Crescendo

2014


Die Stimme Amerikas
02.09.2014

Unser Kolumnist wurde bei seinem Auftritt im Nobel-Ort Aspen vom bekanntesten Radiomoderator der USA für klassische Musik, Fred Child, interviewt. Hinter der Bühne stellte dann aber Daniel Hope die Fragen …

Du bist ja sozusagen die Stimme klassischer Musik in den USA. Wie bist du eigentlich in unserem Genre gelandet?

Mein Vater war Luftfahrt-Ingenieur, er arbeitete an der Rakete mit, die Menschen zum Mond fliegen sollte. Wenn er abends nach Hause kam, setzte er sich ans Klavier und spielte. Das hatte
etwas Magisches für mich, und ich selbst bat darum, Klavierunterricht zu bekommen. Ich hatte zehn Jahre Unterricht und spielte hauptsächlich für mich selbst, aber als ich diese ganze Welt rund um die klassische Musik kennenlernte, wusste ich, dass ich mein Leben damit verbinden wollte. Ins Radiobusiness bin ich dann eher reingestolpert. Aber beim Radio kann man eben seine eigene
Leidenschaft so toll mit den Hörern teilen und –ganz ehrlich – ich fühle mich da wie der glücklichste Mensch der Welt, dass das auch mein Job ist.

Früher war Radio ja geografisch begrenzt, heute ist es möglich, dich via Internet weltweit zu hören …

Ja. Wir versuchen auch gerade rauszufinden, wie viele Hörer wir eigentlich weltweit haben. Ich durfte zum Beispiel gerade bei der BBC als Presenter für die Aufnahme des National Orchestra of Wales sprechen, weil sie eine amerikanische Stimme haben wollten. Ich fühle mich sehr glücklich, dass ich nicht nur im amerikanischen Radio zu hören bin, sondern auch in anderen Ländern.

Du machst auch Listeners-Tours, also Reisen mit Hörern.

Ja, wir haben das in diesem Jahr angefangen und ganz ehrlich: ich war da etwas skeptisch, ob das funktionieren würde. Aber schon die erste Musikreise nach London im Juni 2014
war sehr schnell ausverkauft. Wir waren mit 50 Hörern unterwegs und haben uns Konzerte angehört und sind in diverse Museen gegangen und haben natürlich auch mit Musikern
gesprochen. 2015 planen wir eine Reise entlang der Donau mit Wien und Budapest. Da werden dann schon 160 Hörer dabei sein. Was mir sehr gefällt ist, dass wir die Leute zusammenbringen, die eine gleiche Leidenschaft teilen. Das ist etwas sehr Schönes.

Ich glaube, nicht nur die Hörer schätzen dich, sondern auch die Musiker. Man merkt, dass du selber Musik machst, und ich habe gelesen, dass du sogar mal als Vorgruppe bei einem Konzert von Grateful Dead aufgetreten bist. Ist das wahr?

Ja (lacht). Ich war vor 30 Jahren mal in einer Band, die African Dance Music gespielt hat, und Mickey Hart, einer der Drummer von Grateful Dead war irgendwie auf unser Album aufmerksam geworden und mochte es. Ich kann mich sehr gut daran erinnern, wie unglaublich es ist, vor 20.000 Menschen zu spielen und zu spüren, was da von einem Publikum zurückkommt.

Kannst du noch verraten, wie man dich im Radio oder via Website findet?

Am besten direkt über www.performancetoday.publicradio.org. Auf der Seite ist übrigens auch das Interview, das ich mit dir hier auf der Bühne geführt habe.

Der Sound von Hollywood
01.09.2014

Großartige Komponisten flohen in den 40er Jahren auch in die Traumfabrik von Hollywood. Ein Thema, das den Musiker Daniel Hope seit seiner Kindheit beschäftigt und das er nun mit seinem neuen Album „Escape to Paradise“ dramaturgisch und musikalisch behandelt. Doch fanden die Herren im Exil von Los Angeles wirklich das Paradies?

Herr Hope, Ihre neue CD The Hollywood Album be-schäftigt sich mit Komponisten, die vor Hitler ins Exil geflohen sind. Sie ist aber überschrieben mit Escape to Paradise …

Eigentlich ist das eher als Frage gemeint. Für einige von ihnen war es das Paradies, Arnold Schönberg zum Beispiel hatte einmal genau diese Worte verwendet. Andere fanden dort die
Hölle. Für alle war es am Ende ja ein Ort der Zuflucht.

Gab es einen aktuellen Anlass, sich mit diesem Thema zu beschäftigen und daraus ein Album zu machen?

Eher im Gegenteil: ich habe mich 15 Jahre mit Musik aus Theresienstadt beschäftigt. Es war langsam Zeit für die Kehrseite. Ich wollte auch die Frage stellen, was aus den Musikern und Künstlern geworden ist, die überlebt haben – schließlich komme ich selbst aus einer Emigrantenfamilie. Meine Großeltern flohen vor dem NS-Regime nach Südafrika, meine Eltern wiederum vor dessen Apartheidsystem nach Großbritannien. Zudem hat mich die Stadt Los Angeles aus dieser Zeit immer schon fasziniert. Ich war auf Spurensuche, habe zum Beispiel die Villa Aurora besucht. Allein die Vorstellung: Lion Feuchtwanger, Hanns Eisler, Thomas Mann und wie sie alle hießen beim Schnitzelessen in Pacific Palisades – das ist reizend und bizarr gleichermaßen. Genau das aber ist Hollywood. Aber zurück zum Album: Die eigentliche Fragestellung war für mich der Hollywood-Sound. Woher kommt er, was ist das, gibt es ihn überhaupt? Oder ist es nicht eher ein europäischer Klang?

Und? Sie haben sicher Antworten gefunden?

Ich glaube schon. Es kam damals eine ganze Menge zusammen: Hollywood war neu, der Tonfilm war neu, Soundtracks waren neu. Also musste man auch eine neue Art des musikalischen Ausdrucks finden, diese großen Spektakel zu untermalen. Viele der Komponisten kamen aus einem spätromantischen, europäischen Erbe: Pate war neben Max Steiner vor allem Erich Wolfgang Korngold, weil er wie kaum ein anderer in der Mahler-Strauss-ZemlinskiÄra verwurzelt war. Hier konnte er sein gesamtes Talent entfalten. Und ohne Korngold hätten wir vermutlich keinen John Williams – so sehr ich Williams schätze. Insofern bin ich überzeugt, dass der Hollywood-Sound eine absolut europäische Tradition hat. Natürlich durch Zufälle und Notsituationen entstanden.
Aber auch durch geniale Kombinationen: Zum Beispiel Max Reinhardt als Regisseur für den Sommernachtstraum. Die Schauspieler, die Lichtregie – das waren revolutionäre Ideen. Und dazu Mendelssohns Musik, adaptiert von Korngold. Mendelssohn und Korngold im Doppelpack – diese trotzige Haltung finde ich fantastisch. Die Nazis waren entsetzt.

Keine kleine Herausforderung, einen so großen Bogen zu spannen. Was war der Plan bei der Zusammenstellung des Albums?

Die Idee hatte ich schon über zehn Jahre im Kopf. Weil es ein sehr ambitioniertes Projekt ist, hat es entsprechend lange gedauert. Der eigentliche Ursprung liegt aber noch viel weiter zurück – als ich ein Junge war und Korngolds Violinkonzert zum ersten Mal von Jascha Heifetz auf Platte hörte. Ich war sprachlos: ich habe mir nicht zugetraut, es selbst zu spielen, so unglaublich schön war die Interpretation: virtuos, emotional und dennoch kontrolliert. Irgendwann – viel älter und ein bisschen mutiger geworden – habe ich es dann doch aufgenommen. Ich kann aber nie sofort sagen, welche anderen Stücke ich dazunehme. Ich musste es ruhen lassen, überlegen, recherchieren … Zunächst war das Album geplant als reines Exil-Projekt, also nur die Exil-Komponisten. Dann kam Sting dazu – das hat sich einfach so ergeben. Und dann merkte ich, das Thema war nicht nur Exil, sondern Flucht, Escape. Damit änderte sich alles: Plötzlich wusste ich, dass ich einen frühen Korngold spielen muss. Dass ich aber auch American Beauty haben will, weil Thomas Newman der Sohn von Alfred Newman ist, vom Gründer der Hollwood-Clans. Eins kam zum anderen. Es war wie eine Art Schicksalspuzzle, das sich im Laufe dieser zehn Jahre so fügte. Und dennoch waren Auswahl und Anordnung der Stücke eine extreme Herausforderung, auch mit welchem Künstler ich sie machen will. Da steckt sehr viel gedankliche Arbeit dahinter.

Sting singt seinen eigenen Text, The Secret Marriage auf Eislers Vertonung des Brecht-Gedichts An den kleinen Radioapparat. Wäre der Originaltext nicht konsequenter gewesen?

Nicht unbedingt. Sting ist Profi genug, nur in einer Sprache zu singen, die er beherrscht. Natürlich kennt und schätzt er den Text von Brecht. Er hat aber versucht, seinen eigenen Zugang zur Musik zu finden. Und auch bei ihm geht es ja um eine geheime Union, also eine Art Parallelwelt zum „kleinen Radioapparat“

Und Max Raabe singt Speak Low von Kurt Weill …

Ja, es ist wahnsinnig schön, Raabe auf Englisch zu hören. Ich wollte, dass er die Exilstimme verkörpert. Genau das also, was man gehört hat. Mit einem tollen Chanson-
oder Jazzsänger aus Amerika hätte es das Thema der Entwurzelung so nicht gegeben.

Die kleine Schieflage war also dramaturgisch gewollt?

Von diesen „Schieflagen“ gibt es ja mehr auf der CD! As time goes by ist auch eine Art PS von mir. Ich wollte zeigen, dass das nicht einfach alles nur schön ist, sondern dass dahinter etwas ganz anderes steckt. Menuchims Lied von Eric Zeisl ist unglaublich dramatisch, hat wenig mit Schönklang zu tun. Meine dramaturgische Überlegung war es, das auszuleuchten, um dem Hörer noch einmal bewusst zu machen, wo wir uns befinden. Nun ist die Geschichte hinter der Musik ja nicht auf den ersten Blick sichtbar.

Ist es für einen klassischen Geiger nicht ein bisschen gefährlich, so ein Hollywood-Pathos-Paket zu veröffentlichen?

Man kann es nicht jedem recht machen. Aber ein Blick auf die Tracklist genügt: Das ist ja nicht die Filmmusik zu Pirates of the Carribean, es sind keine neuzeitlichen Scores.

Mit ein paar Ausnahmen …

Ja, ich habe ganz bewusst drei lebende Komponisten mitausgewählt. Weil sie den Hollywood-Sound für mich erweitert haben. Und weil das Sujet der jeweiligen Filme nur mit Flucht zusammenhängt: Schindlers Liste, American Beauty und Cinema Paradiso. Und ich fand es sehr spannend, Ennio Morricone mit dazuzunehmen. Er ist Europäer und hat sich nur 20, 30 Jahre später als diese Komponisten in Hollywood nach oben gearbeitet. Aber wie unterschiedlich sind diese Tracks! Korngold, Zeisl, Eisler, Rózsa – der Bogen geht vom großen pathetischen Wohlklang des Ben Hur zu An den kleinen Radioapparat von Eisler. Es mag Leute geben, die das Album als Filmmusik-Platte abtun. Es ist aber viel mehr …

Zumal es ja viele Titel gibt, die gar nicht vom Film kommen.

Das zum einen. Zum anderen sollte sich jeder, der bei Filmmusik jener Zeit die Nase rümpft, bewusst machen, was da für Fähigkeiten dahinterstecken – auf Abruf jeden Stil schreiben zu können!
Da saßen Leute in den Studios, die mit Ravel studiert hatten und plötzlich um 15 Uhr einen Foxtrott und um 16 Uhr einen Cancan komponieren mussten. Aber was für eine musikalische Sprache? Großartige Musik, komplex, sinfonisch …

Ihr Interesse gilt aber offenbar vor allem den Biografien hinter der Musik?

Immer! Darum mache ich dieses Programm live manchmal mit Fotos oder Film-Clips. Es ist eine wunderbare Möglichkeit, eine Geschichte weiterzuerzählen. Und diese Geschichte hat alles: Sie hat tolle Musik, sie hat eine tragische Seite, sie hat eine glückliche Seite. Sie kennt Komponisten, die sehr erfolgreich waren wie Korngold, wie Rózsa, aber auch jene, für die es absolut
elend war. Doch sie alle hatten ein bewegtes Leben. Und man darf die Kehrseite nicht vergessen: Selbst die Komponisten, die in Hollywood Karriere gemacht hatten, wurden in Europa komplett ignoriert.

Weil sie sich verkauft hatten …

Es war sehr spannend, mit dem Sohn von Arnold Schönberg und seiner Frau, der Tochter von Zeisl, zu sprechen. Auch Zeisl war nur nach Hollywood gekommen, um sich und seine Familie zu retten. Korngold hat diese Arbeit sehr als Mittel benutzt, um Geld zu verdienen. Er wollte nichts anderes, als seiner Familie zu helfen und die Leute aus Europa herauszuholen. An dem Tag, als der Krieg vorbei war, war für ihn Schluss mit Filmmusik, und er schrieb das Violinkonzert. Das wird oft vergessen in seiner Biografie: Er wollte zurück, er wollte in Wien sein.

2009 erschien Ihr Buch Familienstücke, in dem Sie die Exil-Geschichte Ihrer Familie aufarbeiten. Floss auch diese Recherche in das Hollywood-Projekt mit ein?

Familienstücke war sozusagen der Anfang meiner Selbstanalyse. Vieles, was ich seither getan habe, geht darauf zurück. Dieses Buch hat so viel bewirkt – all die Dinge, die ich herausgefunden habe. Das hat mich sehr verändert, inspiriert, schockiert. Und ich werde bis heute konfrontiert mit der Arbeit daran. Man recherchiert, findet Sachen und Akten – das ist die eine Seite.
Aber dann kommt jemand, den man nicht kennt, der betroffen ist oder war. Oder der noch Bilder hat aus der Zeit. Mich erreichen Briefe von Menschen, die in Berlin unsere Nachbarn waren. Eines Abends nach einem Konzert kam tatsächlich der Sohn des Anwalts meiner Urgroßmutter zu mir. Was ich sagen will: Wenn man beschließt, so etwas zu machen, ist es, als würde man den Wasserhahn anmachen – es fließt einfach. Und das ist extrem spannend. Projekte wie diese fangen immer mit einer Idee an, und die wächst dann – nicht geradeaus, sondern in die Breite.

Und die Message?

Muss es ein Message geben? Wenn ja, dann die, dass diese Komponisten Großartiges geleistet haben und auch heute noch unterschätzt sind. Und ganz sicher die: Dass wir alle einen Ort haben, wohin wir fliehen können. Zuflucht bedeutet für jeden etwas anderes.

„… am schönsten Ende der Welt“
30.06.2014

Unser Kolumnist weilte in der Pampa von Chile und konzertierte in einem der weltweit spektakulärsten Konzerthäuser, das vom Deutschen Uli Bader geleitet wird.
Eine Begegnung im Teatro del Lago von Frutillar, Patagonien.

Daniel Hope: Uli, wir sind hier im unglaublich weit entfernten Frutillar, an einem der – wie ich finde – schönsten Orte der Welt, im Süden von Chile. Wie,
in aller Welt, bist du hier gelandet?

Uli Bader: Ich war sechs Jahre in Washington, D.C. beim National Symphony Orchestra als Director of Artistic Planning tätig, aber auf einer Südamerikareise 2005 habe ich eine alte Freundin wieder getroffen – meine heutige Frau Nicola Schiess. Sie ist Deutsch-Chilenin, und dann gab es hier dieses Projekt in Patagonien, vor den schneebedeckten Vulkanen und dieser Seenlandschaft.
Durch den Kontakt mit meiner Frau wurde mir die Möglichkeit geboten, ein internationales Konzert- und Veranstaltungshaus mitzuentwickeln und zu erbauen. Das hatte mich begeistert.

Wann war die Eröffnung?

Insgesamt wurde zwölf Jahre daran gearbeitet, 2010 war dann die Eröffnung, und jetzt kommen sogar solche Künstler wie Daniel Hope …

Also, ganz ehrlich, ich bin heute morgen auch nicht mehr aus dem Staunen herausgekommen. Eine absolute Traumkulisse!

Ja, es ist schon ein besonderes Fleckchen Erde. Das Wetter ist nicht immer so gut wie heute morgen, aber es ist bestimmt für jeden ein Erlebnis, hierher zu reisen.

Viele wunderbare Künstler waren schon hier, auch Yo-Yo Ma, oder …?

Ja, Yo-Yo war bei uns im Jahr 2013. Die Bamberger Symphoniker haben hier bereits konzertiert, nach einer anstrengenden Südamerika-Tour. Auch sie haben gestaunt. Oder Alban Gerhardt und auch große Ballettstars wie Julio Bocca, Marianela Nuñez, Julie Kent sind zu Gast, wir machen hier ja nicht nur klassische Konzerte, sondern auch Modern Dance, Oper, Ballett und sehr, sehr viel Education. Wir haben eine Ballettschule gegründet, die heute – nach sechs Jahren – an die Royal Academy of Dance in London angeschlossen ist. Also hier passiert einiges.

Sogar die Akustik des Saales ist sehr gelungen – und das am Ende der Welt …

Ja, wir hatten auch professionelle Hilfe von Prof. Karlheinz Müller, dem Münchner Akustiker, er hat unglaubliche Arbeit hier geleistet und gemeinsam mit dem deutschen Architekten Bernd Haller diesen wunderschönen und sensationellen Saal gebaut.

Vieles in dieser Gegend erinnert an Deutschland. Kannst du kurz erklären, warum das so ist?

Die Gemeinde Frutillar wurde im Jahr 1856 von deutschen Einwanderern gegründet. Es gibt hier eine deutsche Kulturtradition, Kuchen heißt sogar in ganz Chile „Kuchen“. Frutillar ist heute aber nicht mehr so deutsch, wie es mal war, viele Details erinnern jedoch an jene Tradition und Herkunft. Auf dieser Basis und mit dem Teatro del Lago wollen wir hier langfristig eine internationale Kultur-Tourismus-Destination aufbauen. Und das – ich sage immer – am schönsten Ende der Welt.

… da gebe ich dir vollkommen recht.

„…Sie selbst müssen zufrieden sein“
30.04.2014

Alice Herz-Sommer, die durch ihre Konzerte im Konzentrationslager Theresienstadt weltweite Berühmtheit erlangte, ist im Alter von 110 Jahren gestorben. Unser Kolumnist hatte die Pianistin im Frühjahr 2012 in ihrer Wohnung besucht und interviewt. Eine Erinnerung.

Ich bin gerade von der Bühne eines Konzertes im Festspielhaus Baden-Baden gekommen, als ich vom Tod Alice Herz-Sommers erfuhr. Just an diesem Tag wurde unser Film über Theresienstadt –
zufällig – von der jüdischen Gemeinde in Stockholm vorgeführt. Ich habe sofort Anne Sofie von Otter angerufen, die bei der Vorführung in der schwedischen Hauptstadt vor Ort war.

Frau Herz-Sommer, können Sie beschreiben, wie das war, mit der Musik in Theresienstadt?

Die Frage wurde mir oft gestellt und ich antworte immer: Ich für meine Person, ich war ganz jung und die Zuhörer in diesen Konzerten, das waren alte, fürchterlich kranke, am Ende ihres Lebens stehende Menschen und doch sind sie zu diesen Konzerten gekommen. Denn es war das Einzige, wofür sie gelebt haben.

Wie oft gab es diese Konzerte?

Jeden Abend!

Jeden Abend?

Ja, für uns Spielende war das göttlich. Gewusst zu haben: Heute Abend spielst du, so ist es. Ein Wort vor Gott – an den ich nicht glaube!

Welche Lehre für das Leben zieht man aus einer solchen Erfahrung im Konzentrationslager?

Wissen Sie, es klingt vielleicht eigenartig, aber so eine schwere Zeit macht einen reicher. Wenn sich Leute über Blödsinn beklagen, was haben die eine Ahnung!

Ich habe meine Geige dabei. Darf ich etwas für Sie spielen?

Na, das wäre herrlich!

Alice Herz-Sommer wünschte sich ein Stück von Johann Sebastian Bach. Ich habe ihr die Sarabande aus der d-Moll-Partita vorgespielt, die sie natürlich kannte. Es ist etwas besonderes, einer Frau wie Alice Herz-Sommer vorzuspielen.

Sie haben einmal gesagt: „Sogar in der dunkelsten Ecke der Erde nahm uns die Musik unsere Angst und erinnerte uns an die Schönheit der Welt.“

Ja, und es ist genau so. Wissen Sie, der Höhepunkt des Glückes ist meiner Ansicht nach die Zufriedenheit mit sich selbst. Sie sind ein Geiger. Wenn Sie zufrieden sind, so ist es etwas. Sie selbst müssen zufrieden sein mit Ihrem Spiel und nicht die Anderen. Habe ich Recht?

Absolut.

Und das ist das Glück in unserem Leben. Nur das. Nicht andere Menschen, gar nichts. Das ist es. Die Zufriedenheit.

„Besser kostet Mehr“
28.02.2014

In einer neuen Reihe trifft unser Kolumnist und Lieblingsgeiger Persönlichkeiten, denen er auf seinen Reisen durch die Welt der klassischen Musik begegnet. Für diese Ausgabe sprach er mit Pianist Menahem Pressler nach dessen historischem Konzert in Berlin.

Daniel Hope: Menahem, …
Menahem Pressler: Daniel, …

Du hast gerade dein Solodebut mit den Berliner Philharmonikern gegeben – im Alter von 90 Jahren. Was ist das für ein Gefühl?

Ich bin wirklich glücklich. Das Großartige für mich war, mit so einem Orchester wie den Berliner Philharmonikern auf die Bühne zu gehen. Ich bin in Deutschland geboren, und die Berliner sind
ein so großartiges Ensemble mit einer solch wichtigen Geschichte mit Furtwängler, Karajan, jetzt Rattle, und sie zu einer Art von Kammermusik zu bringen, das war schon ein großes Erlebnis.

Du kanntest die Berliner Philharmoniker bestimmt schon als Kind. Hast du damals daran gedacht, dass du je mit ihnen auf der Bühne stehen würdest?

Nur im Traum – und dann bin ich aufgewacht.

Und dann auch noch mit Stücken von Mozart. Warum Mozart?

Na, wie du weißt, Mozart-Konzerte sind die feinste, die höchste Kammermusik. Mozart hat sich in seinen Klavierkonzerten sogar noch besser ausgedrückt als in seinen Trios.

Warst du zufrieden mit deinem Auftritt?

Daniel, jeder Künstler zweifelt an sich. Wir kennen uns von der besten Seite, und wir kennen uns von der schlechtesten Seite. Wir üben wie verrückt, um die schlechte Seite zu vermeiden. Und wenn dann, in einem so wichtigen Moment, die bessere Seite zum Vorschein kommt, dann ist man glücklich. Man weiß, dass man auf so einem Gletscher ausrutschen kann. Aber
wenn du zur Spitze des Berges kommst, dann fühlst du mit einem Mal eine Befreiung: „Ich hab᾽s geschafft.“ Das ist allerdings keine Garantie für morgen, und es war auch keine Garantie für gestern. Aber ich liebe die Musik.

Nach welchem Prinzip hast du deine Stücke dann ausgewählt?

Weißt du, wenn du als Künstler bereit bist, dich der Musik hinzugeben, dann darfst du nicht fragen: Ist das ein Stück, mit dem ich Erfolg haben kann? Sondern: Ist das ein Stück, das ich liebe
und so gerne spielen möchte, dass mein Publikum es auch liebt. Das ist für mich die einzig richtige Art und Weise, ein Künstler zu sein, und ich habe nach diesem Prinzip immer gelebt.

Würdest du das auch als Prinzip des Beaux Arts Trios sehen?

Ja. Das weißt Du ja auch: Wir haben ja nie gedacht: Das war fantastisch! Nie. Ich erinnere mich sogar noch an unseren ersten Geiger, Daniel Guilet, der einmal gesagt hat: „Nun, besser kostet mehr.“ Ein sehr schöner Satz, findest du nicht?

Doch, sehr. Bringt es auf den Punkt. Der Titel deiner Biografie heißt ja auch Es gibt immer noch etwas zu entdecken.

Ja, und das macht die Reise durch das Leben doch so schön. Es gibt kein Ende an Schönheit, und es gibt kein Ende des Suchens. Wenn man so hungrig bleibt wie für das Essen jeden Tag, bleibt man auch hungrig für die Musik.



2013


Geschichtskunde
30.12.2013

Unser Kolumnist konzertierte vor dem Brandenburger Tor und kann damit auch ein Zeichen für die Geschichte seiner eigenen Familie setzen.

Sie haben bei den Erinnerungen zur Reichspogromnacht von 1938 ein Konzert vor dem Brandenburger Tor gegeben. Sie sind Jahrgang 1973, fühlen Sie bei solch geschichtlichen Ereignissen mit?

Sehr sogar. Seit ich die Geschichte meiner Familie entdeckte, die 1938 aus Berlin vertrieben wurde, habe ich mich ja bewusst entschieden, viele historische Orte Berlins zu bespielen:
den Reichstag, die Mendelssohn-Remise, Tempelhof. Denn dort Musik zu machen, umzingelt von all den Geschehnissen und Gespenstern, befreit mich von einer Vergangenheit, die ich nicht erlebt habe, aber trotzdem noch spüre. Das Konzert am Brandenburger Tor war bisher das Highlight.

Es gab auch Kritiker der „Feierlichkeiten“. Haben Sie Verständnis dafür?

Als Engländer kann ich nur aus meiner Sicht sprechen: Dass man an dem Abend und überhaupt über das ganze Jahr durch die Ausstellung „Zerstörte Vielfalt“ 1000 Berliner Schülerinnen und Schüler dazu bewegen konnte, ein Signal zu setzen, dass das heutige Deutschland ein Bewusstsein für den Wert der Vielfalt hat, finde ich großartig. Wenn das Gedenken an die Ereignisse von 1938
dazu mahnt, wachsam zu sein gegenüber jeder Form von Intoleranz, Rassismus, Antisemitismus und Gewalt, dann finde ich solche Abende sehr wichtig.

Soeben ist auch die DVD „Theresienstadt“ erschienen, bei der Sie beteiligt waren…

Ja, ein Projekt, das mir sehr viel bedeutet, denn wir erzählen die Geschichte von zwei überlebenden Musikern, Alice Herz-Sommer (110) und Coco Schumann (89). Alle Künstler haben ihren Beitrag an diesem DVD-Projekt absolut ehrenamtlich geleistet. Die Bayerische Akademie der Schönen Künste unterstützte die Realisierung der Produktion zusätzlich mit einem namhaften Betrag.
Etwaige spätere Erträge aus dieser DVD sollen ausschließlich und zweckgebunden für Maßnahmen verwendet werden, die der Erinnerung an die Opfer von Terezin und deren zum Teil nahezu vergessenen Komponisten dienen.

Zurück nach Berlin. Haben Sie auch Politiker getroffen?

Das Konzert am Brandenburger Tor wurde maßgeblich von André Schmitz geprägt, dem Berliner Staatssekretär für Kultur. Zwei Tage später nahm ich an einem Gedenkkonzert
im Finanzministerium teil, in Erinnerung an die Konferenz vom 12. November 1938 im damaligen Reichsluftfahrtministerium. Dort bin ich Wolfgang Schäuble begegnet, der sehr viel tut, um die Geschichte des „Hauses“ an die Öffentlichkeit zu bringen.

Verstehen die deutschen Politiker eigentlich was von klassischer Musik?

Die beiden Herren sind große Liebhaber klassischer Musik, Herr Schäuble hat in seiner Jugend ja selbst Geige gespielt!

Sie haben für das Jahresende angeblich alle Konzerte abgesagt, können Sie uns den Grund verraten?

Wir erwarten in Kürze unser erstes Kind! Ich habe beschlossen, drei Monate frei zu nehmen. Auch wenn ich viele Auftritte absagen musste – ich möchte diese erste Zeit unbedingt miterleben.

Echo? gut.
31.10.2013

Unser Kolumnist war beim Echo Klassik nicht nur unser Mann hinter der Bühne, sondern bekam auch selbst einen überreicht. Deshalb die wichtigste Frage: Wie war’s?

Daniel, Stichwort „backstage“, Sie waren beim ECHO Klassik unser Mann hinter der Bühne: Wie war es in den Katakomben des Konzerthauses?

Hinter der Bühne ist es nicht so spannend. Das einzige, was wirklich auffällig war, sind diese tausende von Mitarbeitern, die für eine solche TV-Produktion nötig sind. Man muss immer aufpassen, dass man nicht von einem Kamerateam oder einer Aufnahmeleiterin umgerannt wird. Das ist für uns klassische Musiker doch etwas ungewohnt.

Und es gab keinen Eklat, den wir hier exklusiv vermelden können?

Nein. Selbst wenn, hätte ich es bestimmt nicht verraten.

Aber man trifft viele Kollegen…Über welche Begegnung haben Sie sich besonders gefreut?

Das passierte schon am Vormittag auf dem Münchner Flughafen. Ich war zufällig mit Sol Gabetta auf dem gleichen Flieger gebucht. Wir kennen und mögen uns schon lange, sehen uns aber selten, da freut man sich schon sehr, wenn man sich dann rein zufällig trifft. Sie war aber auch schon wieder beschäftigt, weil sie mit ihrem Kamerateam ihrer eigenen BR-Sendung KlickKlack unterwegs war.

Wie finden Sie aus der Sicht des Künstlers diese Arie auf dem roten Teppich, wenn die Fotografen dauernd nach einem schreien?

Also ich finde das sehr seltsam. Wenn man da auf dem roten Teppich steht und wenn 20 schreiende Fotografen vor Dir stehen und einen dauernd anblitzen, das ist wirklich
merkwürdig. Wir sind ja auch keine Hollywoodstars, wir sind das einfach nicht gewohnt!

Wie finden Sie persönlich Rolando Villazón als Moderator?

Ich finde, er macht das sehr gut. Vor allem mit Witz, Humor und Eleganz. Und man darf nicht vergessen: er moderiert nicht in seiner Muttersprache! Das ist unglaublich schwierig. Ich weiß da, wovon ich spreche.

Sie haben Ihren 6. ECHO bekommen, waren also schon oft dabei. Was würden Sie ändern, wenn man Sie fragen würde…

Ich weiß es nicht, es ist ja eine Show auf sehr hohem Niveau! Und die klassische Musik braucht solche Veranstaltungen. Ich würde vielleicht ein bisschen mehr variieren, zum Beispiel, dass nicht alles auf einer Bühne stattfindet, sondern dass ein Künstler auch woanders singt. Es fehlt vielleicht auch ein wenig an Interaktion. Vielleicht könnte man die Zuschauer mehr mit einbeziehen, man weiß ja nicht, wer da alles sitzt.

Jubiläumsjubilar
30.09.2013

Unser Kolumnist ist gerade 40 geworden und macht sich für uns auf dem 75. Geburtstag des Lucerne Festivals Gedanken über 50 Jahre klassische Musik.

Daniel, wo erwischen wir Sie gerade?

Beim Lucerne Festival, das in diesem Jahr auch ein Jubiläum feiert: 75stes. Es gibt ein unglaubliches Line-up: Claudio Abbado, Mariss Jansons, Daniel Barenboim, Pierre Boulez und Simon Rattle
sind da. Ich fühle mich sehr geehrt, dabei zu sein zu dürfen.

Apropos Jubiläum: Sie wurden gerade 40 Jahre alt. Herzlichen Glückwunsch! Gab es eine große oder kleine Party?

Ich habe klein und fein gefeiert, auf Mallorca mit Familie und Freunden. Woanders wurde jedoch etwas größer gefeiert. Mein Freund Matthias Schorn, Soloklarinettist der Wiener Philharmoniker,
hat beim Openair-Konzert bei den Festspielen Mecklenburg-Vorpommern das Publikum mit 3000 Leuten für mich singen lassen und es als Videobotschaft auf meine Facebook Seite gepostet!

Auch wir bei crescendo feiern ja Jubiläum – 15 Jahre crescendo und 50 Jahre Klassikzeitschriften. Auch wenn Sie erst 40 sind: Waren es gute 50 Jahre in der klassischen Musik?

Ich würde sagen, über die letzten 50 Jahre hat die klassische Musik eine Art Revolution erlebt. Es waren tolle Jahre mit sehr viel aufregender Musik.

Viele sagen ja immer: früher war alles besser. Callas, Karajan und Co. waren noch richtige Stars mit Persönlichkeit, die würde man heute vergebens suchen. Wie sieht
man das als jemand, der ganz nah dran ist, im Klassikzirkus?

Ich liebe und verehre die großen Künstlerpersönlichkeiten des 20. Jahrhunderts. Zum Glück ist ihr Vermächtnis, von dem wir nur lernen können, dank des Internets sofort zugänglich. Aber es gibt auch heute großartige Musiker, die die Musik über alles lieben und dieses auch kommunizieren wollen. Sie sollen ihre Chance bekommen.

Und die vergangenen 15 Jahre?

Die sehe ich etwas differnzierter: Die Phantasie blieb in den letzten 15 Jahren manchmal zugunsten des Marktes auf der Strecke. Und ein Markt macht nur eins – er legt einen Preis für alles
fest. Die Rolle von Kultur muss jedoch über das wirtschaftliche hinausgehen – ihr Fokus sollte der Wert sein, nicht der Preis. Es gibt nur eine soziale Kraft, die stark genug ist, um ein Gegengewicht zur Vermarktung von kulturellen Werten zu bieten – unser Bildungssystem. Doch hier befinden wir uns im Jahr 2013; in unseren Schulen werden Kinder meistens ausgebildet ohne Musik, ohne bildende Kunst, Tanz oder literarische Künste. Die Ausbildung fördert in erster Linie eine Seite des Gehirns – die analytische und nummerische – während die andere Hälfte, die ganzheitliche, intuitive und ästhetische unterentwickelt bleibt. Ich bin ein großer Befürworter der musischen Erziehung. Der Zweck der Kunsterziehung ist es aber nicht, mehr Künstler
zu produzieren. Der eigentliche Zweck ist es, unserer Jugend eine humanistische Ausbildung zu ermöglichen, die sie befähigt, ein erfülltes und produktives Leben in einer freien Gesellschaft zu verwirklichen.

Das nehmen wir mal als Appell und Motivation für die kommenden 15 Jahre.

Heifetz vs. Britten!
31.07.2013

Unser Kolumnist spielt zu dessen 100. Geburtstag Brittens Violinkonzert rund um den Globus und verrät, warum das Werk nicht immer ein „Hit“ war.

Mr. Hope, sprechen wir doch Mal über Benjamin Britten: er leidet zu seinem 100. Geburtstag ja etwas unter den Jubilaren Verdi und Wagner, denen mehr Platz eingeräumt wird.

Sehr gerne. Britten hat meine Karriere begleitet, seit ich 16 bin. Damals hatte ich sein Violinkonzert zum ersten Mal gespielt. Ich liebe dieses Werk für seine ganze Vielfalt, seinen Mythos, seine dunklen, melancholischen Klänge und das Drama darin.

Der große Geiger Jascha Heifetz bezeichnete den Solo-Part von Brittens Violinkonzert d-Moll aber als „unspielbar“…

Ja, was aber Unsinn ist, da gerade Heifetz alles spielen konnte! Aber dessen Urteil hatte trotzdem Gewicht, sodass Brittens Werk für lange Zeit kaum von Geigern angefasst wurde. Benjamin Britten hatte es 1939 in den USA geschrieben, nachdem er als Pazifist beim Ausbruch des Zweiten Weltkriegs nach Amerika emigriert war. Überhaupt war er sehr von den Kämpfen
des Spanischen Bürgerkriegs erschüttert und in dem Stück kommen auch häufig spanische Elemente vor. Er zeigte sich überzeugt, dass sein Konzert ohne Frage sein „bestes Stück“ sei. Aber das New Yorker Publikum war bei der Britten-Uraufführung durch den Dirigenten John Barbirolli und den Geiger Antonio Brosa 1940 nicht ganz überzeugt.

Die teuersten Werke berühmter Maler sind auch erst mit der Zeit berühmt geworden…

Ja, das Violinkonzert hat erst in den vergangenen zehn Jahren eine große Renaissance erlebt, was mich besonders freut. Es steht nun regelmäßig auf dem Programm, und viele jungen Geiger versuchen Heifetz Unrecht zu geben. Ich selber nahm das Stück 2004 auf, zusammen mit dem BBC Symphony Orchestra und Paul Watkins. Wie gesagt, ich werde es in diesem Jahr
etwa 20 Mal rund um den Globus spielen.

Im April waren Sie mit Vladimir Ashkenazy auf Spanientour. Wo haben Sie überall gespielt?

In Barcelona, Valencia, Oviedo und San Sebastian. Vier fantastische Städte! In Barcelona haben wir in einem der wahrscheinlich schönsten Konzertsäle der Welt gespielt – im Palau de la Música Catalana, vom katalanischen Architekten Lluís Domènech i Montaner entworfen, einem der wichtigsten Repräsentanten der Moderne. Unter anderem wurde hier im Jahr 1936 das Alban Berg Violinkonzert uraufgeführt und im Publikum saß der junge Benjamin Britten, den das Stück sehr beeindruckte.

Wo geht es als Nächstes hin?

Im Mai spiele ich das Konzert in Kuala Lumpur; am 7. Juli in Stolpe bei den Festspielen Mecklenburg-Vorpommern, am 14. Juli in Aspen, Colorado; im Oktober in Tokyo und Moskau, und am 22. November, direkt am 100. Geburtstag von Britten, im finnischen Helsinki.

„Brandauer und Ruhe, Das passt nicht zusammen“
01.04.2013

Warum unser Kolumnist immer gerne die Texte des österreichischen Schauspielers „vergeigt“.

crescendo: Wie kommt man darauf, einen Schauspieler wie Klaus-Maria Brandauer beim Lesen von Don-Juan-Texten mit der Violine zu begleiten?

Hope: Wir haben uns vor über 13 Jahren kennengelernt, als ich ihn damals einlud, Strawinskys „Geschichte vom Soldaten“ gemeinsam aufzuführen. Seither machen wir jedes Jahr
mindestens ein Projekt zusammen. Die Idee, dass wir uns auf der Bühne ergänzen – er textlich und dramaturgisch, ich musikalisch – gibt es also schon länger.
crescendo: Wie muss man sich das vorstellen: Brandauer liest einen Text von Goethe zu Don Juan und Sie fiedeln dazwischen?
Hope: Nun, ich würde es aber etwas anders beschreiben: Text und Musik können sich wunderbar ergänzen, wenn man sie etwas anders präsentiert. Brandauer besitzt ungeheure
Energie sowie Leidenschaft und Charisma. Ihn live zu erleben, einen Meter von ihm entfernt, ist elektrisierend. Vor allem fasziniert es mich, was er alles mit seiner Stimme machen kann, wie er Klangfarben hervorzaubert, als wäre sie ein Instrument. Und welche Werke passen jetzt zu Don Juans Persönlichkeit? Musik von Bach, Bartók, Schulhoff, Schnittke war zum Beispiel dabei. Ich habe zum Teil auch zu Brandauers Stimme einfach nur improvisiert. Das Konzert war schnell ausverkauft. Lag das an Ihnen oder an Brandauer? Sicherlich an Brandauer, vielleicht aber auch
ein wenig an Don Juan!

Aber Klaus Maria Brandauer ist bestimmt ruhiger geworden in letzter Zeit. Er geht auch auf die 70 zu …

Also Brandauer und Ruhe, das geht nicht wirklich zusammen. Im Gegenteil: er ist dieses Jahr mit einem sehr anspruchsvollen Theaterstück, „Das letzte Band“ von Samuel Beckett, auf Tournee. Es ist ein zweistündiger Monolog eines einzelnen Schauspielers, nicht unbedingt die Rolle für jemanden, der es gerne etwas ruhiger angehen möchte.

Können wir Sie in diesem Jahr noch einmal zusammen mit Brandauer erleben?
Ja. Wir sind Ende des Sommers auf zwei Festivals zu Gast: am 7. September bei den Meraner Musikwochen, wo ich Artist in Residence bin, und am 14. September bei Sebastian Knauers fantastischem Mozart@Augsburg Festival. Am 7. November sind wir noch einmal im Wiener Konzerthaus und nehmen uns dort des Theologen Dietrich Bonhoeffer an. Das wird sehr spannend.

Was wird Ihr persönliches Highlight in diesem Jahr?
Ach, es gibt viele, aber ich freue mich besonders, dass ich über ein Dutzend Mal das Violinkonzert von Benjamin Britten spielen darf. Er wäre in diesem Jahr 100 geworden, und ich liebe seine Musik!

Ab ins all
28.02.2013

Unser Kolumnist veröffentlicht im nächsten Monat sein neues Album „Spheres“ und verrät auf diese Weise nun auch seine astrologische Seite.

crescendo: Warum in aller Welt der Name „Spheres“ für eine CD? Ist Ihnen die Erde nicht mehr genug?

Hope: Seit der Mensch den nächtlichen Sternenhimmel betrachtet und den Lauf der Planeten verfolgt, ist seine Fantasie dadurch angefacht. Im Altertum sprachen die Menschen von Sphärenmusik, von geisterhaften Klängen, die bei der Begegnung einander passierender Planeten entstünden. Die Musik, die die Planeten erzeugten, sei ätherisch und – in
ganz wörtlichem Sinn – nicht von dieser Welt. Diese Vorstellung der Sphärenmusik fasziniert mich schon seit Langem, ebenso wie die Philosophen, Mathematiker und Musiker, die
diese Idee im Laufe der Jahrhunderte entwickelt haben.

Wenn Unternehmer Richard Branson Sie fragen würde, ob Sie in naher Zukunft als Solist mit ins All kämen, würden Sie mitfliegen?

Hope: Sofort! Vor zwei Jahren habe ich sogar zusammen mit einem amerikanischen Radiosender einen Aprilscherz mitgemacht. Es ging um das erste Konzerte im All, mit mir
als Solist. Wir haben echte Experten von der NASA dazu befragt und eine ganze Sendung dazu aufwändig produziert. Die Meldung ging um die Welt, und sogar renommierte
Journalisten und führende Zeitungen sind darauf reingefallen. Es gab auch empörte EMails: Warum denn die NASA so viel Geld ausgeben würde, nur um „einen Musiker“ ins All zu schicken. Herrlich!

Aus den vergangenen Gesprächen mit Ihnen weiß man, dass Sie mit einigen der Komponisten des Albums befreundet oder zumindest bekannt sind … Ludovico Einaudi, Max Richter …

Neben Barockmeister wie Bach und Westhoff wollte ich unbedingt neu in Auftrag gegebene Stücke in Beziehung setzen. So traf ich Alex Baranowski und Aleksey Igudesman,
der in Wien zum Beispiel mein Nachbar ist. Es gibt fünf Ersteinspielungen bei „Spheres“, aber auch Werke von lebenden Komponisten, zu denen ich einen besonderen
Draht habe, wie Philip Glass, Lera Auerbach, oder Elena Kats-Chernin.

Es ist auch ein Stück von Gabriel Prokofiev, dem Enkel Sergej Prokofievs dabei. Spürt man noch die Gene des großen Komponisten?

Gabriel ist ein sehr spannender Komponist, der seinen eigenen Weg geht, trotz seinem berühmten Namen. Ich liebe seine Musik, gerade weil sie ganz neue Elemente miteinbezieht.
Sein Stück, das sogar „Spheres“ heißt, gab mir eigentlich den Titel der CD. Darauf hatte ich natürlich gehofft: neu komponierte Werke, die sich nahtlos in die Dramaturgie dieses Albums einfügen.

Haben Sie eher Angst davor, dass das Album nicht gut verkauft wird, oder freuen Sie sich, dass es fertig ist …

Eine CD zu produzieren ist eine Mischung aus „blood, sweat and tears“, wie wir Engländer sagen! Die Zeit im Studio ist so intensiv. Wenn es dann vorbei ist, kann man es noch nicht glauben.
Man schickt sozusagen ein „Kind“ in die Welt hinaus und ist sehr gespannt, wie es seinen Weg macht.

Gehen Sie mit dem Album nun auf Tournee?

Ich werde sehr viele Konzerte zum Thema „Spheres“ in den nächsten zwei Jahren spielen. In Februar gibt es sogar Auftritte in Planetarien, die in England stattfinden. In München werde
ich das Programm am 18. März mit dem Orchester Jakobsplatz und in Berlin am 30. April spielen. Bei den Meraner Musikwochen im September 2013 darf ich sogar eine ganze Woche zum Thema
„Spheres“ gestalten.

Eigentlich sprechen wir hier immer über Ihre Reisen. Wo geht es in diesem Jahr hin?

Die ganze Welt! 2013 werde ich mehrmals Amerika und Asien besuchen, aber natürlich bin ich in ganz Europa auch ständig unterwegs. Es sei denn, Sir Richard Branson ruft tatsächlich an …



2010


Hält doppelt wirklich besser …?
Musiker dürfen sich ein Leben lang der Musik widmen. Aber wie ist es, wenn...
22.12.2010

Musiker dürfen sich ein Leben lang der Musik widmen. Aber wie ist es, wenn ein Musiker auch etwas anderes machen will, in- oder gar außerhalb der Musik?
Der phänomenale Geiger Maxim Vengerov sorgte neulich für Aufruhr, als er im Alter von 35 Jahren, der Welt ankündigte, dass er sich ausschließlich auf das
Dirigieren konzentrieren wolle, zumindest für absehbare Zeit. Instrumentalisten, die zum Baton greifen, sind ein altbekanntes Thema. Aber was passiert, wenn
ein Künstler sich dabei ertappt, eine Begeisterung für etwas völlig Neues gefunden zu haben? Unsere heutige Gesellschaft ist voll von Beispielen: Modedesigner Tom Ford dreht einen hochgelobten Kinofilm, Armin Mueller Stahl’s Kunstwerke sind weltbekannt und Jeffrey Tate ist gelernter Arzt. Aber auch ein Blick zurück in die Geschichte zeigt, wie vielseitig manche unserer alten Meister waren: Mozart soll besser Billard gespielt haben als die meisten Europaprofis, die er ständig zu sich nach Hause einlud um nächtliche
Wettbewerbe zu veranstalten. Fritz Kreisler zauberte nicht nur himmlische Geigenklänge hervor, sondern hinterließ der Nachwelt unzählige Kompositionsjuwelen.
Und Verdi, der sich „ein Bauer aus Roncole“ nannte, hat seine Honorare konsequent in sein Landgut „Sant‘Agata“ investiert und schaffte daraus ein wahres
Imperium. Aber wir reden hier natürlich von den ganz Großen, nicht von uns „Normalsterblichen“.

Seit ich mein zweites Buch veröffentlicht habe, entdecke ich immer mehr Freude am Schreiben. Dafür bekomme ich ab und zu zu spüren, dass die Idee überhaupt
etwas anderes zu wagen, als Geigespielen, ein sicheres Zeichen dafür sein muss, dass die Musik zu kurz kommt. Das Lustige dabei: Ich empfinde es genau anders rum. Weil es gerade die Musik ist, die mich immer wieder infiziert, inspiriert und anfeuert, fühle ich mich weiterhin verpflichtet, ihren Ausdruck in jeglicher Form zu suchen, ob auf der Geige, in Wort, Ton oder Bild. Es ist meine Art, die Musik zu zelebrieren!

Kann Musik auch Lärm sein?
Ich hatte mir vorgenommen, die anderen Hausbewohner ganz sanft an meine Übungsphasen zu gewöhnen...
20.12.2010

Ich hatte mir vorgenommen, die anderen Hausbewohner ganz sanft an meine Übungsphasen zu gewöhnen und hatte deshalb mit einem Stück von Bach angefangen. Ich strich es vorsichtig an.
Es dauerte nur wenige Minuten, dann klingelte es Sturm an der Tür. Draußen stand ein Mann im Unterhemd und brüllte mich an: „Mach mal leiser! LEI-SER!!“
Offensichtlich glaubte er es mit einer Stereo-Anlage zu tun zu haben. Viele Kollegen kennen das Problem – es wird wütend gegen die Wände geklopft oder auch schon mal die Polizei gerufen. Musikinstrumente können laut sein, selbst jene, denen man es zunächst gar nicht zutraut. Ein Flötist zum Beispiel muss bis zu 118 Dezibel an seinem rechten Ohr verkraften. Eine Geige ist kaum leiser und wenn die vereinten Blechbläser im Orchester losdonnern, können sie es, was die Lautstärke angeht, leicht mit einem startenden Jet aufnehmen.
Aber kann Musik wirklich Lärm sein?
Es leuchtet mir ein, dass man sich um die Musikerohren sorgt, so wie auch für Arbeitnehmer in lärmbelasteten Industriebetrieben Schutzvorkehrungen getroffen werden müssen. Eine seit 2008 geltende Richtlinie der Europäischen Union für Arbeitsschutz besagt hierzu, dass die Gesundheit dabei sogar gefährdet ist. Nicht die des Publikums, sondern der Musiker im Orchester, deren Ohren zeitweise mit Lautstärken beschallt werden, wie sie im sonstigen Leben von Presslufthämmern erzeugt werden. Und wenn ich an viele Musikerkollegen aus der Pop-Branche denke, die im Lauf ihrer Karriere erhebliche Gehörschäden davongetragen haben, muss man zugeben, dass es Musik gibt, die auch schädigend wirken kann. Die Komponisten der Gegenwart werden in Zukunft womöglich darauf zu achten haben, dass ihre Werke nicht die höchstzulässigen Dezibel-Werte überschreiten, weil Uraufführungen – wie bereits in einem Fall geschehen – sonst von Orchestern verweigert werden. Dabei findet man oft gerade die größten Geheimnisse der Musik – im pianissimo …

Das schönste Geräusch (… nach der Musik)
Ich hatte mir vorgenommen, die anderen Hausbewohner ganz sanft an meine Übungsphasen zu gewöhnen...
01.06.2010

Erst am Ende eines Werkes ‚darf’ geklatscht werden, und hält sich jemand nicht daran, kann es sein, dass hemmungslos gezischt wird. Wenn man allerdings den
historischen Kontext dieses Themas weiter untersucht, fällt der Blick schnell ins 19. Jahrhundert zurück. Angesichts der lockeren Sitten, die damals in der Musik welt herrschten, waren die Bemühungen um geordnete Verhältnisse vielleicht angebracht.

Der Komponist Carl Reinecke war hoch beglückt, als er um 1860 das Leipziger Gewandhaus besuchte und dort, wie er berichtete, eine „andächtige Gemeinde“
vorfand. Hatte die „Umerziehung“ in Leipzig funktioniert, war sie anderswo nur bedingt erfolgreich. Offenbar mochten sich viele Konzertgänger nicht so ohne
Weiteres mit den neuen, strengen Regeln anfreunden. Immer wieder mussten sie ermahnt werden, sich während der musikalischen Darbietungen des „Sprechens, des Taktschlagens oder Takttretens, sonstiger auffälliger Bewegungen und insbesondere des Beifallklatschens“ zu enthalten. Speziell der Verzicht auf spontanen Applaus fiel den Menschen schwer. Noch 1910 wurde bei Quartettabenden in Berlin die „Beifallsenthaltung zwischen den einzelnen Sätzen“ ausdrücklich angemahnt und 1940 wurde auf Programmzetteln der Berliner Singakademie gebeten „die Werke nicht durch Beifall zu unterbrechen“. Da ist es interessant, einen der größten Pianisten des 20. Jahrhunderts, Arthur Rubinstein, als Zeugen hingegen zu hören. „Das französische Publikum von 1904 reagierte ganz anders als das heutige. Damals belohnte Beifall mitten im Stück eine gelungene Passage, man rief ’bravo!’, ’charmant’, ’quel artiste!’. Es kam vor, dass der Künstler eine Sonate zwischen den Sätzen abbrach und sich durch Verbeugungen für den Beifall bedankte, was mich, ich will es nur gestehen, nicht störte, im Gegenteil, es ermunterte mich.“

Aber zur Beruhigung derer, die befürchten die Anarchie in der Musikkultur könne womöglich ausbrechen: Je geübter Konzertgänger werden, je mehr sie von
der Musik kennen, desto sicherer werden sie in ihrem Urteil sein und desto seltener wird der Fall eintreten, dass sie dort klatschen, wo es angeblich nicht passt …

Die Perücken trügen …
Wie ist mein Verhältnis zum Barock? Ohne jede Einschränkung – Ich liebe diese...
01.05.2010

Wie ist mein Verhältnis zum Barock? Ohne jede Einschränkung
– Ich liebe diese Musik. Meine Begeisterung ist aber erst gewachsen;
anfangs hatte ich geglaubt, Barock sei nur etwas Erhabenes,
Edles, Unantastbares – bis ich dahinter kam, wie radikal und revolutionär
die „alten“ Meister gewesen sind, wie viel Leidenschaft,
Sinnlichkeit und provokante Dramatik in ihrer Art zu komponieren
stecken. Es ging so weit, dass ich ihre Perücken manchmal
für reine Tarnung hielt, so als ob wir nicht gleich merken sollten,
was sich in Wahrheit in ihrer Musik abspielt. In den hundertfünfzig
Jahren, die nach dem Epochen-Schema als Barock-Zeit gelten,
hat sich so viel ereignet und verändert, von den Grauen des
Dreißigjährigen Krieges bis zu Voltaires Kampf für die Vernunft.
Wissenschaft, Philosophie, Malerei, Baukunst, Literatur nahmen
eine ungeahnte Entwicklung und auch die Musik bahnte sich einen
neuen Weg. Komponisten begannen nach neuen Formen
und Ausdrucksmöglichkeiten zu suchen, schrieben Musik, die
im Unterschied zu früher Raum für Pathos und leidenschaftliche
Emotionen ließ. Und sie hatte Wirkung. „Affekte“ wurden diese
Gefühle genannt, für die bestimmte Motive erfunden wurden, die
sich jeweils durch ein ganzes Werk hindurch zogen und ihm die
Struktur gaben. Ich würde sogar behaupten, dass die Barockmusik
teilweise eine ähnliche Wirkung auf die Menschen erzeugte wie
im 20. Jahrhundert die Rockmusik. Nur dass der Barock, meines
Erachtens wesentlich mehr zu bieten hat! Am 18. September wird
dies geprüft – meine Kollegen und ich werden die Barockmusik
beim Beethovenfest Bonn gegen eine „echte“ Rockband verteidigen,
sozusagen als “battle royal” – trotz gewisser Parallelen in der
Struktur der Musik und der Improvisation, bin ich mir sicher dass
die Barockmusik, in all ihren Facetten, ihren Tanzimpulsen und
ihrem bahnbrechenden musikalischen Impetus gewinnen wird.
Diese Musik mag ja “alt” sein, aber in Wirklichkeit ist sie frischer,
rockiger und inspirierender denn je …

„Kammermusik ist Musik ganz nah…“
Neulich befand ich mich auf Schloss Elmau, wo ich ein Konzert für den Bayerischen Rundfunk gab, das gleichzeitig...
01.02.2010

Neulich befand ich mich auf Schloss Elmau, wo ich ein Konzert für den Bayerischen Rundfunk gab, das gleichzeitig eine Diskussionsrunde einschloss. Thema war „Emotionen in der Musik“, aber vor allem, die Zukunft der Kammermusik. Die Moderatorin beharrte darauf, den Eindruck zu erwecken, dass das Publikum für Kammermusik immer weniger wird,
und dass Konzerte immer seltener werden. Ich, der Pianist Sebastian Knauer und Walter Levin, ehemaliger Primarius des LaSalle Quartetts, konterten mit Beispielen aus unserem Umfeld, wo, in Europa sowie in Amerika, die Kammermusik unserer Meinung nach gerade eine große Renaissance erlebt.

Um Menahem Pressler, meinen genialen Partner aus dem Beaux Arts Trio, zu zitieren: „Kammermusik ist eine der intimsten Sachen, die zwischen Menschen bestehen.” Zusammen haben wir über viele Jahre miterlebt, wie gerne Leute noch ein Quartett- oder Trioprogramm hören, dass es sogar für viele zu einer Art Sucht wird. Da es weniger ,Stars’ in der Kammermusik, dafür so viele phantastische Musiker gibt, treten ausgezeichnete Ensembles momentan überall auf. Hinzu kommt, dass Solisten ohne das Lernen von Kammermusik, etwas sehr Wichtiges vermissen würden. Kammermusik repräsentiert die musikalischen Vitamine, die wir brauchen.

Als ich gerade diese Zeilen schreibe, erreicht mich die traurige Nachricht, dass David Soyer, der Cellist und Mitgründer des Guarneri Quartets, im Alter von 87 Jahren gestorben ist. Somit verlieren wir noch einen der letzten musikalischen ‚Löwen’, der die Kammermusik geprägt hat. Soyer war nicht nur bekannt als Cellist, sondern auch als Lehrer. Heute, wo Meisterkurse für Kammermusik mehr und mehr gefragt sind, müssen wir viel Energie in die Unterstützung des Nachwuchses setzen. Und vor allem, bald wieder einen Kammermusikabend besuchen …



2009


Der Duft der Musik
Musiker reden oft von Farben innerhalb der Musik. Aber wie sieht es mit Düften aus? Eduard Hanslick, einer der gefürchtetsten Musikkritiker seiner Zeit war berühmt für...
01.07.2009

Musiker reden oft von Farben innerhalb der Musik. Aber wie sieht es mit Düften aus? Eduard Hanslick, einer der gefürchtetsten Musikkritiker seiner Zeit war
berühmt für seine von Ironie und Wortwitz sprühenden Rezensionen und seine oftmals geradezu hemmungslosen Attacken auf Musiker und Komponisten, von denen er nichts hielt. Über Peter Tschaikowskys Violinkonzert schrieb er beispielsweise, das Werk bringe „uns auf die schauerliche Idee, ob es nicht auch Musikstücke geben könnte, die man stinken hört“.

Dass auch Gerüche zum Reizthema im heutigen Konzertbetrieb werden können, habe ich kürzlich von einem Kollegen in Amerika erfahren. Nach einer Probe erhielt er einen Anruf der Orchester managerin, die ihm in gewundenen Formulierungen zu verstehen gab, er möchte beim nächsten Mal auf sein Rasierwasser verzichten. Begründung: Der Duft des Solisten lenke das Orchester von der Musik ab.

Die Geschichte kam mir zunächst bizarr vor. Doch dann hörte ich von den künstlerischen Experimenten des russischen Komponisten Alexander Skrjabin Anfang des 20. Jahrhunderts, bei denen Musik mit Worten, Farben und auch Gerüchen verschmolzen werden sollte. Schon sah ich die Aftershave-Affäre in neuem Licht. Außerdem hatte ich in der Zeitung von einer jungen Musikerin gelesen, die behauptete, Töne und Intervalle am Geschmack zu erkennen, uns sogar einige Bach-Werke als „sahnig“ beschrieb. Für mich
war damit klar, dass die Musik noch lange nicht am Ende ist. Womöglich sollten sich Klassik-Einsteiger beizeiten darauf einrichten, Beethovens Violinkonzert bald nicht nur zu hören, sondern auch zu riechen und zu schmecken …

Stargagen
Das Thema ist beileibe nicht neu. Man denke an Klaus Umbachs Report „Geldscheinsonate“ aus den neunziger Jahren, in dem das Millionenspiel mit...
01.06.2009

Das Thema ist beileibe nicht neu. Man denke an Klaus Umbachs Report „Geldscheinsonate“ aus den neunziger Jahren, in dem das Millionenspiel mit der Klassik hinlänglich beschrieben wurde. Der ganze Musikbetrieb sei doch nur ein Riesengeschäft, alles drehe sich einzig und allein ums große Geld. Und der schlichte Musikfreund müsse, wenn er ins Konzert geht, an der Abendkasse bluten.

Dass Komponisten wie Verdi und Richard Strauss schwerreiche Männer wurden, ist ebenso bekannt wie die Supergagen, die Paganini oder Franz Liszt kassierten.
George Gershwin nahm 100 bis 200.000 Dollar im Jahr ein und machte damit sogar den geschäftstüchtigen Strawinsky neidisch. Großverdiener in der Musik gab es immer, wie es umgekehrt viele gab, die bettelarm blieben.

Aber was ist mit den Schwindel erregenden Summen, die für manche internationalen Stars bezahlt werden? Solange die Säle voll waren, hat niemand groß nachgefragt: hohe Gagen wurden gefordert, bezahlt und durch den Ticketverkauf, manchmal aufgestockt durch einen Sponsor, wieder hereingeholt. Aber wenn nicht alles täuscht, ändert sich das allmählich,
ausverkaufte Häuser sind keine Selbstverständlichkeit mehr, selbst wenn große Namen auf dem Plakat stehen. Kommt dann noch eine weltweite Finanzkrise hinzu, haben die Veranstalter plötzlich einige Probleme. Darin liegt allerdings auch eine Chance: dass häufiger als bisher auch junge Künstler eine Auftrittsmöglichkeit erhalten könnten. Hervorragende Nachwuchstalente gibt es genug, doch allzuoft warteten sie vergeblich auf ein Engagement, weil nur die ganz großen Namen zählten und die Konzertmanager nur
mit ihnen das Publikum locken zu können glaubten. Sie sind aber auch unsere Stars, von morgen.

Sandwich? Nein danke!
Neulich war ich zu einer Taufe eingeladen und einer der Gäste, der erstaunlich gut über meinen Terminkalender Bescheid wusste, stellte mir eine interessante Frage: Ob nämlich die Musik,...
01.05.2009

Neulich war ich zu einer Taufe eingeladen und einer der Gäste, der erstaunlich gut über meinen Terminkalender Bescheid wusste, stellte mir eine interessante Frage: Ob
nämlich die Musik, die heute komponiert wird, eine ähnlich hohe Lebenserwartung hat wie das gerade getaufte Baby. Würde man sich in achtzig oder mehr Jahren,
und damit kam er auf den aktuellen Fall, noch an das 2. Violinkonzert von Maxwell Davies erinnern, das ich im August in Leipzig uraufgeführt hatte?

Natürlich konnte ich die Frage so wenig beantworten wie irgendjemand sonst. Für einen so renommierten Komponisten wie Davies stehen die Aktien wahrscheinlich gar nicht mal schlecht, aber über viele andere wird die Zeit wohl schnell hinweggehen. Oft kommen neue Stücke, wenn sie denn überhaupt in einem Konzertsaal auftauchen, nicht über eine einzige
Aufführung hinaus, werden einmal gespielt und verschwinden dann für immer in der Versenkung – nicht etwa, weil sie nichts taugen, sondern weil das Publikum nicht auf Anhieb Zugang zu ihnen gefunden hat. Denn das ist das große Problem der zeitgenössischen Musik – dass sie nicht gut vermittelt wird. Moderne Stücke müssen erklärt werden, vom Komponisten oder vom Interpreten oder am besten von beiden. Nur dann haben sie eine Chance, verstanden zu werden und zu wirken. Sie nach der berüchtigten Sandwich-Methode einfach zwischen zwei Klassik-Hits zu packen und kommentarlos herunterzuspielen, reicht in den meisten Fällen nicht aus.

Und eines darf man nicht vergessen: Vieles braucht Zeit, bis es akzeptiert wird. Man denke nur an Dmitri Schostakowitsch; lange wollte man nichts von ihm wissen,
heute gehört seine Musik zum Standardrepertoire. Und wer hätte gedacht, dass die dritte Sinfonie von Henryk Gorecki jemals ein Bestseller werden könnte. Irgendwann tauchte eine Stelle in einem Werbespot auf, und mit einem Schlag war Gorecki populär.

„Ein Mittel, um ewig jung zu bleiben“
Letzte Woche hatte ich die Ehre, in der Carnegie Hall in New York, zu spielen. Auf dem Weg zum Konzert ist mir ein...
01.04.2009

Letzte Woche hatte ich die Ehre, in der Carnegie Hall in New York, zu spielen. Auf dem Weg zum Konzert ist mir ein alter Witz wieder eingefallen. Ein junger Geiger läuft die Fifth Avenue entlang und fragt einen Passanten: „Entschuldigen Sie bitte, wie komme ich zur Carnegie Hall?“ Die Antwort ist ernüchternd: „Üben Junge, üben.“

Wer behauptet, ohne extrem harte Arbeit eine erfolgreiche Karriere aufgebaut zu haben, sagt nicht die Wahrheit. Heute sitze ich in Brüssel, nachdem ich mir den ganzen Tag als Jurymitglied des Königin-Elisabeth-Wettbewerbs eine Auswahl der talentiertesten jungen Geiger der Welt anhören durfte. Gerade, wenn ich diesen hochbegabten
Stars von Morgen lausche und sehe, wie viel Fleiß, Ehrgeiz und Disziplin in ihnen steckt, bin ich tief beeindruckt und zuversichtlich, dass die Flamme der klassischen Musik weiterbrennen wird.

Auf der anderen Seite ist es mir wichtig, den Überschriften dieses Heftes, immer mal wieder widersprechen zu können! Das Geniale daran, Musiker zu sein, ist für mich, dass ich es nie nur als „Arbeit“ empfinde. Dafür ist das, was wir machen, ein viel zu großes Geschenk. Es ist eine wahre Leidenschaft.

Pablo Casals wusste schon, was er meinte, als er sagte: „Ein Mensch, der seine Arbeit liebt, wird niemals alt.“ Wenn man manche Künstler beobachtet, die sich noch im hohen Alter voll und ganz der Musik widmen, könnte man meinen, die Musik ist tatsächlich ein Mittel, um ewig jung zu bleiben. Die schlüssigste Pointe lieferte dagegen Mozart: „Ohne Musik wär’ alles nichts.“

Vor 10 Jahren starb Menuhin in Berlin
„Ich weiß nun, dass es einen Gott im Himmel gibt“, war Albert Einsteins Kommentar, als er Yehudi Menu hins Konzertdebüt...
01.02.2009

„Ich weiß nun, dass es einen Gott im Himmel gibt“, war Albert Einsteins Kommentar, als er Yehudi Menu hins Konzertdebüt mit sieben Jahren erlebte. Die Legende Menuhin in Worte zu fassen, ist schwierig. Viele wissen, was für ein außergewöhnlicher Musiker und tief humanistischer Mensch er war. Er besaß aber auch eine besondere Fähigkeit, Namen zu
verwechseln bzw. zu vergessen! Vor einigen Jahren, am Münchner Flughafen, kam ein eleganter Herr auf uns zu und sagte „Maestro, es ist wunderbar, Sie wieder zu sehen.“ Menuhin umarmte den Mann, und sie redeten wärmstens über ihre Vergangenheit, ihre Familien und einiges andere. Nachdem der Mann ging, drehte sich Menuhin verwirrt zu mir und sagte: „Was für ein reizender Mann … Wie war doch gleich sein Name?“

„Ah … Placido Domingo“ erinnerte ich ihn. Über so etwas konnte er sich dann schief lachen! Aber sonst hat er sich nicht so leicht geirrt. Während des arabisch-israelischen Konflikts rief Menuhin einen Freund mitten in der Nacht an: „Wir müssen sofort nach Israel fliegen und uns zwischen den zwei Fronten platzieren – wenn wir Musik spielen, werden
sie schon aufhören, sich gegenseitig umzubringen.“ Manchen kommt diese Philosophie naiv vor – andere verstehen, was damit gemeint war – ein echter Schimmer Hoffnung von einem der größten Humanisten. Menuhin glaubte, durch die Musik Krieg und Hass verhindern zu können, Frieden zu stiften und der jüngeren Generation einen Weg zu zeigen,
Brücken zu bauen, um einander mit Achtung zu behandeln.

Meiner Meinung nach gibt es kaum eine Persönlichkeit, die so einmalig war und die uns so fehlt wie jene von Yehudi Menuhin.

„… nicht auf das Ende warten“
Morgens, nach dem Erwachen, freut man sich nicht als erstes auf eine Vivaldi-Sonate oder das Mendelssohn- Violinkonzert, sondern...
01.01.2009

Morgens, nach dem Erwachen, freut man sich nicht als erstes auf eine Vivaldi-Sonate oder das Mendelssohn-Violinkonzert, sondern liest in der Zeitung von Krise, Crash und Katastrophen. Wir haben schwere Zeiten. Wir alle, die gesamte Musikbranche. Die Gründe sind oft genug genannt worden: die noch vor wenigen Jahren gar nicht vorstellbare Vielfalt der medialen Angebote und Möglichkeiten, das nachlassende Interesse an den traditionellen Aufführungsformen und vieles mehr.

Wohlgemerkt: Keine Sekunde glaube ich daran, dass die klassische Musik selbst ihre Attraktion verloren hat. Das Problem ist: Die Menschen, vor allem die jungen, haben immer seltener Gelegenheit, diese Anziehungskraft überhaupt kennenzulernen und zu erfahren. Die Ursachen dafür sind vielfältig (und allgemein bekannt): Hausmusik ist eine Seltenheit
geworden, Musikunterricht in den Schulen oft unzureichend oder gar nicht existent, klassische Konzerte sind für viele abschreckend, die Eintrittspreise obendrein gesalzen, Oper wirkt häufig elitär, manche Radioprogramme kommen einem bloßen Begleitgedudel gleich…

Notleidend ist nicht die Musik selbst. Wie sollte sie auch? Sie ist so vital wie eh und je. Notleidend ist ihre Vermittlung. Und gegen diese Not gilt es etwas zu unternehmen.
Also nicht schicksalsergeben die Hände in den Schoß legen und auf das Ende warten, sondern etwas tun! Vor allem, der Jugend in geeigneter Form zeigen, wie genial diese Musik wirklich ist.



2008


„Tu Was“
Ende Mai fand ich in einem Travel-Shop am Flughafen von Singapur zufällig ein Buch mit dem Titel „Kristallnacht – Prelude to destruction“...
01.07.2008

Ende Mai fand ich in einem Travel-Shop am Flughafen von Singapur zufällig ein Buch mit dem Titel „Kristallnacht – Prelude to destruction“ („Vorspiel zur Zerstörung“). Der Historiker Martin Gilbert schreibt in diesem Buch über den 9. November 1938. Für ihn war die „Kristallnacht“ der Auftakt zur systematischen Verfolgung der Juden in Deutschland.

Das Buch hat mich erschüttert, und ich habe mich gefragt, was ich selbst wohl in dieser Zeit getan hätte und man heute noch tun kann? Ich rief sofort Freunde und Kollegen an, und war über ihre unglaubliche Solidarität zutiefst gerührt. Wir waren uns einig, dass wir an die Vergangenheit erinnern müssen, um die Zukunft zu verbessern.

Am 9. November dieses Jahres präsentierte ich unter dem Titel „Tu Was“ in Berlin ein Benefizkonzert, um an diesen schrecklichen Tag vor 70 Jahren zu erinnern. Obwohl ich erst Mitte Juni mit der Arbeit beginnen konnte, bekam ich von so vielen Seiten Hilfe, dass das unmöglich Erscheinende möglich wurde. Über Tausend Menschen erlebten in der geschichtsträchtigen Abflughalle des vor kurzem geschlossenen Flughafens Tempelhof Künstler wie Brandauer, Raabe, Quasthoff, Gabetta, Pressler, Knauer, Brönner,
Grimaud, Patrice, und Polarkreis 18, die alle ohne Gage aufgetreten sind. Der Erlös wird der Freya von Moltke Stiftung für das Neue Kreisau gespendet, die unermüdlich gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit kämpft.

Kann Musik die Welt verändern? Sicher nicht. Aber sie hat magische Kraft, berührt einen, ohne, dass man es will, unabhängig von Sprache, Nationalität oder Glauben. Ein Lied oder eine Melodie kann uns in die Vergangenheit zurückführen und große Emotionen wachrufen – das Schönste, und das Mächtigste, wenn man bereit ist, seine Ohren zu öffnen!





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Crescendo

2014


„Besser kostet Mehr“
28.02.2014

In einer neuen Reihe trifft unser Kolumnist und Lieblingsgeiger Persönlichkeiten, denen er auf seinen Reisen durch die Welt der klassischen Musik begegnet. Für diese Ausgabe sprach er mit Pianist Menahem Pressler nach dessen historischem Konzert in Berlin.

Daniel Hope: Menahem, …
Menahem Pressler: Daniel, …

Du hast gerade dein Solodebut mit den Berliner Philharmonikern gegeben – im Alter von 90 Jahren. Was ist das für ein Gefühl?

Ich bin wirklich glücklich. Das Großartige für mich war, mit so einem Orchester wie den Berliner Philharmonikern auf die Bühne zu gehen. Ich bin in Deutschland geboren, und die Berliner sind
ein so großartiges Ensemble mit einer solch wichtigen Geschichte mit Furtwängler, Karajan, jetzt Rattle, und sie zu einer Art von Kammermusik zu bringen, das war schon ein großes Erlebnis.

Du kanntest die Berliner Philharmoniker bestimmt schon als Kind. Hast du damals daran gedacht, dass du je mit ihnen auf der Bühne stehen würdest?

Nur im Traum – und dann bin ich aufgewacht.

Und dann auch noch mit Stücken von Mozart. Warum Mozart?

Na, wie du weißt, Mozart-Konzerte sind die feinste, die höchste Kammermusik. Mozart hat sich in seinen Klavierkonzerten sogar noch besser ausgedrückt als in seinen Trios.

Warst du zufrieden mit deinem Auftritt?

Daniel, jeder Künstler zweifelt an sich. Wir kennen uns von der besten Seite, und wir kennen uns von der schlechtesten Seite. Wir üben wie verrückt, um die schlechte Seite zu vermeiden. Und wenn dann, in einem so wichtigen Moment, die bessere Seite zum Vorschein kommt, dann ist man glücklich. Man weiß, dass man auf so einem Gletscher ausrutschen kann. Aber
wenn du zur Spitze des Berges kommst, dann fühlst du mit einem Mal eine Befreiung: „Ich hab᾽s geschafft.“ Das ist allerdings keine Garantie für morgen, und es war auch keine Garantie für gestern. Aber ich liebe die Musik.

Nach welchem Prinzip hast du deine Stücke dann ausgewählt?

Weißt du, wenn du als Künstler bereit bist, dich der Musik hinzugeben, dann darfst du nicht fragen: Ist das ein Stück, mit dem ich Erfolg haben kann? Sondern: Ist das ein Stück, das ich liebe
und so gerne spielen möchte, dass mein Publikum es auch liebt. Das ist für mich die einzig richtige Art und Weise, ein Künstler zu sein, und ich habe nach diesem Prinzip immer gelebt.

Würdest du das auch als Prinzip des Beaux Arts Trios sehen?

Ja. Das weißt Du ja auch: Wir haben ja nie gedacht: Das war fantastisch! Nie. Ich erinnere mich sogar noch an unseren ersten Geiger, Daniel Guilet, der einmal gesagt hat: „Nun, besser kostet mehr.“ Ein sehr schöner Satz, findest du nicht?

Doch, sehr. Bringt es auf den Punkt. Der Titel deiner Biografie heißt ja auch Es gibt immer noch etwas zu entdecken.

Ja, und das macht die Reise durch das Leben doch so schön. Es gibt kein Ende an Schönheit, und es gibt kein Ende des Suchens. Wenn man so hungrig bleibt wie für das Essen jeden Tag, bleibt man auch hungrig für die Musik.

„…Sie selbst müssen zufrieden sein“
30.04.2014

Alice Herz-Sommer, die durch ihre Konzerte im Konzentrationslager Theresienstadt weltweite Berühmtheit erlangte, ist im Alter von 110 Jahren gestorben. Unser Kolumnist hatte die Pianistin im Frühjahr 2012 in ihrer Wohnung besucht und interviewt. Eine Erinnerung.

Ich bin gerade von der Bühne eines Konzertes im Festspielhaus Baden-Baden gekommen, als ich vom Tod Alice Herz-Sommers erfuhr. Just an diesem Tag wurde unser Film über Theresienstadt –
zufällig – von der jüdischen Gemeinde in Stockholm vorgeführt. Ich habe sofort Anne Sofie von Otter angerufen, die bei der Vorführung in der schwedischen Hauptstadt vor Ort war.

Frau Herz-Sommer, können Sie beschreiben, wie das war, mit der Musik in Theresienstadt?

Die Frage wurde mir oft gestellt und ich antworte immer: Ich für meine Person, ich war ganz jung und die Zuhörer in diesen Konzerten, das waren alte, fürchterlich kranke, am Ende ihres Lebens stehende Menschen und doch sind sie zu diesen Konzerten gekommen. Denn es war das Einzige, wofür sie gelebt haben.

Wie oft gab es diese Konzerte?

Jeden Abend!

Jeden Abend?

Ja, für uns Spielende war das göttlich. Gewusst zu haben: Heute Abend spielst du, so ist es. Ein Wort vor Gott – an den ich nicht glaube!

Welche Lehre für das Leben zieht man aus einer solchen Erfahrung im Konzentrationslager?

Wissen Sie, es klingt vielleicht eigenartig, aber so eine schwere Zeit macht einen reicher. Wenn sich Leute über Blödsinn beklagen, was haben die eine Ahnung!

Ich habe meine Geige dabei. Darf ich etwas für Sie spielen?

Na, das wäre herrlich!

Alice Herz-Sommer wünschte sich ein Stück von Johann Sebastian Bach. Ich habe ihr die Sarabande aus der d-Moll-Partita vorgespielt, die sie natürlich kannte. Es ist etwas besonderes, einer Frau wie Alice Herz-Sommer vorzuspielen.

Sie haben einmal gesagt: „Sogar in der dunkelsten Ecke der Erde nahm uns die Musik unsere Angst und erinnerte uns an die Schönheit der Welt.“

Ja, und es ist genau so. Wissen Sie, der Höhepunkt des Glückes ist meiner Ansicht nach die Zufriedenheit mit sich selbst. Sie sind ein Geiger. Wenn Sie zufrieden sind, so ist es etwas. Sie selbst müssen zufrieden sein mit Ihrem Spiel und nicht die Anderen. Habe ich Recht?

Absolut.

Und das ist das Glück in unserem Leben. Nur das. Nicht andere Menschen, gar nichts. Das ist es. Die Zufriedenheit.

„… am schönsten Ende der Welt“
30.06.2014

Unser Kolumnist weilte in der Pampa von Chile und konzertierte in einem der weltweit spektakulärsten Konzerthäuser, das vom Deutschen Uli Bader geleitet wird.
Eine Begegnung im Teatro del Lago von Frutillar, Patagonien.

Daniel Hope: Uli, wir sind hier im unglaublich weit entfernten Frutillar, an einem der – wie ich finde – schönsten Orte der Welt, im Süden von Chile. Wie,
in aller Welt, bist du hier gelandet?

Uli Bader: Ich war sechs Jahre in Washington, D.C. beim National Symphony Orchestra als Director of Artistic Planning tätig, aber auf einer Südamerikareise 2005 habe ich eine alte Freundin wieder getroffen – meine heutige Frau Nicola Schiess. Sie ist Deutsch-Chilenin, und dann gab es hier dieses Projekt in Patagonien, vor den schneebedeckten Vulkanen und dieser Seenlandschaft.
Durch den Kontakt mit meiner Frau wurde mir die Möglichkeit geboten, ein internationales Konzert- und Veranstaltungshaus mitzuentwickeln und zu erbauen. Das hatte mich begeistert.

Wann war die Eröffnung?

Insgesamt wurde zwölf Jahre daran gearbeitet, 2010 war dann die Eröffnung, und jetzt kommen sogar solche Künstler wie Daniel Hope …

Also, ganz ehrlich, ich bin heute morgen auch nicht mehr aus dem Staunen herausgekommen. Eine absolute Traumkulisse!

Ja, es ist schon ein besonderes Fleckchen Erde. Das Wetter ist nicht immer so gut wie heute morgen, aber es ist bestimmt für jeden ein Erlebnis, hierher zu reisen.

Viele wunderbare Künstler waren schon hier, auch Yo-Yo Ma, oder …?

Ja, Yo-Yo war bei uns im Jahr 2013. Die Bamberger Symphoniker haben hier bereits konzertiert, nach einer anstrengenden Südamerika-Tour. Auch sie haben gestaunt. Oder Alban Gerhardt und auch große Ballettstars wie Julio Bocca, Marianela Nuñez, Julie Kent sind zu Gast, wir machen hier ja nicht nur klassische Konzerte, sondern auch Modern Dance, Oper, Ballett und sehr, sehr viel Education. Wir haben eine Ballettschule gegründet, die heute – nach sechs Jahren – an die Royal Academy of Dance in London angeschlossen ist. Also hier passiert einiges.

Sogar die Akustik des Saales ist sehr gelungen – und das am Ende der Welt …

Ja, wir hatten auch professionelle Hilfe von Prof. Karlheinz Müller, dem Münchner Akustiker, er hat unglaubliche Arbeit hier geleistet und gemeinsam mit dem deutschen Architekten Bernd Haller diesen wunderschönen und sensationellen Saal gebaut.

Vieles in dieser Gegend erinnert an Deutschland. Kannst du kurz erklären, warum das so ist?

Die Gemeinde Frutillar wurde im Jahr 1856 von deutschen Einwanderern gegründet. Es gibt hier eine deutsche Kulturtradition, Kuchen heißt sogar in ganz Chile „Kuchen“. Frutillar ist heute aber nicht mehr so deutsch, wie es mal war, viele Details erinnern jedoch an jene Tradition und Herkunft. Auf dieser Basis und mit dem Teatro del Lago wollen wir hier langfristig eine internationale Kultur-Tourismus-Destination aufbauen. Und das – ich sage immer – am schönsten Ende der Welt.

… da gebe ich dir vollkommen recht.

Der Sound von Hollywood
01.09.2014

Großartige Komponisten flohen in den 40er Jahren auch in die Traumfabrik von Hollywood. Ein Thema, das den Musiker Daniel Hope seit seiner Kindheit beschäftigt und das er nun mit seinem neuen Album „Escape to Paradise“ dramaturgisch und musikalisch behandelt. Doch fanden die Herren im Exil von Los Angeles wirklich das Paradies?

Herr Hope, Ihre neue CD The Hollywood Album be-schäftigt sich mit Komponisten, die vor Hitler ins Exil geflohen sind. Sie ist aber überschrieben mit Escape to Paradise …

Eigentlich ist das eher als Frage gemeint. Für einige von ihnen war es das Paradies, Arnold Schönberg zum Beispiel hatte einmal genau diese Worte verwendet. Andere fanden dort die
Hölle. Für alle war es am Ende ja ein Ort der Zuflucht.

Gab es einen aktuellen Anlass, sich mit diesem Thema zu beschäftigen und daraus ein Album zu machen?

Eher im Gegenteil: ich habe mich 15 Jahre mit Musik aus Theresienstadt beschäftigt. Es war langsam Zeit für die Kehrseite. Ich wollte auch die Frage stellen, was aus den Musikern und Künstlern geworden ist, die überlebt haben – schließlich komme ich selbst aus einer Emigrantenfamilie. Meine Großeltern flohen vor dem NS-Regime nach Südafrika, meine Eltern wiederum vor dessen Apartheidsystem nach Großbritannien. Zudem hat mich die Stadt Los Angeles aus dieser Zeit immer schon fasziniert. Ich war auf Spurensuche, habe zum Beispiel die Villa Aurora besucht. Allein die Vorstellung: Lion Feuchtwanger, Hanns Eisler, Thomas Mann und wie sie alle hießen beim Schnitzelessen in Pacific Palisades – das ist reizend und bizarr gleichermaßen. Genau das aber ist Hollywood. Aber zurück zum Album: Die eigentliche Fragestellung war für mich der Hollywood-Sound. Woher kommt er, was ist das, gibt es ihn überhaupt? Oder ist es nicht eher ein europäischer Klang?

Und? Sie haben sicher Antworten gefunden?

Ich glaube schon. Es kam damals eine ganze Menge zusammen: Hollywood war neu, der Tonfilm war neu, Soundtracks waren neu. Also musste man auch eine neue Art des musikalischen Ausdrucks finden, diese großen Spektakel zu untermalen. Viele der Komponisten kamen aus einem spätromantischen, europäischen Erbe: Pate war neben Max Steiner vor allem Erich Wolfgang Korngold, weil er wie kaum ein anderer in der Mahler-Strauss-ZemlinskiÄra verwurzelt war. Hier konnte er sein gesamtes Talent entfalten. Und ohne Korngold hätten wir vermutlich keinen John Williams – so sehr ich Williams schätze. Insofern bin ich überzeugt, dass der Hollywood-Sound eine absolut europäische Tradition hat. Natürlich durch Zufälle und Notsituationen entstanden.
Aber auch durch geniale Kombinationen: Zum Beispiel Max Reinhardt als Regisseur für den Sommernachtstraum. Die Schauspieler, die Lichtregie – das waren revolutionäre Ideen. Und dazu Mendelssohns Musik, adaptiert von Korngold. Mendelssohn und Korngold im Doppelpack – diese trotzige Haltung finde ich fantastisch. Die Nazis waren entsetzt.

Keine kleine Herausforderung, einen so großen Bogen zu spannen. Was war der Plan bei der Zusammenstellung des Albums?

Die Idee hatte ich schon über zehn Jahre im Kopf. Weil es ein sehr ambitioniertes Projekt ist, hat es entsprechend lange gedauert. Der eigentliche Ursprung liegt aber noch viel weiter zurück – als ich ein Junge war und Korngolds Violinkonzert zum ersten Mal von Jascha Heifetz auf Platte hörte. Ich war sprachlos: ich habe mir nicht zugetraut, es selbst zu spielen, so unglaublich schön war die Interpretation: virtuos, emotional und dennoch kontrolliert. Irgendwann – viel älter und ein bisschen mutiger geworden – habe ich es dann doch aufgenommen. Ich kann aber nie sofort sagen, welche anderen Stücke ich dazunehme. Ich musste es ruhen lassen, überlegen, recherchieren … Zunächst war das Album geplant als reines Exil-Projekt, also nur die Exil-Komponisten. Dann kam Sting dazu – das hat sich einfach so ergeben. Und dann merkte ich, das Thema war nicht nur Exil, sondern Flucht, Escape. Damit änderte sich alles: Plötzlich wusste ich, dass ich einen frühen Korngold spielen muss. Dass ich aber auch American Beauty haben will, weil Thomas Newman der Sohn von Alfred Newman ist, vom Gründer der Hollwood-Clans. Eins kam zum anderen. Es war wie eine Art Schicksalspuzzle, das sich im Laufe dieser zehn Jahre so fügte. Und dennoch waren Auswahl und Anordnung der Stücke eine extreme Herausforderung, auch mit welchem Künstler ich sie machen will. Da steckt sehr viel gedankliche Arbeit dahinter.

Sting singt seinen eigenen Text, The Secret Marriage auf Eislers Vertonung des Brecht-Gedichts An den kleinen Radioapparat. Wäre der Originaltext nicht konsequenter gewesen?

Nicht unbedingt. Sting ist Profi genug, nur in einer Sprache zu singen, die er beherrscht. Natürlich kennt und schätzt er den Text von Brecht. Er hat aber versucht, seinen eigenen Zugang zur Musik zu finden. Und auch bei ihm geht es ja um eine geheime Union, also eine Art Parallelwelt zum „kleinen Radioapparat“

Und Max Raabe singt Speak Low von Kurt Weill …

Ja, es ist wahnsinnig schön, Raabe auf Englisch zu hören. Ich wollte, dass er die Exilstimme verkörpert. Genau das also, was man gehört hat. Mit einem tollen Chanson-
oder Jazzsänger aus Amerika hätte es das Thema der Entwurzelung so nicht gegeben.

Die kleine Schieflage war also dramaturgisch gewollt?

Von diesen „Schieflagen“ gibt es ja mehr auf der CD! As time goes by ist auch eine Art PS von mir. Ich wollte zeigen, dass das nicht einfach alles nur schön ist, sondern dass dahinter etwas ganz anderes steckt. Menuchims Lied von Eric Zeisl ist unglaublich dramatisch, hat wenig mit Schönklang zu tun. Meine dramaturgische Überlegung war es, das auszuleuchten, um dem Hörer noch einmal bewusst zu machen, wo wir uns befinden. Nun ist die Geschichte hinter der Musik ja nicht auf den ersten Blick sichtbar.

Ist es für einen klassischen Geiger nicht ein bisschen gefährlich, so ein Hollywood-Pathos-Paket zu veröffentlichen?

Man kann es nicht jedem recht machen. Aber ein Blick auf die Tracklist genügt: Das ist ja nicht die Filmmusik zu Pirates of the Carribean, es sind keine neuzeitlichen Scores.

Mit ein paar Ausnahmen …

Ja, ich habe ganz bewusst drei lebende Komponisten mitausgewählt. Weil sie den Hollywood-Sound für mich erweitert haben. Und weil das Sujet der jeweiligen Filme nur mit Flucht zusammenhängt: Schindlers Liste, American Beauty und Cinema Paradiso. Und ich fand es sehr spannend, Ennio Morricone mit dazuzunehmen. Er ist Europäer und hat sich nur 20, 30 Jahre später als diese Komponisten in Hollywood nach oben gearbeitet. Aber wie unterschiedlich sind diese Tracks! Korngold, Zeisl, Eisler, Rózsa – der Bogen geht vom großen pathetischen Wohlklang des Ben Hur zu An den kleinen Radioapparat von Eisler. Es mag Leute geben, die das Album als Filmmusik-Platte abtun. Es ist aber viel mehr …

Zumal es ja viele Titel gibt, die gar nicht vom Film kommen.

Das zum einen. Zum anderen sollte sich jeder, der bei Filmmusik jener Zeit die Nase rümpft, bewusst machen, was da für Fähigkeiten dahinterstecken – auf Abruf jeden Stil schreiben zu können!
Da saßen Leute in den Studios, die mit Ravel studiert hatten und plötzlich um 15 Uhr einen Foxtrott und um 16 Uhr einen Cancan komponieren mussten. Aber was für eine musikalische Sprache? Großartige Musik, komplex, sinfonisch …

Ihr Interesse gilt aber offenbar vor allem den Biografien hinter der Musik?

Immer! Darum mache ich dieses Programm live manchmal mit Fotos oder Film-Clips. Es ist eine wunderbare Möglichkeit, eine Geschichte weiterzuerzählen. Und diese Geschichte hat alles: Sie hat tolle Musik, sie hat eine tragische Seite, sie hat eine glückliche Seite. Sie kennt Komponisten, die sehr erfolgreich waren wie Korngold, wie Rózsa, aber auch jene, für die es absolut
elend war. Doch sie alle hatten ein bewegtes Leben. Und man darf die Kehrseite nicht vergessen: Selbst die Komponisten, die in Hollywood Karriere gemacht hatten, wurden in Europa komplett ignoriert.

Weil sie sich verkauft hatten …

Es war sehr spannend, mit dem Sohn von Arnold Schönberg und seiner Frau, der Tochter von Zeisl, zu sprechen. Auch Zeisl war nur nach Hollywood gekommen, um sich und seine Familie zu retten. Korngold hat diese Arbeit sehr als Mittel benutzt, um Geld zu verdienen. Er wollte nichts anderes, als seiner Familie zu helfen und die Leute aus Europa herauszuholen. An dem Tag, als der Krieg vorbei war, war für ihn Schluss mit Filmmusik, und er schrieb das Violinkonzert. Das wird oft vergessen in seiner Biografie: Er wollte zurück, er wollte in Wien sein.

2009 erschien Ihr Buch Familienstücke, in dem Sie die Exil-Geschichte Ihrer Familie aufarbeiten. Floss auch diese Recherche in das Hollywood-Projekt mit ein?

Familienstücke war sozusagen der Anfang meiner Selbstanalyse. Vieles, was ich seither getan habe, geht darauf zurück. Dieses Buch hat so viel bewirkt – all die Dinge, die ich herausgefunden habe. Das hat mich sehr verändert, inspiriert, schockiert. Und ich werde bis heute konfrontiert mit der Arbeit daran. Man recherchiert, findet Sachen und Akten – das ist die eine Seite.
Aber dann kommt jemand, den man nicht kennt, der betroffen ist oder war. Oder der noch Bilder hat aus der Zeit. Mich erreichen Briefe von Menschen, die in Berlin unsere Nachbarn waren. Eines Abends nach einem Konzert kam tatsächlich der Sohn des Anwalts meiner Urgroßmutter zu mir. Was ich sagen will: Wenn man beschließt, so etwas zu machen, ist es, als würde man den Wasserhahn anmachen – es fließt einfach. Und das ist extrem spannend. Projekte wie diese fangen immer mit einer Idee an, und die wächst dann – nicht geradeaus, sondern in die Breite.

Und die Message?

Muss es ein Message geben? Wenn ja, dann die, dass diese Komponisten Großartiges geleistet haben und auch heute noch unterschätzt sind. Und ganz sicher die: Dass wir alle einen Ort haben, wohin wir fliehen können. Zuflucht bedeutet für jeden etwas anderes.

Die Stimme Amerikas
02.09.2014

Unser Kolumnist wurde bei seinem Auftritt im Nobel-Ort Aspen vom bekanntesten Radiomoderator der USA für klassische Musik, Fred Child, interviewt. Hinter der Bühne stellte dann aber Daniel Hope die Fragen …

Du bist ja sozusagen die Stimme klassischer Musik in den USA. Wie bist du eigentlich in unserem Genre gelandet?

Mein Vater war Luftfahrt-Ingenieur, er arbeitete an der Rakete mit, die Menschen zum Mond fliegen sollte. Wenn er abends nach Hause kam, setzte er sich ans Klavier und spielte. Das hatte
etwas Magisches für mich, und ich selbst bat darum, Klavierunterricht zu bekommen. Ich hatte zehn Jahre Unterricht und spielte hauptsächlich für mich selbst, aber als ich diese ganze Welt rund um die klassische Musik kennenlernte, wusste ich, dass ich mein Leben damit verbinden wollte. Ins Radiobusiness bin ich dann eher reingestolpert. Aber beim Radio kann man eben seine eigene
Leidenschaft so toll mit den Hörern teilen und –ganz ehrlich – ich fühle mich da wie der glücklichste Mensch der Welt, dass das auch mein Job ist.

Früher war Radio ja geografisch begrenzt, heute ist es möglich, dich via Internet weltweit zu hören …

Ja. Wir versuchen auch gerade rauszufinden, wie viele Hörer wir eigentlich weltweit haben. Ich durfte zum Beispiel gerade bei der BBC als Presenter für die Aufnahme des National Orchestra of Wales sprechen, weil sie eine amerikanische Stimme haben wollten. Ich fühle mich sehr glücklich, dass ich nicht nur im amerikanischen Radio zu hören bin, sondern auch in anderen Ländern.

Du machst auch Listeners-Tours, also Reisen mit Hörern.

Ja, wir haben das in diesem Jahr angefangen und ganz ehrlich: ich war da etwas skeptisch, ob das funktionieren würde. Aber schon die erste Musikreise nach London im Juni 2014
war sehr schnell ausverkauft. Wir waren mit 50 Hörern unterwegs und haben uns Konzerte angehört und sind in diverse Museen gegangen und haben natürlich auch mit Musikern
gesprochen. 2015 planen wir eine Reise entlang der Donau mit Wien und Budapest. Da werden dann schon 160 Hörer dabei sein. Was mir sehr gefällt ist, dass wir die Leute zusammenbringen, die eine gleiche Leidenschaft teilen. Das ist etwas sehr Schönes.

Ich glaube, nicht nur die Hörer schätzen dich, sondern auch die Musiker. Man merkt, dass du selber Musik machst, und ich habe gelesen, dass du sogar mal als Vorgruppe bei einem Konzert von Grateful Dead aufgetreten bist. Ist das wahr?

Ja (lacht). Ich war vor 30 Jahren mal in einer Band, die African Dance Music gespielt hat, und Mickey Hart, einer der Drummer von Grateful Dead war irgendwie auf unser Album aufmerksam geworden und mochte es. Ich kann mich sehr gut daran erinnern, wie unglaublich es ist, vor 20.000 Menschen zu spielen und zu spüren, was da von einem Publikum zurückkommt.

Kannst du noch verraten, wie man dich im Radio oder via Website findet?

Am besten direkt über www.performancetoday.publicradio.org. Auf der Seite ist übrigens auch das Interview, das ich mit dir hier auf der Bühne geführt habe.



2013


Ab ins all
28.02.2013

Unser Kolumnist veröffentlicht im nächsten Monat sein neues Album „Spheres“ und verrät auf diese Weise nun auch seine astrologische Seite.

crescendo: Warum in aller Welt der Name „Spheres“ für eine CD? Ist Ihnen die Erde nicht mehr genug?

Hope: Seit der Mensch den nächtlichen Sternenhimmel betrachtet und den Lauf der Planeten verfolgt, ist seine Fantasie dadurch angefacht. Im Altertum sprachen die Menschen von Sphärenmusik, von geisterhaften Klängen, die bei der Begegnung einander passierender Planeten entstünden. Die Musik, die die Planeten erzeugten, sei ätherisch und – in
ganz wörtlichem Sinn – nicht von dieser Welt. Diese Vorstellung der Sphärenmusik fasziniert mich schon seit Langem, ebenso wie die Philosophen, Mathematiker und Musiker, die
diese Idee im Laufe der Jahrhunderte entwickelt haben.

Wenn Unternehmer Richard Branson Sie fragen würde, ob Sie in naher Zukunft als Solist mit ins All kämen, würden Sie mitfliegen?

Hope: Sofort! Vor zwei Jahren habe ich sogar zusammen mit einem amerikanischen Radiosender einen Aprilscherz mitgemacht. Es ging um das erste Konzerte im All, mit mir
als Solist. Wir haben echte Experten von der NASA dazu befragt und eine ganze Sendung dazu aufwändig produziert. Die Meldung ging um die Welt, und sogar renommierte
Journalisten und führende Zeitungen sind darauf reingefallen. Es gab auch empörte EMails: Warum denn die NASA so viel Geld ausgeben würde, nur um „einen Musiker“ ins All zu schicken. Herrlich!

Aus den vergangenen Gesprächen mit Ihnen weiß man, dass Sie mit einigen der Komponisten des Albums befreundet oder zumindest bekannt sind … Ludovico Einaudi, Max Richter …

Neben Barockmeister wie Bach und Westhoff wollte ich unbedingt neu in Auftrag gegebene Stücke in Beziehung setzen. So traf ich Alex Baranowski und Aleksey Igudesman,
der in Wien zum Beispiel mein Nachbar ist. Es gibt fünf Ersteinspielungen bei „Spheres“, aber auch Werke von lebenden Komponisten, zu denen ich einen besonderen
Draht habe, wie Philip Glass, Lera Auerbach, oder Elena Kats-Chernin.

Es ist auch ein Stück von Gabriel Prokofiev, dem Enkel Sergej Prokofievs dabei. Spürt man noch die Gene des großen Komponisten?

Gabriel ist ein sehr spannender Komponist, der seinen eigenen Weg geht, trotz seinem berühmten Namen. Ich liebe seine Musik, gerade weil sie ganz neue Elemente miteinbezieht.
Sein Stück, das sogar „Spheres“ heißt, gab mir eigentlich den Titel der CD. Darauf hatte ich natürlich gehofft: neu komponierte Werke, die sich nahtlos in die Dramaturgie dieses Albums einfügen.

Haben Sie eher Angst davor, dass das Album nicht gut verkauft wird, oder freuen Sie sich, dass es fertig ist …

Eine CD zu produzieren ist eine Mischung aus „blood, sweat and tears“, wie wir Engländer sagen! Die Zeit im Studio ist so intensiv. Wenn es dann vorbei ist, kann man es noch nicht glauben.
Man schickt sozusagen ein „Kind“ in die Welt hinaus und ist sehr gespannt, wie es seinen Weg macht.

Gehen Sie mit dem Album nun auf Tournee?

Ich werde sehr viele Konzerte zum Thema „Spheres“ in den nächsten zwei Jahren spielen. In Februar gibt es sogar Auftritte in Planetarien, die in England stattfinden. In München werde
ich das Programm am 18. März mit dem Orchester Jakobsplatz und in Berlin am 30. April spielen. Bei den Meraner Musikwochen im September 2013 darf ich sogar eine ganze Woche zum Thema
„Spheres“ gestalten.

Eigentlich sprechen wir hier immer über Ihre Reisen. Wo geht es in diesem Jahr hin?

Die ganze Welt! 2013 werde ich mehrmals Amerika und Asien besuchen, aber natürlich bin ich in ganz Europa auch ständig unterwegs. Es sei denn, Sir Richard Branson ruft tatsächlich an …

„Brandauer und Ruhe, Das passt nicht zusammen“
01.04.2013

Warum unser Kolumnist immer gerne die Texte des österreichischen Schauspielers „vergeigt“.

crescendo: Wie kommt man darauf, einen Schauspieler wie Klaus-Maria Brandauer beim Lesen von Don-Juan-Texten mit der Violine zu begleiten?

Hope: Wir haben uns vor über 13 Jahren kennengelernt, als ich ihn damals einlud, Strawinskys „Geschichte vom Soldaten“ gemeinsam aufzuführen. Seither machen wir jedes Jahr
mindestens ein Projekt zusammen. Die Idee, dass wir uns auf der Bühne ergänzen – er textlich und dramaturgisch, ich musikalisch – gibt es also schon länger.
crescendo: Wie muss man sich das vorstellen: Brandauer liest einen Text von Goethe zu Don Juan und Sie fiedeln dazwischen?
Hope: Nun, ich würde es aber etwas anders beschreiben: Text und Musik können sich wunderbar ergänzen, wenn man sie etwas anders präsentiert. Brandauer besitzt ungeheure
Energie sowie Leidenschaft und Charisma. Ihn live zu erleben, einen Meter von ihm entfernt, ist elektrisierend. Vor allem fasziniert es mich, was er alles mit seiner Stimme machen kann, wie er Klangfarben hervorzaubert, als wäre sie ein Instrument. Und welche Werke passen jetzt zu Don Juans Persönlichkeit? Musik von Bach, Bartók, Schulhoff, Schnittke war zum Beispiel dabei. Ich habe zum Teil auch zu Brandauers Stimme einfach nur improvisiert. Das Konzert war schnell ausverkauft. Lag das an Ihnen oder an Brandauer? Sicherlich an Brandauer, vielleicht aber auch
ein wenig an Don Juan!

Aber Klaus Maria Brandauer ist bestimmt ruhiger geworden in letzter Zeit. Er geht auch auf die 70 zu …

Also Brandauer und Ruhe, das geht nicht wirklich zusammen. Im Gegenteil: er ist dieses Jahr mit einem sehr anspruchsvollen Theaterstück, „Das letzte Band“ von Samuel Beckett, auf Tournee. Es ist ein zweistündiger Monolog eines einzelnen Schauspielers, nicht unbedingt die Rolle für jemanden, der es gerne etwas ruhiger angehen möchte.

Können wir Sie in diesem Jahr noch einmal zusammen mit Brandauer erleben?
Ja. Wir sind Ende des Sommers auf zwei Festivals zu Gast: am 7. September bei den Meraner Musikwochen, wo ich Artist in Residence bin, und am 14. September bei Sebastian Knauers fantastischem Mozart@Augsburg Festival. Am 7. November sind wir noch einmal im Wiener Konzerthaus und nehmen uns dort des Theologen Dietrich Bonhoeffer an. Das wird sehr spannend.

Was wird Ihr persönliches Highlight in diesem Jahr?
Ach, es gibt viele, aber ich freue mich besonders, dass ich über ein Dutzend Mal das Violinkonzert von Benjamin Britten spielen darf. Er wäre in diesem Jahr 100 geworden, und ich liebe seine Musik!

Heifetz vs. Britten!
31.07.2013

Unser Kolumnist spielt zu dessen 100. Geburtstag Brittens Violinkonzert rund um den Globus und verrät, warum das Werk nicht immer ein „Hit“ war.

Mr. Hope, sprechen wir doch Mal über Benjamin Britten: er leidet zu seinem 100. Geburtstag ja etwas unter den Jubilaren Verdi und Wagner, denen mehr Platz eingeräumt wird.

Sehr gerne. Britten hat meine Karriere begleitet, seit ich 16 bin. Damals hatte ich sein Violinkonzert zum ersten Mal gespielt. Ich liebe dieses Werk für seine ganze Vielfalt, seinen Mythos, seine dunklen, melancholischen Klänge und das Drama darin.

Der große Geiger Jascha Heifetz bezeichnete den Solo-Part von Brittens Violinkonzert d-Moll aber als „unspielbar“…

Ja, was aber Unsinn ist, da gerade Heifetz alles spielen konnte! Aber dessen Urteil hatte trotzdem Gewicht, sodass Brittens Werk für lange Zeit kaum von Geigern angefasst wurde. Benjamin Britten hatte es 1939 in den USA geschrieben, nachdem er als Pazifist beim Ausbruch des Zweiten Weltkriegs nach Amerika emigriert war. Überhaupt war er sehr von den Kämpfen
des Spanischen Bürgerkriegs erschüttert und in dem Stück kommen auch häufig spanische Elemente vor. Er zeigte sich überzeugt, dass sein Konzert ohne Frage sein „bestes Stück“ sei. Aber das New Yorker Publikum war bei der Britten-Uraufführung durch den Dirigenten John Barbirolli und den Geiger Antonio Brosa 1940 nicht ganz überzeugt.

Die teuersten Werke berühmter Maler sind auch erst mit der Zeit berühmt geworden…

Ja, das Violinkonzert hat erst in den vergangenen zehn Jahren eine große Renaissance erlebt, was mich besonders freut. Es steht nun regelmäßig auf dem Programm, und viele jungen Geiger versuchen Heifetz Unrecht zu geben. Ich selber nahm das Stück 2004 auf, zusammen mit dem BBC Symphony Orchestra und Paul Watkins. Wie gesagt, ich werde es in diesem Jahr
etwa 20 Mal rund um den Globus spielen.

Im April waren Sie mit Vladimir Ashkenazy auf Spanientour. Wo haben Sie überall gespielt?

In Barcelona, Valencia, Oviedo und San Sebastian. Vier fantastische Städte! In Barcelona haben wir in einem der wahrscheinlich schönsten Konzertsäle der Welt gespielt – im Palau de la Música Catalana, vom katalanischen Architekten Lluís Domènech i Montaner entworfen, einem der wichtigsten Repräsentanten der Moderne. Unter anderem wurde hier im Jahr 1936 das Alban Berg Violinkonzert uraufgeführt und im Publikum saß der junge Benjamin Britten, den das Stück sehr beeindruckte.

Wo geht es als Nächstes hin?

Im Mai spiele ich das Konzert in Kuala Lumpur; am 7. Juli in Stolpe bei den Festspielen Mecklenburg-Vorpommern, am 14. Juli in Aspen, Colorado; im Oktober in Tokyo und Moskau, und am 22. November, direkt am 100. Geburtstag von Britten, im finnischen Helsinki.

Jubiläumsjubilar
30.09.2013

Unser Kolumnist ist gerade 40 geworden und macht sich für uns auf dem 75. Geburtstag des Lucerne Festivals Gedanken über 50 Jahre klassische Musik.

Daniel, wo erwischen wir Sie gerade?

Beim Lucerne Festival, das in diesem Jahr auch ein Jubiläum feiert: 75stes. Es gibt ein unglaubliches Line-up: Claudio Abbado, Mariss Jansons, Daniel Barenboim, Pierre Boulez und Simon Rattle
sind da. Ich fühle mich sehr geehrt, dabei zu sein zu dürfen.

Apropos Jubiläum: Sie wurden gerade 40 Jahre alt. Herzlichen Glückwunsch! Gab es eine große oder kleine Party?

Ich habe klein und fein gefeiert, auf Mallorca mit Familie und Freunden. Woanders wurde jedoch etwas größer gefeiert. Mein Freund Matthias Schorn, Soloklarinettist der Wiener Philharmoniker,
hat beim Openair-Konzert bei den Festspielen Mecklenburg-Vorpommern das Publikum mit 3000 Leuten für mich singen lassen und es als Videobotschaft auf meine Facebook Seite gepostet!

Auch wir bei crescendo feiern ja Jubiläum – 15 Jahre crescendo und 50 Jahre Klassikzeitschriften. Auch wenn Sie erst 40 sind: Waren es gute 50 Jahre in der klassischen Musik?

Ich würde sagen, über die letzten 50 Jahre hat die klassische Musik eine Art Revolution erlebt. Es waren tolle Jahre mit sehr viel aufregender Musik.

Viele sagen ja immer: früher war alles besser. Callas, Karajan und Co. waren noch richtige Stars mit Persönlichkeit, die würde man heute vergebens suchen. Wie sieht
man das als jemand, der ganz nah dran ist, im Klassikzirkus?

Ich liebe und verehre die großen Künstlerpersönlichkeiten des 20. Jahrhunderts. Zum Glück ist ihr Vermächtnis, von dem wir nur lernen können, dank des Internets sofort zugänglich. Aber es gibt auch heute großartige Musiker, die die Musik über alles lieben und dieses auch kommunizieren wollen. Sie sollen ihre Chance bekommen.

Und die vergangenen 15 Jahre?

Die sehe ich etwas differnzierter: Die Phantasie blieb in den letzten 15 Jahren manchmal zugunsten des Marktes auf der Strecke. Und ein Markt macht nur eins – er legt einen Preis für alles
fest. Die Rolle von Kultur muss jedoch über das wirtschaftliche hinausgehen – ihr Fokus sollte der Wert sein, nicht der Preis. Es gibt nur eine soziale Kraft, die stark genug ist, um ein Gegengewicht zur Vermarktung von kulturellen Werten zu bieten – unser Bildungssystem. Doch hier befinden wir uns im Jahr 2013; in unseren Schulen werden Kinder meistens ausgebildet ohne Musik, ohne bildende Kunst, Tanz oder literarische Künste. Die Ausbildung fördert in erster Linie eine Seite des Gehirns – die analytische und nummerische – während die andere Hälfte, die ganzheitliche, intuitive und ästhetische unterentwickelt bleibt. Ich bin ein großer Befürworter der musischen Erziehung. Der Zweck der Kunsterziehung ist es aber nicht, mehr Künstler
zu produzieren. Der eigentliche Zweck ist es, unserer Jugend eine humanistische Ausbildung zu ermöglichen, die sie befähigt, ein erfülltes und produktives Leben in einer freien Gesellschaft zu verwirklichen.

Das nehmen wir mal als Appell und Motivation für die kommenden 15 Jahre.

Echo? gut.
31.10.2013

Unser Kolumnist war beim Echo Klassik nicht nur unser Mann hinter der Bühne, sondern bekam auch selbst einen überreicht. Deshalb die wichtigste Frage: Wie war’s?

Daniel, Stichwort „backstage“, Sie waren beim ECHO Klassik unser Mann hinter der Bühne: Wie war es in den Katakomben des Konzerthauses?

Hinter der Bühne ist es nicht so spannend. Das einzige, was wirklich auffällig war, sind diese tausende von Mitarbeitern, die für eine solche TV-Produktion nötig sind. Man muss immer aufpassen, dass man nicht von einem Kamerateam oder einer Aufnahmeleiterin umgerannt wird. Das ist für uns klassische Musiker doch etwas ungewohnt.

Und es gab keinen Eklat, den wir hier exklusiv vermelden können?

Nein. Selbst wenn, hätte ich es bestimmt nicht verraten.

Aber man trifft viele Kollegen…Über welche Begegnung haben Sie sich besonders gefreut?

Das passierte schon am Vormittag auf dem Münchner Flughafen. Ich war zufällig mit Sol Gabetta auf dem gleichen Flieger gebucht. Wir kennen und mögen uns schon lange, sehen uns aber selten, da freut man sich schon sehr, wenn man sich dann rein zufällig trifft. Sie war aber auch schon wieder beschäftigt, weil sie mit ihrem Kamerateam ihrer eigenen BR-Sendung KlickKlack unterwegs war.

Wie finden Sie aus der Sicht des Künstlers diese Arie auf dem roten Teppich, wenn die Fotografen dauernd nach einem schreien?

Also ich finde das sehr seltsam. Wenn man da auf dem roten Teppich steht und wenn 20 schreiende Fotografen vor Dir stehen und einen dauernd anblitzen, das ist wirklich
merkwürdig. Wir sind ja auch keine Hollywoodstars, wir sind das einfach nicht gewohnt!

Wie finden Sie persönlich Rolando Villazón als Moderator?

Ich finde, er macht das sehr gut. Vor allem mit Witz, Humor und Eleganz. Und man darf nicht vergessen: er moderiert nicht in seiner Muttersprache! Das ist unglaublich schwierig. Ich weiß da, wovon ich spreche.

Sie haben Ihren 6. ECHO bekommen, waren also schon oft dabei. Was würden Sie ändern, wenn man Sie fragen würde…

Ich weiß es nicht, es ist ja eine Show auf sehr hohem Niveau! Und die klassische Musik braucht solche Veranstaltungen. Ich würde vielleicht ein bisschen mehr variieren, zum Beispiel, dass nicht alles auf einer Bühne stattfindet, sondern dass ein Künstler auch woanders singt. Es fehlt vielleicht auch ein wenig an Interaktion. Vielleicht könnte man die Zuschauer mehr mit einbeziehen, man weiß ja nicht, wer da alles sitzt.

Geschichtskunde
30.12.2013

Unser Kolumnist konzertierte vor dem Brandenburger Tor und kann damit auch ein Zeichen für die Geschichte seiner eigenen Familie setzen.

Sie haben bei den Erinnerungen zur Reichspogromnacht von 1938 ein Konzert vor dem Brandenburger Tor gegeben. Sie sind Jahrgang 1973, fühlen Sie bei solch geschichtlichen Ereignissen mit?

Sehr sogar. Seit ich die Geschichte meiner Familie entdeckte, die 1938 aus Berlin vertrieben wurde, habe ich mich ja bewusst entschieden, viele historische Orte Berlins zu bespielen:
den Reichstag, die Mendelssohn-Remise, Tempelhof. Denn dort Musik zu machen, umzingelt von all den Geschehnissen und Gespenstern, befreit mich von einer Vergangenheit, die ich nicht erlebt habe, aber trotzdem noch spüre. Das Konzert am Brandenburger Tor war bisher das Highlight.

Es gab auch Kritiker der „Feierlichkeiten“. Haben Sie Verständnis dafür?

Als Engländer kann ich nur aus meiner Sicht sprechen: Dass man an dem Abend und überhaupt über das ganze Jahr durch die Ausstellung „Zerstörte Vielfalt“ 1000 Berliner Schülerinnen und Schüler dazu bewegen konnte, ein Signal zu setzen, dass das heutige Deutschland ein Bewusstsein für den Wert der Vielfalt hat, finde ich großartig. Wenn das Gedenken an die Ereignisse von 1938
dazu mahnt, wachsam zu sein gegenüber jeder Form von Intoleranz, Rassismus, Antisemitismus und Gewalt, dann finde ich solche Abende sehr wichtig.

Soeben ist auch die DVD „Theresienstadt“ erschienen, bei der Sie beteiligt waren…

Ja, ein Projekt, das mir sehr viel bedeutet, denn wir erzählen die Geschichte von zwei überlebenden Musikern, Alice Herz-Sommer (110) und Coco Schumann (89). Alle Künstler haben ihren Beitrag an diesem DVD-Projekt absolut ehrenamtlich geleistet. Die Bayerische Akademie der Schönen Künste unterstützte die Realisierung der Produktion zusätzlich mit einem namhaften Betrag.
Etwaige spätere Erträge aus dieser DVD sollen ausschließlich und zweckgebunden für Maßnahmen verwendet werden, die der Erinnerung an die Opfer von Terezin und deren zum Teil nahezu vergessenen Komponisten dienen.

Zurück nach Berlin. Haben Sie auch Politiker getroffen?

Das Konzert am Brandenburger Tor wurde maßgeblich von André Schmitz geprägt, dem Berliner Staatssekretär für Kultur. Zwei Tage später nahm ich an einem Gedenkkonzert
im Finanzministerium teil, in Erinnerung an die Konferenz vom 12. November 1938 im damaligen Reichsluftfahrtministerium. Dort bin ich Wolfgang Schäuble begegnet, der sehr viel tut, um die Geschichte des „Hauses“ an die Öffentlichkeit zu bringen.

Verstehen die deutschen Politiker eigentlich was von klassischer Musik?

Die beiden Herren sind große Liebhaber klassischer Musik, Herr Schäuble hat in seiner Jugend ja selbst Geige gespielt!

Sie haben für das Jahresende angeblich alle Konzerte abgesagt, können Sie uns den Grund verraten?

Wir erwarten in Kürze unser erstes Kind! Ich habe beschlossen, drei Monate frei zu nehmen. Auch wenn ich viele Auftritte absagen musste – ich möchte diese erste Zeit unbedingt miterleben.



2010


„Kammermusik ist Musik ganz nah…“
Neulich befand ich mich auf Schloss Elmau, wo ich ein Konzert für den Bayerischen Rundfunk gab, das gleichzeitig...
01.02.2010

Neulich befand ich mich auf Schloss Elmau, wo ich ein Konzert für den Bayerischen Rundfunk gab, das gleichzeitig eine Diskussionsrunde einschloss. Thema war „Emotionen in der Musik“, aber vor allem, die Zukunft der Kammermusik. Die Moderatorin beharrte darauf, den Eindruck zu erwecken, dass das Publikum für Kammermusik immer weniger wird,
und dass Konzerte immer seltener werden. Ich, der Pianist Sebastian Knauer und Walter Levin, ehemaliger Primarius des LaSalle Quartetts, konterten mit Beispielen aus unserem Umfeld, wo, in Europa sowie in Amerika, die Kammermusik unserer Meinung nach gerade eine große Renaissance erlebt.

Um Menahem Pressler, meinen genialen Partner aus dem Beaux Arts Trio, zu zitieren: „Kammermusik ist eine der intimsten Sachen, die zwischen Menschen bestehen.” Zusammen haben wir über viele Jahre miterlebt, wie gerne Leute noch ein Quartett- oder Trioprogramm hören, dass es sogar für viele zu einer Art Sucht wird. Da es weniger ,Stars’ in der Kammermusik, dafür so viele phantastische Musiker gibt, treten ausgezeichnete Ensembles momentan überall auf. Hinzu kommt, dass Solisten ohne das Lernen von Kammermusik, etwas sehr Wichtiges vermissen würden. Kammermusik repräsentiert die musikalischen Vitamine, die wir brauchen.

Als ich gerade diese Zeilen schreibe, erreicht mich die traurige Nachricht, dass David Soyer, der Cellist und Mitgründer des Guarneri Quartets, im Alter von 87 Jahren gestorben ist. Somit verlieren wir noch einen der letzten musikalischen ‚Löwen’, der die Kammermusik geprägt hat. Soyer war nicht nur bekannt als Cellist, sondern auch als Lehrer. Heute, wo Meisterkurse für Kammermusik mehr und mehr gefragt sind, müssen wir viel Energie in die Unterstützung des Nachwuchses setzen. Und vor allem, bald wieder einen Kammermusikabend besuchen …

Die Perücken trügen …
Wie ist mein Verhältnis zum Barock? Ohne jede Einschränkung – Ich liebe diese...
01.05.2010

Wie ist mein Verhältnis zum Barock? Ohne jede Einschränkung
– Ich liebe diese Musik. Meine Begeisterung ist aber erst gewachsen;
anfangs hatte ich geglaubt, Barock sei nur etwas Erhabenes,
Edles, Unantastbares – bis ich dahinter kam, wie radikal und revolutionär
die „alten“ Meister gewesen sind, wie viel Leidenschaft,
Sinnlichkeit und provokante Dramatik in ihrer Art zu komponieren
stecken. Es ging so weit, dass ich ihre Perücken manchmal
für reine Tarnung hielt, so als ob wir nicht gleich merken sollten,
was sich in Wahrheit in ihrer Musik abspielt. In den hundertfünfzig
Jahren, die nach dem Epochen-Schema als Barock-Zeit gelten,
hat sich so viel ereignet und verändert, von den Grauen des
Dreißigjährigen Krieges bis zu Voltaires Kampf für die Vernunft.
Wissenschaft, Philosophie, Malerei, Baukunst, Literatur nahmen
eine ungeahnte Entwicklung und auch die Musik bahnte sich einen
neuen Weg. Komponisten begannen nach neuen Formen
und Ausdrucksmöglichkeiten zu suchen, schrieben Musik, die
im Unterschied zu früher Raum für Pathos und leidenschaftliche
Emotionen ließ. Und sie hatte Wirkung. „Affekte“ wurden diese
Gefühle genannt, für die bestimmte Motive erfunden wurden, die
sich jeweils durch ein ganzes Werk hindurch zogen und ihm die
Struktur gaben. Ich würde sogar behaupten, dass die Barockmusik
teilweise eine ähnliche Wirkung auf die Menschen erzeugte wie
im 20. Jahrhundert die Rockmusik. Nur dass der Barock, meines
Erachtens wesentlich mehr zu bieten hat! Am 18. September wird
dies geprüft – meine Kollegen und ich werden die Barockmusik
beim Beethovenfest Bonn gegen eine „echte“ Rockband verteidigen,
sozusagen als “battle royal” – trotz gewisser Parallelen in der
Struktur der Musik und der Improvisation, bin ich mir sicher dass
die Barockmusik, in all ihren Facetten, ihren Tanzimpulsen und
ihrem bahnbrechenden musikalischen Impetus gewinnen wird.
Diese Musik mag ja “alt” sein, aber in Wirklichkeit ist sie frischer,
rockiger und inspirierender denn je …

Das schönste Geräusch (… nach der Musik)
Wie ist mein Verhältnis zum Barock? Ohne jede Einschränkung – Ich liebe diese...
01.06.2010

Erst am Ende eines Werkes ‚darf’ geklatscht werden, und hält sich jemand nicht daran, kann es sein, dass hemmungslos gezischt wird. Wenn man allerdings den
historischen Kontext dieses Themas weiter untersucht, fällt der Blick schnell ins 19. Jahrhundert zurück. Angesichts der lockeren Sitten, die damals in der Musik welt herrschten, waren die Bemühungen um geordnete Verhältnisse vielleicht angebracht.

Der Komponist Carl Reinecke war hoch beglückt, als er um 1860 das Leipziger Gewandhaus besuchte und dort, wie er berichtete, eine „andächtige Gemeinde“
vorfand. Hatte die „Umerziehung“ in Leipzig funktioniert, war sie anderswo nur bedingt erfolgreich. Offenbar mochten sich viele Konzertgänger nicht so ohne
Weiteres mit den neuen, strengen Regeln anfreunden. Immer wieder mussten sie ermahnt werden, sich während der musikalischen Darbietungen des „Sprechens, des Taktschlagens oder Takttretens, sonstiger auffälliger Bewegungen und insbesondere des Beifallklatschens“ zu enthalten. Speziell der Verzicht auf spontanen Applaus fiel den Menschen schwer. Noch 1910 wurde bei Quartettabenden in Berlin die „Beifallsenthaltung zwischen den einzelnen Sätzen“ ausdrücklich angemahnt und 1940 wurde auf Programmzetteln der Berliner Singakademie gebeten „die Werke nicht durch Beifall zu unterbrechen“. Da ist es interessant, einen der größten Pianisten des 20. Jahrhunderts, Arthur Rubinstein, als Zeugen hingegen zu hören. „Das französische Publikum von 1904 reagierte ganz anders als das heutige. Damals belohnte Beifall mitten im Stück eine gelungene Passage, man rief ’bravo!’, ’charmant’, ’quel artiste!’. Es kam vor, dass der Künstler eine Sonate zwischen den Sätzen abbrach und sich durch Verbeugungen für den Beifall bedankte, was mich, ich will es nur gestehen, nicht störte, im Gegenteil, es ermunterte mich.“

Aber zur Beruhigung derer, die befürchten die Anarchie in der Musikkultur könne womöglich ausbrechen: Je geübter Konzertgänger werden, je mehr sie von
der Musik kennen, desto sicherer werden sie in ihrem Urteil sein und desto seltener wird der Fall eintreten, dass sie dort klatschen, wo es angeblich nicht passt …

Kann Musik auch Lärm sein?
Ich hatte mir vorgenommen, die anderen Hausbewohner ganz sanft an meine Übungsphasen zu gewöhnen...
20.12.2010

Ich hatte mir vorgenommen, die anderen Hausbewohner ganz sanft an meine Übungsphasen zu gewöhnen und hatte deshalb mit einem Stück von Bach angefangen. Ich strich es vorsichtig an.
Es dauerte nur wenige Minuten, dann klingelte es Sturm an der Tür. Draußen stand ein Mann im Unterhemd und brüllte mich an: „Mach mal leiser! LEI-SER!!“
Offensichtlich glaubte er es mit einer Stereo-Anlage zu tun zu haben. Viele Kollegen kennen das Problem – es wird wütend gegen die Wände geklopft oder auch schon mal die Polizei gerufen. Musikinstrumente können laut sein, selbst jene, denen man es zunächst gar nicht zutraut. Ein Flötist zum Beispiel muss bis zu 118 Dezibel an seinem rechten Ohr verkraften. Eine Geige ist kaum leiser und wenn die vereinten Blechbläser im Orchester losdonnern, können sie es, was die Lautstärke angeht, leicht mit einem startenden Jet aufnehmen.
Aber kann Musik wirklich Lärm sein?
Es leuchtet mir ein, dass man sich um die Musikerohren sorgt, so wie auch für Arbeitnehmer in lärmbelasteten Industriebetrieben Schutzvorkehrungen getroffen werden müssen. Eine seit 2008 geltende Richtlinie der Europäischen Union für Arbeitsschutz besagt hierzu, dass die Gesundheit dabei sogar gefährdet ist. Nicht die des Publikums, sondern der Musiker im Orchester, deren Ohren zeitweise mit Lautstärken beschallt werden, wie sie im sonstigen Leben von Presslufthämmern erzeugt werden. Und wenn ich an viele Musikerkollegen aus der Pop-Branche denke, die im Lauf ihrer Karriere erhebliche Gehörschäden davongetragen haben, muss man zugeben, dass es Musik gibt, die auch schädigend wirken kann. Die Komponisten der Gegenwart werden in Zukunft womöglich darauf zu achten haben, dass ihre Werke nicht die höchstzulässigen Dezibel-Werte überschreiten, weil Uraufführungen – wie bereits in einem Fall geschehen – sonst von Orchestern verweigert werden. Dabei findet man oft gerade die größten Geheimnisse der Musik – im pianissimo …

Hält doppelt wirklich besser …?
Musiker dürfen sich ein Leben lang der Musik widmen. Aber wie ist es, wenn...
22.12.2010

Musiker dürfen sich ein Leben lang der Musik widmen. Aber wie ist es, wenn ein Musiker auch etwas anderes machen will, in- oder gar außerhalb der Musik?
Der phänomenale Geiger Maxim Vengerov sorgte neulich für Aufruhr, als er im Alter von 35 Jahren, der Welt ankündigte, dass er sich ausschließlich auf das
Dirigieren konzentrieren wolle, zumindest für absehbare Zeit. Instrumentalisten, die zum Baton greifen, sind ein altbekanntes Thema. Aber was passiert, wenn
ein Künstler sich dabei ertappt, eine Begeisterung für etwas völlig Neues gefunden zu haben? Unsere heutige Gesellschaft ist voll von Beispielen: Modedesigner Tom Ford dreht einen hochgelobten Kinofilm, Armin Mueller Stahl’s Kunstwerke sind weltbekannt und Jeffrey Tate ist gelernter Arzt. Aber auch ein Blick zurück in die Geschichte zeigt, wie vielseitig manche unserer alten Meister waren: Mozart soll besser Billard gespielt haben als die meisten Europaprofis, die er ständig zu sich nach Hause einlud um nächtliche
Wettbewerbe zu veranstalten. Fritz Kreisler zauberte nicht nur himmlische Geigenklänge hervor, sondern hinterließ der Nachwelt unzählige Kompositionsjuwelen.
Und Verdi, der sich „ein Bauer aus Roncole“ nannte, hat seine Honorare konsequent in sein Landgut „Sant‘Agata“ investiert und schaffte daraus ein wahres
Imperium. Aber wir reden hier natürlich von den ganz Großen, nicht von uns „Normalsterblichen“.

Seit ich mein zweites Buch veröffentlicht habe, entdecke ich immer mehr Freude am Schreiben. Dafür bekomme ich ab und zu zu spüren, dass die Idee überhaupt
etwas anderes zu wagen, als Geigespielen, ein sicheres Zeichen dafür sein muss, dass die Musik zu kurz kommt. Das Lustige dabei: Ich empfinde es genau anders rum. Weil es gerade die Musik ist, die mich immer wieder infiziert, inspiriert und anfeuert, fühle ich mich weiterhin verpflichtet, ihren Ausdruck in jeglicher Form zu suchen, ob auf der Geige, in Wort, Ton oder Bild. Es ist meine Art, die Musik zu zelebrieren!



2009


„… nicht auf das Ende warten“
Morgens, nach dem Erwachen, freut man sich nicht als erstes auf eine Vivaldi-Sonate oder das Mendelssohn- Violinkonzert, sondern...
01.01.2009

Morgens, nach dem Erwachen, freut man sich nicht als erstes auf eine Vivaldi-Sonate oder das Mendelssohn-Violinkonzert, sondern liest in der Zeitung von Krise, Crash und Katastrophen. Wir haben schwere Zeiten. Wir alle, die gesamte Musikbranche. Die Gründe sind oft genug genannt worden: die noch vor wenigen Jahren gar nicht vorstellbare Vielfalt der medialen Angebote und Möglichkeiten, das nachlassende Interesse an den traditionellen Aufführungsformen und vieles mehr.

Wohlgemerkt: Keine Sekunde glaube ich daran, dass die klassische Musik selbst ihre Attraktion verloren hat. Das Problem ist: Die Menschen, vor allem die jungen, haben immer seltener Gelegenheit, diese Anziehungskraft überhaupt kennenzulernen und zu erfahren. Die Ursachen dafür sind vielfältig (und allgemein bekannt): Hausmusik ist eine Seltenheit
geworden, Musikunterricht in den Schulen oft unzureichend oder gar nicht existent, klassische Konzerte sind für viele abschreckend, die Eintrittspreise obendrein gesalzen, Oper wirkt häufig elitär, manche Radioprogramme kommen einem bloßen Begleitgedudel gleich…

Notleidend ist nicht die Musik selbst. Wie sollte sie auch? Sie ist so vital wie eh und je. Notleidend ist ihre Vermittlung. Und gegen diese Not gilt es etwas zu unternehmen.
Also nicht schicksalsergeben die Hände in den Schoß legen und auf das Ende warten, sondern etwas tun! Vor allem, der Jugend in geeigneter Form zeigen, wie genial diese Musik wirklich ist.

Vor 10 Jahren starb Menuhin in Berlin
„Ich weiß nun, dass es einen Gott im Himmel gibt“, war Albert Einsteins Kommentar, als er Yehudi Menu hins Konzertdebüt...
01.02.2009

„Ich weiß nun, dass es einen Gott im Himmel gibt“, war Albert Einsteins Kommentar, als er Yehudi Menu hins Konzertdebüt mit sieben Jahren erlebte. Die Legende Menuhin in Worte zu fassen, ist schwierig. Viele wissen, was für ein außergewöhnlicher Musiker und tief humanistischer Mensch er war. Er besaß aber auch eine besondere Fähigkeit, Namen zu
verwechseln bzw. zu vergessen! Vor einigen Jahren, am Münchner Flughafen, kam ein eleganter Herr auf uns zu und sagte „Maestro, es ist wunderbar, Sie wieder zu sehen.“ Menuhin umarmte den Mann, und sie redeten wärmstens über ihre Vergangenheit, ihre Familien und einiges andere. Nachdem der Mann ging, drehte sich Menuhin verwirrt zu mir und sagte: „Was für ein reizender Mann … Wie war doch gleich sein Name?“

„Ah … Placido Domingo“ erinnerte ich ihn. Über so etwas konnte er sich dann schief lachen! Aber sonst hat er sich nicht so leicht geirrt. Während des arabisch-israelischen Konflikts rief Menuhin einen Freund mitten in der Nacht an: „Wir müssen sofort nach Israel fliegen und uns zwischen den zwei Fronten platzieren – wenn wir Musik spielen, werden
sie schon aufhören, sich gegenseitig umzubringen.“ Manchen kommt diese Philosophie naiv vor – andere verstehen, was damit gemeint war – ein echter Schimmer Hoffnung von einem der größten Humanisten. Menuhin glaubte, durch die Musik Krieg und Hass verhindern zu können, Frieden zu stiften und der jüngeren Generation einen Weg zu zeigen,
Brücken zu bauen, um einander mit Achtung zu behandeln.

Meiner Meinung nach gibt es kaum eine Persönlichkeit, die so einmalig war und die uns so fehlt wie jene von Yehudi Menuhin.

„Ein Mittel, um ewig jung zu bleiben“
Letzte Woche hatte ich die Ehre, in der Carnegie Hall in New York, zu spielen. Auf dem Weg zum Konzert ist mir ein...
01.04.2009

Letzte Woche hatte ich die Ehre, in der Carnegie Hall in New York, zu spielen. Auf dem Weg zum Konzert ist mir ein alter Witz wieder eingefallen. Ein junger Geiger läuft die Fifth Avenue entlang und fragt einen Passanten: „Entschuldigen Sie bitte, wie komme ich zur Carnegie Hall?“ Die Antwort ist ernüchternd: „Üben Junge, üben.“

Wer behauptet, ohne extrem harte Arbeit eine erfolgreiche Karriere aufgebaut zu haben, sagt nicht die Wahrheit. Heute sitze ich in Brüssel, nachdem ich mir den ganzen Tag als Jurymitglied des Königin-Elisabeth-Wettbewerbs eine Auswahl der talentiertesten jungen Geiger der Welt anhören durfte. Gerade, wenn ich diesen hochbegabten
Stars von Morgen lausche und sehe, wie viel Fleiß, Ehrgeiz und Disziplin in ihnen steckt, bin ich tief beeindruckt und zuversichtlich, dass die Flamme der klassischen Musik weiterbrennen wird.

Auf der anderen Seite ist es mir wichtig, den Überschriften dieses Heftes, immer mal wieder widersprechen zu können! Das Geniale daran, Musiker zu sein, ist für mich, dass ich es nie nur als „Arbeit“ empfinde. Dafür ist das, was wir machen, ein viel zu großes Geschenk. Es ist eine wahre Leidenschaft.

Pablo Casals wusste schon, was er meinte, als er sagte: „Ein Mensch, der seine Arbeit liebt, wird niemals alt.“ Wenn man manche Künstler beobachtet, die sich noch im hohen Alter voll und ganz der Musik widmen, könnte man meinen, die Musik ist tatsächlich ein Mittel, um ewig jung zu bleiben. Die schlüssigste Pointe lieferte dagegen Mozart: „Ohne Musik wär’ alles nichts.“

Sandwich? Nein danke!
Neulich war ich zu einer Taufe eingeladen und einer der Gäste, der erstaunlich gut über meinen Terminkalender Bescheid wusste, stellte mir eine interessante Frage: Ob nämlich die Musik,...
01.05.2009

Neulich war ich zu einer Taufe eingeladen und einer der Gäste, der erstaunlich gut über meinen Terminkalender Bescheid wusste, stellte mir eine interessante Frage: Ob
nämlich die Musik, die heute komponiert wird, eine ähnlich hohe Lebenserwartung hat wie das gerade getaufte Baby. Würde man sich in achtzig oder mehr Jahren,
und damit kam er auf den aktuellen Fall, noch an das 2. Violinkonzert von Maxwell Davies erinnern, das ich im August in Leipzig uraufgeführt hatte?

Natürlich konnte ich die Frage so wenig beantworten wie irgendjemand sonst. Für einen so renommierten Komponisten wie Davies stehen die Aktien wahrscheinlich gar nicht mal schlecht, aber über viele andere wird die Zeit wohl schnell hinweggehen. Oft kommen neue Stücke, wenn sie denn überhaupt in einem Konzertsaal auftauchen, nicht über eine einzige
Aufführung hinaus, werden einmal gespielt und verschwinden dann für immer in der Versenkung – nicht etwa, weil sie nichts taugen, sondern weil das Publikum nicht auf Anhieb Zugang zu ihnen gefunden hat. Denn das ist das große Problem der zeitgenössischen Musik – dass sie nicht gut vermittelt wird. Moderne Stücke müssen erklärt werden, vom Komponisten oder vom Interpreten oder am besten von beiden. Nur dann haben sie eine Chance, verstanden zu werden und zu wirken. Sie nach der berüchtigten Sandwich-Methode einfach zwischen zwei Klassik-Hits zu packen und kommentarlos herunterzuspielen, reicht in den meisten Fällen nicht aus.

Und eines darf man nicht vergessen: Vieles braucht Zeit, bis es akzeptiert wird. Man denke nur an Dmitri Schostakowitsch; lange wollte man nichts von ihm wissen,
heute gehört seine Musik zum Standardrepertoire. Und wer hätte gedacht, dass die dritte Sinfonie von Henryk Gorecki jemals ein Bestseller werden könnte. Irgendwann tauchte eine Stelle in einem Werbespot auf, und mit einem Schlag war Gorecki populär.

Stargagen
Das Thema ist beileibe nicht neu. Man denke an Klaus Umbachs Report „Geldscheinsonate“ aus den neunziger Jahren, in dem das Millionenspiel mit...
01.06.2009

Das Thema ist beileibe nicht neu. Man denke an Klaus Umbachs Report „Geldscheinsonate“ aus den neunziger Jahren, in dem das Millionenspiel mit der Klassik hinlänglich beschrieben wurde. Der ganze Musikbetrieb sei doch nur ein Riesengeschäft, alles drehe sich einzig und allein ums große Geld. Und der schlichte Musikfreund müsse, wenn er ins Konzert geht, an der Abendkasse bluten.

Dass Komponisten wie Verdi und Richard Strauss schwerreiche Männer wurden, ist ebenso bekannt wie die Supergagen, die Paganini oder Franz Liszt kassierten.
George Gershwin nahm 100 bis 200.000 Dollar im Jahr ein und machte damit sogar den geschäftstüchtigen Strawinsky neidisch. Großverdiener in der Musik gab es immer, wie es umgekehrt viele gab, die bettelarm blieben.

Aber was ist mit den Schwindel erregenden Summen, die für manche internationalen Stars bezahlt werden? Solange die Säle voll waren, hat niemand groß nachgefragt: hohe Gagen wurden gefordert, bezahlt und durch den Ticketverkauf, manchmal aufgestockt durch einen Sponsor, wieder hereingeholt. Aber wenn nicht alles täuscht, ändert sich das allmählich,
ausverkaufte Häuser sind keine Selbstverständlichkeit mehr, selbst wenn große Namen auf dem Plakat stehen. Kommt dann noch eine weltweite Finanzkrise hinzu, haben die Veranstalter plötzlich einige Probleme. Darin liegt allerdings auch eine Chance: dass häufiger als bisher auch junge Künstler eine Auftrittsmöglichkeit erhalten könnten. Hervorragende Nachwuchstalente gibt es genug, doch allzuoft warteten sie vergeblich auf ein Engagement, weil nur die ganz großen Namen zählten und die Konzertmanager nur
mit ihnen das Publikum locken zu können glaubten. Sie sind aber auch unsere Stars, von morgen.

Der Duft der Musik
Musiker reden oft von Farben innerhalb der Musik. Aber wie sieht es mit Düften aus? Eduard Hanslick, einer der gefürchtetsten Musikkritiker seiner Zeit war berühmt für...
01.07.2009

Musiker reden oft von Farben innerhalb der Musik. Aber wie sieht es mit Düften aus? Eduard Hanslick, einer der gefürchtetsten Musikkritiker seiner Zeit war
berühmt für seine von Ironie und Wortwitz sprühenden Rezensionen und seine oftmals geradezu hemmungslosen Attacken auf Musiker und Komponisten, von denen er nichts hielt. Über Peter Tschaikowskys Violinkonzert schrieb er beispielsweise, das Werk bringe „uns auf die schauerliche Idee, ob es nicht auch Musikstücke geben könnte, die man stinken hört“.

Dass auch Gerüche zum Reizthema im heutigen Konzertbetrieb werden können, habe ich kürzlich von einem Kollegen in Amerika erfahren. Nach einer Probe erhielt er einen Anruf der Orchester managerin, die ihm in gewundenen Formulierungen zu verstehen gab, er möchte beim nächsten Mal auf sein Rasierwasser verzichten. Begründung: Der Duft des Solisten lenke das Orchester von der Musik ab.

Die Geschichte kam mir zunächst bizarr vor. Doch dann hörte ich von den künstlerischen Experimenten des russischen Komponisten Alexander Skrjabin Anfang des 20. Jahrhunderts, bei denen Musik mit Worten, Farben und auch Gerüchen verschmolzen werden sollte. Schon sah ich die Aftershave-Affäre in neuem Licht. Außerdem hatte ich in der Zeitung von einer jungen Musikerin gelesen, die behauptete, Töne und Intervalle am Geschmack zu erkennen, uns sogar einige Bach-Werke als „sahnig“ beschrieb. Für mich
war damit klar, dass die Musik noch lange nicht am Ende ist. Womöglich sollten sich Klassik-Einsteiger beizeiten darauf einrichten, Beethovens Violinkonzert bald nicht nur zu hören, sondern auch zu riechen und zu schmecken …



2008


„Tu Was“
Ende Mai fand ich in einem Travel-Shop am Flughafen von Singapur zufällig ein Buch mit dem Titel „Kristallnacht – Prelude to destruction“...
01.07.2008

Ende Mai fand ich in einem Travel-Shop am Flughafen von Singapur zufällig ein Buch mit dem Titel „Kristallnacht – Prelude to destruction“ („Vorspiel zur Zerstörung“). Der Historiker Martin Gilbert schreibt in diesem Buch über den 9. November 1938. Für ihn war die „Kristallnacht“ der Auftakt zur systematischen Verfolgung der Juden in Deutschland.

Das Buch hat mich erschüttert, und ich habe mich gefragt, was ich selbst wohl in dieser Zeit getan hätte und man heute noch tun kann? Ich rief sofort Freunde und Kollegen an, und war über ihre unglaubliche Solidarität zutiefst gerührt. Wir waren uns einig, dass wir an die Vergangenheit erinnern müssen, um die Zukunft zu verbessern.

Am 9. November dieses Jahres präsentierte ich unter dem Titel „Tu Was“ in Berlin ein Benefizkonzert, um an diesen schrecklichen Tag vor 70 Jahren zu erinnern. Obwohl ich erst Mitte Juni mit der Arbeit beginnen konnte, bekam ich von so vielen Seiten Hilfe, dass das unmöglich Erscheinende möglich wurde. Über Tausend Menschen erlebten in der geschichtsträchtigen Abflughalle des vor kurzem geschlossenen Flughafens Tempelhof Künstler wie Brandauer, Raabe, Quasthoff, Gabetta, Pressler, Knauer, Brönner,
Grimaud, Patrice, und Polarkreis 18, die alle ohne Gage aufgetreten sind. Der Erlös wird der Freya von Moltke Stiftung für das Neue Kreisau gespendet, die unermüdlich gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit kämpft.

Kann Musik die Welt verändern? Sicher nicht. Aber sie hat magische Kraft, berührt einen, ohne, dass man es will, unabhängig von Sprache, Nationalität oder Glauben. Ein Lied oder eine Melodie kann uns in die Vergangenheit zurückführen und große Emotionen wachrufen – das Schönste, und das Mächtigste, wenn man bereit ist, seine Ohren zu öffnen!