei finde ich es hochinteressant, die unterschiedlichen Klatschkulturen der verschiedenen Länder zu beobachten. In Holland steht das Publikum meist sofort auf, nur, um so schnell wie möglich den Saal zu verlassen. Das rhythmische Klatschen scheint besonders in Frankreich und Skandinavien verbreitet zu sein.

In Japan herrscht hingegen bedingungslose Stille bis zum letzten Ton, dann folgt der Applaus lawinenartig, aber im Gleichtakt. In China kann alles passieren – neben einem interessierten bis begeisterten Publikum hat man häufig nicht nur mit klingelnden Handys zu kämpfen, sondern auch mit angenommenen Anrufen. Die Italiener gehen freigebiger mit Applaus um. Wenn ihnen etwas gefallen hat, klatschen sie, egal ob noch ein paar Sätze folgen oder nicht. Ihr Temperament äußert sich aber auch im umgekehrten Fall unmissverständlich: Versager werden gnadenlos ausgebuht.

Was für das Publikum im Süden normal ist, gilt im Norden vielfach als grobe Stillosigkeit, wenn nicht gar als Zeichen von Unwissen. Die deutsche Konzerttradition sieht Beifall nach einzelnen Sätzen nicht vor, und hält sich jemand nicht daran, kann es sein, dass hemmungslos gezischt wird. Woher kommt das?

Man sollte nicht vergessen, dass die Leute im 18. Jahrhundert im Konzert lautstark miteinander sprachen, rauchten, tranken und Karten spielten. In Paris saßen die Herren gerne mit dem Rücken zum Podium, damit sie den Damen besser in die Augen schauen konnten. Noch 1824, bei der Uraufführung von Beethovens „Neunter“, wären die Konzertsaalpuristen von heute vor Schreck erstarrt: Nach jedem Satz gab es tosenden Beifall, und mit den Taschentüchern wurde begeistert gleich nach den Donnerschlägen der Pauken gewunken, mitten im Satz, der zu allem Überfluss auch noch wiederholt wurde.

Angesichts der lockeren Sitten, die damals in der Musikwelt herrschten, waren die Bemühungen um geordnete Verhältnisse vielleicht verständlich. Der Komponist Carl Reinecke war hoch beglückt, als er 1860 das Leipziger Gewandhaus besuchte und dort eine „andächtige Gemeinde“ vorfand. Hatte die „Umerziehung“ in Leipzig funktioniert, war sie anderswo nur bedingt erfolgreich. Offenbar mochten sich viele Konzertgänger nicht so ohne Weiteres mit den neuen, strengen Regeln anfreunden. Noch 1910 wurde bei Quartettabenden in Berlin die „Beifallsenthaltung zwischen den einzelnen Sätzen“ ausdrücklich angemahnt, und 1940 wurde auf Programmzetteln der Berliner Singakademie gebeten, „die Werke nicht durch Beifall zu unterbrechen“.

Heutzutage werden wir Musiker eher von twitternden Zuschauern unterbrochen oder von Leuten, die mit dem Smartphone schon während des Konzerts unsere Interpretationen auf Youtube hochladen. Vielleicht entwickeln wir in 50 Jahren sogar einen Ersatz für das Klatschen. Virtuell, versteht sich, und ohne Zischen …

Schiefe Töne im Weltorchester
03.02.2012

Die Welt der klassischen Musik ist nicht immer der Hort des Wahren und Guten, für den man sie gemeinhin hält. Was unser Kolumnist zum Beispiel im legendären Teatro Colón in Buenos Aires erlebte, hätte er sich beim besten Willen nicht träumen lassen

Kein Opern- und Konzerthaus auf dem südamerikanischen Kontinent genießt einen so legendären Ruf wie das Teatro Colón in Buenos Aires, ein grandioses Bauwerk mit einer geradezu magischen Atmosphäre. 1908 wurde das prunkvolle Theater mit Verdis „Aida“ eröffnet. Steht man auf der Bühne, wird man überwältigt von dem gewaltigen Zuschauerraum mit seinen sieben Logenrängen und knapp 3500 Plätzen. Unvergesslich ist mir mein dortiges Debüt, bei dem ich zum ersten Mal erlebte, was südamerikanisches Temperament bedeutet. „Im Colón kann alles passieren“, hatte der Dirigent noch gesagt. Der Beifall nach dem ersten kurzen Stück hatte die Stärke des Jubels, der nach einem Tor der eigenen Fußballnationalmannschaft einsetzt.

Weniger erfreulich war dafür mein zweiter Auftritt, einige Jahre später. Ich war auf Tournee und spielte Alban Bergs Violinkonzert. Dieses magische Werk ist eine Art Requiem für die an der Kinderlähmung gestorbene  Manon Gropius, die 18-jährige Tochter von Alma Mahler und Walter Gropius.

Es gab nur eine Generalprobe am Vormittag des Konzerts. Schon als die ersten geheimnisvollen Harfentöne über die Bühne des Colóns wehten, wurde ich aus der genialen Klangwelt Bergs herausgerissen. Mit den Bläsern stimmte etwas nicht. Zunächst tat ich so, als ob ich es nicht merkte: Es war heiß, und jeder macht mal Fehler. Aber als die Streicher einsetzten, folgten die nächsten falschen Töne. Dann setze das Altsaxofon viel zu früh ein, die Tuba spielte Dur statt Moll, und die Pauken spielten leidenschaftlich, wo sie gewiss nichts zu spielen hatten. Ich brach ab und drehte mich voller Verwunderung zum Dirigenten, einem Amerikaner, der genauso perplex war wie ich.

Die Orchestermusiker fingen an zu tuscheln, die Blechbläser gestikulierten, der Konzertmeister sprang auf, schrie etwas vehement auf Spanisch und verließ den Saal. Plötzlich erschien der Manager des Orchesters. Die Musiker beschimpften ihn auf das Übelste, ein Cellist schubste ihn durch den Saal. Der Feueralarm ging los, und ich entschied mich für die Flucht in meine Garderobe. Plötzlich spürte ich eine Hand auf meiner Schulter. Es war der Manager. „Was zum Teufel ist hier los?!“, fragte ich ihn. Er war blass und sprach ganz leise. Anscheinend hatte das Colón seit Jahren seine Schulden an die argentinische Verwertungsgesellschaft nicht mehr gezahlt, woraufhin sich die Musikverlage weigerten, das Notenmaterial von Copyright-pflichtigen Musikstücken bereitzustellen.

„Aber wenn Sie keine Noten bekommen haben“, fragte ich, „woraus spielen Sie dann?!“ Der Manager machte die Tür neben sich auf. Eine Wolke von Zigarettenrauch strömte heraus. In dem Zimmer saß ein kleiner Mann mit roten Augen am Computer, in der linken Hand eine Taschenpartitur von Bergs Violinkonzert, die rechte Hand an einer Maus. Die Argentinier waren auf die brillante Idee gekommen, ihre eigene Edition zu machen. „Pepe hat den zweiten Teil fast fertig korrigiert!“, sagte der Manager stolz. Ich erklärte, dass ich bei allem Respekt nicht mehr an dieser Aufführung teilnehmen könne, verließ das Konzerthaus und ging zurück zu meinem Hotel. Dort wartete schon ein Fax mit einer Klageandrohung des Wiener-Verlags auf mich, der die Rechte zu Bergs Musik vertritt.

Das Orchester drohte ebenfalls mit einer Klage gegen mich. Ich bot an, ein anderes Violinkonzert zu spielen, aber man sagte, man habe nicht genug Zeit, die Noten zu besorgen. Wenig später bot der Dirigent an, mich in einer Brahms-Sonate am Klavier zu begleiten. Ich stimmte unter der Voraussetzung zu, dass der Manager das Publikum am Abend informieren würde, was der wirkliche Grund für die Programmänderung war. Und so geschah es dann auch. Es hagelte Buhrufe und Geschrei. „Aber Señor Hope ist bereit, trotzdem zu spielen!“ Das Geschrei wandelte sich sofort in Bravorufe, und wir spielten Brahms. Vor dem Konzert hatte mich der Manager gewarnt, die Stimmung sei katastrophal; es könne für mich sogar gefährlich werden. Ich hatte meinen Fahrer gebeten, mit laufendem Motor neben der Bühneneingangstür zu warten. Zum ersten Mal in meiner Karriere fuhr ich direkt von der Bühne zum Flughafen. Erst als ich im Flugzeug saß, wurde mir klar, dass im Colón wirklich alles passieren kann.

Kann Musik Lärm sein?
12.01.2012

Die größten Geheimnisse der Musik findet man oft im Pianissimo. Trotzdem: Selbst eine zarte Flöte hat eine Lautstärke von bis zu 118 Dezibel. Werden deswegen alle Orchestermusiker im Alter an Hörschäden leiden? Und was ist mit ihren Nachbarn?

Es war zehn Tage vor Weihnachten in London, und ich hatte mir damals vorgenommen, meine neuen Hausbewohner ganz sanft an meine Übungsphasen zu gewöhnen. Ich fing deshalb mit einem Stück von Johann Sebastian Bach an, das ich vorsichtig und leise anstrich. Es dauerte nur wenige Minuten, da klingelte es Sturm an der Tür. Draußen stand ein Mann im Unterhemd und brüllte mich an: „Mensch, mach mal leiser! Leiser!!“ Offensichtlich glaubte er, es mit einer Stereoanlage zu tun zu haben. Von Geige oder Bach wollte er nichts wissen. Nicht gerade die feine englische Art oder eine herzerwärmende Adventsbegrüßung. Beim nächsten Mal hat er dann gleich die Polizei gerufen, der die Sache allerdings, wie ich schnell merkte, ziemlich unangenehm war. „Tut uns leid, Sir“, sagten die Beamten, „aber wir müssen nun mal jeder Beschwerde nachgehen, so absurd sie auch sein mag.“ Die Polizisten wurden zu regelmäßigen „Besuchern“ bei mir, und zum Entsetzen des Nachbarn unterhielten wir uns gerne lässig bei einer Tasse Tee über Musik und Kunst.

In Amsterdam, wo ich später wohnte, erlebte ich das genaue Gegenteil: Da fragten mich die Nachbarn, ob ich sie im Voraus informieren würde, wenn ich übe, sie hörten es so gern. Aber das war ein seltener Glücksfall.

Viele Kollegen kennen das Problem, speziell die Sängerinnen und Sänger mit ihren Stimmübungen, die ja auch nicht immer ein Hörgenuss sind. Es wird wütend gegen die Wände geklopft oder von vorneherein die Polizei gerufen. Besonders schwer haben es die Pianisten, weil sie obendrein viel Platz für ihr Instrument benötigen. Manche lassen sich um ihren Flügel herum eine schalldichte Kabine bauen, die zwar kaum Töne nach außen dringen lässt, aber alles andere als ein gemütlicher oder gar inspirierender Aufenthaltsort zum Musizieren ist.

Und in der Tat, Musikinstrumente können laut sein, selbst jene, denen man das zunächst gar nicht zutraut. Ein Flötist, zum Beispiel, muss bis zu 118 Dezibel an seinem rechten Ohr verkraften. Eine Geige ist kaum leiser, und wenn die vereinten Blechbläser im Orchester losdonnern, können sie es, was die Lautstärke angeht, leicht mit einem startenden Jet aufnehmen. Aber kann Musik wirklich Lärm sein? Laut einer Untersuchung des Umweltbundesamts in Berlin aus dem Jahr 2009 haben 11 Prozent der Kinder den Lautstärkepegel ihres mp3-Players immer am oberen Anschlag. Wohl sagen die Experten, dies sei nicht weiter problematisch – doch die meisten Geräte schaffen es weit über die Lärmgrenze von 85 Dezibel, was die Chancen auf Hörschäden im Alter drastisch erhöht.

Es leuchtet mir ein, dass man sich auch um die Musikerohren sorgt, für Arbeitnehmer in lärmbelasteten Industriebetrieben werden ja auch Schutzvorkehrungen getroffen. Deshalb gelten seit 2008 die Richtlinien der Europäischen Union für den Arbeitsschutz in der Musikindustrie. Sie besagen, dass insbesondere das Gehör einem großen Risiko ausgesetzt ist. Weniger das des Publikums, sondern das der Musiker im Orchester, deren Ohren zeitweise mit Lautstärken beschallt werden, wie sie im sonstigen Leben von Presslufthämmern erzeugt werden. Und wenn ich an viele Musikerkollegen aus der Popbranche denke, die im Lauf ihrer Karriere erhebliche Gehörschäden davongetragen haben, muss man zugeben, dass es Musik gibt, die auch schädigend wirken kann.

Andere Wissenschaftler allerdings bezweifeln diese Theorie und behaupten, das menschliche Ohr reagiere auf Musik ganz anders als auf störende Geräusche, und erst recht auf Lärm in Fabrikhallen oder auf Baustellen. Ein tropfender Wasserhahn treibt manchen schon zur Raserei, der bei dezibelstarker Musik von Wagner oder Richard Strauss ins Schwärmen gerät.

Die Komponisten der Gegenwart werden darauf in Zukunft womöglich zu achten haben, dass ihre Werke nicht die höchstzulässigen Dezibelwerte überschreiten, weil Uraufführungen – wie bereits in einem Fall geschehen – sonst von Orchestern verweigert werden. Davon ganz abgesehen findet man oft gerade die größten und schönsten Geheimnisse der Musik im Pianissimo… In diesem Sinne, Ihnen allen einen sanften und ruhigen Start ins neue Jahr!



2011


Kann Musik Lärm sein?
12.01.2012

Die größten Geheimnisse der Musik findet man oft im Pianissimo. Trotzdem: Selbst eine zarte Flöte hat eine Lautstärke von bis zu 118 Dezibel. Werden deswegen alle Orchestermusiker im Alter an Hörschäden leiden? Und was ist mit ihren Nachbarn?

Es war zehn Tage vor Weihnachten in London, und ich hatte mir damals vorgenommen, meine neuen Hausbewohner ganz sanft an meine Übungsphasen zu gewöhnen. Ich fing deshalb mit einem Stück von Johann Sebastian Bach an, das ich vorsichtig und leise anstrich. Es dauerte nur wenige Minuten, da klingelte es Sturm an der Tür. Draußen stand ein Mann im Unterhemd und brüllte mich an: „Mensch, mach mal leiser! Leiser!!“ Offensichtlich glaubte er, es mit einer Stereoanlage zu tun zu haben. Von Geige oder Bach wollte er nichts wissen. Nicht gerade die feine englische Art oder eine herzerwärmende Adventsbegrüßung. Beim nächsten Mal hat er dann gleich die Polizei gerufen, der die Sache allerdings, wie ich schnell merkte, ziemlich unangenehm war. „Tut uns leid, Sir“, sagten die Beamten, „aber wir müssen nun mal jeder Beschwerde nachgehen, so absurd sie auch sein mag.“ Die Polizisten wurden zu regelmäßigen „Besuchern“ bei mir, und zum Entsetzen des Nachbarn unterhielten wir uns gerne lässig bei einer Tasse Tee über Musik und Kunst.

In Amsterdam, wo ich später wohnte, erlebte ich das genaue Gegenteil: Da fragten mich die Nachbarn, ob ich sie im Voraus informieren würde, wenn ich übe, sie hörten es so gern. Aber das war ein seltener Glücksfall.

Viele Kollegen kennen das Problem, speziell die Sängerinnen und Sänger mit ihren Stimmübungen, die ja auch nicht immer ein Hörgenuss sind. Es wird wütend gegen die Wände geklopft oder von vorneherein die Polizei gerufen. Besonders schwer haben es die Pianisten, weil sie obendrein viel Platz für ihr Instrument benötigen. Manche lassen sich um ihren Flügel herum eine schalldichte Kabine bauen, die zwar kaum Töne nach außen dringen lässt, aber alles andere als ein gemütlicher oder gar inspirierender Aufenthaltsort zum Musizieren ist.

Und in der Tat, Musikinstrumente können laut sein, selbst jene, denen man das zunächst gar nicht zutraut. Ein Flötist, zum Beispiel, muss bis zu 118 Dezibel an seinem rechten Ohr verkraften. Eine Geige ist kaum leiser, und wenn die vereinten Blechbläser im Orchester losdonnern, können sie es, was die Lautstärke angeht, leicht mit einem startenden Jet aufnehmen. Aber kann Musik wirklich Lärm sein? Laut einer Untersuchung des Umweltbundesamts in Berlin aus dem Jahr 2009 haben 11 Prozent der Kinder den Lautstärkepegel ihres mp3-Players immer am oberen Anschlag. Wohl sagen die Experten, dies sei nicht weiter problematisch – doch die meisten Geräte schaffen es weit über die Lärmgrenze von 85 Dezibel, was die Chancen auf Hörschäden im Alter drastisch erhöht.

Es leuchtet mir ein, dass man sich auch um die Musikerohren sorgt, für Arbeitnehmer in lärmbelasteten Industriebetrieben werden ja auch Schutzvorkehrungen getroffen. Deshalb gelten seit 2008 die Richtlinien der Europäischen Union für den Arbeitsschutz in der Musikindustrie. Sie besagen, dass insbesondere das Gehör einem großen Risiko ausgesetzt ist. Weniger das des Publikums, sondern das der Musiker im Orchester, deren Ohren zeitweise mit Lautstärken beschallt werden, wie sie im sonstigen Leben von Presslufthämmern erzeugt werden. Und wenn ich an viele Musikerkollegen aus der Popbranche denke, die im Lauf ihrer Karriere erhebliche Gehörschäden davongetragen haben, muss man zugeben, dass es Musik gibt, die auch schädigend wirken kann.

Andere Wissenschaftler allerdings bezweifeln diese Theorie und behaupten, das menschliche Ohr reagiere auf Musik ganz anders als auf störende Geräusche, und erst recht auf Lärm in Fabrikhallen oder auf Baustellen. Ein tropfender Wasserhahn treibt manchen schon zur Raserei, der bei dezibelstarker Musik von Wagner oder Richard Strauss ins Schwärmen gerät.

Die Komponisten der Gegenwart werden darauf in Zukunft womöglich zu achten haben, dass ihre Werke nicht die höchstzulässigen Dezibelwerte überschreiten, weil Uraufführungen – wie bereits in einem Fall geschehen – sonst von Orchestern verweigert werden. Davon ganz abgesehen findet man oft gerade die größten und schönsten Geheimnisse der Musik im Pianissimo… In diesem Sinne, Ihnen allen einen sanften und ruhigen Start ins neue Jahr!

Kriegsherr und musischer Schöngeist
10.12.2011

Beim Einspielen einer CD mit Kompositionen von Friedrich dem Großen fällt unserem Kolumnisten auf, dass der so begabte wie zerrissene Preußenkönig alles andere war als ein musikalischer Dilettant

Als ich vor ein paar Jahren Ahnenforschung für mein erstes Buch betrieb, meinte irgendjemand zu mir: „Dann bist du ja ein halber Preuße!“ Die Bemerkung zielte auf meinen Urururgroßvater ab. Er hatte anno 1812 von der königlich-kurmärkischen Regierung zu Potsdam das Bürgerrecht bescheinigt bekommen. Mütterlicherseits hatte ich sowieso eine starke Berliner Komponente in meiner Vorgeschichte entdeckt, überschattet freilich vom unheilvollen Ende, das die meisten Familien jüdischer Abstammung in Deutschland nahmen.

Aber ein „halber Preuße“? Nein, so habe ich mich nie gefühlt. Doch das ändert nichts daran, dass mich der Mann, der als Inbegriff alles Preußischen gilt, der große König Friedrich, schon lange fasziniert. In letzter Zeit sogar noch mehr denn je, da ich gerade eine CD und einen Dokumentarfilm über den „Alten Fritz“ mitproduziert habe, in Vorbereitung auf das Gedenkjahr 2012, in dem er 300 Jahre alt geworden wäre.

Ein Philosoph auf dem Thron, der komponiert, Opernlibretti entwirft und Flöte spielt – so einer muss eigentlich jeden Musiker für sich einnehmen. Wäre es nicht besser um die Welt bestellt, gäbe es mehr von dieser Sorte, säßen überall nur Schöngeister wie er an den Hebeln der Macht? Man stelle sich vor: Nach den profanen Staatsgeschäften greifen Bundeskanzler oder Präsident zum Instrument, tauchen ab ins Reich der Harmonie und kurieren sich bei Sonaten und Quartetten von finsteren Machtgelüsten und feindseligen Intrigen aus.

Natürlich ist das naiv gedacht, bestenfalls ein frommer Wunsch. Schließlich hat sich auch Preußens Friedrich durch die Musik nicht davon abhalten lassen, zur Durchsetzung seiner Interessen blutige Kriege zu führen. Und trotzdem, dieser König mit seinen musischen Talenten und Passionen, der Gedichte und Sinfonien schrieb, Folter und Zensur weitgehend abschaffte, jeden nach seiner Fasson selig werden lassen wollte, die Kartoffel in seinem Land heimisch machte und Pflichterfüllung zur obersten Maxime erklärte – dieser „Alte Fritz“ ist eine singuläre Gestalt in der Geschichte.

In den vielen Biografien über ihn kommt, finde ich, die menschliche Seite manchmal zu kurz, der tragische Zwiespalt, der sein Leben prägte und aus dem er nie ein Geheimnis machte. „Ich fühle mich nicht für das Jahrhundert gemacht, in dem wir leben“, schrieb er als junger Kronprinz seinem langjährigen Briefpartner Voltaire, und mehr als einmal gab er zu erkennen, dass er lieber zeitlebens auf seinem Schloss in Rheinsberg geblieben wäre, um sich mit Musik zu beschäftigen, anstatt König zu werden. Als beinahe fatalistisch empfinde ich seinen Gedanken, dass „wir eben doch nicht Meister unseres Schicksals“ sind.

Über das Heerwesen von Friedrich II schreibt der britische Militärhistoriker Christopher Duffy: „Im Einsatz hatten sich die Bläser hinter den Kompaniefahnen einzuordnen, deren Platz zwischen dem vierten und fünften Zug des Bataillons war … Sobald die Artillerie und die Handfeuerwaffen beider Seiten zu schießen anhoben, wurde bei den Musikanten jedoch das Pflichtbewusstsein durch den Selbsterhaltungstrieb verdrängt … Bei dem Rückzug war einer der ‚Hauboisten‘ so unvorsichtig, sich im Freien von einem Kosak erwischen zu lassen, der ihn über eine Wiese gejagt hatte. Friedrich lenkte die Aufmerksamkeit seines Stabes auf diesen seltenen Vorfall und bemerkte: ‚Mich soll doch wundern, ob Apoll und die Muse der Tonkunst ihren Zögling retten werden.‘ Im letzten Augenblick wendete sich der Musiker und hielt dem Kosak den riesigen Trichter seines Fagotts entgegen, der daraufhin auch prompt die Flucht ergriff.“

Dass sich Friedrich als Komponist nicht mit den ganz Großen der Zunft messen konnte, hätte auch er selbst wohl kaum bestritten. Böse Zungen behaupten sogar, er habe die eine oder andere Melodie von seinem hoch begabten Hofkomponisten gelegentlich „ausgeliehen“. Doch dass er sehr viel mehr als ein bloßer Dilettant war, wurde mir spätestens in dem Moment klar, als ich mich für die CD daranmachte, das Finale seines G-Dur-Flötenkonzerts für Solovioline umzuschreiben. Vor allem seine vorzüglichen Flötensonaten sprühen vor Frische und lassen einen ganz eigenen individuellen Stil erkennen. Die edle Gestaltung und ihr Gedankenreichtum haben mir hohen Respekt abgenötigt und gezeigt, dass der königliche Tonsetzer ein ebenso gelehriger wie eigenständiger Schüler seines Lehrmeisters Quantz gewesen ist.

In diesem Sinne: Happy Birthday, Majestät!

Bloß nicht ans Geld denken
11.11.2011

Jeden Morgen liest man in der Zeitung von Krisen, Crashs und Katastrophen. Für Musiker sind das besonders heikle Themen. Denn zu ihren Finanzen unterhalten sie meistens eine problematische Beziehung

 

Morgens, wenn man aufwacht, freut man sich nicht als Erstes auf eine Bach-Sonate oder das Mendelssohn-Konzert, sondern man liest in der Zeitung von Krisen, Crash und Katastrophen. Voller Mitgefühl denkt man da an so manchen Klassikmaestro, der sich beim Studium des Börsenteils die Haare rauft und sich beklommen fragt, wie lange er singen, spielen oder dirigieren wird müssen, um seine Investmentverluste wettzumachen und sein Portfolio wieder in Ordnung zu bringen. „Künstler reden ja nur übers Geld“, beklagte sich einst schon der finnische Komponist Jean Sibelius, „über Musik kann man am besten mit Bankdirektoren reden.“

Das Thema ist beileibe nicht neu. Finanzskandale, Kursstürze und Bankzusammenbrüche gab es immer. Schon zu Lebzeiten Vivaldis etwa. 1720 zum Beispiel, während der „rote Priester“ seine Meisterwerke schrieb, war von der großen „Südseeblase“ die Rede. In jenem Jahr kollabierte die Londoner im Überseehandel tätige South Sea Company infolge von Schwindelgeschäften und Fehlspekulationen. Isaac Newton, der selbst 20000 Pfund verlor, kommentierte damals: „Ich kann die Bewegung eines Körpers messen, aber nicht die menschliche Dummheit.“

Oft allerdings sind nicht die Märkte, sondern die Musiker selbst an ihren Geldproblemen schuld. Nehmen wir Mozart. Er bleibt wahrscheinlich der meistgespielte klassische Komponist der Welt. Würde er Tantiemen nach heutigen Regeln beziehen, würde er vermutlich zu den reichsten Männern auf dem ganzen Globus gehören. Zu Lebzeiten schickte er aber zahlreiche Bettelbriefe an Förderer und Logenbrüder. Gestorben ist er als armer Schlucker, der seiner Witwe nur einen Haufen Schulden hinterließ. So jedenfalls ist es immer wieder dargestellt worden. Aber das ist eine Legende. Der frühere Mozarteum-Direktor Günther Bauer hat vor kurzem in einem Buch vorgerechnet, dass Mozart ziemlich gut verdient hat: In seinen elf Wiener Jahren dürften es nach heutigem Geldwert ein bis zwei Millionen Euro gewesen sein.

Problem nur: Der Komponist hatte einen überaus aufwendigen Lebensstil, hatte obendrein eine Menge Geld beim Glücksspiel verloren und nichts auf die hohe Kante gelegt. Das Schicksal seines väterlichen Freundes Joseph Haydn war da ungleich tragischer. Dessen Ersparnisse fielen auf seine alten Tage der Inflation zum Opfer. Aber letztlich muss es nicht immer nur die Bank sein, die gewinnt, manchmal ist es auch die Stadt Wien. Die konnte im Mozart-Jahr 2006 circa 250000 zusätzliche Übernachtungen verbuchen – der Meister mag ja seit ewigen Zeiten von uns gegangen sein, sterben lassen ihn viele noch lange nicht.

Dass Komponisten wie Giuseppe Verdi und Richard Strauss schwerreiche Männer wurden, ist ebenso bekannt wie die Supergagen, die Paganini oder Franz Liszt kassierten. Auch Edvard Grieg wurde ein reicher Mann, aber einer mit Prinzipien. Als John Wanamaker 1903 sein riesiges Kaufhaus in Philadelphia errichten ließ, suchte er nach einem weltberühmten Musiker für die Eröffnungszeremonie. Er bat Grieg ein Honorar von 25000 US-Dollar an, eine damals unerhörte Summe. Grieg konterte, „selbst für eine Million Dollar würde ich den Atlantik nicht überqueren!“ George Gershwin nahm 1935 zwischen 100000 und 200000 Dollar im Jahr ein und machte damit sogar den geschäftstüchtigen Strawinski neidisch.

Wie viel erfrischender und ungleich inspirierender war es da doch, Anfang Oktober José Antonio Abreu, den legendären venezolanischen Pianisten, kennenzulernen. Ich sollte die Laudatio beim Echo Klassik in Berlin auf ihn halten. 1975 lebten in Venezuela 75 Prozent der Menschen unterhalb der Armutsgrenze, darunter viele Kinder. Elf von diesen Kindern lud Abreu damals zu einer Probe seines Orchesters ein. Heute sind über eine Viertelmillion venezolanischer Kinder Teil seines Musikerziehungsprogramms „El Sistema“. Sie erhalten Zuwendung und Bestätigung sowie die Chance, selbstbewusste Jugendliche und erfolgreiche, sozial agierende Erwachsene zu werden. Der weltberühmte Dirigent Gustavo Dudamel ist einer davon. Wir können alle von „El Sistema“ lernen und dafür sorgen, dass in Europa Musikerziehung ebenso selbstverständlich ist wie Lesen und Schreiben.

Nach der Verleihung des Echos fragte ich Abreu, wie er das nur geschafft hat. Der liebenswerte alte Mann schaute mich mit seinen funkelnden Augen an und lächelte gelassen: „Einfach machen. Und bloß nicht ans Geld denken …“

Die Barock-Geige, die mich führte
15.10.2011

Was ist es für ein Gefühl, auf einem der besten Instrumente der Welt spielen zu dürfen? Als unser Kolumnist die Geige des polnischen Virtuosen Karol Lipiński, einem Zeitgenossen Chopins und Liszts, in die Hände bekam, schien plötzlich alles möglich zu sein

Die folgende Anekdote ist unter Musikern sehr beliebt: Jascha Heifetz, einer der größten Geiger aller Zeiten, berühmt für seine atemberaubende Perfektion, aber auch für seinen bissigen Humor, hat gerade ein Konzert gespielt. Eine junge Dame lauert ihm hinter der Bühne auf und wirft sich ihm mit den Worten an den Hals: „Herr Heifetz, Ihre Geige … sie klingt so schön!“ Heifetz, ohne eine Miene zu verziehen, schüttelt das Instrument, hält es an sein Ohr und erwidert: „Wirklich? Ich höre nichts.“

Auch die besten Instrumente der Welt brauchen einen Musiker, um sie zum Leben zu erwecken. Aber was ist es für ein Gefühl, ein solches Trauminstrument tatsächlich in die Hände zu bekommen? Seit meinem 15. Lebensjahr spiele ich eine Geige von Januarius Gagliano, die einst Yehudi Menuhin gehörte, gebaut 1769 in Neapel. Die Familie Gagliano wurde von Antonio Stradivari höchstpersönlich protegiert, und ihre Instrumente gehören zur oberen Garde, wenn auch nicht zur absoluten Spitze. In mehr als 20 Jahren jedoch sind wir ein Herz und eine Seele geworden. Sie ist mein Trost, meine Zuflucht, meine Inspiration und meine Familie. Wahrlich eine „Sie“ und kein „Es“, eine Dame, mit der man ständig Zeit verbringen will. 20 Alben, unzählige Konzerte, durch dick und dünn.

Umso misstrauischer war ich, als ich Anfang des Jahres einen mysteriösen Anruf erhielt. Halbsätze wie „eine Familie aus Deutschland sucht eine einmalige Investition“ oder „ein Instrument Ihrer Wahl aussuchen“ habe ich noch in den Ohren. Ob ich mir vorstellen könnte, „was Neues zu spielen“. Aber die Neugier packte mich, und bald befand ich mich im Haifischbecken der Geigendealer. Für mich war klar: Nur die beste Geige der Welt könnte mich von meiner Partnerin trennen.

Weil die Violine in der Barockzeit eine so wichtige Rolle spielte, blühte auch der Instrumentenbau. In mehreren italienischen Städten gab es Spezialwerkstätten, in denen Geigen von höchster Qualität angefertigt wurden und deren Klang bis heute unübertroffen ist. Zentrum des Geigenbaus war Cremona, wo die geheimen Anleitungen zur Herstellung von einer Generation zur nächsten weitergegeben wurden. Neben Stradivari waren dort gleich noch zwei berühmte Geigenbauer ansässig: Amati, der als Quasi-Erfinder der Violine gilt, und ein Mann, dessen Instrumente eigentlich am teuersten sind und der mich mehr als alle anderen fasziniert: Bartolomeo Giuseppe Antonio Guarneri, der den Spitznamen „del Gesù” (von Jesus) trug.

Florian Leonhard, ein Londoner Experte, drückte mir eines Tages eine Geige von del Gesù in die Hand. Er erinnerte mich an einen älteren Bruder, der dir die erste Zigarette anbietet: „Probiere es doch, du wirst es nicht bereuen.“ Und nun nahm ich meinen ersten Zug… Ich war wie benommen, als wäre ich in eine völlig andere Welt eingetaucht. Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich das Gefühl, eine Geige nicht beherrschen zu müssen. Im Gegenteil, sie nahm mich einfach an die Hand und führte mich. Plötzlich schien alles möglich zu sein, jede Klangvariante, jede Ausdrucksform.

Solche Instrumente tragen immer den Namen ihres berühmtesten Besitzers. Die Geige von Guarneri del Gesù aus dem Jahr 1742 gehörte einst einem der größten Virtuosen seiner Zeit, dem polnischen Violinisten Karol Lipiński (1790 bis 1861). Obwohl ein Rivale Paganinis, verband ihn eine enge Feundschaft mit dem italienischen Teufelsgeiger, der ihm sogar ein Stück widmete. Beide bestritten Geigenduelle vor dem Publikum. Gefragt, wer der beste Geiger der Welt sei, antwortete Paganini seinerzeit keck, er wisse es nicht, aber der zweitbeste sei Lipiński. Der Pole spielte mit Liszt, Schumann und Chopin, und 1837 wurde er Kapellmeister in Dresden. 1861, am Ende seines Lebens, gründete er eine Geigenkolonie für bedürftige, talentierte Bauernkinder in Galizien, eine philanthropische Idee, die ihrer Zeit weit voraus war.

Ich begann, mich intensiver für Lipiński zu interessieren, und fand heraus, dass auch er mehrere Violinenwerke komponiert hatte. Dann fielen mir alte Bücher in die Hände, die über weitere Besitzer des Instruments Auskunft gaben: Die deutsche Geigenlegende August Wilhelmj war darunter und der Fürst Nikolai Borissowitsch Jussupow, einer der reichsten Bürger Russlands, befreundet mit Puschkin und Liebhaber von Katharina der Großen. Seit zwei Wochen ist die weit gereiste Geige meine neue Begleiterin durch die Konzertsäle dieser Welt, und nun liegt es an mir zu versuchen, die „Ex-Lipiński“ nach längerer Zeit wieder zum Klingen zu bringen. Ich bin gespannt, wo die Reise uns hinführt…

Musische Rätsel unter der Schädeldecke
10.09.2011

Unser Kolumnist Daniel Hope sieht, wie Sting zum Komponieren in eine Röhre gesteckt wird, und begegnet Vivaldi in einem Parkhaus.

Schlaflos auf dem Flug von San Francisco nach Frankfurt, machte mir auch noch ein Ohrwurm zu schaffen: eine geniale Melodie von Bach, die ich im Konzert am Vorabend gespielt hatte und die mich jetzt terrorisierte. Um mich abzulenken, klickte ich durch die Filmauswahl an Bord. Dort stieß ich auf einen Dokumentarfilm mit dem Titel „The Musical Brain“ (Das musikalische Gehirn), der mich neugierig machte. Denn behandelt wird die spannende Frage, wie Musik in unserem Kopf entsteht. Es wird erzählt, dass das Gehirn unbewusst eine regelrechte Liebesbeziehung zur Musik entwickelt. Und dass bis jetzt kaum jemand wirklich gründlich untersucht hat, warum Musik eine so starke Wirkung auf uns hat.

Neben Wyclef Jean und Michael Bublé ist Sting einer der Hauptakteure; er stattet während einer Konzerttournee dem Forscher Daniel Levitin von der McGill University in Montreal einen Besuch ab. Levitin war Profimusiker und Produzent, bis er auf Neurowissenschaften umsattelte. Sting, der einen pinken Patientenanzug trägt, wird in eine Röhre geschoben, um den Einfluss von Musik auf seine Hirnströme zu untersuchen. Ihm werden verschiedene Musikgenres vorgespielt, einmal muss er in der Röhre sogar in Gedanken komponieren und zu einem Stück von Miles Davis improvisieren. Sein Gehirn reagiert in gleichem Maße aktiv – ob bei Jazz, Rock oder Klassik. Bei „Muzak“ oder „Fahrstuhlmusik“ hingegen konnte kaum eine kreative Aktivität registriert werden. Darüber hatte ich früher schon öfter mit Sting gesprochen, der mir einmal sagte, Musik müsse immer bewusst gewählt sein – wenn nicht, könne sie sogar Schaden anrichten.

Noch interessanter wird der Film, als gezeigt wird, wie Alzheimer-Patienten Lieder aus ihrer Kindheit vorgespielt bekommen und sie jeden Ton sowie den Text exakt wiedergeben können. Wenn Levitin ihnen absichtlich einen falschen Ton vorspielt, erkennt der Patient die Veränderung sofort, obwohl er sich an kaum etwas anderes aus seinem Umfeld erinnern kann.

Die Musik als Heilmittel ist ein viel untersuchtes und ebenfalls spannendes Phänomen. Musiktherapeuten haben bereits beachtliche Erfolge in der Behandlung von Krankheiten wie chronischen Schmerzen, Tumoren oder bei der Pflege von schwer- und mehrfachbehinderten Menschen erzielt. Etwas skeptischer bin ich allerdings, wenn ich im Internet über Aktionen wie „Violins vs. Violence“ (Geigen gegen Gewalt) lese. Dabei geht es um den Einsatz klassischer Musik in öffentlichen Räumen wie an Bahnhöfen und in Einkaufszentren. Lässt man sanfte Klangwolken von Mozart und Beethoven über der Bevölkerung schweben, werden angeblich Kriminelle und Jugendgangs vertrieben oder gar von ihren bösen Plänen so abgelenkt, dass sie vermutlich anfangen, Blockflötenunterricht zu nehmen.

Es ist vielleicht nicht ganz überraschend zu erfahren, dass die Idee sich zuerst in den Vereinigten Staaten verbreitete, inzwischen aber in vielen europäischen Ländern umgesetzt wird – manche sprechen von Erfolg. Kurios war es allerdings schon, als ich neulich in einem Amsterdamer Parkhaus meine Vivaldi-Aufnahme über Lautsprecher zu hören bekam. Und als ich vor kurzem am Hamburger Hauptbahnhof ausstieg, wude ich mit „An der schönen blauen Donau“ beschallt. Ein Clochard war anscheinend so sehr davon angetan, dass er mich beim Vorbeigehen aufforderte, mit ihm Walzer zu tanzen.

Die neueste Erfindung, die Musik und Forschung kombiniert, heißt www.uPlaya.com, ein Internetwebservice der Popsongs darauf hin untersucht, ob sie Hitpotenzial haben. Die Software nennt sich „Hit Song Science“ und basiert auf einer Datenbasis von Millionen erfolgreicher Popsongs der vergangenen 60 Jahre. Sie analysiert bei einem Lied eine Vielzahl von Faktoren, darunter Harmonie, Texte, Stimmung, Sprache oder Beat. Die Idee dahinter ist, dass Künstler und Plattenfirmen mit diesem Programm unveröffentlichte Lieder testen können. Im Erfolgsfall erhält uPlaya die Hälfte der Rechte an dem Song. Ob das funktioniert? Vielleicht schon, allerdings frage ich mich, warum ganz ohne dieses Programm so viele geniale Pophits entstehen konnten? Hierzu zitiere ich gern Bob Dylan: „Ein Mensch ist erfolgreich, wenn er zwischen Aufstehen und Schlafengehen das tut, was ihm gefällt. Ich glaube, dass es Instinkt ist, was das Genie genial macht.“ Rock on, Bob!

 

Mit Musik gegen das Töten
13.08.2011

Unser Kolumnist weilt in den Rocky Mountains und erinnert sich an den Jahrhundert-Violinisten Yehudi Menuhin, der auch sein Lehrer war – und außerdem ein überragender Humanist und Denker

Während ich diese Zeilen schreibe, befinde ich mich im sommerlichen Aspen, tief in den Rocky Mountains. Hier wurde 1949 das „Aspen Music Festival and School“ gegründet – es zählt heute zu den größten Musikfestivals der Welt. Heute Abend spiele ich ein besonderes Werk: „Unfinished Journey“ (Unvollendete Reise) für Violine und Orchester, vom libanesischen Komponisten Bechara el Khoury. Ich habe es 2009 in Auftrag gegeben, um den großen Geiger Yehudi Menuhin an dessen zehntem Todestag zu würdigen. El Khoury ist es meisterhaft gelungen, die Einflüsse von Ost und West miteinander zu verschmelzen und so den Geist Menuhins in traumhafte Musik zu verwandeln.

„Ich weiß nun, dass es einen Gott im Himmel gibt“, war Albert Einsteins Kommentar zu Yehudi Menuhins Konzertdebüt, das dieser mit sieben Jahren in Berlin gab. Bruno Walter, der Dirigent des Abends, nannte ihn „den kleinen Jungen mit der großen Seele“. Obwohl Menuhin schon lange tot ist, werde ich ständig an ihn erinnert. Wenn ich Aufnahmen von ihm höre, dann denke ich natürlich an sein Spiel und an seinen unverwechselbaren Klang. Die Intensität der Emotionen, die er an den Hörer weitergibt, ist atemberaubend.

Aber hinter dem Geiger Menuhin steckte auch ein großer Humanist und Denker, der einen Großteil seiner Einnahmen durch zahlreiche Kulturstiftungen den Menschen zukommen ließ. Manchmal wird heute vergessen, wie politisch aktiv Menuhin zu seiner Zeit war. So forderte er ein von Staat und Wirtschaft unabhängiges Kultur- und Geistesleben – mit einem eigenen Etat und einem eigenen Kulturparlament. Während des arabisch-israelischen Krieges von 1973 rief Menuhin einen Freund mitten in der Nacht an: „Wir müssen sofort nach Israel fliegen und uns zwischen die Fronten stellen – wenn wir Musik spielen, werden sie schon aufhören, sich gegenseitig umzubringen.“ Menuhin glaubte, durch die Musik Krieg und Hass verhindern zu können, Frieden zu stiften und den jüngeren Generationen einen Weg zu zeigen, um einander mit Achtung zu begegnen.

Sein gesellschaftliches Engagement begann bereits 1937. Robert Schumann hatte 1853 in nur 13 Tagen sein Violinkonzert für den Geiger Joseph Joachim geschrieben, doch es wurde zu dessen Lebzeiten nie aufgeführt. 20 Jahre nach Schumanns Tod entschloss sich seine Frau Clara, das Stück 100 Jahre lang vor der Öffentlichkeit zu verbergen. Unter etwas mysteriösen Umständen wurde es dann doch früher veröffentlicht: Joachims Nichte, die Geigerin Jelly d’Arányi, behauptete 1933, Schumann habe sie aus dem Jenseits aufgefordert, das Konzert herauszubringen.

Die Welt horchte auf. Wilhelm Strecker, der Verleger des Schott-Verlags, schickte im April 1937 eine Kopie des Werkes an den damals 20-jährigen Yehudi Menuhin, mit der Bitte um sein Urteil. Menuhin war sofort begeistert. Aber auch die Nazis wurden auf das Konzert aufmerksam, die einen Gegenpol zu dem verbotenen jüdischen Komponisten Mendelssohn und seinem beliebten e-Moll-Violinkonzert suchten. Eine Uraufführung eines verschollenen Werkes des deutschen „Romantikers“ Schumann kam ihnen zu Propagandazwecken gerade recht. Unter Androhung der Firmenschließung wurde es dem Schott-Verlag verboten, das Werk durch Menuhin in den USA uraufführen zu lassen.

Stattdessen kam es am 26. November 1937 in Berlin in Anwesenheit Hitlers mit dem Geiger Georg Kulenkampff unter dem Dirigenten Karl Böhm zur Uraufführung im Rahmen der Jahrestagung der Reichskulturkammer und der NS-Gemeinschaft „Kraft durch Freude“. Robert Schumann wurde als „Arier“ gefeiert, aber Menuhin ließ sich nicht einschüchtern. Da die offizielle Uraufführung stattgefunden hatte, wurde das Notenmaterial aus Versehen freigegeben. Menuhins Vater ließ es schnell kopieren, und die beiden eilten nach New York. Dort wurde das Werk, zum Entsetzen Goeb­bels, erstmals auf Platte aufgenommen, zusammen mit dem New York Philharmonic unter Leitung von John Barbirolli. Wer Menuhin in seinem Element erleben möchte, sollte diese historische Aufnahme hören – vor allem den zweiten Satz, dessen Magie in jedem Ton Menuhins zu spüren ist.

1947 war Yehudi Menuhin der erste internationale und jüdische Künstler, welcher nach dem Krieg in Berlin auftrat. Zugunsten deutscher Vertriebener und Flüchtlingskinder verzichtete er auf das Honorar. Unter all den Zitaten Menuhins finde ich eines besonders treffend: „Musik ist die einzige Sprache, in der nicht gelogen werden kann.“

Der Duft des Solisten
30.07.2011

Unser Kolumnist macht neue Erfahrungen mit Gerüchen im Konzertbetrieb: In den Vereinigten Staaten verbieten manche Häuser ihren Gästen, während der Vorstellung Parfum zu tragen.

Musiker sprechen manchmal von „Farben“, um Klänge zu beschreiben. Aber wie sieht es mit Düften aus? Richard Wagner, der geradezu von Aromen und Parfum besessen war, notierte in seinem 1852 erschienenen Buch „Oper und Drama“: „Bei Mozart hatte jener melodische Duft in einer herrlichen, gesunden, ganz mit sich einigen, künstlerischen Menschennatur einen so nährenden Boden gefunden, dass er aus ihr heraus selbst wieder die schöne Blume echter Kunst trieb.“

Kritischer sah Wagner allerdings der Entwicklung der Oper Mitte des 19. Jahrhunderts entgegen: „Mit diesem wohlriechenden Substrate besprengte der Mensch nun auch die öde Langeweile seines Lebens, die Hohlheit und Nichtigkeit seiner Herzensempfindung, und das künstlerische Gewächs, das dieser unnatürlichen Befruchtung entspross, war nichts anderes als die Opernarie.“ Um etwa die gleiche Zeit entwickelte der Parfumeur G. W. Septimus Piesse eine an das System der Musiknoten angelehnte Duftnotenskala mit Basis-, Herz- und Kopfnoten. Ähnlich dem Klangverlauf eines Musikstücks, wie Piesse schreibt, „wo die Gesamtheit des Klangspektrums die Schönheit eines Stückes ausmacht, werden auch beim Mischen von ätherischen Ölen die Aromen aus mehreren Noten verwendet, um das Geruchserlebnis zu intensivieren.“

Eduard Hanslick (1825 bis 1904), einer der gefürchtetsten Musikkritiker seiner Zeit, war berühmt für seine vor Ironie und Wortwitz sprühenden Rezensionen und seine oftmals hemmungslosen Attacken auf Musiker und Komponisten. Über Peter Tschaikowskys Violinkonzert, heute als Meisterwerk anerkannt, schrieb er beispielsweise, das Werk bringe „uns auf die schauerliche Idee, ob es nicht auch Musikstücke geben könnte, die man stinken hört“.

Dass Gerüche auch im heutigen Konzertbetrieb ein Reizthema sind, habe ich kürzlich von einem Kollegen in Amerika erfahren. Nach einer Probe, wo er als Solist auftrat, erhielt er einen Anruf der Orchestermanagerin, die ihm in gewundenen Worten zu verstehen gab, er möge beim nächsten Mal auf sein Rasierwasser verzichten. Begründung: Der Duft des Solisten lenke das Orchester von der Musik ab. Als er süffisant nachfragte, ob es besser wäre, sich gar nicht zu waschen, war er nicht minder überrascht, als die Managerin die Frage bejahte.

Die Geschichte kam mir zunächst auch bizarr vor. So fing ich an, im Internet über das Thema zu recherchieren. Prompt entdeckte ich eine Cyberwelt voller Artikel, Foren und Blogs über Geruchsbelästigung am Arbeitsplatz. Das subtil benannte Forum „Breathe Free or Die“ mit etlichen Verbesserungsvorschlägen für eine duftfreie und damit gesündere Umwelt etwa empfiehlt die Benutzung von Jodsalz, „um Schilddrüsenerkrankungen zu vermeiden“. Was hat das alles mit Musik zu tun? Laut New York Times eine ganze Menge: „Viele Musikinstitutionen, wie das Madison Symphony Orchestra in Wisconsin oder die Orlando  Opera Company, verbieten ihren Abonnenten inzwischen, auch nur einen Tropfen Parfum während der Vorstellung zu tragen.“ Auf der Website des Time Magazine stieß ich auf den verzweifelten Kommentar einer Dame: „Das ist verdammt ernst. Wenn man nicht atmen kann, kann man auch nicht spielen. Im Operngraben gibt es Aufstände, wenn sich jemand zu viel Parfüm übergegossen hat!“

Auf einmal sah ich die Aftershave-Affäre meines Kollegen in neuem Licht. Weitere Recherchen führten mich zu den Experimenten des russischen Komponisten und visionären Pianisten Alexander Skrjabin Anfang des 20. Jahrhunderts, bei denen Musik mit Worten, Farben und auch Gerüchen verschmolzen werden sollte. Skrjabin war Synästhet, er glaubte also beim Hören eines Tons auch eine bestimmte Farbe zu sehen. Seine Musik ist seltsam und eigen, aber gleichzeitig sehr inspirierend, fast magisch. Skrjabins Preluden und Sonaten für Klavier, insbesondere in der Aufnahme von Vladimir Horowitz, geben einen wunderbaren Eindruck dieses außergewöhnlichen Mannes.

Beim Hören der Horowitz-CD versuchte ich auch, Farben zu sehen – leider vergebens. Stattdessen hatte ich in der Zeitung von einer jungen Musikerin gelesen, die behauptete, Töne am Geschmack zu erkennen, und die sogar einige Bach-Werke als „sahnig“ beschrieb. Womöglich sollten sich Klassikfans darauf einrichten, Beethovens Violinkonzert bald nicht nur zu hören und zu sehen. Sondern auch zu riechen und zu schmecken.

Königliche Klänge, protokollarische Pannen
02.07.2011

Auch unser Kolumnist hat sich die englische Traumhochzeit angesehen – oder besser gesagt: angehört. Und musste daran denken, wie er einmal die Queen grün eingefärbt hat.

Als Brite gebe ich mit patriotischem Understatement zu, die Hochzeit von Prinz William und Catherine Middleton immerhin am Bildschirm verfolgt zu haben – in einem Genfer Hotelzimmer. Am interessantesten fand ich dabei die Rolle der Musik während der Zeremonie. Das Brautpaar hatte hauptsächlich britische Stücke ausgewählt; am häufigsten vertreten war Sir Charles Hubert Hastings Parry (1848–1918), der selbst in England wohl nur als Urheber von „Jerusalem“ bekannt ist – einer Hymne so britisch wie Cricket. Prinz Charles ist übrigens ein derart großer Anhänger von Parrys Musik, dass er über ihn demnächst eine Fernsehdokumentation präsentieren wird.

In den Königshäusern der Welt gibt es etliche Monarchen, die sogar ein Musikinstrument beherrschen: der japanische Kronprinz Naruhito die Bratsche, Prinzessin Irene von Griechenland das Klavier und Thailands König Bhumibol ist begeisterter Jazz-Saxofonist. Allerdings mischten sich die Monarchen früher viel energischer in die Musikwelt ein. In Versailles war Louis XIV. geradezu besessen von Musik und vor allem vom Tanz. Durch die Begegnung mit dem Komponisten Lully entstanden zahlreiche Ballette, in denen der König häufig die Hauptrollen tanzte. Daraus entstand eine neue Tanzform: das „königliche Ballett“ – einmal übernahm Louis die Rolle der Sonne, welche alle anderen Planeten umkreisen, als nicht gerade bescheidenes Zeichen seiner Macht.

Die Oper aber war in ganz Europa fest in italienischer Hand. Wer im Musiktheater etwas werden wollte, musste italienische Libretti schreiben und auf italienische Weise komponieren. Und selbstverständlich kamen die auf Europas Bühnen meistgefeierten Opernsänger allesamt aus Italien. Als man König Friedrich II. eine deutsche Sopranistin für seine Lindenoper in Berlin vorschlug, soll er geantwortet haben: „Ich könnte ebenso leicht erwarten, dass mir das Wiehern meines Pferdes Vergnügen macht.“ Komponisten wurden oft an Königshäuser berufen und schrieben ihre Stücke für bestimmte Anlässe oder Persönlichkeiten. Auch Friedrich II. war mehr als nur Auftraggeber – er spielte Querflöte und komponierte. 1747 arrangierte sein Hofmusiker, Carl Philipp Emanuel Bach, das legendäre Treffen zwischen seinem Vater Johann Sebastian Bach und dem König. Daraufhin schrieb Bach, der Vater, sein berühmtes „Musikalisches Opfer“, basierend auf einem von Friedrich in Auftrag gegebenen „königlichen Thema“.

Anders wurde das Verhältnis zwischen Musik und Monarchie mit einem Querkopf namens Ludwig van Beethoven. Als junger Mann bekam er die Hinrichtung Ludwigs XVI. und die Abschaffung der Monarchie in Frankreich mit, und dieser revolutionäre Geist traf bei ihm einen Nerv. An Fürst Lichnowsky, der Beethoven mit Auftragswerken und Geld unterstützte, ihn aber letztendlich doch gekränkt hatte, schrieb Beethoven wütend: „Fürst! Was Sie sind, sind Sie durch Zufall und Geburt. Was ich bin, bin ich durch mich! Fürsten hat es und wird es noch Tausende geben; Beethoven gibt’s nur einen.“

Protokollnöte zwischen Musiker und Hof sind auch heute keine Seltenheit. Als vor einigen Jahren das spanische Königspaar zu Besuch in Hamburg weilte und sich zu einer Aufführung der „Zauberflöte“ angesagt hatte, verspäteten sich die Majestäten beträchtlich; nach einer guten Viertelstunde entschied der Dirigent Christoph von Dohnányi: „Wir sind Republikaner, wir fangen an!“ Auch ich habe mir gegenüber der Queen von England mal einen Fauxpas geleistet: Mit elf Jahren hatte ich zur Einweihung des neuen Opernhauses am Londoner Royal College of Music den Puck in Brittens Oper „A Midsummer Night’s Dream“ spielen dürfen und war für diese Rolle von Kopf bis Fuß grün angemalt worden. Nach der Aufführung durfte ich der Monarchin die Hand geben – und stellte hinterher mit Entsetzen fest, dass ich ihren weißen Handschuh grün gefärbt hatte.

Als die Hochzeitszeremonie am Bildschirm zu Ende ging, erklang William Waltons Krönungsmarsch, damals zur Inthronisation von König George VI. komponiert. Ob sein Violinkonzert, seine Filmmusik oder „Belshazzar’s Feast“, eines der wichtigsten englischen Chorwerke des 20.Jahrhunderts mit seiner einmaligen Mischung aus romantischem Gesang und Stoizismus: Waltons Werk ist die wirkliche Verkörperung „englischer Musik“. Wie geschaffen für einen König.

Georgia on my mind
06.06.2011

Unser Kolumnist kehrt zurück von einem Musikfestival in Savannah, das keine Genre-Grenzen kennt – dort lernte er zu später Stunde bei einer Flasche Whisky die Expertise von Wynton Marsalis kennen.

Bevor ich in Deutschland regelmäßig Konzerte gab, war mir die Unterteilung in „E“- und „U“Musik unbekannt. Seit ich mit dieser Kategorisierung und den ständigen Diskussionen darüber vertraut bin, vertrete ich allerdings immer mehr den Standpunkt des großen Dirigenten Leonard Bernstein, der nichts von Grenzen und Barrieren in der Musik wissen wollte. Schablonen wie „ernst“ und „Unterhaltung“ waren ihm egal. „Für mich ist jede gute Musik ernste Musik“, lautete sein Credo. Aber stimmt das wirklich?

Am 9. April ging mein Festival in Savannah im US-Staat Georgia wieder einmal zu Ende. Über 17 Tage hinweg stellten wir 100 Musikevents mit mehr als 400 Künstlern für 60000 Besucher auf die Beine. Das Besondere ist die Vielfalt der Klänge, die man dort hört: Klassik, indische und brasilianische Musik, Jazz, Blues, Bluegrass, Cajun, Country, Pop und Rock. Ein typischer Tag in Savannah sieht so aus: morgens eine Violinsonate von Beethoven, mittags ein Gospelchor, am Nachmittag ein Fado-Ensemble, abends Jazz und später noch eine Bluegrass-Dance-Party. Erst, wenn man so viele Stilrichtungen nebeneinander hört, begreift man, was Musik wirklich bewirken kann.

Meine Begeisterung für Savannah erwachte vor acht Jahren, als mich Rob Gibson, der langjährige Manager des legendären Trompeters Wynton Marsalis, mitten in der Nacht anrief. Er erzählte mir von seinem Plan, ein Multigenre-Musikfestival in den Südstaaten aufzubauen. Beim Namen Savannah dachte ich damals an ein koloniales Relikt im Süden Amerikas, an Männer in weißen Anzügen, an Baumwollplantagen und Schaukelstühle. Was ich aber entdeckte, als ich 2004 zum ersten Mal dorthin reiste, war sehr viel mehr. Angefangen bei den „uralten Eichen, von denen das Spanische Moos herabhängt wie Trauerflor“, wie es ein Journalist einst beschrieb, bis zu einem Publikum mit unersättlichem Hunger nach ernster Musik, entdeckte ich ein magisches Städtchen mit einer turbulenten Geschichte. So wie heute beim „Savannah Music Festival“ jede Musikrichtung vertreten ist, finden sich in dieser Region die Spuren von etlichen Nationalitäten und Religionen. Gegründet von den Engländern 1733, besteht Savannah aus sagenhaft schön begrünten Plätzen und vielen bis ins kleinste Detail restaurierten Häusern. Kurz nach der Gründung der neuen Kolonie galten übrigens folgende vier Regeln: keine Sklaverei, keine Katholiken, kein Alkohol und keine Anwälte.

Von den vielen musikalischen Begegnungen, die ich dort in diesem Frühling hatte, waren zwei ganz besonders spannend: jene mit dem Tablaspieler Zakir Hussain, der in seinem Heimatland Indien fast wie ein Gott verehrt wird. Wer ihn mit seiner Tabla erlebt (einer Handtrommel, die man nur mit den Fingerspitzen und Handballen spielt), wird das nie vergessen. Aus einem einfachen Instrument zaubert er wie ein Hexenmeister die schönsten Töne. In den siebziger Jahren war Zakir Mitglied der großartigen Fusion-Band „Shakti“ mit dem Gitarristen John Mc Laughlin und dem Geiger L.Shankar. Seither experimentiert er in jeder Musikform, zuletzt in Savannah mit den beiden nicht minder grandiosen amerikanischen Musikern Edgar Meyer (Bass) und Béla Fleck am Banjo. Als indische Musik auf Klassik, Blues und Bluegrass traf, war ich völlig gebannt davon, wie diese Musikwelten miteinander verschmolzen. Wer das nachempfinden will, dem empfehle ich wärmstens die CD „The Melody of Rhythm“.

Eine andere Begegnung hatte ich um 2 Uhr nachts mit Wynton Marsalis. Nach seinem umjubelten Konzert verschanzten wir uns mit einer Flasche Whisky in einem irischen Pub und diskutierten über Musik. Überrascht war ich von Marsalis’ messerscharfen Kommentaren über klassische Musik: „Beethoven was one bad motherf…“, raunte er mit glänzenden Augen, „aber findest du nicht, dass er in seinem Opus 70 Nr.2 fast zu weit ging, zumindest für seine Zeit?“ Es sollte eine lange Nacht werden, und während die Flasche leerer wurde und die Mädels an der Bar immer gelangweilter aussahen, dozierte Marsalis über die Ähnlichkeit zwischen dem Generalbass in der Barockmusik und den Basslinien im Jazz. Da war also ein Meister des Jazz, der sich unglaublich kenntnisreich mit klassischer Musik auseinandersetzte. Spätestens als die Flasche leer war, wusste ich: Bernstein hatte mal wieder recht!

Swing im Nazibau – Musik wider das Vergessen
24.03.2011

Das ehemaligen Reichsluftfahrtministerium, früher Zentrum von Görings Machtwahn, wird zum Swingclub: Unser Kolumnist spielt im Detlev-Rohwedder-Haus ein Stück des von den Nazis ermordeten Komponisten Erwin Schulhoff – und lernt einen außergewöhnlichen Gitarristen kennen.

Anfang März nahm ich an einem ungewöhnlichen Konzert in Berlin teil: einer Kulturveranstaltung im Finanzministerium, initiiert von Wolfgang Schäuble. Unter dem Titel „Zwischen Verbot, Vorsicht und Vergnügen“ erlebten 400 Gäste im Detlev-Rohwedder-Haus (einst Sitz des Reichsluftfahrtministeriums) Musik und Kunst, die von den Nationalsozialisten verboten wurde. Ich spielte Mendelssohn, aber auch Erwin Schulhoff, ein großartiger Komponist, dessen Stimme 1942 im Konzentrationslager Wülzburg ausgelöscht wurde. Seit 15 Jahren beschäftige ich mich intensiv mit Musik und Komponisten aus jener Zeit. An diesem Abend in Berlin war es die Begegnung mit einem außergewöhnlichen Musiker, die mich faszinierte und sehr berührte.

Der fast 87 Jahre alte Heinz Jakob Schumann, bekannt als „Coco“, ist ein Phänomen. Aufgewachsen in Berlin, verliebte sich Schumann bereits in den dreißiger Jahren in Jazz- und Swingmusik und wechselte mühelos zwischen Gitarre und Schlagzeug. Bis 1943 riskierte er, als halbjüdischer Musiker, Kopf und Kragen mit seinen Auftritten in Berliner Swingclubs. Schumann wurde verraten, verhaftet und in das Konzentrationslager Theresienstadt gebracht. Die ersten Insassen hatten unglaublichen Einfallsreichtum gezeigt, ihre Mithäftlinge zum heimlichen Musizieren auf eingeschmuggelten Instrumenten zu animieren – trotz drohender Todesstrafe. Bald erkannten die Nazis, dass diese Form der Unterhaltung sich positiv auf die „Lagermoral“ auswirkte. Überdies konnten sie sich selbst dadurch in ein besseres Licht setzen – also erlaubten sie einige sogenannte „Kameradschaftsabende“. Schumann wirkte in Theresienstadt als Schlagzeuger der „Ghetto Swingers“ mit und bot vielen Menschen durch seine Konzerte die Chance einer zumindest mentalen Flucht: „Wir wussten alles und vergaßen alles im gleichen Moment – für ein paar Takte Musik!“

Als wir jetzt zusammen in einem der geschichtsträchtigsten Gebäude Deutschlands standen, dem Zentrum von Görings Machtwahn (und gleichzeitig einem Symbol des Widerstands durch die Rote Kapelle), begannen Schumanns Augen zu funkeln. Später, als er mit seiner Band spielte, konnte man erleben, wie er und seine Gitarre zu einer Einheit wurden. Die Musik beflügelte ihn genau wie damals. Sein einzigartiger Klang, die Ruhe, mit der er jede Phrase zauberte, war erstaunlich, und man fühlte sich in die Zeit des Swings zurückversetzt – in einem Gebäude, dessen einstiger Hausherr diese Musik so verabscheute.

Haben wir die schlimmen Zeiten, in denen Künstler drangsaliert wurden, ein für alle Mal überwunden? Leider nicht. Man denke nur an die fünfziger Jahre in den USA, als Radiosender einzelne Titel sperrten, als Fats Domino, Billie Holiday oder Frank Sinatra Liedtexte umschreiben mussten oder Konzerte und Tanzveranstaltungen in einzelnen Bundesstaaten verboten wurden. Ich denke auch an meinen Vater in Südafrika, der als Schriftsteller in den siebziger Jahren vom Apartheidregime gemaßregelt wurde, dessen Texte aber sogar später noch mit Verboten belegt wurden, als längst Demokratie herrschte.

Es wird auch heute immer noch mehr verboten, als man vermuten möchte. Kurz nach den Terroranschlägen vom 11. September stellten amerikanische Radiosender eine Liste von Popsongs zusammen, die aus dem Programm gestrichen wurden, weil sie als „unpassend“ galten. Und im Januar 2011 entschied der „Canadian Broadcast Standards Council“, dass der Dire-Straits-Klassiker „Money For Nothing“ zu anstößig für das kanadische Radio sei – aufgrund eines Wortes im Liedtext, das als „sehr verletzend“ eingestuft wurde.

Man kann solche Maßnahmen niemals mit den Verhältnissen in der Nazizeit gleichsetzen; aber dass Kunst und Politik in einem latenten Konflikt stehen, ist nicht zu verkennen. „Rechts – geht gar nicht“ heißt eine sehr starke neue CD von jungen Bands aus Kiel und Umgebung (myspace.com/rechtsgehtgarnicht), deren Musik eine starke Botschaft gegen Rechtsradikalismus enthält. Anfang März verteilten Mitarbeiter der städtischen Mädchen- und Jugendtreffs rund 300 Exemplare auf dem Schulhof der Timm-Kröger-Schule in Kiel, um gegen Ausländerfeindlichkeit zu sensibilisieren. Solche mutigen Aktionen machen uns allen Hoffnung. Es kommt darauf an, den Anfängen zu wehren und die Freiheit der Kunst immer wieder zu verteidigen. Und denen, die wie Erwin Schulhoff Opfer von Terror und Gewalt wurden, ist die Nachwelt schuldig, die Erinnerung an sie wachzuhalten.

Der Urvater der Harmonie
07.03.2011

Unser Kolumnist spielt bei der Trauerfeier für Bernd Eichinger eine Sarabande von Johann Sebastian Bach – und erlebt einmal mehr, dass dessen Musik wie keine andere auf die Menschen wirkt

Anfang Februar erhielt ich einen Anruf: Ob ich die Trauerfeier für Bernd Eichinger in München musikalisch eröffnen könne. Gewünscht wurde, vonseiten der Familie sowie anscheinend von Eichinger selbst, die Sarabande aus der d-Moll-Partita von Johann Sebastian Bach. Als die Trauernden an mir vorbeizogen (und unter den strahlenden Augen des viel zu früh verstorbenen Filmtitans, der auf fast lebensgroßen Plakaten in der St.-Michael-Kirche zu sehen war), sollte ich die Zeremonie allein mit Musik beginnen. Es ist keine leichte Aufgabe, der nötigen Würde und dem Respekt, die ein solcher Anlass verdient, mit einem Einzelinstrument gerecht zu werden. Aber ich hatte Hilfe: in Form von Bach. Es gibt keinen Komponisten, dessen Musik eine so magische Wirkung auf die Menschen ausübt wie Bach. Oder wie Yehudi Menuhin einmal sagte: „Bach spricht für das Menschliche und Zeitlose.“ Ob jene Sarabande, die Matthäuspassion, die Brandenburgischen Konzerte oder das berühmte und zugleich wunderschöne „Air“, das ich sehr liebe, das aber mittlerweile in kaum einem Fahrstuhl der Welt fehlt – Bachs Musik inspiriert, tröstet und gibt dem Hörer das Gefühl, man sei nicht allein. Aus diesem Grund darf ich manchmal die gleichen Stücke auf Hochzeiten sowie auf Beerdigungen spielen …

Schon Beethoven nannte Bach den „Urvater der Harmonie“. Wir klassischen Musiker werden von früh an ermahnt, dass es sich bei Bach um so etwas wie einen Gott handelt: erhaben, edel, unantastbar. Dies glaubte ich auch jahrelang, bis mit irgendwann klar wurde, wie radikal und revolutionär die „alten“ Meister wie Bach und Händel damals gewesen sind, wie viel Leidenschaft, Sinnlichkeit und provokante Dramatik in ihrer Art zu komponieren steckten. Es ging so weit, dass ich ihre Perücken manchmal für reine Tarnung hielt, so als ob wir nicht gleich merken sollten, was sich in Wahrheit in ihrer Musik abspielt. Inzwischen finde ich es interessant, zwischen Bachs Musik und seiner Person zu unterscheiden. Dabei entdeckt man einiges Überraschende: Der göttliche Bach war geldbesessen, teils selbstgefällig und eifersüchtig. Einmal ging er auf der Straße mit einem Messer auf einen Fagottisten los, den er wild beschimpfte. Ein anderes Mal saß er im Gefängnis. Oder er schwänzte die Predigt, um sich in einer Taverne bacchialischen Genüssen hinzugeben.

Als ich vor einiger Zeit in einer Berliner Schule einer Schar von rund 50 Sechs- bis Neunjährigen gegenüberstand, merkte ich, was für ein unbekanntes Land die Klassik für die allermeisten Kinder ist und wie wenig sie darüber in ihrem Musikunterricht erfahren. Den Rapper „50 Cent“ kannten fast alle, aber mit dem Namen Bach konnten sie nichts anfangen. Und wenn ich sie bat, eine Melodie zu summen, kamen nur Popsongs. Aber am Ende, als ich ihnen spontan eine Gigue von Bach vorspielte, hörten sie nicht nur bereitwillig zu, sondern meinten sogar: „Hey, das groovt, klingt ja cool.“ Und als ich das „Flying Bach“-Projekt in der Neuen Nationalgalerie in Berlin sah, eine Breakdance-Performance zur Musik des „Wohltemperierten Klaviers“, wusste ich, was sie meinen.

Es ist schon bemerkenswert, dass man mit Bachs Musik fast alles anstellen kann. Von herausragenden musikwissenschaftlichen Transkriptionen bis zu den grauenvollsten modernen Arrangements – eine Platte namens „Bach meets Naked Fusion Salsa“ (oder so ähnlich) bleibt mir schmerzhaft in Erinnerung. Aber selbst da war der alte Meister nicht totzukriegen.

Auch bei den Interpreten führt Bach zu extremen Unterschieden, von Glenn Gould über Wanda Landowska, von Pablo Casals bis Keith Jarrett oder Wynton Marsalis. Neulich im Flugzeug zappte ich durch den Musikkanal und entdeckte etwas Kurioses: Bach auf dem Akkordeon, gespielt von der französischen Jazzgröße Richard Galliano. Das kann doch nicht funktionieren, dachte ich. Aber nach ein paar Takten wurde ich eines Besseren belehrt. Durch Gallianos kongeniale Phrasierung und eine verführende Farbpalette, aber auch dank seiner absoluten Treue zum musikalischen Text, hört man Stücke und Transkriptionen wie das Violinkonzert oder die Partita für Flöte a-Moll tatsächlich wie zum ersten Mal, und beim bereits erwähnten „Air“ wagt Galliano es, dem Evergreen einen Hauch Tango zu verleihen, indem er auf dem Bandoneon spielt – es gelingt. Begleitet von einem Streichquintett renommierter Klassikkünstler, trägt Galliano Bachs zeitlose Musik mit Sinnlichkeit und Frische in unsere Zeit. Da fielen mir die Worte Albert Einsteins ein: „Was ich zu Bachs Lebenswerk zu sagen habe: Hören, spielen, lieben, verehren und – das Maul halten.“

Der Klang der Sehnsucht
27.01.2011

Passend zur grauen Jahreszeit hat Cicero-Musik-Kolumnist Daniel Hope den Klang der Sehnsucht entdeckt – Ausgerechnet neben einer lauten japanischen Spielhalle hörte er die sanft-melancholische Stimme von Eva Cassidy und in Norwegen schmeichelten ihm die Popgruppe Kings of Convenience.

Vor kurzem schlenderte ich am Ende einer Asien-Tournee nachts durch die grell beleuchteten Straßen Tokios. Nach gut drei Wochen, fern von Europa, überkam mich langsam ein ähnliches Gefühl wie Bob Harris in „Lost in Translation“: Ich sehnte mich nach der Heimat. „Sehnsucht macht die Dinge und die Menschen unwirklich. Darum ist alles Erreichte so anders als das Ersehnte“, soll einst Arthur Schnitzler gesagt haben.

Sehnsucht ist eine Regung, mit der man auch in der klassischen Musik bestens vertraut ist, weil sie so häufig durch die Emotionen der Komponisten zu spüren ist. Man denke nur an Wagners Sehnsuchtsmotiv in Tristan und Isolde oder Brahms’ geheime Zuneigung zu Clara Schumann. Aber wie klingt Sehnsucht im 21.Jahrhundert?

Als ich an den furchterregenden Pachinko-Spielhallen mit ihren zugequalmten Salons und Hunderten von Maschinen vorbeieilte, musste ich mir fast die Ohren zuhalten. Direkt daneben stieß ich auf einen Elektronikmarkt, wo westliche Touristen die neusten Gadgets zum halben Preis ergattern, und inmitten dieser Kakofonie hörte ich eine Frauenstimme, die „Autumn Leaves“ so sanft und voller Sehnsucht sang, dass ich stehen bleiben musste; die Musik löste alle grauenvollen Nebengeräusche sofort in nichts auf. Ich fragte den Verkäufer, welche CD das sei. Trotz seiner unverblümten Enttäuschung darüber, dass ich mich nicht für eines seiner Geräte interessierte, öffnete er etwas widerwillig eine der unzähligen Maschinen und wies auf einen Namen, den ich nicht kannte: Eva Cassidy. Zurück im Hotel googelte ich diesen Namen und erfuhr, dass Cassidy, die ursprünglich als Gärtnerin in Washington gearbeitet hatte, mit 34 Jahren an Hautkrebs gestorben war. Gerade als sie anfing, richtig bekannt zu werden, wurde sie todkrank. Nachdem ich alles, was ich finden konnte, auf iTunes heruntergeladen hatte, hörte ich mir mit gebannter Faszination jedes Lied aus dem einzigen Album an, das während ihres viel zu kurzen Lebens erschienen war: „Live at Blues Alley“. Es enthält die bekanntesten Evergreens, und unter normalen Umständen würde sich kaum ein Künstler je auf ein solches Mainstreamgelände wagen. Aber durch Cassidys melancholisch-faszinierende Stimme kommt es einem vor, als würde man die Lieder zum ersten Mal hören: ob „Bridge over Troubled Water“, „What a wonderful world“ oder eine wirklich grandiose Coverversion von Stings „Fields of Gold“ – sparsam begleitet von einem kleinen Ensemble aus Gitarre, Schlagzeug und Bass. Wenn Sehnsucht heute einen Klang hat, dann muss es wohl die Stimme von Eva Cassidy sein.

Von Japan reiste ich weiter nach Norwegen, wo Musik und Sehnsucht ebenfalls eine große Rolle spielen. Ich hatte ein Konzert mit dem Schlagzeuger Hans-Kristian Kjos Sørensen. Er gilt als das Multitalent des Nordens, beherrscht Hunderte Instrumente, trommelt, singt, pfeift, tanzt und forscht immer weiter nach neuen Klangformen. Neben der beeindruckenden Solo-CD „Open Percussion“ erschienen von ihm auch schon einige Jazz-Platten bei ECM, dem Label des genialen Produzenten Manfred Eicher. In ECMs enorm umfangreichem Katalog finden sich auch viele neue norwegische Bands. Ganz speziell zu erwähnen ist das Christian Wallumrød Trio, dessen Album „No Birch“ eine ähnliche Art der musikalischen Sehnsucht entfaltet, wie ich sie bei Cassidy entdeckte – nur hört man sie mit völlig anderen Ohren.

Als ich mit Sørensen durch die Fjordlandschaft fuhr, kamen im Radio auf einmal zwei Männerstimmen mit dem Lied „Winning a battle – Losing the war“. Ich dachte zuerst an Simon und Garfunkel, aber Hans-Kristian korrigierte mich: „Hörst du nicht diese Melancholie, das kann doch nur aus Norwegen sein!“ Es handelte sich um die „Live acoustic sessions“ der Kings of Convenience, einem norwegischen Duo, das fast ausschließlich akustische Instrumente verwendet. Durch die sanfte Stimmung der Lieder in Verbindung mit teilweise spitzen Texten und skandinavischem Understatement wird der Zuhörer tatsächlich in eine Welt der Sehnsucht befördert, die einen stets beruhigt und tröstet – eine Welt, die eben anders ist. Vielleicht hatte Schnitzler doch recht…



2010


Meisterschaftsverdächtig! – Englands Popmusik läuft sich warm
21.12.2010

Der englische Fußball mag sich in der Krise befinden, aber der Popmusik auf der Insel geht es besser als je zuvor. Der Violinist Daniel Hope ist begeistert von den neuen Alben der jungen Musikerinnen Misty Miller und Adele . Mit einer der beiden verbindet ihn eine besondere Geschichte.

Anfang 2009 befand ich mich zum ersten Mal in Il Palagio, Stings toskanischem Sommerdomizil, einer herrschaftlichen Villa aus dem 16. Jahrhundert unweit von Florenz, einer Mischung aus Biohof, Weingut und Yoga-Retreat. Ich wurde eingeladen, bei den Proben für Stings Platte „If on a winter’s night“ mitzumachen und durfte seine großzügige Gastfreundschaft hautnah miterleben. Die Musiker fühlten sich zwischen makrobiotischer Schokoladenmousse und atemberaubender Natur sichtlich wohl, und ich nahm den Unterschied zwischen Pop und Klassik wieder einmal leicht schmunzelnd wahr, da bei „uns“ klassischen Musikern schon eine Flasche Mineralwasser als Luxus gilt, wenn wir in einem meist kargen, fensterlosen Raum proben.

Jeden Abend nach dem Essen lud uns Sting zu einer Jamsession auf dem Hof des Palagio ein, wo alle Musiker sich nach Lust und Laune beteiligen konnten. Einmal tauchte ein blasses, 14-jähriges englisches Mädchen auf, stellte sich kurz mit „Hi, I’m Misty“ vor, zückte eine Ukulele und fing an, eine hinreißende Ballade nach der anderen zu spielen. Aus einem Schulheft voller Kritzeleien sang sie, zum Erstaunen aller Anwesenden, selbstbewusst und selbstverständlich über Liebe, Angst, Betrug, kurzum über das Leben an sich. Als sich Sting schließlich dazusetzte und mit ihr im Duett „Fragile“ und „Shape of my heart“ zu singen begann, fragte ich den Gitarristen Dominic Miller, wer zum Teufel die Kleine sei. Dominic strahlte mich an: „Meine Tochter!“

Seitdem ist Misty Miller immerhin 16 geworden. Inzwischen wird sie vom britischen Modedesigner Burberry gefördert und veröffentlichte vor kurzem ihr erstes Album „Remember – EP“ beim trendigen englischen Independent Label AWAL (Artists without a label). Wenn man den Titelsong „Remember“ hört, strahlt er, genauso wie Misty an jenem Abend, vor jugendlicher Frische und Charme. Das Lied „Vampire“ hingegen zeigt, dass Millers Stimme bereits eine Wärme enthält, die sicherlich über die Jahre noch weiter aufblühen wird. Und in „Home“, für mich das Highlight, hat sich das Folkelement auf eine Art und Weise eingeschlichen, die ich bemerkenswert finde. Die Texte lassen einen aufhorchen. Die Lieder sind teilweise einfach, aber ehrlich. Misty Miller ist zweifellos auf dem Weg, ein Star zu werden.

In der klassischen Musik gehen die Zeiten des Männerprivilegs ihrem Ende entgegen. Man muss nur einen Blick in die Hochschulen werfen, wo die weiblichen Studenten inzwischen klar in der Mehrzahl sind. Ebenso stelle ich bei Meisterkursen in Konservatorien fest, dass acht von zehn Teilnehmern Geigerinnen sind. Es ist also absehbar, dass in den Orchestern bald mehr Frauen als Männer sitzen werden. Wenn ich mir den Popmarkt anschaue, sehe ich nicht weniger weibliche Stars, die eine riesige Anhängerschaft genießen, aber trotzdem einen sehr eigenen Sound entwickelt haben.

Neulich, in London, sah ich zufällig Jools Hollands „Later“ im Fernsehen, eine geniale Live-Popshow, die in England Kultstatus hat. Etwa fünf Bands treten da pro Folge vor einem kleinen Studiopublikum auf. Pianist Jools Holland führt durch die Sendung und interviewt einen oder mehrere Künstler und begleitet am Flügel eine kurze Jamsession aller Gäste am Anfang jeder Sendung. Inzwischen überträgt der ZDF-Theaterkanal auch in Deutschland einige Folgen, und jeder, der erstklassige Live-Popmusik schätzt, sollte sie sich unbedingt anschauen. In der Sendung tauchte eine junge, englische Dame auf namens Adele. Sie sang „Someone like you“, begleitet nur von einem Klavier. Auch wenn am Anfang des Auftritts die Anspannung in ihrer Stimme leicht zu merken war, hatte sie eine vokale Spannbreite und einen Ausdruck, der mich fesselte. Eine ungewöhnliche Erscheinung, mehr Antistar als Star, eine Frau, die hemmungslos ihre Meinung sagt und Wut und Leidenschaft gerne in ihren Liedern zeigt. Das ist deutlich bei ihrem neuen Album „21“ zu hören, auf dem sich auch „Someone like you“ findet. Für den Song „Rolling in the deep“ mischt sie Soul, Gospel und Funk zu einem dunklen Groove, der einen unheimlich packt. Sie selber sagt, dass sie das Lied innerhalb einer Stunde niedergeschrieben habe, weil sie damals so wütend war. Das glaubt man ihr aufs Wort.

Auch wenn der englische Fußball sich deutlich in der Krise befindet – der weibliche Musikimpuls auf der Insel ist meisterschaftsverdächtig.