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crescendo

Daniel`s column for Crescendo

Since 2009 Daniel Hope is a regular contributor to the German music magazine Crescendo. In his column he shares his own take on the world of music and the music business.

Seit 2009 schreibt Daniel Hope in der deutschsprachigen Musikzeitschrift Crescendo eine Kolumne zu Fragen des aktuellen Musikbetriebs ganz aus seiner persönlichen Sicht des Musikers.

2010 5 weitere Artikel

Hält doppelt wirklich besser ...?
Musiker dürfen sich ein Leben lang der Musik widmen. Aber wie ist es, wenn... / 22 December 2010

Musiker dürfen sich ein Leben lang der Musik widmen.
Aber wie ist es, wenn ein Musiker auch etwas anderes
machen will, in- oder gar außerhalb der Musik?
Der phänomenale Geiger Maxim Vengerov sorgte
neulich für Aufruhr, als er im Alter von 35 Jahren, der
Welt ankündigte, dass er sich ausschließlich auf das
Dirigieren konzentrieren wolle, zumindest für absehbare
Zeit. Instrumentalisten, die zum Baton greifen,
sind ein altbekanntes Thema. Aber was passiert, wenn
ein Künstler sich dabei ertappt, eine Begeisterung
für etwas völlig Neues gefunden zu haben? Unsere
heutige Gesellschaft ist voll von Beispielen: Modedesigner
Tom Ford dreht einen hochgelobten Kinofilm,
Armin Mueller Stahl’s Kunstwerke sind weltbekannt
und Jeffrey Tate ist gelernter Arzt. Aber auch ein Blick
zurück in die Geschichte zeigt, wie vielseitig manche
unserer alten Meister waren: Mozart soll besser Billard
gespielt haben als die meisten Europaprofis, die
er ständig zu sich nach Hause einlud um nächtliche
Wettbewerbe zu veranstalten. Fritz Kreisler zauberte
nicht nur himmlische Geigenklänge hervor, sondern
hinterließ der Nachwelt unzählige Kompositionsjuwelen.
Und Verdi, der sich „ein Bauer aus Roncole“ nannte,
hat seine Honorare konsequent in sein Landgut
„Sant‘Agata“ investiert und schaffte daraus ein wahres
Imperium. Aber wir reden hier natürlich von den ganz
Großen, nicht von uns „Normalsterblichen“.

Seit ich mein zweites Buch veröffentlicht habe, entdecke
ich immer mehr Freude am Schreiben. Dafür
bekomme ich ab und zu zu spüren, dass die Idee überhaupt
etwas anderes zu wagen, als Geigespielen, ein
sicheres Zeichen dafür sein muss, dass die Musik zu
kurz kommt. Das Lustige dabei: Ich empfinde es genau
anders rum. Weil es gerade die Musik ist, die mich
immer wieder infiziert, inspiriert und anfeuert, fühle
ich mich weiterhin verpflichtet, ihren Ausdruck in jeglicher
Form zu suchen, ob auf der Geige, in Wort, Ton
oder Bild. Es ist meine Art, die Musik zu zelebrieren!

Kann Musik auch Lärm sein?
Ich hatte mir vorgenommen, die anderen Hausbewohner ganz sanft an meine Übungsphasen zu gewöhnen... / 20 December 2010

Ich hatte mir vorgenommen, die anderen Hausbewohner ganz sanft an meine Übungsphasen zu gewöhnen und hatte deshalb mit einem Stück von Bach angefangen. Ich strich es vorsichtig an.
Es dauerte nur wenige Minuten, dann klingelte es Sturm an der Tür. Draußen stand ein Mann im Unterhemd und brüllte mich an: „Mach mal leiser! LEI-SER!!“
Offensichtlich glaubte er es mit einer Stereo-Anlage zu tun zu haben. Viele Kollegen kennen das Problem – es wird wütend gegen die Wände geklopft oder auch schon mal die Polizei gerufen. Musikinstrumente können laut sein, selbst jene, denen man es zunächst gar nicht zutraut. Ein Flötist zum Beispiel muss bis zu 118 Dezibel an seinem rechten Ohr verkraften. Eine Geige ist kaum leiser und wenn die vereinten Blechbläser im Orchester losdonnern, können sie es, was die Lautstärke angeht, leicht mit einem startenden Jet aufnehmen.
Aber kann Musik wirklich Lärm sein?
Es leuchtet mir ein, dass man sich um die Musikerohren sorgt, so wie auch für Arbeitnehmer in lärmbelasteten Industriebetrieben Schutzvorkehrungen getroffen werden müssen. Eine seit 2008 geltende Richtlinie der Europäischen Union für Arbeitsschutz besagt hierzu, dass die Gesundheit dabei sogar gefährdet ist. Nicht die des Publikums, sondern der Musiker im Orchester, deren Ohren zeitweise mit Lautstärken beschallt werden, wie sie im sonstigen Leben von Presslufthämmern erzeugt werden. Und wenn ich an viele Musikerkollegen aus der Pop-Branche denke, die im Lauf ihrer Karriere erhebliche Gehörschäden davongetragen haben, muss man zugeben, dass es Musik gibt, die auch schädigend wirken kann. Die Komponisten der Gegenwart werden in Zukunft womöglich darauf zu achten haben, dass ihre Werke nicht die höchstzulässigen Dezibel-Werte überschreiten, weil Uraufführungen – wie bereits in einem Fall geschehen – sonst von Orchestern verweigert werden. Dabei findet man oft gerade die größten Geheimnisse der Musik – im pianissimo ...

Das schönste Geräusch (... nach der Musik)
/ 01 June 2010

Erst am Ende eines Werkes ‚darf’ geklatscht werden, und hält sich jemand nicht
daran, kann es sein, dass hemmungslos gezischt wird. Wenn man allerdings den
historischen Kontext dieses Themas weiter untersucht, fällt der Blick schnell ins
19. Jahrhundert zurück. Angesichts der lockeren Sitten, die damals in der Musik welt herrschten, waren die Bemühungen um geordnete Verhältnisse vielleicht angebracht.

Der Komponist Carl Reinecke war hoch beglückt, als er um 1860 das Leipziger
Gewandhaus besuchte und dort, wie er berichtete, eine „andächtige Gemeinde“
vorfand. Hatte die „Umerziehung“ in Leipzig funktioniert, war sie anderswo
nur bedingt erfolgreich. Offenbar mochten sich viele Konzertgänger nicht so ohne
Weiteres mit den neuen, strengen Regeln anfreunden. Immer wieder mussten sie
ermahnt werden, sich während der musikalischen Darbietungen des „Sprechens, des Taktschlagens oder Takttretens, sonstiger auffälliger Bewegungen und insbesondere des Beifallklatschens“ zu enthalten. Speziell der Verzicht auf spontanen Applaus fiel den Menschen schwer. Noch 1910 wurde bei Quartettabenden in Berlin die „Beifallsenthaltung zwischen den einzelnen Sätzen“ ausdrücklich angemahnt und 1940 wurde auf Programmzetteln der Berliner Singakademie gebeten „die Werke nicht durch Beifall zu unterbrechen“. Da ist es interessant, einen der größten Pianisten des 20. Jahrhunderts, Arthur Rubinstein, als Zeugen hingegen zu hören. „Das französische Publikum von 1904 reagierte ganz anders als das heutige. Damals belohnte Beifall mitten im Stück eine gelungene Passage, man rief ’bravo!’, ’charmant’, ’quel artiste!’. Es kam vor, dass der Künstler eine Sonate zwischen den Sätzen abbrach und sich durch Verbeugungen für den Beifall bedankte, was mich, ich will es nur gestehen, nicht störte, im Gegenteil, es ermunterte mich.“

Aber zur Beruhigung derer, die befürchten die Anarchie in der Musikkultur
könne womöglich ausbrechen: Je geübter Konzertgänger werden, je mehr sie von
der Musik kennen, desto sicherer werden sie in ihrem Urteil sein und desto seltener
wird der Fall eintreten, dass sie dort klatschen, wo es angeblich nicht passt ...

Die Perücken trügen ...
Wie ist mein Verhältnis zum Barock? Ohne jede Einschränkung – Ich liebe diese... / 01 May 2010

Wie ist mein Verhältnis zum Barock? Ohne jede Einschränkung
– Ich liebe diese Musik. Meine Begeisterung ist aber erst gewachsen;
anfangs hatte ich geglaubt, Barock sei nur etwas Erhabenes,
Edles, Unantastbares – bis ich dahinter kam, wie radikal und revolutionär
die „alten“ Meister gewesen sind, wie viel Leidenschaft,
Sinnlichkeit und provokante Dramatik in ihrer Art zu komponieren
stecken. Es ging so weit, dass ich ihre Perücken manchmal
für reine Tarnung hielt, so als ob wir nicht gleich merken sollten,
was sich in Wahrheit in ihrer Musik abspielt. In den hundertfünfzig
Jahren, die nach dem Epochen-Schema als Barock-Zeit gelten,
hat sich so viel ereignet und verändert, von den Grauen des
Dreißigjährigen Krieges bis zu Voltaires Kampf für die Vernunft.
Wissenschaft, Philosophie, Malerei, Baukunst, Literatur nahmen
eine ungeahnte Entwicklung und auch die Musik bahnte sich einen
neuen Weg. Komponisten begannen nach neuen Formen
und Ausdrucksmöglichkeiten zu suchen, schrieben Musik, die
im Unterschied zu früher Raum für Pathos und leidenschaftliche
Emotionen ließ. Und sie hatte Wirkung. „Affekte“ wurden diese
Gefühle genannt, für die bestimmte Motive erfunden wurden, die
sich jeweils durch ein ganzes Werk hindurch zogen und ihm die
Struktur gaben. Ich würde sogar behaupten, dass die Barockmusik
teilweise eine ähnliche Wirkung auf die Menschen erzeugte wie
im 20. Jahrhundert die Rockmusik. Nur dass der Barock, meines
Erachtens wesentlich mehr zu bieten hat! Am 18. September wird
dies geprüft – meine Kollegen und ich werden die Barockmusik
beim Beethovenfest Bonn gegen eine „echte“ Rockband verteidigen,
sozusagen als “battle royal” – trotz gewisser Parallelen in der
Struktur der Musik und der Improvisation, bin ich mir sicher dass
die Barockmusik, in all ihren Facetten, ihren Tanzimpulsen und
ihrem bahnbrechenden musikalischen Impetus gewinnen wird.
Diese Musik mag ja “alt” sein, aber in Wirklichkeit ist sie frischer,
rockiger und inspirierender denn je ...

„Kammermusik ist Musik ganz nah...“
Neulich befand ich mich auf Schloss Elmau, wo ich ein Konzert für den Bayerischen Rundfunk gab, das gleichzeitig... / 01 February 2010

Neulich befand ich mich auf Schloss Elmau, wo ich
ein Konzert für den Bayerischen Rundfunk gab, das
gleichzeitig eine Diskussionsrunde einschloss. Thema
war „Emotionen in der Musik“, aber vor allem, die
Zukunft der Kammermusik. Die Moderatorin beharrte
darauf, den Eindruck zu erwecken, dass das
Publikum für Kammermusik immer weniger wird,
und dass Konzerte immer seltener werden. Ich, der
Pianist Sebastian Knauer und Walter Levin, ehemaliger
Primarius des LaSalle Quartetts, konterten mit
Beispielen aus unserem Umfeld, wo, in Europa sowie
in Amerika, die Kammermusik unserer Meinung nach
gerade eine große Renaissance erlebt.

Um Menahem Pressler, meinen genialen Partner aus
dem Beaux Arts Trio, zu zitieren: „Kammermusik ist
eine der intimsten Sachen, die zwischen Menschen
bestehen.” Zusammen haben wir über viele Jahre
miterlebt, wie gerne Leute noch ein Quartett- oder
Trioprogramm hören, dass es sogar für viele zu einer
Art Sucht wird. Da es weniger ,Stars’ in der Kammermusik,
dafür so viele phantastische Musiker gibt,
treten ausgezeichnete Ensembles momentan überall
auf. Hinzu kommt, dass Solisten ohne das Lernen von
Kammermusik, etwas sehr Wichtiges vermissen würden.
Kammermusik repräsentiert die musikalischen
Vitamine, die wir brauchen.

Als ich gerade diese Zeilen schreibe, erreicht mich die
traurige Nachricht, dass David Soyer, der Cellist und
Mitgründer des Guarneri Quartets, im Alter von 87
Jahren gestorben ist. Somit verlieren wir noch einen
der letzten musikalischen ‚Löwen’, der die Kammermusik
geprägt hat. Soyer war nicht nur bekannt als
Cellist, sondern auch als Lehrer. Heute, wo Meisterkurse
für Kammermusik mehr und mehr gefragt
sind, müssen wir viel Energie in die Unterstützung
des Nachwuchses setzen. Und vor allem, bald wieder
einen Kammermusikabend besuchen ...

2009 4 weitere Artikel

Stargagen
Das Thema ist beileibe nicht neu. Man denke an Klaus Umbachs Report „Geldscheinsonate“ aus den neunziger Jahren, in dem das Millionenspiel mit... / 01 June 2009

Das Thema ist beileibe nicht neu. Man denke an
Klaus Umbachs Report „Geldscheinsonate“ aus den
neunziger Jahren, in dem das Millionenspiel mit der
Klassik hinlänglich beschrieben wurde. Der ganze
Musikbetrieb sei doch nur ein Riesengeschäft, alles
drehe sich einzig und allein ums große Geld. Und der
schlichte Musikfreund müsse, wenn er ins Konzert
geht, an der Abendkasse bluten.

Dass Komponisten wie Verdi und Richard Strauss
schwerreiche Männer wurden, ist ebenso bekannt wie
die Supergagen, die Paganini oder Franz Liszt kassierten.
George Gershwin nahm 100 bis 200.000
Dollar im Jahr ein und machte damit sogar den geschäftstüchtigen
Strawinsky neidisch. Großverdiener
in der Musik gab es immer, wie es umgekehrt viele
gab, die bettelarm blieben.

Aber was ist mit den Schwindel erregenden Summen,
die für manche internationalen Stars bezahlt
werden? Solange die Säle voll waren, hat niemand
groß nachgefragt: hohe Gagen wurden gefordert, bezahlt
und durch den Ticketverkauf, manchmal aufgestockt
durch einen Sponsor, wieder hereingeholt. Aber
wenn nicht alles täuscht, ändert sich das allmählich,
ausverkaufte Häuser sind keine Selbstverständlichkeit
mehr, selbst wenn große Namen auf dem Plakat
stehen. Kommt dann noch eine weltweite Finanzkrise
hinzu, haben die Veranstalter plötzlich einige Probleme.
Darin liegt allerdings auch eine Chance: dass
häufiger als bisher auch junge Künstler eine Auftrittsmöglichkeit
erhalten könnten. Hervorragende Nachwuchstalente
gibt es genug, doch allzuoft warteten
sie vergeblich auf ein Engagement, weil nur die ganz
großen Namen zählten und die Konzertmanager nur
mit ihnen das Publikum locken zu können glaubten.
Sie sind aber auch unsere Stars, von morgen.

Sandwich? Nein danke!
Neulich war ich zu einer Taufe eingeladen und einer der Gäste, der erstaunlich gut über meinen Terminkalender Bescheid wusste, stellte mir eine interessante Frage: Ob nämlich die Musik,... / 01 May 2009

Neulich war ich zu einer Taufe eingeladen und einer der
Gäste, der erstaunlich gut über meinen Terminkalender
Bescheid wusste, stellte mir eine interessante Frage: Ob
nämlich die Musik, die heute komponiert wird, eine
ähnlich hohe Lebenserwartung hat wie das gerade getaufte
Baby. Würde man sich in achtzig oder mehr Jahren,
und damit kam er auf den aktuellen Fall, noch an
das 2. Violinkonzert von Maxwell Davies erinnern, das
ich im August in Leipzig uraufgeführt hatte?

Natürlich konnte ich die Frage so wenig beantworten
wie irgendjemand sonst. Für einen so renommierten
Komponisten wie Davies stehen die Aktien
wahrscheinlich gar nicht mal schlecht, aber über viele
andere wird die Zeit wohl schnell hinweggehen.

Oft kommen neue Stücke, wenn sie denn überhaupt
in einem Konzertsaal auftauchen, nicht über eine einzige
Aufführung hinaus, werden einmal gespielt und
verschwinden dann für immer in der Versenkung –
nicht etwa, weil sie nichts taugen, sondern weil das
Publikum nicht auf Anhieb Zugang zu ihnen gefunden
hat. Denn das ist das große Problem der zeitgenössischen
Musik – dass sie nicht gut vermittelt wird.
Moderne Stücke müssen erklärt werden, vom Komponisten
oder vom Interpreten oder am besten von
beiden. Nur dann haben sie eine Chance, verstanden
zu werden und zu wirken. Sie nach der berüchtigten
Sandwich-Methode einfach zwischen zwei Klassik-
Hits zu packen und kommentarlos herunterzuspielen,
reicht in den meisten Fällen nicht aus.

Und eines darf man nicht vergessen: Vieles braucht
Zeit, bis es akzeptiert wird. Man denke nur an Dmitri
Schostakowitsch; lange wollte man nichts von ihm wissen,
heute gehört seine Musik zum Standardrepertoire.
Und wer hätte gedacht, dass die dritte Sinfonie von
Henryk Gorecki jemals ein Bestseller werden könnte.
Irgendwann tauchte eine Stelle in einem Werbespot
auf, und mit einem Schlag war Gorecki populär.

„Ein Mittel, um ewig jung zu bleiben“
Letzte Woche hatte ich die Ehre, in der Carnegie Hall in New York, zu spielen. Auf dem Weg zum Konzert ist mir ein... / 01 April 2009

Letzte Woche hatte ich die Ehre, in der Carnegie
Hall in New York, zu spielen. Auf dem Weg zum
Konzert ist mir ein alter Witz wieder eingefallen.
Ein junger Geiger läuft die Fifth Avenue entlang
und fragt einen Passanten: „Entschuldigen Sie bitte,
wie komme ich zur Carnegie Hall?“ Die Antwort
ist ernüchternd: „Üben Junge, üben.“

Wer behauptet, ohne extrem harte Arbeit eine
erfolgreiche Karriere aufgebaut zu haben, sagt
nicht die Wahrheit. Heute sitze ich in Brüssel,
nachdem ich mir den ganzen Tag als Jurymitglied
des Königin-Elisabeth-Wettbewerbs eine Auswahl
der talentiertesten jungen Geiger der Welt anhören
durfte. Gerade, wenn ich diesen hochbegabten
Stars von Morgen lausche und sehe, wie viel Fleiß,
Ehrgeiz und Disziplin in ihnen steckt, bin ich tief
beeindruckt und zuversichtlich, dass die Flamme
der klassischen Musik weiterbrennen wird.

Auf der anderen Seite ist es mir wichtig, den
Überschriften dieses Heftes, immer mal wieder
widersprechen zu können! Das Geniale daran,
Musiker zu sein, ist für mich, dass ich es nie nur
als „Arbeit“ empfinde. Dafür ist das, was wir machen,
ein viel zu großes Geschenk. Es ist eine wahre
Leidenschaft.

Pablo Casals wusste schon, was er meinte, als
er sagte: „Ein Mensch, der seine Arbeit liebt, wird
niemals alt.“ Wenn man manche Künstler beobachtet,
die sich noch im hohen Alter voll und ganz
der Musik widmen, könnte man meinen, die Musik
ist tatsächlich ein Mittel, um ewig jung zu bleiben.
Die schlüssigste Pointe lieferte dagegen Mozart:
„Ohne Musik wär’ alles nichts.“

Vor 10 Jahren starb Menuhin in Berlin
„Ich weiß nun, dass es einen Gott im Himmel gibt“, war Albert Einsteins Kommentar, als er Yehudi Menu hins Konzertdebüt... / 01 February 2009

„Ich weiß nun, dass es einen Gott im Himmel
gibt“, war Albert Einsteins Kommentar, als er Yehudi
Menu hins Konzertdebüt mit sieben Jahren erlebte.
Die Legende Menuhin in Worte zu fassen, ist schwierig.
Viele wissen, was für ein außergewöhnlicher
Musiker und tief humanistischer Mensch er war. Er
besaß aber auch eine besondere Fähigkeit, Namen zu
verwechseln bzw. zu vergessen! Vor einigen Jahren,
am Münchner Flughafen, kam ein eleganter Herr
auf uns zu und sagte „Maestro, es ist wunderbar, Sie
wieder zu sehen.“ Menuhin umarmte den Mann, und
sie redeten wärmstens über ihre Vergangenheit, ihre
Familien und einiges andere. Nachdem der Mann
ging, drehte sich Menuhin verwirrt zu mir und sagte:
„Was für ein reizender Mann ... Wie war doch gleich
sein Name?“

„Ah ... Placido Domingo“ erinnerte ich ihn.
Über so etwas konnte er sich dann schief lachen!
Aber sonst hat er sich nicht so leicht geirrt. Während
des arabisch-israelischen Konflikts rief Menuhin
einen Freund mitten in der Nacht an: „Wir müssen
sofort nach Israel fliegen und uns zwischen den zwei
Fronten platzieren – wenn wir Musik spielen, werden
sie schon aufhören, sich gegenseitig umzubringen.“
Manchen kommt diese Philosophie naiv vor – andere
verstehen, was damit gemeint war – ein echter
Schimmer Hoffnung von einem der größten Humanisten.
Menuhin glaubte, durch die Musik Krieg
und Hass verhindern zu können, Frieden zu stiften
und der jüngeren Generation einen Weg zu zeigen,
Brücken zu bauen, um einander mit Achtung zu behandeln.

Meiner Meinung nach gibt es kaum eine Persönlichkeit,
die so einmalig war und die uns so fehlt wie
jene von Yehudi Menuhin.

2008 1 weiterer Artikel

„Tu Was“
Ende Mai fand ich in einem Travel-Shop am Flughafen von Singapur zufällig ein Buch mit dem Titel „Kristallnacht – Prelude to destruction“... / 01 July 2008

Ende Mai fand ich in einem Travel-Shop am Flughafen
von Singapur zufällig ein Buch mit dem Titel
„Kristallnacht – Prelude to destruction“ („Vorspiel zur
Zerstörung“). Der Historiker Martin Gilbert schreibt
in diesem Buch über den 9. November 1938. Für ihn
war die „Kristallnacht“ der Auftakt zur systematischen
Verfolgung der Juden in Deutschland.

Das Buch hat mich erschüttert, und ich habe mich
gefragt, was ich selbst wohl in dieser Zeit getan hätte
und man heute noch tun kann? Ich rief sofort Freunde
und Kollegen an, und war über ihre unglaubliche
Solidarität zutiefst gerührt. Wir waren uns einig, dass
wir an die Vergangenheit erinnern müssen, um die
Zukunft zu verbessern.

Am 9. November dieses Jahres präsentierte ich unter
dem Titel „Tu Was“ in Berlin ein Benefizkonzert,
um an diesen schrecklichen Tag vor 70 Jahren zu erinnern.
Obwohl ich erst Mitte Juni mit der Arbeit beginnen
konnte, bekam ich von so vielen Seiten Hilfe, dass
das unmöglich Erscheinende möglich wurde. Über
Tausend Menschen erlebten in der geschichtsträchtigen
Abflughalle des vor kurzem geschlossenen Flughafens
Tempelhof Künstler wie Brandauer, Raabe,
Quasthoff, Gabetta, Pressler, Knauer, Brönner,
Grimaud, Patrice, und Polarkreis 18, die alle ohne
Gage aufgetreten sind. Der Erlös wird der Freya von
Moltke Stiftung für das Neue Kreisau gespendet, die
unermüdlich gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit
kämpft.

Kann Musik die Welt verändern? Sicher nicht.
Aber sie hat magische Kraft, berührt einen, ohne, dass
man es will, unabhängig von Sprache, Nationalität
oder Glauben. Ein Lied oder eine Melodie kann uns
in die Vergangenheit zurückführen und große Emotionen
wachrufen – das Schönste, und das Mächtigste,
wenn man bereit ist, seine Ohren zu öffnen!